E-Book, Deutsch, Band 6, 251 Seiten
Blume Neurotheologie
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8288-5634-9
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Hirnforscher erkunden den Glauben
E-Book, Deutsch, Band 6, 251 Seiten
Reihe: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag
ISBN: 978-3-8288-5634-9
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Seit einigen Jahren holen Hirnforscher auch religiöse Tätigkeiten unter die Scanner: Sie beobachten, was bei Gebet, Meditation und Schriftlesung in menschlichen Gehirnen geschieht. Entstehen religiöse Erfahrungen aus Fehlfunktionen? Oder werden reale Wahrnehmungen verarbeitet? Können unsere Gehirne Gott erkennen? Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume führt in die Beobachtungen und Thesen der 'Neurotheologen' ein und zeigt, was sich jetzt schon gesichert aussagen lässt.
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2 Andrew Newberg. Ein neurotheologischer Entwurf
„Warum Menschen Götter haben, beschäftigte bislang vor allem Kulturforscher. Nun haben Medizinier den Ursprung der Religion im menschlichen Gehirn lokalisiert. […] Kommen wir mit dieser Erkenntnis Gott ein Stückchen näher?“ – Klappentext zu „Der gedachte Gott“ von Andrew Newberg, 2002
Der Neurobiologe Andrew Newberg entwickelte sein Interesse an der Erforschung der Religion und seine neuro- und evolutionsbiologische Religionstheorie in langjähriger Zusammenarbeit mit dem Psychologen Eugene d’Aquilli, der jedoch 1999 verstarb. Inzwischen wirkt Newberg an der Universität Pennsylvania auch als Dozent für Religionswissenschaften. Sein Buch „Why God Won’t Go Away. Brain Science and the Biology of Belief“ erschien 2001, wurde ein großer Verkaufserfolg und noch im gleichen Jahr unter dem Titel „Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht.“ ins Deutsche übersetzt.
Interessanterweise wird sein Buch außerhalb der Neurobiologie sehr stark nachgefragt, hat jedoch innerhalb seiner Zunft vergleichsweise wenig Resonanz gefunden. Die Gründe für diese Zurückhaltung finden sich in fachwissenschaftlichen Rezensionen und Anmerkungen – und es sind genau jene Gründe, die Newbergs Buch für diese Arbeit so interessant machen.
1. Newbergs Buch enthalte eine Synthese neuro- und evolutionsbiologischer Annahmen, die jedoch je für sich weder besonders neu noch umstritten wären und in gewissem Sinne „banal“ zu nennen seien.
2. Newbergs Buch sei erkennbar unter Hinzuziehung eines Wissenschaftsjournalisten, Vince Rause, geschrieben, wende sich an biologische Laien und meide Vertiefungen wie auch ganze Sachbereiche (z.B. die Neuroplastizität).
3. Auch zum Thema der für Newbergs Theorie zentralen Meditationserfahrungen gebe es bereits sehr viel umfangreichere und differenziertere Werke wie beispielsweise „Zen and the Brain“ von James H. Austin (1998), auf die sich Newberg bereits beziehe.
4. Unter Hinzuziehung letztlich philosophischer Prämissen münde Newbergs Buch schließlich in ein Plädoyer für die wissenschaftlich nicht beweisbare Realität des ,Absoluten Einsseins‘ als Quelle und Ziel aller Religionen. Damit verlasse Newberg den wissenschaftlich-methodologischen Agnostizismus und verkünde selbst Religion.
Für die Zwecke dieser Arbeit erweisen sich die genannten Punkte freilich geradezu als ideal:
1. Dass Newbergs Theorie in Jahren gereift ist und letztlich ,nur‘ auf Theoremen aufbaut, die innerhalb der Neuro- und Evolutionsbiologie im aktuellen Konsens als weitgehend gesichert gelten dürfen, macht sein Buch zur Entwicklung eines tragfähigen Analyseansatzes geradezu ideal.
