Boff | Tugenden für eine bessere Welt | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Boff Tugenden für eine bessere Welt


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7666-4108-3
Verlag: Butzon & Bercker
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7666-4108-3
Verlag: Butzon & Bercker
Format: EPUB
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Eine bessere Welt ist möglich - das ist die tiefe Überzeugung von Leonardo Boff, die er mit einer immer stärker werdenden weltweiten Bewegung teilt. "Es sind Werte, die die Menschen bewegen. Es sind Tugenden, die unser Handeln auf das Leben der Menschen und der Erde, unseres gemeinsamen Hauses, hin ausrichten. Für die Menschheit beginnt die Ära eines Weltethos, das sich in ganz neuen Tugenden verwirklicht: Gastfreundschaft, Zusammenleben, Respekt, Toleranz, Tischgemeinschaft und ein Leben in Frieden. Es wird auf der Welt keinen Frieden geben, solange es leere Mägen und einen Mangel an Solidarität und Mitleid mit den Allerbedürftigsten gibt" (Leonardo Boff)

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Erster Teil
Gastfreundschaft: Recht und Pflicht aller


I. Die planetarische Phase der Erde und der Menschheit


Wir treten gerade in eine neue Phase des Evolutionsprozesses der Erde und der Menschheit ein, in die planetarische Phase. Die auf die Kontinente zerstreuten und auf ihre jeweiligen Nationalstaaten begrenzten Völker beginnen sich nun innerhalb des Gemeinsamen Hauses, des Planeten Erde, zu bewegen.

Es wächst das Bewusstsein, dass wir nur diesen einen, kleinen und mit begrenzten Ressourcen ausgestatteten Planeten haben, auf dem wir leben können. Wir müssen ihn mit Sorgfalt behandeln, damit er alle Menschen, die gesamte Kette des Lebens und aller Lebewesen beherbergen kann. Wir möchten, dass er noch einer langen Geschichte entgegensieht.

Wir entdecken auch etwas, was uns zutiefst bewegen kann: die Perspektive der Astronauten von ihrem Raumschiff aus. Aus dieser Perspektive ist es nicht mehr möglich, Erde und Menschheit, Erde und Biosphäre zu unterscheiden. Sie bilden eine einzige, große und komplexe Wirklichkeit. Wir haben denselben Ursprung und dasselbe Schicksal. Deshalb begreifen wir uns als ein einziges Subjekt angesichts der Zukunft.

Dieses Faktum führt nach und nach zu einem neuen Bewusstsein. Vom ethnisch und durch soziale Klassen bestimmten Bewusstsein gelangen wir zum Bewusstsein der Gattung homo sapiens et demens. Wir entdecken uns selbst als Mitglieder der großen Menschheitsfamilie und der Gemeinschaft des Lebens, Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen anderer Vertreter der immensen Vielfalt des Lebens: von Pflanzen und Tieren, aus denen die Biosphäre besteht – jene feine Schicht, die die Erde umhüllt und das System Leben bildet. Sie ist nur der am deutlichsten sichtbare Teil des Planeten Erde selbst, der als lebendiger Großorganismus verstanden werden muss, als Große Mutter, Pachamama und Gaia.

Von diesem neuen Moment unserer gemeinsamen Geschichte fühlen sich alle berührt. Wir alle beginnen uns zu fragen: Worin besteht die Rolle einer jeden einzelnen menschlichen Person, der Kulturen, der Nationen und Religionen? Konkret gesprochen: Werden unsere Traditionen, unsere regionalen Kulturen, unsere Überzeugungen, unsere Künste und unsere Religionen, mit einem Wort: all das, was unsere Identität ausmacht, noch in irgendeiner Weise zählen? In welcher Weise müssen wir uns verändern, um auf der Höhe der Zeit zu sein und mit dieser neuen Phase mithalten zu können, die jetzt heraufkommt? Was müssen wir sein?

