Bondoux / Mourlevat Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-552-06329-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-552-06329-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne-Laure Bondoux, geboren 1971, liebt die Landschaft, die an einem Zugfenster vorbeizieht, englische Popmusik und die Filme der Coen-Brüder.
Weitere Infos & Material
Von: Josy
28. März 2013An: Pierre-Marie
Pierre-Marie,
vielen Dank für deine rasche Antwort! Lisbeth wird überglücklich sein, ich werde deine Adresse sofort an sie weiterleiten.
Ich düse jetzt zu Max ins Krankenhaus. Werde ihm sein Handy bringen, aber du kennst ihn ja: Er hat seinen eigenen Kopf. Du kannst trotzdem versuchen, ihn anzurufen. Ich werde ihm in jedem Fall sagen, was du mir geschrieben hast.
Lisbeth ist eine intelligente Frau, sie kapiert sofort, dass du hinsichtlich ihres Projekts Bedenken hast. Ich freue mich, dass du dich an euer ausgelassenes Gelächter auf der Terrasse erinnerst!
Bleib gesund
Josy
Von: Pierre-Marie
28. März 2013An: Adeline
Liebe Bankier-Bezirzte,
verbringe den ganzen Tag in einer Fachoberschule in Valence. Lange zurückliegendes Versprechen an die charmante Schulbibliothekarin. Ich schreibe Ihnen nach meiner Rückkehr heute Abend.
Ja, ich bin am 5. Mai 1952 in Dieulefit im Departement Drôme auf die Welt gekommen. Was haben Sie mit dieser Info vor?
Pierre-Marie, Schriftsteller außer Betrieb
Von: Adeline
28. März 2013An: Pierre-Marie
Lieber Schriftsteller außer Betrieb,
ich wünsche Ihnen einen schönen Tag in Gesellschaft dieser charmanten Schulbibliothekarin! Ist ihr Po nach Ihrem Geschmack? Wie dem auch sei, ich freue mich zu hören, dass Ihre Augen noch sprühen, anders als Ihr Herz … und Ihr Stift. (Apropos, schreiben Sie eigentlich von Hand oder auf dem Computer?)
Vielen Dank für die Bestätigung Ihres Geburtsdatums. »Dieulefit«, was für ein wunderbarer Geburtsort für einen kreativen Menschen. Was ich mit diesen Informationen vorhabe, werden Sie bei Gelegenheit erfahren, auch steht der Bericht über mein gestriges Abendessen noch aus. Heute bin ich genau wie Sie früh aufgestanden, um wegzufahren. Ich tue so geheimnisvoll, um Sie in Atem zu halten …
Ich schicke liebe Grüße und schlüpfe gleich in ein Paar Stiefel: Sarthe ersäuft im Regen, ich zögere noch zwischen Auto und Kanu.
Adeline
Von: Lisbeth P. Destivel
28. März 2013An: Pierre-Marie Sotto
Lieber Pierre-Marie Sotto,
ich bin Ihnen unendlich dankbar, dass Sie Josy erlaubt haben, mir Ihre E-Mail-Adresse zu geben. Ich kann mir gut vorstellen, wie belagert Sie sind, und hätte mir niemals herausgenommen, Sie zu stören, wenn wir nicht diesen schönen Abend miteinander verbracht hätten. Josy hat mir erzählt, dass Sie die Terrasse in Bandol nicht vergessen haben. Auch nicht, dass wir uns beide vor Lachen gekugelt haben. Darüber bin ich sehr glücklich!
An diesem denkwürdigen Abend habe ich Sie, glaube ich, geduzt. Das traue ich mich jetzt nicht mehr, nachdem ich Ihr Werk gelesen habe. Es ist verrückt, aber damals konnte ich die Ehre gar nicht ermessen, die mir durch unsere Begegnung zuteilwurde. Das war vor Ihrem Goncourt! Seither habe ich eifrig alle Nachrichten über Sie verfolgt. Von Ihren Romanen berührt mich zweifellos Eine Frau an ihrem Fenster am meisten, zum einen aus persönlichen Gründen (wie Ihre Heldin bin ich in den besten Jahren, Witwe, kinderlos), zum anderen aber auch aus ästhetischen Gründen, denn die Eleganz Ihres Stils erreicht in diesem Text ihren Höhepunkt. Dennoch schreibe ich Ihnen heute, wie Josy Ihnen bereits mitgeteilt hat, bezüglich Die Wiederkehr des Tiers.
