Bohn | Macht und Scham in der Pflege | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 109 Seiten

Bohn Macht und Scham in der Pflege

Beschämende Situationen erkennen und sensibel damit umgehen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-497-60199-8
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark

Beschämende Situationen erkennen und sensibel damit umgehen

E-Book, Deutsch, 109 Seiten

ISBN: 978-3-497-60199-8
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark



Professionelle Pflege ist ein hochemotionales Arbeitsfeld. Kaum eine Berufsgruppe ist stärker gefordert, täglich mit Intimität und Verletzlichkeit feinfühlig umzugehen. Heimbewohner und Patienten werden oft unabsichtlich durch alltägliche Pflegemaßnahmen beschämt, aber auch durch gezielte Machtdemonstration. Pflegende können ebenso von verschiedenen Personen in ihrem Berufsalltag beschämt werden. Das Buch schildert anschaulich, wie Macht und Beschämung in der Pflege wirken. Es sensibilisiert für den Umgang mit Schamgrenzen und dem eigenen Machtpotential. Fragen zur Selbstreflexion regen dazu an, über das eigene Schamempfinden nachzudenken und das alltägliche Pflegehandeln zu überprüfen. Ein praxisorientierter Leitfaden für einen kompetenten Umgang mit Schamsituationen und eine wertschätzende Pflege.

Dr. Caroline Bohn, Witten, Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin, ist als Ethikberaterin, systemische Coachin und Dozentin im Gesundheitswesen tätig.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Inhalt;5
2;Dank;7
3;Einleitung;8
4;1Scham und Beschämung;10
4.1;Einladung zu einer Gefühlsreise;10
4.2;Scham: Das Gefühl, im Erdboden zu versinken;12
4.3;Was unterscheidet Scham und Peinlichkeit?;14
4.4;Beschämungssituationen: Anlässe und Quellen der Scham;16
4.5;Die Besonderheit des Blicks;18
4.6;Formen der Scham;20
4.6.1;Körperscham;20
4.6.2;Identitätsscham;22
4.6.3;Statusscham;23
4.6.4;Fremdscham;26
4.7;Die Bedeutung von Schamkompetenz;29
4.8;Ethik und Würde;30
4.9;Gefühle in der Pflege;35
4.10;Was sind Gefühlsnormen?;39
4.11;Gefühlsarbeit: Von der Pflicht, die eigenen Gefühle zu regulieren;41
5;2Beschämung von Heimbewohnern und Patienten;46
5.1;Schamgrenzen von Menschen aus unterschiedlichen

Kulturkreisen;52
5.2;Macht in der Pflege;55
5.2.1;Was ist Macht?;55
5.2.2;Instrumente und Mittel der Macht;56
5.3;Machtgefälle zwischen Personal und Pflegebedürftigen;59
5.4;Formen von Gewalt in der Pflege;63
6;3Die andere Seite: Beschämung von Personal;66
6.1;Beschämung von Pflegenden;66
6.1.1;Beschämung durch Bewohner und Patienten;66
6.1.2;Beschämung durch Kollegen;68
6.1.3;Beschämung durch Angehörige;69
6.1.4;Beschämung durch Vorgesetzte;70
6.1.5;Beschämung durch die Öffentlichkeit;73
6.2;Wertschätzung in der Pflege;75
6.2.1;Was sind Werte?;80
6.2.2;Wie entstehen Werte?;81
6.3;Sprache als Ausdruck von Wertschätzung;83
6.4;Die sechs Ebenen der Wertschätzung;85
6.4.1;Wertschätzung in Bezug auf Bewohner und Patienten;86
6.4.2;Wertschätzung in Bezug auf Kollegen;87
6.4.3;Wertschätzung in Bezug auf Angehörige;88
6.4.4;Wertschätzung in Bezug auf Vorgesetzte;90
6.4.5;Wertschätzung in Bezug auf die Öffentlichkeit;92
6.4.6;Wertschätzung in Bezug auf sich selbst;93
6.5;Wertschätzungskultur schaffen und leben;95
7;4Fazit und Nachklang;98
7.1;Zum Schluss;103
7.2;Zimmer sieben;104
8;Literatur;107
9;Sachregister;109


2 Beschämung von Heimbewohnern und Patienten

Ich möchte nun konkreter werden und von Beispielen aus dem Pflegealltag berichten, anhand derer deutlich wird, welche Handlungen zu einer Beschämung von Bewohnerinnen und Patienten führen.

Ein achtzigjähriger Bewohner liegt in seinem Bett. Zwei Pflegekräfte wollen ihn umdrehen, um zu vermeiden, dass er Druckgeschwüre entwickelt. Sie fassen kräftig zu, da der Mann über 100 Kilo wiegt. Der Mann wimmert und versucht etwas zu sagen, aber sie verstehen ihn nicht. Als er schreit halten die Pflegekräfte kurz inne und reagieren genervt. Obwohl der Bewohner Widerstand leistet, setzen sie sich durch, denn sie sind in Eile und in dem nächsten Zimmer warten bereits weitere Bewohner. Also drehen sie ihn mit einem heftigen Ruck um. Der Mann schreit erneut, doch die Pflegenden müssen schnell weiter.

