E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Bolliger Tripolis
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-85869-935-0
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Nahe Osten im Spiegelbild einer Stadt
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-85869-935-0
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Monika Bolliger, 1983 geboren, studierte Geschichte, Arabistik und Völkerrecht an der Universität Zürich. Sie lebte zwischen 2012 und 2018 als Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung in Jerusalem, Kairo und Beirut. Als Analystin, u.?a. für das Sana'a Centre for Strategic Studies, bereiste sie die Region von Iran über Syrien bis nach Saudiarabien und Jemen. Seit Frühjahr 2021 ist sie Redakteurin des Spiegels mit Schwerpunkt Nahost
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Einleitung
Auf dem Gehsteig einer kleinen Straße in Tripolis, gesäumt von niedrigen, sandsteinfarbenen Häusern, sitzen einige Männer auf Plastikstühlen. Es ist ein heißer Sommermorgen im August 2021. Am Ende der Straße glitzert das Mittelmeer in der Sommersonne. Von dort weht eine Brise und spendet etwas Frische. Die Männer sind Fischer aus Mina, dem Hafendistrikt der nordlibanesischen Stadt. Sie sitzen vor ihrem Stammcafé, einem winzigen Lokal mit einer kleinen Theke unter einem gewölbten Steindach. Fischerutensilien, eine Pendeluhr und Bilder vom Meer zieren die Wände. Es könnte eine Szene an einem beliebigen Ort am Mittelmeer sein. Doch etwas ist ungewöhnlich. Die Männer sitzen nicht einfach gesellig zusammen. Sie warten mit stoischer Ruhe auf eine eigentlich banale Sache, ihren Morgenkaffee. Der kommt erst, wenn der Strom angeht. Die staatliche Stromversorgung in ganz Libanon ist zusammengebrochen; seither ist das Warten zum täglichen Ritual geworden. Auch der Betrieb privater Generatoren läuft nur noch rationiert, seit der Treibstoff rar geworden ist. Ohne Treibstoff können die Fischer nicht aufs Meer hinausfahren, und so warten sie auch darauf, dass es wieder Benzin gibt.
Libanon leidet unter einer dramatischen Finanzkrise. Gerade geht dem Staat das Geld für Subventionen aus, wodurch Medikamente, Treibstoff und Brot knapp werden. Die Weltbank erklärte unlängst, Libanon mache vermutlich eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen seit 1800 durch. Und Tripolis, die ärmste Stadt Libanons, trifft es noch härter als andere Landesteile.
Das libanesische Tripolis befindet sich buchstäblich und metaphorisch in einer peripheren Lage. Geografisch liegt die Stadt weit im Norden des Landes nahe der syrischen Grenze; mit der Hauptstadt Beirut ist sie durch eine miserabel ausgebaute Autostraße verbunden. Politisch wurde sie seit der Gründung des modernen libanesischen Staates fast immer marginalisiert; wirtschaftlich ließ man sie links liegen. Auf Arabisch heißt sie , das Tripolis der Levante, und sie ist heute eine eher provinzielle Stadt, weniger bekannt als das libysche Tripolis, mit dem sie manchmal verwechselt wird. Aber gerade deshalb weiß die Stadt viel über die Konflikte einer ganzen Weltgegend zu erzählen, über die schmerzhaften Transformationen, die der Nahe Osten mit dem Einbruch der Moderne durchlief, über die verschiedenen politischen Bewegungen, die mit großen Hoffnungen begannen und oft in Resignation endeten.
Als ich 2016 in Tripolis für einen Artikel zu recherchieren begann, war ich verblüfft, wie sehr die Stadt die Entwicklungen der weiteren Region widerspiegelte, sowohl in der Gegenwart als auch in der jüngeren Vergangenheit – obwohl die meistens anderswo stattfanden. Das hat mich schließlich veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Der libanesische Schriftsteller Khaled Ziadé schrieb einmal, die mediterrane Hafenstadt am Ostrand des Mittelmeers habe »mal leise, mal schrecklich laut, all die Strömungen aufgenommen, die über die gesamte Region hinwegspülten«.
Damals, als ich zum ersten Mal in der Stadt recherchierte, lag der Fokus der Medien auf islamistischen Gruppierungen in der Stadt und deren Gewaltpotenzial. Doch heute erlebt die Stadt eine viel umfassendere Krise. Der libanesische Staat kollabiert. Die politische Ordnung, die sich am Ende des Bürgerkriegs 1990 etabliert hat, zerbröckelt. Die Menschen in Libanon konnten sich nie auf den Staat verlassen. Aber jetzt kollabiert alles; jetzt wird das Leben zum täglichen, bitteren Kampf.
Bewohner des Tipolitaner Hafendistrikts Mina haben sich in diesen Tagen auf unkonventionelle Weise Abhilfe geschafft. Männer des Viertels haben einem Tanklaster den Weg für die Weiterfahrt blockiert und dem Chauffeur den Treibstoff zum offiziellen, subventionierten Preis abgekauft, um ihn im Viertel zu verteilen. Alles wurde auf Video dokumentiert – damit keiner sagen könne, sie seien Diebe, erklärten die Männer. Es ging glimpflich aus; bei anderen Streitereien um Benzin kam es schon zu Schießereien, Bränden oder in seltenen Fällen sogar tödlichen Explosionen. Ein Teil des in Mina friedlich erbeuteten Treibstoffs geht an die Fischer, die aufs Meer hinausfahren werden. »Alle in diesem Land sind in ihrer Weise Betrüger«, grinst einer der Fischer, Fadi Shabtini, ein gut gelaunter Sprücheklopfer mit weißen Haaren. »Ich kann dir zu jedem eine Geschichte erzählen.« Aber schlechte Leute seien sie nicht; man habe in diesem Land oft keine andere Wahl. Die kleinen Fische versuchten gewissermaßen, den Großen was abzuluchsen. Die Fischer scherzen und lachen, während ihr Land auf den Abgrund zusteuert. Ihr unerschütterlicher Humor bewahrt sie vielleicht davor, verrückt zu werden. Noch halten sie sich mit allen möglichen Gelegenheits- und Zweitjobs über Wasser, noch helfen sie einander, wo sie können. Aber wie lange geht das noch?
