E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Boie Der durch den Spiegel kommt
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86274-074-1
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86274-074-1
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kirsten Boie ist eine der renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis und das Bundesverdienstkreuz.
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2. Das Kaninchen
Draußen fing es gerade an, dämmrig zu werden. Auf dem Spielplatz haben die Mütter ihre kleinen Kinder eingesammelt und vom Bolzplatz kamen die Rufe der Jungs. Die Menschen waren unterwegs von ihrer Arbeit nach Hause und die große Straße war voller Autos. Da hab ich gewusst, dass ich zum Supermarkt nicht einfach so rüberrennen kann, wie ich es sonst manchmal tue, sondern dass ich den ganzen Weg bis zur Ampel gehen muss, wenn mir mein Leben lieb ist. Und ich hab gedacht, dass Mama es sich ja mal wieder einfach gemacht hat, sie sitzt da oben gemütlich in der Wohnung und ich muss den ganzen weiten Weg bis zum Supermarkt gehen.
Ich bin also über den Rasen gelaufen, weil das eine Abkürzung ist, wenigstens ein bisschen. Obwohl Kinder nicht auf den Rasen sollen, das steht extra auf den Schildern, die unten im Hauseingang hängen. Der Rasen ist nur für die Schönheit da. Aber jetzt war es ja schon dämmrig, da konnte mich vielleicht keiner sehen.
Zuerst bin ich also ganz normal gegangen, ein bisschen trödelig sogar. So ganz große Lust hatte ich ja nun auch nicht zum Einkaufen. Aber als ich in der Mitte zwischen den Häusern auf dem Rasen angekommen bin, ungefähr da, wo das große Gebüsch ist, hat es plötzlich ausgesehen, als ob die Dämmerung noch dichter geworden wäre. So schnell wird es bei uns sonst eigentlich nicht dunkel.
Ich hab einen Schrecken gekriegt, weil ich doch im Dunkeln draußen immer Angst habe und mein Trostlied summen muss, und außerdem erlaubt Mama mir sonst auch gar nicht, dass ich dann rausgehe. Aber heute hatte sie wohl nicht richtig aufgepasst, und ich hab gedacht, wenn ich nicht anfange zu rennen, ist es stockfinstere Nacht, bevor ich wieder zu Hause bin. Da hat es richtig ein bisschen in meinem Magen gezogen und ich habe mein Trostlied noch lauter gesummt.
Und dann habe ich es gesehen. Neben der großen Birke hat es gehockt, nicht weit vom Gebüsch, und es ist überhaupt gar nicht weggerannt, als ich gekommen bin, und es hat einfach ganz still dagesessen. Als ob es mich erwartet hätte. Da bin ich vor Verblüffung erst mal stehen geblieben.
Natürlich gibt es manchmal Kaninchen bei uns in der Siedlung, die gibt es ja überall, wo Rasen ist und ein paar Büsche wachsen. Im Frühling liegen sie manchmal totgefahren auf der Straße, das sind die Babykaninchen, die sich noch nicht auskennen und nicht wissen, wie gefährlich es ist auf der Welt.
Aber niemals bleiben sie still sitzen, wenn man in ihre Nähe kommt, nicht mal, wenn man ihnen eine Karotte hinhält. Immer rennen sie weg, weil sie Angst haben vor Menschen. Und Kinder sind ja natürlich auch welche. Menschen, meine ich.
Darum war ich so erschrocken, dass dieses Kaninchen dagesessen hat, als ob es mich erwartet. So still sitzen Tiere ja nur, wenn sie tollwütig sind, das hat Mama mir erklärt, als wir im letzten Sommer einmal im Wald spazieren waren, und dass man ihnen dann nicht zu nahe kommen darf. Weil sie sonst beißen, und dann kriegt man selber die Tollwut. Und das ist keine schöne Krankheit.