Ein hochbetagter Mann, der an Demenz erkrankt ist, bekommt seinen Trainingsanzug angezogen, obwohl darauf schon einige Flecken sind. Es ist allerdings leichter, ihm den Trainingsanzug anzuziehen als die Oberbekleidung, weil in wenigen Stunden sowieso wieder die Einlage gewechselt werden muss.

Einige Stunden nach dem Mittagessen kommen zwei Pflegekräfte zu einem Bewohner. Sie öffnen die Tür ohne anzuklopfen und sind miteinander in ein Gespräch vertieft. Während sie reden, wird der Bewohner gewaschen. Dabei werfen die Pflegenden die Bettdecke zur Seite und reißen die Windelhose auf. Der Bewohner versucht reflexhaft, seine Blöße zu bedecken, doch die Kontrakturen seiner Arme lassen dies nur bedingt zu. Eine der Pflegerinnen hält die Arme zurück, die andere spreizt seine Beine, die er übereinander halten will und reinigt seine Genitalien. In dem Moment tritt eine Kollegin ein und beruft eine kurzfristige Dienstbesprechung ein. Der Mann wird schnell wieder zugedeckt, die Pflegekräfte verlassen das Zimmer und die Tür bleibt angelehnt.

Fünf hochbetagte Menschen werden in Rollstühlen zu Sitzgarnituren gebracht und dort mit Musik beschallt, die alte Menschen angeblich gerne hören. Es läuft Volks- und Heimatmusik. Die Tatsache, dass darunter ein Mann ist, der immer gerne klassische Musik gehört hat und eine Frau mit apallischem Syndrom, welche die Beatles mag, wird nicht bedacht.

Bei diesen Beispielen handelt es sich um Aufzeichnungen aus dem Jahr 2001 (Fuchs / Mussmann 2001). In meinen Seminaren höre ich jedoch auch gegenwärtig zahlreiche Berichte von Pflegenden, die kaum von den oben genannten Beispielen abweichen. Dazu gehören folgende:

    Ein Bewohner möchte ein Stück Schokolade, das für ihn vom Bett aus unerreichbar auf dem Tisch liegt. Die Schwester weigert sich ihm die Schokolade zu geben, weil bald Mittagszeit ist und er dann etwas „Richtiges“ zu essen bekommt.

    Zwei Pflegekräfte lachen über eine dementiell erkrankte Bewohnerin, weil sie die Worte so lustig verdreht und ausspricht.

    Die Schwester raunt einer weinenden Bewohnerin zu, die stark eingekotet hat: „Das ist doch kein Grund zum Heulen.“

    Eine inkontinente Bewohnerin, die ihre nasse Wäsche im Schrank versteckt hat, wird von der Pflegkraft mit dem Satz konfrontiert: „Was soll denn das nasse Zeug hier im Schrank?“

    Eine hochbetagte Patientin wird von der Schwester geduzt. Außerdem nennt sie die Patientin „Schätzchen“.

    Eine Ärztin spricht auf dem Flur mit einem Angehörigen über seine dementiell erkrankte Frau. Die Patientin steht dabei, ohne dass die Ärztin sie ein einziges Mal ansieht oder ein Wort an sie richtet.

    Eine Schwester sagt zu einer Bewohnerin, die starken Stuhldrang hat, sie solle doch einfach in die Windelhose machen, da sie im Moment keine Zeit hätte. Sie würde dann später kommen und einfach die Einlage wechseln.

Die Liste an täglichen Beschämungen könnte ich mit weiteren Beispielen leicht fortsetzen. Alle Teilnehmer aus meinen Seminaren konnten umgehend Situationen aus ihrem Berufsalltag benennen, die beschämend für die Bewohnerinnen waren. Jedem war außerdem bewusst, wann er selbst Grenzen missachtet hatte. Allen war auch klar, dass solche Situationen nicht vorkommen dürfen. Aber sie geschehen trotzdem, und zwar dann, wenn Routine und Überforderung dazu führen, dass das eigene Handeln nicht mehr bedacht wird.

Durch eine gezielte Reflexion von Schamsituationen aus ihrem Pflegealltag wird Pflegekräften in der Regel schnell bewusst, wodurch sie Bewohner beschämen. Indem solche Situationen im geschützten Rahmen aufgespürt und besprochen werden, können die Pflegekräfte das Leiden der Bewohnerinnen, die sich schämen, regelrecht nachempfinden. In Form dieser Sensibilisierung kann einem ungewollten Akt der Beschämung in der Pflege optimal vorgebeugt werden. Außerdem halte ich es für wichtig, dass Pflegekräfte die Bedeutung und Wirkung eigener Macht erkennen. Denn einen Menschen zu beschämen bedeutet schließlich, diese negativ gegen ihn einzusetzen. Ein nicht bewusster Umgang mit Macht kann hingegen leicht zu einem missbräuchlichen Verhalten in Bezug auf dies verführen. Daher halte ich es für wichtig, sich das Potenzial eigener Macht immer wieder zu vergegenwärtigen.

