Bohl | Nichtmillionenstadt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten, Format (B × H): 190 mm x 125 mm

Bohl Nichtmillionenstadt


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95542-434-3
Verlag: Societäts-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 336 Seiten, Format (B × H): 190 mm x 125 mm

ISBN: 978-3-95542-434-3
Verlag: Societäts-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Marius ist kein gewöhnlicher Teenager. Verliebt in das Leben, dennoch interessiert am Tod und der Frage, wie er Unsterblichkeit erlangen kann. Keine so leichte Fragestellung für einen Pubertierenden in der Nichtmillionenstadt Frankfurt, den darüber hinaus gerade die erste Liebe mitreißt. Ein Glück, dass er mit seiner Mom eine ausgezeichnete Gesprächspartnerin an der Seite hat, die ihm immer ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Doch während Marius schon für das nächste Jahrtausend plant, holt ihn das reale Leben ein. Er muss erkennen, dass Leben und Tod nicht nur ein gedankliches Experiment sind, sondern von einer auf die andere Sekunde tauschen können. Und dass es auch in der besten Familie Geheimnisse gibt, die seine Welt von Grund auf erschüttern.

Michael Bohl, Jahrgang 1963, lebt in Frankfurt. Im Mittelpunkt seiner beruflichen Laufbahn stand 25 Jahre die Arbeit bei der AIDS-Hilfe Frankfurt, u. a. als Beratungsstellenleiter. Danach wechselte er als Sozialarbeiter in die ambulante Erziehungshilfe. Als Systemischer Therapeut/Familientherapeut arbeitet er zudem seit Anfang des Jahrtausends in einer eigenen Praxis in Mainz. 'Nichtmillionenstadt' ist sein erster Roman und nicht unbeeinflusst von den vielfältigen Erfahrungen des Autors in der Arbeit mit Familien, Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern.
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2 | Familie


Mom ist meine Mutter, aber es wirkt nicht besonders locker, von seiner ›Mutter‹ zu sprechen. Ganz schlimm ist ›Mama‹. Keiner erwähnt im achten Schuljahr seine Mama. Das muss einem auch niemand beibringen. Damit klingst du nach Vorschule, und das steht dir schlecht, wenn du den Rest gerade davon überzeugen willst, dass du der gelassenste Teenager bist, den die Welt seit langem gesehen hat. Erst recht, wenn du ein Junge bist. Einem Mädchen würde man die Mama, allerdings unter Punkte abzug, noch durchgehen lassen, aber Jungs stehen unter absolutem Mamaverbot. Dafür komme ich mit ›Mom‹ ganz gut über die Runden. Einsilbig ist immer besser für die Gelassenheit. Im Übrigen geht Mutter auch deshalb nicht, weil das irgendwie total gebärfreudig klingt. Was schon rein statistisch nicht stimmt. Denn hier in Deutschland bekommen die Frauen zu wenige Kinder. Das haben sie uns sogar schon ganz offiziell im Unterricht erklärt. Wenn ich mich recht erinnere in Sozialkunde, in Religion und sogar in Mathe. Irgendeine Textaufgabe war das wohl. Da bekam die aktuelle deutsche Mutter im Schnitt 1,45 Kinder. Kein Wunder, dass mir Mathe nicht liegt. Wie soll ich mir 1,45 Kinder vorstellen? Meine Mom jedenfalls hat nur 1,0 Kind, und das bin ich.

Mein Name ist Marius, und damit kann ich ganz gut leben. Marius könnte auf den römischen Kriegsgott Mars zurückzuführen sein, was nicht so übel ist, obwohl ich natürlich gegen Krieg bin. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass sich aus dem Lateinischen die Bedeutung von männlich sowie auch von Meer in meinem Namen wiederfindet. Beides ist mir sympathisch. Ich meine, welcher 15-jährige Junge würde nicht gerne als männlich gelten? Ich jedenfalls hätte nichts dagegen, solange ich nicht bei Geschichten, die offensichtlich Mut erfordern, in die erste Reihe geschickt werde. Du glaubst nicht, wie schnell ich mich in Luft auflösen kann. Na ja, und ein Meer erweckt doch sofort angenehme Gefühle. Da sind sich immer alle einig, obgleich ich es am Meer eher etwas langweilig finde. Aber das muss ich ja nicht jedem auf die Nase binden.