Es ist eigentlich absurd. In den ganzen Sicherheits- und Risikoanalysen, die in den letzten Jahren oder Jahrzehnten kursierten, haben nur wenige den bevorstehenden Zusammenbruch der Wirtschaft vorhergesagt. Der ist das Ergebnis von eklatanter Korruption, Intransparenz, Missmanagement, Klientelismus und Gier. Dieselben Probleme haben die gewaltige Explosion am Hafen von Beirut am 4. August 2020 verursacht, vor der offenbar keiner der vielen ausländischen Geheimdienste im Land warnen konnte. Der Hafen von Tripolis, einst die Lebensader dieser Stadt, kränkelt umgekehrt schon seit Jahrzehnten. Auch da spielt Klientelpolitik eine zentrale Rolle. Hinzu kamen geopolitische Faktoren, welche die Stadt ins wirtschaftliche Abseits verbannten. Schon vor der großen Wirtschaftskrise lebten über die Hälfte der Bewohnerinnen von Tripolis in Armut, in den ärmsten Stadtteilen fast 90 Prozent. Besonders in diesen Vierteln haben in den letzten Jahrzehnten salafistische Prediger eine Anhängerschaft gefunden. Sie gerieten zunehmend in den Fokus von Geheimdiensten, vor allem, als sie begannen, Kämpfer für den Krieg in Syrien zu rekrutieren. Die Sorge darüber war ausgesprochen berechtigt. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass der Extremismus lediglich die Spitze eines riesigen Eisbergs fehlgeleiteter Politik ist. Und die tiefere Analyse dieser Politik findet in den Machtzentren der Welt und in den Medien wenig Beachtung.
Für die Politik sind strukturelle Probleme langwierige, mühsame Herausforderungen, die mit wenig Ruhm und wenig populistischem Wert verbunden sind. Sie anzupacken, erfordert manchmal, bei den eigenen Interessen anzusetzen. In den Medien verkaufen sich Themen wie Rechtsstaat und Klientelismus einfach weniger gut als Jihadi-Bösewichte. Tripolis wurde in den lokalen libanesischen Medien lange reißerisch als »Libanons Kandahar« betitelt, in Anspielung auf das einstige Machtzentrum der Taliban in Afghanistan, die gerade erneut spektakuläre Schlagzeilen machen – und in einem dystopischen Déjàvu der ganzen Welt vor Augen führen, wie bitter die Bilanz des sogenannten Kriegs gegen den Terror ausfällt.
Wenn ich über Tripolis nachdenke und schreibe, dann denke ich auch über die weitere Region nach, die heute, zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling, tiefgreifende Umwälzungen durchmacht. Tripolis hat in seiner Geschichte viele Wandlungen vollzogen, von der Kreuzritterfestung zur Provinzhauptstadt des Mamelukenreichs, vom kosmopolitischen Handelsknotenpunkt am Mittelmeer zum verarmten Nest, in dem islamistische Bewegungen für Schlagzeilen sorgten. In den sechziger Jahren träumten hier linke Intellektuelle von einem großen arabischen Staat, der sich von den Kolonialmächten emanzipieren würde und nach progressiven, sozialistischen Idealen gestaltet wäre, ehe sich der politische Islam verbreitete. Nur die Fischer waren wohl immer hier, seit die Stadt als phönizischer Hafen vor Tausenden Jahren gegründet wurde.
Bei meinem ersten Besuch in Tripolis als Arabischstudentin hatte ich von der politischen Realität dieser Stadt nur vage Vorstellungen. Das war 2005, kurz nachdem die syrischen Truppen Libanon nach jahrzehntelanger Besetzung verlassen hatten. Von damals sind ein paar Schwarzweißfotos geblieben, aufgenommen mit einer alten analogen Kamera meines Vaters. Die Bilder zeigen ein neugieriges Mädchen, dem ich in gebrochenem Anfängerinnenarabisch erzählt hatte, woher ich komme, den geschäftigen arabischen Souk und einen Hammam, der nicht mehr in Betrieb war, durch dessen sternenförmige Löcher in der Kuppeldecke Sonnenstrahlen die kühle Dunkelheit durchbrachen. In Erinnerung blieb mir vor allem der Souk, den es in Beirut nicht mehr gibt; dort wurde das historische Stadtzentrum vom Bürgerkrieg beschädigt und dann von der Immobilienspekulation ruiniert. Ironischerweise hat Tripolis gerade wegen seiner Armut und seiner politischen Marginalisierung einen Teil seines historischen Kulturerbes vor der Zerstörung bewahrt. Denn mit seiner Verdrängung an die Peripherie lag es auch nicht mehr im Zentrum des Konfliktes.
Später fand ich in Tripolis einen Teil meines geliebten Syriens, wo ich als Studentin in den Jahren 2006 und 2007 gelebt hatte und dessen...




