E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Mörderischer Osten
Blume Das Geheimnis von Leuna
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95958-722-8
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Saale-Krimi
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Mörderischer Osten
ISBN: 978-3-95958-722-8
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Blume, geboren 1940, beschäftigt sich seit 1964 journalistisch mit Korruption und Doping. Er war für Die Welt, FAZ und Sport BILD tätig, seine Artikel erschienen auch in der SZ, ZEIT, NZZ, im Spiegel und im Stern. Für seine 35-jährige Berichterstattung über die Tour de France wurde er mit der Ehrenmedaille der ASO ausgezeichnet. Seit 1977 ist er zudem für den ARD-Hörfunk tätig. Das Geheimnis von Leuna ist sein erster Kriminalroman.
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Prolog
Kolja war tot. Das stand zwar nicht in der Zeitung, doch alle, die mit ihm zu tun gehabt hatten, wussten es. Auch der Ort seines Begräbnisses war allen bekannt, denen Kolja dreißig Jahre lang den Weg geebnet und gesichert hatte. Als er noch unantastbar schien, damals als General in Ostberlin. Nicht in seinem eigenen Ministerium, nicht einmal im Politbüro. Kolja, angreifbar? Ja, wie denn? Kolja hatte es zwar in der DDR bis zum Geheimdienstgeneral gebracht, doch für einen Pass des ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates hatte es nie gereicht. Kolja war, nach seiner Rückkehr 1946 aus Moskau, stets sowjetischer Staatsbürger geblieben – ein Russe, inmitten des ostdeutschen SED-Politbüros.
Und seine Vertrauten? Auf sie konnte er sich sogar noch über den Tod hinaus verlassen. Hatten sie ihm doch ihr Leben zu verdanken. Wie selbstverständlich brach deshalb auch der Apotheker Maurice Hirschinger aus seinem sonnigen französischen Exil ins neblige märkische Altwriezen auf, einem Kaff im kaum noch bewohnten Oderbruch. Irgendwo im pommerschen Niemandsland. Dorthin hatte sich Generaloberst Nikolai »Kolja« Sylbern zu DDR-Zeiten stets dann zurückgezogen, wenn er einmal nicht der Genosse General, sondern einfach nur »Kolja« sein wollte. Auf seinen kleinen Bauernhof, hinter dem stets verschlossenen schmucklosen Tor; kaum erkennbar, obwohl an der Hauptstraße gelegen. Nur einen Steinwurf von der gegenüberliegenden Kirche entfernt. Über sie und ihren Pastor, über die schlitzohrige Haushälterin und den hüftsteifen Küster, über die asthmatische Buchhalterin und den beinamputierten Organisten hatte der überzeugte Atheist Kolja Sylbern stets seine schützende Hand gehalten. Ohne dass es auffiel, wie er jahrzehntelang gehofft hatte.
Dort drüben, gegenüber seinem Bauernhof, wollte Kolja einmal begraben werden, zwischen der Sakristei und dem modrigen Oderufer. So hatte er es dem Pastor anvertraut. Es sollte ein Begräbnis werden ohne die Genossen vom Politbüro, vor allem aber ohne jene aus dem Ministerium für Staatssicherheit. Stattdessen hatte sich Kolja eine Beerdigung inmitten jener »Familie« gewünscht, zu der er zwar keine verwandtschaftlichen Bindungen besaß, zu der aber jene Wissenschaftler gehörten, die er mitsamt ihren vertraulichen Projekten vor seinem eigenen Geheimdienst beschützt hatte. Jahrzehntelang. Und deren blitzschnelles spurloses Abtauchen, gleich in den ersten Tagen nach dem Mauerfall 1989, er umsichtig geplant hatte. Ebenfalls jahrzehntelang. Denen er aber selbst nie nach China oder ins westliche Ausland gefolgt war.
Jetzt war Kolja tot, und nur er hatte gewusst, wer weshalb und mit wem wohin verschwunden war. Was derjenige dort, wo er nun lebte, tat und warum; wie er jetzt hieß, wie er lebte und ob er überhaupt noch am Leben war. Und falls nicht, ob er eines natürlichen Todes gestorben oder ob es ein sogenannter berufsmäßiger Abgang gewesen war.
