Bola Sei kein Mann
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-446-26881-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-26881-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der Ära von Trump, #MeToo und Attentätern wie in Halle oder Hanau ist Männlichkeit kein positiver Begriff mehr. Der Aktivist JJ Bola sucht Auswege aus der Krise. Dabei betrachtet er Einflüsse aus nichtwestlichen Traditionen, aus Popkultur und der LGBTQ+-Community und zeigt, wie vielfältig Männlichkeit sein kann.
JJ Bola lädt in versöhnlichem Ton ein zum Gespräch zwischen verhärteten Fronten. Denn erst wenn sich auch die Männer und der Begriff von Männlichkeit verändern, wird es echte Geschlechtergerechtigkeit geben.
JJ Bola, geboren in Kinshasa im Kongo, ist Autor und Aktivist. Im Alter von sechs Jahren flüchtete er dank der diplomatischen Verbindungen seines Großvaters mit seiner Familie. Er wuchs in London in einer Brennpunkt-Siedlung auf. Nach seinem Master in Kreativem Schreiben an der Birkbeck University arbeitete er einige Jahre als Sozialarbeiter mit Jugendlichen mit psychischen Problemen. Bola engagiert sich weltweit zu Rassismus, Migrationserfahrungen und Männlichkeit. Er veröffentlichte drei Gedichtbände und einen Roman.
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Einführung
Mask off:
Mann sein
An einem sonnigen Samstagnachmittag in meiner Jugendzeit, bevor es Touchscreens, Selfies und 4G gab und bevor die sozialen Medien jeden Aspekt unseres Daseins durchdrungen hatten, lief ich durch die pulsierende, oft turbulente, multikulturelle, dynamische Tottenham High Road im Norden Londons. Ich war mit einer großen Gruppe von etwa zehn meiner »Onkel« zusammen. Es waren nicht wirklich meine Onkel. Sie waren keine Blutsverwandten, sondern die Männer der kongolesischen Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen war. Als Teil einer Kirchengruppe organisierten sie samstags Aktivitäten für junge Leute in der Community, es gab ein Blasensemble und andere kulturelle Initiativen.
Nachdem ich an einer dieser Samstagsveranstaltungen teilgenommen hatte, war ich zum Essen bei einem Onkel eingeladen worden, der ganz in der Nähe der Hauptstraße lebte. Ich war ganz außer mir vor Freude. Ein unerwartetes Festmahl aus Pondu, Makemba, Mikate und Ntaba (Eintopf, Kochbanane, Teigbällchen, auch als Puff Puff bekannt, und gegrillter Ziege) erwartete mich — was für ein Privileg. Wir gingen die Hauptstraße entlang zu seinem Haus und unterhielten uns angeregt. Mit meiner Trainingshose, meinem Hoodie und den Nike Air Force 1 war ich ganz offensichtlich der einzige Jugendliche in der Gruppe. Die anderen waren in der einzigartigen Mode kongolesischer Männer gekleidet: Jeans mit hoher Taille, farbenfrohe T-Shirts, die eng an ihren unsportlichen, bierbäuchigen Körpern lagen, Designermarken und exzentrische Designs.
Während wir die Straße entlangliefen, fühlte ich mich mit einem Mal sehr befangen und wurde mir der Gruppe, mit der ich unterwegs war, immer bewusster. Obwohl mir Tottenham sehr vertraut war — ich verbrachte als Jugendlicher sehr viel Zeit dort und war oft auf ebenjenen Straßen unterwegs, wenn auch mit einer komplett anderen Gruppe und zu einem anderen Zweck —, fühlte ich mich befangen, weil wir sehr viel Aufmerksamkeit auf uns zogen, nicht nur als große Gruppe, sondern als eine große Gruppe exzentrisch gekleideter afrikanischer Männer, die sich lauthals auf Lingala unterhielten. Ich sah auch viele andere Jugendliche. Schon von Weitem fingen einige an zu starren, auf uns zu zeigen und sogar zu lachen. Ich war mir sicher, dass manche von ihnen mich erkannten, weshalb ich mich zu verstecken versuchte, indem ich meine Kapuze aufsetzte. Im Nachhinein betrachtet hatte es wahrscheinlich sogar den gegenteiligen Effekt.
Wir bahnten uns weiterhin als Gruppe den Weg, jeweils zu zweit oder zu dritt, vertieft in unsere Gespräche. Ich ging mit meinem Onkel an der Hand. In der kongolesischen/frankofonen afrikanischen Kultur ist das völlig normal und, wie ich später erfuhr, in vielen anderen Kulturen der Welt auch. Es bietet Männern die Möglichkeit, sich miteinander verbunden zu fühlen und einander Affinität und Zuneigung zu zeigen. Das ist die Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Ich hatte meinen Vater oft Hand in Hand mit anderen Männern aus unserer Gemeinschaft gesehen, wenn sie sich miteinander unterhielten oder spazieren gingen. Es war normal, und in solchen Situationen machte ich mir keine weiteren Gedanken darüber. Außerhalb der kulturellen Normen dieser Gruppe nahm es jedoch eine befremdliche und peinliche Qualität an.
Zu meiner großen Erleichterung bogen wir von der Hauptstraße ab und liefen in Richtung der Wohnsiedlung, in der der Onkel wohnte, bei dem wir eingeladen waren. Ich war schon viele Male bei ihm zu Hause gewesen. Am liebsten wäre ich allein vor den Onkeln dorthin gelaufen und hätte auf sie gewartet, aber dann würde die Last, ihnen dieses Verhalten erklären zu müssen, deutlich länger anhalten, als ich es wollte oder brauchte.