2. Wenn Newberg auch bestimmte Meditationserfahrungen zur zuletzt gar ontologischen Basis seiner Religionstheorie macht, so beschränkt er sich jedoch nicht auf sie, sondern präsentiert darüber hinaus Thesen zu Mythen und Ritualen. Indem Newberg seine Kompetenz als Neurobiologe nutzt, um eine Vielzahl auch zeitgenössischer Kollegen (Austin, Damasio u.a) zu rezipieren und in seine Theorie zu integrieren versucht, steigert er den Anspruch seiner Ausarbeitung.
3. Dass Newberg auf der Basis seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse schließlich eine religiöse Weltdeutung entwickelt und dass er diese ,Überschreitung‘ des wissenschaftlichen Rahmens wiederum selbst reflektiert, macht sein Buch für die religionswissenschaftliche Analyse sogar besonders interessant, hat doch gerade die Religionswissenschaft (in der selbst stets auch religionsphilosophische Annahmen mitschwingen) oft und auch im eigenen Feld mit den ,Grenzstreitigkeiten‘ zwischen wissenschaftlicher Theoriebildung und religiöser Deutung zu tun.
In den folgenden 7 Unterkapiteln werden daher argumentative Grundthemen aus Newbergs „Der gedachte Gott“ möglichst präzise ,seziert‘ und dargestellt, im folgenden Hauptkapitel 3 dann diskutiert.
2.1 Neurobiologie und Realitätswahrnehmung (Ontogenese)
„Mit anderen Worten, mystische Erfahrung ist biologisch real und naturwissenschaftlich wahrnehmbar.“ – Newberg 2001, S. 17 (Einführungskapitel)
Auch der Naturwissenschaftler ist auf erkenntnistheoretische Grundannahmen angewiesen. Newberg bezieht hierzu Position, indem er argumentiert, dass ,Geist‘ (im Original: mind) im Sinne eines eigenen Bewusstseins und einer Wahrnehmung der Umwelt ausschließlich auf den neurobiologischen Funktionen des Gehirns beruhe.71 Ausnahmslos alle menschliche Erfahrung sei daher Ergebnis einer neurobiologischen Konstruktion. Einen cartesianischen Leib-Seele-Dualismus lehnt Newberg ab. Dabei argumentiert Newberg an dieser Stelle pragmatisch: Die Existenz einer Seele könne er zwar nicht ausschließen, ohne Gehirn erweise sie sich aber „als kaum von kognitiver Bedeutung für uns“72.
Andererseits legt Newberg Wert auf die Feststellung, dass sich seine Position auch vom Standpunkt der Materialisten durchaus unterscheide.73 Denn da wiederum die neurobiologisch-materielle Basis des Gehirns beständig von Erfahrungen geprägt und verändert werde, entstünde ein „komplexer und rätselhafter“ Wechselbezug: „Der Geist spiegelt, wie das Gehirn sein eigenes Funktionieren erlebt, und das Gehirn liefert die Struktur für den Geist.“74 Zwar nicht als ontologische Seins-, wohl aber als wissenschaftliche Beschreibungskategorie lässt Newberg den Leib-Seele-Dualismus zu.
Einen naturalistisch-monistischen Erkenntnisanspruch verkündet Newberg auch für religiöse Erfahrungen, denn auch falls er existiere: „Gott findet nur einen Weg in Ihren Kopf, nämlich durch die Nervenbahnen des Gehirns.“75 (Heraushebung im Original) Und – existiert er?