Darum hab ich überlegt, ob ich überhaupt näher rangehen soll an das Kaninchen oder ob ich nicht lieber doch gleich zum Supermarkt flitze. Das Kaninchen hat aber so still dagesessen und immer zu mir hingeguckt, dass ich gedacht habe, vielleicht hat es ja gar keine Tollwut. Vielleicht hat es sich irgendwo verletzt und kann nicht mehr hoppeln. Weil es in eine Scherbe getreten ist, zum Beispiel. Und nun wartet es darauf, dass jemand es zum Tierarzt bringt. Obwohl Kaninchen ja vielleicht nicht mal wissen, dass es Tierärzte gibt. Jedenfalls wilde Kaninchen nicht.
Ich bin also ganz vorsichtig noch einen Schritt näher gegangen und noch einen, und die ganze Zeit hat das Kaninchen mich angeguckt, als ob es mich erwartet. Und dann hab ich auch gesehen, warum.
Es war ein zahmes Kaninchen, gar kein wildes, das in einer Höhle unter dem Rasen wohnt. Es sah natürlich schon so aus wie ein wildes Kaninchen, braun, und es hat auch dagehockt wie ein Kaninchen, das einfach mal grade aus seinem Bau geschlüpft ist, um in der Dämmerung sein Abendbrot zu futtern; aber um seinen Hals hatte es ein Halsband, das hat irgendwie so gefunkelt, und vorne dran hing ein Ledertäschchen, wie manche Leute es sich mit ihrem Geld um den Hals hängen, wenn sie in Urlaub fahren in ein fremdes Land und glauben, da werden sie beklaut. Eine Reisegeldbörse hatte das Kaninchen um seinen Hals gehängt, und das war ja nun wirklich ziemlich komisch. Ich hab noch nie gehört, dass Kaninchen verreisen können, wirklich. Oder einkaufen.
»Na, willst du mit zum Supermarkt?«, hab ich gefragt, und ich musste ein bisschen lachen, weil ich das so komisch fand. Obwohl es doch eigentlich dämmrig und ein bisschen gruselig war. »Wo hast du denn deinen Einkaufskorb?«
Aber das Kaninchen hat mir natürlich nicht geantwortet und mich nur immer weiter so angestarrt, als ob es sagen wollte, was für ein albernes Gerede. Da war es mir fast ein bisschen peinlich, obwohl einem ja eigentlich vor einem Kaninchen nichts peinlich sein muss.
»War nur ein Scherz«, hab ich darum gesagt, als ob das Kaninchen mich verstehen könnte, und genau in diesem Augenblick habe ich ihn gesehen. Ein Blitzen habe ich gesehen, auf dem Boden, genau vor meinen Füßen. Fast wäre ich draufgetreten.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich fast draufgetreten wäre! Dann wäre der Spiegel zerbrochen und gar nichts wäre passiert. Ich hätte eingekauft für Mama und wäre mit meinem vollen Korb nach Hause gelaufen, summend und ein bisschen ängstlich in der Dunkelheit; und Mama und ich hätten zusammen Abendbrot gegessen und vielleicht hätte sie mir vor dem Schlafengehen noch ein Märchen vorgelesen. Obwohl ich für Märchen doch eigentlich zu alt bin. Und alles wäre gewesen wie immer.
Man stelle sich vor.
Aber nun hatte ich das Blitzen also rechtzeitig gesehen, und ich hab mich gebückt, weil ich neugierig war. Es konnte natürlich auch nur eine alte Glasscherbe sein, die Scherbe vielleicht, an der das Kaninchen sich seine Pfote verletzt hatte. Dann war ja klar, warum es so still hier saß.
Aber irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass es nur eine Scherbe war. Irgendwie hatte ich, schon als ich mich gebückt habe, nicht das Gefühl, dass es nur eine langweilige alte Flaschenscherbe war, die einmal kurz aufgeleuchtet hatte. Irgendwie hab ich schon in diesem Augenblick gewusst, dass jetzt gleich etwas Besonderes passieren würde. Wenn ich natürlich auch noch nicht die kleinste Ahnung hatte, was.