Der immer schneller werdende Prozess der Globalisierung kann eine dramatische Weichenstellung für die Menschheit bedeuten. Er kann die Gelegenheit für eine Begegnung aller mit allen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen schaffen. Dabei handelt es sich um die erfreuliche Erfahrung der Entdeckung von Unterschieden, die uns neue Formen der Teilhabe und des Zusammenlebens ermöglichen.

Auf der anderen Seite kann diese Globalisierung zu einer Erfahrung der Fremdheit führen, die Misstrauen, Ressentiment, ja sogar Angst vor dem Anderen weckt. Und das Näher-Zusammenrücken kann alten Hass, Spannungen, Verbitterungen und Vorurteile, die sich über die Jahrhunderte angesammelt haben, zwischen Regionen und Völkern neu entflammen.

Jetzt ist die Gastfreundschaft, die gegenseitige Annahme, die großzügige Offenheit als Voraussetzung für die Beseitigung von Verurteilungen und Vorurteilen dringlicher denn je. Nur auf diese Weise können wir die Andersheit als Andersheit und nicht als Ungleichheit und Unterlegenheit bzw. als bloße Verlängerung dessen, was uns selbst eignet, begreifen. Und dann bedarf es des Willens, im selben Gemeinsamen Haus zusammenleben zu wollen. Wir haben keine Alternative. Wir bedürfen auch der Toleranz, ohne die sich das Freund-Feind-Schema, die Logik des Krieges und der Ausgrenzung fortsetzen. Am Ende steht die Tischgemeinschaft als letzter Sinn der Globalisierung, wenn wir alle, endlich vereint, am selben Tisch Platz nehmen, um miteinander zu essen und die Großzügigkeit der Gaben der Natur zu feiern. Es gibt also vier Tugenden einer wohlverstandenen Globalisierung: Gastfreundschaft, Zusammenleben, Toleranz und Tischgemeinschaft. Diesen werden wir uns im Folgenden widmen.

Dieser ganze Prozess, in dem es unvermeidlich ein Auf und Ab, Erfolg und Irrtum gibt, wird die Grundlage der Übereinstimmungen festigen und erweitern und so eine gemeinsame Basis schaffen. Diese bietet die Bedingungen für ein neues kollektives Bewusstsein und eine neue Erdenbürgerschaft. Daraus erwächst eine gemeinsame Identität, die Identität der Gattung Mensch. Die nationalen und regionalen Identitäten der Vergangenheit, die so viele Spannungen und Konflikte hervorgebracht haben, werden weiter bestehen, aber sie werden nicht für sich die Zukunft bestimmen. Die Zukunft wird von allen und aus den gemeinsamen Elementen geschaffen, die man entdecken und sich aneignen wird.

Wir werden als Erdenbürger neu entstehen: unterschiedlich, aber alle zusammen in der einen gemeinsamen Menschheit verankert. Wie niemals zuvor wird dieser alte und grundlegende Gedanke der humanitas zentrale Bedeutung als der gemeinsame Wert, auf den man sich bezieht, gewinnen. Von nun an werden wir als Gäste und Tischgenossen auf der Erde, unserem gemeinsamen Vater- und Mutterland, zusammenleben.

Um diesen komplexen Prozess mit all seinen Übergängen, die er voraussetzt, zu verstehen, müssen wir zwei Grundhaltungen innerhalb der Globalisierung in den Blick nehmen und beurteilen: eine, die sich an der Vergangenheit orientiert, und eine, die sich der Zukunft zuwendet. Sie stellen zwei unterschiedliche Paradigmen dar. Jedes von ihnen gestaltet den Prozess der Globalisierung je auf seine Weise und bringt eine je andere Zukunft hervor.