Mom sagt bei allerhand Anlässen, das Unbewusste sei viel entscheidender als das Bewusste. Und da hat sie, soweit ich das schon überblicken kann, wahrscheinlich recht. Wenn ich mir dann vorstelle, dass mein Gegenüber in dem Moment, in dem ich mich als Marius vorstelle, unbewusst eine Information aufnimmt, die aus der Kette Rom-Krieg-Gott-Männlich-Meer besteht, dann macht mich das zum einen für den Moment ziemlich selbstbewusst und zum anderen auch ein wenig stolz auf die komplexe Anlage meiner Persönlichkeit. Ein Marius kann nie ein Schwächling sein.

Mom ist klasse. Das möchte ich gleich zu Beginn festhalten. Sie gibt mir das Gefühl, mich total in Ruhe zu lassen, aber in Wirklichkeit ist sie allgegenwärtig. Auf eine Art, die mir gefällt, und ich kann mir den Luxus erlauben, auf die ganzen Widerstände, die in meinem Alter wohl angemessen wären, zu verzichten. Auch deshalb achte ich darauf, dass sie nicht zur ›Mama‹ wird. Von einer ›Mama‹ muss man sich mühsam abgrenzen, vermute ich, bei einer Mom stellt sich ein plausibles Verhältnis aus Nähe und Distanz ganz natürlich ein.

Die Leute lachen viel mit ihr, weil sie sehr unterhaltsam ist und die Menschen mag. Sie kann auch ziemlich direkt werden, aber selbst das klingt in ihrer Sprache nach verdaubarer Kost. Es ist nicht nur so, dass ich sie mag, sie ist definitiv die beste Mom von allen, was wahrscheinlich wenig originell klingt, weil das ja die meisten Kinder von ihren Müttern behaupten. Ich finde aber, dass nur ich damit recht habe. Außer von mir wird sie von so ziemlich allen gemocht. Mein Vater mag sie so sehr, dass in seinem Fall von Liebe die Rede ist. Meine Freunde mögen sie auch alle. Im Kindergarten war sie der Hit unter den Müttern, und das ist sie auch danach eigentlich immer geblieben. Nur bei meinen Lehrern fällt die Bilanz durchwachsen aus. Aber von denen sind einige derart merkwürdig, dass es nicht verwundern sollte.

Einen Vater habe ich auch, und den habe ich anders lieb. Ich würde sagen, dass er ziemlich zufrieden mit seinem Leben ohne seinen Sohn und seine Frau ist. Er ist oft ohne uns unterwegs und bestimmt mein Leben deutlich weniger als meine Mom. Mein Vater – der nicht mein ›Dad‹ ist, denn ›Dad‹ klingt dann doch noch einmal einen Zacken amerikanischer, und das kann er überhaupt nicht ab, und ich selbst find’s auch doof – ist irgendwie ein Freak, so einer, der völlig in dem aufgeht, was er tut. Bei ihm klingt Papa zwar nicht ganz so babymäßig wie Mama, vor allem aber empfinde ich Vater als deutlich neutraler als Mutter. Vielleicht, weil Vater nie gebärfreudig klingen kann, keine Ahnung.

Mein Vater arbeitet als Kurator, und das muss ich ziemlich oft erklären. Selbst die Erwachsenen wissen nicht immer, was sie sich darunter vorstellen sollen. Ich mach’s dann kurz und sage, er würde im Museum arbeiten. Das reicht oftmals schon, führt zu einem wissenden Kopfnicken, als ob damit alles gesagt wäre, und dann lass ich’s dabei auch bewenden. In unserer Stadt, also in Frankfurt, gibt’s echt viele Museen, derzeit um die sechzig, und das ist für eine Nichtmillionenstadt doch eine ganze Menge, finde ich. Und für eines dieser Museen ist er zuständig. Was eigentlich überschaubar klingt, aber er ist permanent auf Achse. Vor allem wegen der regelmäßigen Wechselausstellungen. Wenn wieder eine neue kommt, sagt Mom schon mindestens vier Wochen im Voraus, dass mein Vater im Wechselfieber ist. Dann weiß ich, was sie meint. Nämlich, dass er in unserer Wohnung kaum noch gesichtet wird und wenn dann eher abwesend ist.