Genau damit macht Newberg es sich nicht so leicht, sondern verweist auf die „Grundprinzipien des Faches“ der Neurobiologie:
„Was wir als Realität ansehen, ist nur eine vom Gehirn erzeugte Darstellung der Realität. […]
Nichts gelangt als komplettes Ganzes in das Bewusstsein. Es gibt keine direkte, objektive Erfahrung der Realität. Alles, was der Geist wahrnimmt – sämtliche Gedanken, Gefühle, Ahnungen, Erinnerungen, Erkenntnisse, Bedürfnisse und Offenbarungen – wurde von den Verarbeitungskräften des Gehirns aus den umherwirbelnden Nervenimpulsen, Sinneseindrücken und wirren Wahrnehmungen, die in seinen Strukturen und Nervenbahnen auftreten, Stück für Stück zusammengesetzt.“76
Daraus aber lasse sich dann eben nicht schließen, dass ,spirituelle Erfahrung‘ gegenüber anderen Erfahrungen abzuwerten sei. Im Gegenteil – sie stünden neurobiologisch zunächst auf einer Stufe.
„In diesem Sinne erscheinen sowohl spirituelle Erfahrungen als auch Erfahrungen alltäglicherer Art dem Geist in ein und derselben Weise – durch die Verarbeitungskräfte des Gehirns und die kognitiven Funktionen des Geistes.“77
Deswegen verwahrt sich Newberg gegen einen schnellen Reduktionismus, der religiöser Erfahrung den „Aspekt der Wirklichkeit absprechen“ wolle.78 Er verdeutlicht dies am Beispiel der computertomographischen Analyse eines Probanden, der einen Apfelkuchen verspeist: auch in diesem Fall würden die SPECT-Bilder Aktivitäten zahlreicher Gehirnregionen aufzeichnen, ohne dass deswegen anzunehmen sei, der Apfelkuchen sei „nicht real“.79 Das gleiche gelte für ein Musikstück, dessen neurobiologische Prozesse wie auch körperliche und emotionale Wirkungen sogar dann intersubjektiv beobachtbar seien, wenn es nur erinnert werde.80
„Wer spirituelle Erfahrungen als >bloße< neurologische Aktivität abtun wollte, müsste auch all den Wahrnehmungen der materiellen Welt durch das eigene Gehirn misstrauen. Wenn wir aber unseren Wahrnehmungen der dinglichen Welt trauen, haben wir keinen triftigen Grund, spirituelle Erfahrung zu einer Fiktion zu erklären, die >nur< im Kopf existiert.“81 (Hervorhebungen im Original)
Dabei gehe es hier keinesfalls nur um eine bestimmte Sonderform religiöser Erfahrung, vielmehr liege hier, so Newberg, die Wurzel „aller Weltreligionen“82.
„Alle großen Religionsschriften stellen dasselbe fest: Die Grundwahrheit ist dem Menschen durch eine mystische Begegnung mit einer höheren spirituellen Wirklichkeit offenbart worden; die Mystik ist mit anderen Worten die Quelle der wesentlichen Weisheit und Wahrheit, auf die sich alle Religionen gründen.“83
Realität als Gefühl
Zur Prüfung von Realitätswahrnehmungen bestünde demnach keine objektive, empirische Methode – vielmehr müsse auch die Wissenschaft, so Newberg
„auf das subjektivere Verfahren der Philosophen zurückgreifen. Nach jahrhundertelangem Suchen und Forschen sind die Philosophen zu der Aussage gelangt, dass die wahre Realität ein unverkennbares Merkmal besitzt. Die Stoiker bezeichneten diese Eigenschaft als phantasia catalyptica; einige moderne deutsche Denker sprechen von Anwesenheit; und die Phänomenologen bezeichnen sie als Intentionalität.
All diese Begriffe bedeuten, dass sich das, was real ist, einfach realer anfühlt als das, was nicht real ist. Dies mag als unbefriedigend weicher Standard erscheinen, doch es ist die beste Orientierungshilfe, die die führenden Köpfe vorzulegen vermochten. In den meisten Fällen funktioniert diese Richtschnur ganz gut, und alle anderen Herangehensweisen an dieses Problem lassen sich letztlich auf diesen Ansatz reduzieren.“84 (Heraushebungen im Original)
Auch hier verweist Newberg zu einer genaueren, neurobiologischen Feststellung des Begriffs vom...