Das Kaninchen hat mich immer noch angestarrt, als ich mich gebückt habe, und wenn es kein Kaninchen gewesen wäre, hätte ich geglaubt, dass es plötzlich erleichtert aussah. Aber ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht.
Denn was da vor mir auf dem Boden lag, war ein Spiegel. So ein altmodischer Handspiegel war es, wie ihn die Prinzessinnen in den Märchenfilmen immer in die Hand nehmen, wenn sie sich drehen und wenden, um zu gucken, wie schön sie sind. Er hatte einen zierlichen Griff aus Silber, und das Spiegelglas im silbernen Rahmen leuchtete so hell, dass ich mir vielleicht schon mal Gedanken hätte machen können, wieso. Wo es doch inzwischen fast dunkel geworden war!
Aber ich war ja so dumm damals. Ich habe den Spiegel aufgehoben und gedacht, dass jetzt bestimmt irgendwo ein Mädchen ziemlich traurig ist, weil es seinen wertvollen Spiegel verloren hat. Denn dass er wertvoll war, konnte ich ja sehen. Der silberne Rahmen und der Griff waren fein verziert, und als ich genauer hingeguckt habe, hab ich erst gemerkt, dass der Griff gearbeitet war wie der Stamm eines dicken, alten Baumes. Und oben in seiner Krone war das Spiegelglas eingepasst. Die Äste waren der Rahmen, mit vielen kleinen Blättern und Zweigen, und so schön sah der Spiegel aus, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, wer in unserer Siedlung etwas so Wunderbares besitzen könnte.
Ich habe den Spiegel also umgedreht, weil ich wissen wollte, wie der Baum von der Rückseite aussah, und da war ich erst richtig verblüfft. Weil die Rückseite nämlich nicht nur aus Silber war, sondern aus Gold, ein Baum wie auf der Vorderseite aus leuchtendem, rötlichem Gold, und zwischen seinen Ästen glänzte wieder ein Spiegel.
Natürlich konnte man nicht wissen, ob das Gold echt war, ich hab es aber geglaubt. Wo doch alles so wunderschön und so wertvoll aussah! Und dass auf der Rückseite noch mal ein Spiegel war, war auch wunderschön. Das haben die Prinzessinnenspiegel in den Märchenfilmen ja nicht.
Und ich hab mir gleich gedacht, dass einer von beiden sicher ein Vergrößerungsspiegel ist, wie Mama ihn zum Brauenzupfen und Wimpernschminken nimmt: So ein kleiner Klappspiegel für die Handtasche ist das, und wenn man ihn aufklappt, guckt man sich auf der einen Seite ganz normal in die Augen und auf der anderen Seite macht der Spiegel das Gesicht so groß, dass man nur noch die Nase sieht. Oder die Augen. Oder das Kinn.
Da wollte ich prüfen, ob mein gold-silberner Prinzessinnenspiegel auch so einer war. Darum habe ich reingeguckt. Und so ist es passiert.
Sonst gucke ich eigentlich nicht so gerne in den Spiegel. Das tut wohl keine, die so mausige, zipfelige Haare hat wie ich und so ein langweiliges Gesicht. Wenn man nicht in den Spiegel guckt, kann man vielleicht immer noch denken, dass man gerade eben schöner geworden ist, so schön wie Katja vielleicht.
Die guckt natürlich immer gerne in den Spiegel.
Aber ich weiß ja nun inzwischen, was ich da zu sehen kriege, und darum kämme ich mir morgens vor der Schule die Haare einfach immer so. Dazu brauch ich keinen Spiegel, auch wenn Mama dann sagt, dass mein Scheitel zackelig ist wie eine Achterbahn und dass ich mit zehn langsam alt genug dafür bin,...