Maurice Hirschinger überlegte: Kolja, angeblich schon in den 1940er Jahren sowjetischer, aber zu keiner Zeit DDR-Bürger, war nach dem Mauerfall offenbar zwischen seiner russischen Wahlheimat, einem Kloster in Nischni Nowgorod, und seinem Resthof im Oderbruch hin- und hergependelt. Hatte mal hier, mal dort gelebt. Das mussten all jene geduldet haben, die nun das Sagen hatten. Ob in Moskau oder in Berlin. Sonst wäre das gar nicht möglich gewesen. Vielleicht hatten ihn die neuen Herren sogar hofiert? Alle diese Kriegsgewinnler, wie Kolja sie nannte.
Warum sollte Hirschinger diesen Mann also nicht zu Grabe tragen? Oder jedenfalls zugegen sein, wenn es andere taten. Doch wie sollte er sich auf dieser Stippvisite in die eigene Vergangenheit verhalten? Auf keinen Fall auffallen, sich aber dennoch umschauen; sich merken, welcher der alten Genossen sonst noch in Altwriezen auftauchte. Wer aus den weltumspannenden Pharmakonzernen sich aus seiner sicheren Deckung wagen würde. Wer aus dem südamerikanischen Exil. Wer käme aus seinem Pekinger Labor herbeigeflogen? Oder wer tauchte gar von den sieben Bergen im abgeschotteten Nordkorea im Oderbruch auf?
Hirschinger war mit dem Zug in den Oderbruch gekommen. Nicht einmal einen Leihwagen hatte er sich in Berlin genommen. Nur keine Spuren hinterlassen. Aber vielleicht machte er sich auch unnötige Sorgen, versuchte er sich zu beruhigen. Denn wer sollte ihn schon wiedererkennen? Vor allem auf den ersten Blick? Schon 1989 hatte er sich in den USA ein völlig anderes Gesicht verpassen lassen. Bei einem erstklassigen plastischen Chirurgen. Er habe jetzt ein sehr französisches Aussehen, hatte dieser Amerikaner behauptet. Hirschinger hatte sich deshalb auch eine andere Gestik antrainiert, andere Manieren zugelegt. Sie waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. So als seien es seine eigenen. Trotzdem kamen ihm Zweifel. Reichte das auch, um die früheren MfS-Spezialisten zu täuschen? Sie alle waren schließlich Profis.
Sicher, Gestik, Mimik, Sprachrhythmus – das alles hatte er verändert, das alles war ihm in all den Jahren zur zweiten Natur geworden, doch irgendetwas würde von früher noch übrig geblieben sein. Irgendeine Winzigkeit, die ausreichen könnte, ihn zu enttarnen.
So wie Hirschinger dachten wohl an die hundertfünfzig Trauergäste, die sich zwischen bemoosten Grabsteinen, wuchtigen Ulmen und ausladenden Trauerweiden um Koljas letzte Ruhestätte scharten.
Was Hirschinger ganz und gar irritierte. Er hatte allenfalls eine Handvoll Getreue erwartet, nicht aber diesen Massenauflauf. Doch nun steckte er mittendrin, und da hieß es, die Augen offen halten. Dort, rechts neben dem stählernen Engel am Hauptweg, war das nicht Petzold, genannt das »Riesenarschloch«? Genosse Nationalpreisträger Professor Dr. Dr. Josef-Hermann Petzold? Das Gesicht schien unverändert, nur eben um fünfundzwanzig Jahre gealtert. Aber warum trat er im Habitus eines gottesfürchtigen Juden auf? Ekelhaft, dieser Zynismus, dachte Hirschinger. Hattest du Schwein dein mörderisches Handwerk nicht einst bei den Nazis gelernt? Von der Pike auf, wie du ungeniert vor uns geprahlt hast. Um im ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat medizinische Versuche an ahnungslosen Patienten durchzuführen. Du warst der Skrupelloseste von uns. Ob deine Sponsoren aus der Schweiz oder den USA jemals danach gefragt haben? Dich oder Kolja?