Manche Pflegende werden sich sehr schnell ihrer Überlegenheit und Macht bewusst. Schließlich gibt es zahlreiche Situationen, in denen sie sich mit Hilfe ihrer Macht und im Rahmen ihrer Rolle und Funktion durchsetzen müssen. In manchen Fällen kann es sein, dass auch der mächtigeren Person die Situation unangenehm ist und sich bei ihr ein peinliches Berührtsein einstellt. Indem die Schamsituation herbeigeführt werden muss, greift die Beklemmung manchmal auch auf die Pflegeperson über.

In der Psychiatrie wird regelmäßig ein Drogenscreening durchgeführt. Drogenabhängige Patienten müssen sich einem Drogentest unterziehen, indem sie Urinproben abgeben. Um zu verhindern, dass dem Urin seitens des Patienten Zusatzstoffe, wie Saft oder ähnliche Flüssigkeit beigefügt wird, muss der Drogentest von dem Personal begleitet und genau beobachtet werden. Da überwiegend weibliches Personal auf der Station tätig ist, suchen die männlichen Patienten gemeinsam mit einer Schwester eine Toilette auf und müssen vor ihr urinieren.

Eine andere Möglichkeit des Drogenscreenings besteht darin, sich komplett vor der Schwester zu entkleiden, um dann alleine in einer Toilette die Urinprobe abzugeben.

Beide Situationen sind für alle Seiten emotional belastend. Die Schwester, die das Drogenscreening begleiten muss, fühlt sich peinlich berührt und kann daher gut nachempfinden, dass der Patient sich schämt. Sie ist allerdings nicht diejenige, die den Beschämungsakt direkt am Patienten vollzieht. Vielmehr sind hier konzeptionelle Vorgaben die maßgeblichen Faktoren, welche die Schamgefühle des Patienten auslösen und die Beschämungssituation letztlich herbeiführen.

Das Drogenscreening ist eine verpflichtende Maßnahme, die von den Schwestern durchgeführt werden muss. Beide Varianten der Durchführung zeigen, dass weder die eine noch die andere Situation frei von Beschämung ist. Der Patient wird sich in jeder Situation mehr oder weniger intensiv schämen und der Schwester wird jede Situation vermutlich ebenfalls peinlich oder zumindest unangenehm sein (Mit-Scham). Der einzige Vorteil dieser Situation liegt darin, dass der Patient noch eine Wahlmöglichkeit hat. Er kann sich entweder für die eine Form des Drogenscreenings (angezogen vor der Schwester urinieren) oder die andere Form (sich vor der Schwester komplett ausziehen und dann alleine urinieren) entscheiden. Ganz vermeiden lässt sich diese schambesetzte Situation allerdings nicht. Der ausdrückliche Hinweis für den Patienten, dass er zwischen zwei Varianten der Urinabgabe entscheiden kann, gewährt ihm zumindest sein Selbstbestimmungsrecht, auch wenn es sich nur in einem engen, vorgegebenen Rahmen bewegt.

Beschämung erfolgt demnach nicht ausschließlich durch direkte, missbräuchliche Machtausübung von Personen. Es gibt auch Rahmenbedingungen, die so konstruiert sind, dass Schamgefühle unausweichlich sind. In einem intimen Arbeitsfeld wie der Pflege ist es leider kaum möglich, Schamsituationen vollständig zu umgehen. Schamfreiheit kann es daher weder in Pflegeheimen noch in Kliniken geben.

Viele Situationen können jedoch durch schamkompetentes Handeln vermieden oder zumindest entschärft werden. Es gibt zahlreiche Verhaltensregeln, die im Pflegealltag selbstverständlich sein sollten. Jeder, der in der Pflege arbeitet, weiß jedoch, dass sie es keineswegs immer und überall sind.

Aufnahmegespräche: Wenn ein Bewohner in ein Pflegeheim aufgenommen wird, so ist dies ein Ereignis, das in der Regel mit viel Aufregung und Anspannung verbunden ist. Viele Bewohner haben Ängste und sind daher dankbar, wenn sie von Angehörigen begleitet werden, die ihnen Sicherheit und Schutz geben. In den Aufnahmegesprächen werden jedoch oft sehr intime Fragen gestellt. Fragen, wie zum Beispiel nach der Art oder Regelmäßigkeit des Stuhlgangs, lösen bei den Betroffenen oft Schamgefühle aus. Nicht selten fühlen sich dann auch die anwesenden Angehörigen peinlich berührt. In Aufnahmegesprächen ist es zwar hilfreich, dass sie dabei sind, ihre entlastende Unterstützung kann sich jedoch ins Gegenteil verkehren, sobald intime Fragen gestellt werden. Bevor dies geschieht, könnten Angehörige daher rechtzeitig hinausgebeten werden. Da nur die fragende Person selbst weiß, wann sie welche Fragen stellen wird, kann auch nur sie die Entscheidung treffen, ob und ab wann ein Einzelgespräch sinnvoll ist.

In diesem Kontext möchte ich darauf hinweisen, dass auch der...


Dr. Caroline Bohn, Witten, Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin, ist als Ethikberaterin, systemische Coachin und Dozentin im Gesundheitswesen tätig.



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