In seltenen Ausnahmefällen erkläre ich noch, dass er zum Beispiel auch für die Museumspublikationen zuständig ist, und das macht er richtig gut. Ich habe ziemlich viele davon in meinem Regal stehen und fand die bisher meistens interessant. Früher mehr die Bilder, heute durchaus auch die Texte. Leider steht sein Name nie darauf, das macht man nicht bei Kuratoren, da unterscheiden sie sich von Schriftstellern. Ein künstlerisches und pädagogisches Konzept muss er auch oft entwickeln. Was unter anderem bedeutet, dass er erklären können muss, warum er genau diese Bilder und Kunstwerke ausgewählt hat. Oder warum er sie so und nicht anders positioniert hat. Und da erzählt er wirklich spannende Geschichten. Man sieht plötzlich viel mehr, als wenn man ohne seine Erklärungen draufguckt. Ich finde dann, dass mein Vater auch ein wenig wie ein Zauberer sein kann, aber das würde niemand mehr verstehen, und deshalb behalte ich das für mich. Und er verdient ziemlich gut, aber auch das behalte ich für mich. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist, aber bei uns redet man nicht darüber, was jemand verdient, erst recht nicht, wenn es viel ist. Man weiß das einfach oder merkt es. Dafür redet man darüber, wenn jemand wenig oder gar nichts verdient, also Geld vom Staat bekommt. Obwohl man das auch weiß oder merkt. Mom macht übrigens nichts, hat aber den ganzen Tag etwas zu tun. Das ist viel schwerer zu erklären.

Um dem Klischee einer klassischen Superfamilie zu entsprechen, müsste ich eigentlich noch eine Schwester haben. Was ich, um ehrlich zu sein, auch ziemlich cool fände. Viele Einzelkinder finden den Gedanken an Geschwister wohl irgendwie stark. Mir geht es da nicht anders. Obwohl ich an meiner Kindheit nichts auszusetzen habe. Bis hierhin hat es mir an nichts gefehlt. Also auch nicht an einer Schwester. Aber ich stelle mir vor, dass es mir mit ihr noch besser gegangen wäre. Sie wäre jünger gewesen, und ich ihr großer Bruder. Nur so will ich das sehen, nur in dieser Vorstellung fehlt sie mir. Ich hätte sie beschützt und gedrückt, weil ich sie lieb gehabt hätte. Sie hätte mich angehimmelt, weil ich der tollste große Bruder unter dem weiten Sternenhimmel gewesen wäre. Ich wäre ihr Held gewesen, und sie immer da, wenn ich jemanden zum Spielen gebraucht hätte. Oder zum Ärgern. Toll. Aber es gibt sie nicht außerhalb meiner Vorstellung. Auch nicht außerhalb der von Mom und meinem Vater. Einmal, kurz bevor ich in die Schule kam, bestand die Chance. Wir konnten sie damals alle schon sehen. Daran, dass Moms Bauch plötzlich deutlich zunahm und etwas aufgebläht wirkte. In meinem Kopf hatte sie sogar schon einen Namen: George. Das mag dich verwundern, aber Mom hat ihre Kinderbücher im Keller aufgehoben, und was mich sehr begeisterte, waren die Fünf Freunde von Enid Blyton. Georgina, die in den Büchern immer George hieß, war eine der Fünf Freunde und wollte viel lieber ein Junge als ein Mädchen sein. Dazu war sie ziemlich kauzig, was sie mir sympathisch machte, denn mit ihr war immer was los. Für eine solche George wäre ich gerne ein großer Bruder gewesen. Weshalb sie auch heute noch so heißt, wenn ich an sie denke.

Mom hat sie verloren, was mir damals überhaupt nicht einleuchten wollte. Wie konnte sie George einfach so verlieren? Heute weiß ich, dass George noch in ihrem Bauch gestorben ist. Viele Wochen, bevor sie zur Welt gekommen wäre. In der sie immer noch lebt – mindestens durch mich, bestimmt auch durch Mom und meinen Vater. So ganz genau weiß ich das nicht, aber ich kann es mir nicht anders vorstellen. Wir reden über alles, aber eigentlich nie über George. Mom war damals ganz anders als jemals zuvor oder danach. Sie war eine Zeit lang, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, ganz schweigsam und fing immer und immer wieder ganz plötzlich an zu weinen. Und dann ging ich zu ihr und drückte mich an sie. Oder ich pflückte ihr Löwenzahn von der Wiese am Sportplatz. Obwohl sie so traurig war, hat sie...



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