»Es ist Petzold. Er heißt jetzt Moishe Mejir und forscht für den Staat Israel. In Jerusalem hochdekoriert. Und wer alimentiert dich, Moritz?«
Hirschinger drehte sich erschrocken um und blickte in ein blasses pickliges Gesicht, das den DDR-Weinbrand Wilthener Goldkrone ausdünstete.
»Ich«, stammelte Hirschinger, »ich verdiene meinen Unterhalt mit meiner Apotheke in …« Doch da war der Mann mit der Weinbrand-Fahne schon weitergeflogen. Hirschingers Augen suchten ihn, doch sie blieben nur an einem braunen Setter hängen. Der Hund trottete mit gesenktem Kopf auf ihn zu und rieb seine Schnauze an seinem rechten Hosenbein. Das kann aber jetzt wirklich nur ein Zufall sein, schoss es Hirschinger durch den Kopf. Denn dieser Hund erinnerte ihn an seinen Setter Ajax vor dreißig Jahren. Damals, als er offiziell und hochangesehen – für die Leopoldina in Halle forschte und Fachaufsätze in aller Welt veröffentlichte; inoffiziell aber, in Koljas Auftrag, mit seinen Forschungen in den damaligen Leuna-Werken vergeblich versucht hatte, die natürlichen, die angeborenen Leistungsgrenzen des Menschen zu überschreiten. »Der sozialistische Mensch muss allen anderen überlegen sein, das gilt es zu beweisen, Moritz«, hatte Kolja gefordert. Jahraus, jahrein verlangte er Hirschinger dieses aberwitzige Glaubensbekenntnis ab. Dabei wusste doch gerade Hirschinger, der Biochemiker und Krebsforscher, dass die Erfüllung dieser Forderung unmöglich war. Warum sollte gerade er die Quadratur des Kreises beweisen? Er tätschelte dem braunen Setter den Kopf, kraulte ihn – gedankenverloren – hinter dem linken Ohr. So wie er es vor dreißig Jahren bei Ajax getan hatte.
Was war Wirklichkeit, was Inszenierung? Standen an diesem verschlammten Teich – genau ihm gegenüber – nicht zwei vornehme ältere Herren, die so gar nicht auf diesen verwahrlosten Friedhof zu passen schienen? Na klar, erinnerte er sich, sie waren es: der Schweizer Pierre d’Abergues und der Berliner Professor Leopold Habermann. Er hatte sie nicht nur einmal im Hugenotten bewirtet, in Halles »französischem« Haus. Es ging schließlich um Forschungsaufträge für Leuna, dafür musste er immer mal wieder besonders tief in die volkseigene Tasche greifen. Sollte er hinübergehen und beiden deren eigenen Leitsatz zuflüstern: »Der Tugendhafte begnügt sich, von dem zu träumen, was der Böse im Leben verwirklicht.«
»Lass das lieber bleiben, sie erkennen dich sowieso nicht«, hauchte ihn die blubbernde Weinbrand-Stimme von eben an.
An wen nur erinnerte ihn dieser gutturale Bariton?
»Simon?« Hirschingers Gehirn ratterte im Akkord.
»Du hast mich an Ajax erkannt, nicht wahr?« Das käsige Gesicht verrutschte zu einem schiefen Grinsen.
»Wie denn?« Hirschinger schüttelte den Kopf. »Der lebt doch schon lange nicht mehr.«
Doch die Weinbrand-Stimme war schon wieder weitergeflogen. Nur Ajax rieb immer noch den Kopf an seinem rechten Knie.
Woran hatte ihn die Weinbrand-Stimme erkannt? Wieso hatte er ihn mit seinem deutschen Vornamen angeredet, ihn, Docteur Maurice Hirschinger aus dem südfranzösischen Albi? Hirschinger geriet in Panik. Gehörte...