1. Der Blick zurück: das Paradigma des Feindes und der Konfrontation

Um angesichts der neu entstehenden Wirklichkeiten Orientierung zu finden, richtet ein großer Teil der Gesellschaften und Personen den Blick zurück auf die Vergangenheit ihres Volkes. Um ihre Identität neu zu definieren, nehmen sie Zuflucht bei den Traditionen, der Sprache, den Religionen, den Sitten, den Ruhmestaten ihrer Kultur, den Nationalhelden, den typischen Werten und Festen, den literarischen und aus Stein und Metall bestehenden Denkmälern, den die Zeiten überdauernden Institutionen und den Ökosystemen in ihrer Einmaligkeit und Schönheit. Gleichzeitig beziehen sie sich auf ihnen nahestehende Völker und Kulturen, deren Schicksal sie teilen, und andere, denen gegenüber sie ein spannungsreiches, ja sogar feindliches Verhältnis haben.

Wenn man sich der eigenen Identität mit Hilfe der Vergangenheit vergewissert, dann betont man den Unterschied zu anderen Identitäten. Freund und Feind sind hier klar definiert. Einer der modernen politischen Philosophen, Carl Schmitt (1888 – 1985), analysierte diesen Prozess in seiner berühmten Arbeit Der Begriff des Politischen:

„Solange ein Volk in der Sphäre des Politischen existiert, muss es . . . die Unterscheidung von Freund und Feind . . . bestimmen. Darin liegt das Wesen seiner politischen Existenz.“ (Schmitt 1933, 32)

Wer ist ein Feind?

„Der Feind ist in einem besonders intensiven Sinne existentiell ein Anderer und Fremder, mit dem im extremem Fall existentielle Konflikte möglich sind. . . . Den extremen Konfliktsfall können daher nur die Beteiligten selbst unter sich ausmachen; insbesondere kann jeder von ihnen nur selbst entscheiden, ob das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden Konfliktsfall die Negation der eigenen Art Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder bekämpft werden muss, um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu retten. In der psychologischen Wirklichkeit wird der Feind leicht als böse und hässlich behandelt . . .“ (Schmitt 1933, 8).

Ein anderer bekannter zeitgenössischer politischer Philosoph, der sich dem Thema der Globalisierung widmet, Samuel P. Huntington, behauptet in seinem Buch Der Kampf der Kulturen Ähnliches: „Für Menschen, die ihre Identität suchen und ihre Ethnizität neu erfinden, sind Feinde unabdingbar . . . Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ (Huntington, 1996, 19 und 21).

Diese Sichtweise ist, wie man unschwer erkennen kann, mit Risiken behaftet. Sie orientiert sich nämlich am Paradigma des Feindes und an der Bereitschaft zum Konflikt bis hin zum Krieg. Die Zeit nach dem Kalten Krieg ist tatsächlich durch viele Kriege in den verschiedenen Teilen der Welt geprägt. Sie gingen von Gruppierungen aus, die ihre jeweilige Identität verteidigen wollten – entweder, weil sie diese von traditionellen Feinden oder vom herrschenden gleichmacherischen Globalisierungsprozess bedroht sahen. Dieser ist durch eine Verwestlichung der Welt, die viele als Vergiftung durch den Westen anprangern, durch Vereinheitlichung der Wirtschaftsräume und durch das Monopol eines einzigen politischen Denkens geprägt, welches die Hegemonie des Westens zum Ausdruck bringt. Zeitgleich zum Prozess der Globalisierung muss man bedauernswerterweise einen Prozess der Balkanisierung und der Fragmentierung des sozialen Zusammenhaltes der Menschheit feststellen.

Wir müssen ernsthaft bedenken: Wie können wir die anderen als Feinde betrachten, gegen die man Krieg führen muss, wenn wir nun gezwungen sind, auf dem kleinen Raum, den unser Planet darstellt, zusammenzuleben? Für wie realistisch dieses Freund-Feind-Schema sich auch immer selbst darstellen mag: Wir müssen uns seiner entledigen, wenn wir den einzigen Lebensraum miteinander teilen wollen, denn wir haben keinen anderen Ort als unser Gemeinsames Haus, die Erde. Das Freund-Feind-Denken ist das...



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