Ich atmete jetzt wieder ein bisschen entspannter und freier, obwohl ich immer noch Hand in Hand mit meinem Onkel ging. Wir befanden uns nicht mehr im direkten Blickfeld all dieser Leute auf der Straße, insbesondere der Jugendlichen. Als wir die Siedlung, in der mein Onkel lebte, beschwingt und ausgelassen betraten, bemerkte uns eine Gruppe von Jugendlichen, die in der Siedlung abhingen. Sie beobachteten uns; ihre Blicke konzentrierten sich auf mich und den Onkel, mit dem ich Hand in Hand ging. Eine Reihe von negativen Gesichtsausdrücken, von Verwirrung bis hin zu Ekel, war in ihren Gesichtern zu lesen.
Ich hatte diese Jugendlichen schon mal in der Siedlung gesehen. Manchmal hatte ich ihnen sogar kaum merklich zugenickt, eine Art des Grüßens, die bei uns mit Respekt und Anerkennung einhergeht. In dieser Wohnsiedlung — in jeder Großwohnsiedlung, jedem sozialen Brennpunkt, jeder Hood, jedem Ghetto, jedem Ends, jedem Slum, wie auch immer der Name lauten mag — hängt Respekt davon ab, wie stark du bist, oder zumindest, als wie stark du wahrgenommen wirst. Ich hatte lange genug bei diesem Spielchen mitgemacht, um respektiert zu werden. Ich war groß und sah sportlich aus. Dank früher Bekanntschaft mit Liegestützen und Gewichten wirkte ich gerade einschüchternd genug. All der Respekt, den ich mir verdient hatte, löste sich blitzschnell vor meinen Augen in Luft auf, als man mich Hand in Hand mit einem Mann spazieren gehen sah.
Ich wollte meine Kapuze wieder aufsetzen und mein Gesicht verstecken, aber es war zu spät, ich war bereits gesehen worden. Ich löste meine Hand schnell aus der meines Onkels und tat so, als ob ich etwas in meiner Tasche suchte, was ihn nicht sonderlich zu stören schien; ein weiterer vergeblicher Akt.
»Yo, Großer?«, hörte ich eine Stimme rufen. Ich wusste, er sprach mit mir und mit niemandem sonst. Ich sah hinüber. Seine Augen durchbohrten meine Brust. Ich fühlte meine Beine zittern, als würden meine Knie bei jedem Schritt nachgeben. Er hatte seine Kapuze auf und trug den grauen Nike-Trainingsanzug und Hoodie, um den ihn alle beneideten.
»Na, biste am Händchenhalten?«, sagte er, und die Crew um ihn herum kicherte und brach dann in schallendes Gelächter aus. Ich kann mich noch an den Schmerz erinnern, an den Stich ins Herz. Ein ähnliches Gefühl, wie wenn scharfes Essen sich von gut schmeckend in nicht mehr auszuhalten verwandelt und du dir wünschst, alles würde sich wieder beruhigen.
»Nein«, antwortete ich in einem Ton, der zeigte, dass ich verärgert war über so eine Andeutung.
»Alobi nini?« Mein Onkel, der sich über die ganze Aufregung wunderte, fragte mich, was der Typ gesagt hatte.
»Nichts«, antwortete ich verächtlich, »er hat nach der Uhrzeit gefragt.«
*
Diese Erfahrung war eine von vielen, die ich als Heranwachsender gemacht habe, die mich dazu führten, meine Männlichkeit anzuzweifeln und mir Gedanken über die Frage zu machen, die wir nicht stellen sollen: Was bedeutet es eigentlich, ein Mann zu sein? Wie konnte es sein, dass es in einem Teil der Welt völlig normal war, wenn zwei Männer sich an den Händen hielten, während die Menschen in einem anderen Teil der Welt stehen blieben und starrten? Ich dachte über die Emotionen und Gefühle von Männern nach, oder genauer gesagt, deren Abwesenheit. Ich war ein ziemlich emotionaler Junge. Ich weinte, wenn ich traurig oder aufgewühlt war; ich weinte, wenn ich glücklich war; ich weinte vor Wut. Ich verlieh meinen Gefühlen Ausdruck, unabhängig davon, ob es sich um Traurigkeit oder Fröhlichkeit handelte. Aber als ich älter wurde, änderte sich das langsam. Ich wurde abgeklärter, beherrschter, distanzierter; ich war niemandem gegenüber ehrlich, was meine wahren Gefühle betraf, manchmal nicht einmal mir selbst. In mir tobte ein vernichtender Ärger oder Zorn, den ich tarnte: als Aggressionsproblem, eine kurze Zündschnur oder die Unfähigkeit, mein Temperament im Zaum zu halten.
Was bedeuten unsere Auffassungen von Männlichkeit und die kulturellen Normen, in die sie eingebettet sind, für Jungs, die in der heutigen Zeit zu Männern heranwachsen? Was bedeuten sie für junge und ältere Männer, die in einer Gesellschaft leben, die sie dazu ermutigt, an der Wut festzuhalten, die das Leben von Frauen wie auch das Leben vieler Männer zerstört? Es gibt viele wichtige Fragen, die wir uns zum Thema Männlichkeit und Männer in der heutigen Zeit stellen müssen. Warum tauchen überwiegend Männer in der Statistik von Gewaltverbrechen auf, insbesondere bei sexueller Gewalt, von Belästigung bis zu Vergewaltigung? Warum ist Suizid die häufigste Todesursache von Männern unter fünfunddreißig — häufiger als Krankheiten oder Unfälle? Was können wir tun, um all das zu ändern?
Um ein tieferes Verständnis für unsere Vorstellungen von Mannsein und Männlichkeit zu erlangen, müssen wir das...