Seit ich mich im Vorruhestand befinde, engagiere ich mich aktiv in einer Stadtteilinitiative in Le Mans, die sich insbesondere um Frauen in Schwierigkeiten kümmert. Sie sind betroffen von Prekariat, Alkoholismus und häuslicher Gewalt, Themen, die sich durch Ihre Romane ziehen. Darum habe ich überlegt, ihnen auf der Grundlage Ihres Romans ein Theaterprojekt vorzuschlagen (ich selbst bin seit vielen Jahren als Laienschauspielerin aktiv).
Vor ein paar Monaten habe ich mich an den Text gesetzt, und ich bin bald fertig. Haben Sie keine Angst, die Struktur bleibt erhalten. Die einzige Form der Untreue besteht in Kürzungen (ich musste insbesondere auf die Szene verzichten, in der die Polizisten auf der Bildfläche erscheinen, zu kompliziert für die Bühne) und darin, dass ich etwas mehr »Drive« in Ihre Dialoge bringe.
Ich werde zu ausführlich, verzeihen Sie mir, aber ich könnte stundenlang von dieser Arbeit erzählen, so begeistert bin ich davon! Jetzt komme ich zu meinen Fragen:
1 – Gestatten Sie mir, das Stück aufzuführen (im Jugendzentrum Pierre-Bourdieu in Le Mans), und wie hoch ist der Betrag, den ich für die Überlassung der Rechte an Sie entrichten müsste?
2 – Hätten Sie den Wunsch, die Neugier und die Freundlichkeit, meine Theaterfassung zu lesen?
3 – Die wichtigste: Ich würde Sie gern einladen, die Frauen unseres Vereins kennenzulernen. Für die Frauen wäre es sensationell, mit einem Schriftsteller sprechen zu können, bevor sie in die Haut seiner Figuren schlüpfen. Da ich Sie persönlich kennengelernt habe, weiß ich, dass Sie ein feiner Mensch sind, zugänglich und offen. Und ein Genießer, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt? Sollten Sie kommen, würden wir Ihnen einen fürstlichen Empfang bereiten! (In meinem Keller lagern ein paar große Weine, die mein verstorbener Mann nicht mehr trinken konnte, ich lege eine Flasche für Sie beiseite.)
So, ich schicke meine Flaschenpost jetzt auf die Reise! Sollten Sie »ja« sagen, wäre ich überglücklich, und meine »Mädels« (wie ich sie nenne) wären es mindestens ebenso sehr wie ich. Selbstverständlich hätte ich aber auch großes Verständnis dafür, sollte Ihr Terminkalender es Ihnen nicht erlauben, hierherzukommen.
In Erinnerung an unsere Lachkrämpfe herzliche Grüße
Lisbeth P. Destivel
Von: Pierre-Marie Sotto
28. März 2013An: Lisbeth P. Destivel
Guten Abend, Lisbeth,
haben Sie vielen Dank für Ihre begeisterte Nachricht. Und danke auch, dass Sie meine Aktivitäten seit Bandol so treu verfolgt haben.
Sehr gern erteile ich Ihnen die Erlaubnis, Die Wiederkehr des Tiers für das Theater umzuschreiben. Hinsichtlich der Rechte: Wenn es sich nur um wenige Aufführungen handelt und alles in einem vereinsinternen Rahmen bleibt, rate ich Ihnen, meinen Verleger gar nicht erst anzusprechen. Spielen Sie das Stück und genießen Sie es. Sollten Sie hingegen Eintrittsgelder nehmen und mit dem Stück auf Tournee gehen, dann müssten Sie Kontakt mit ihm aufnehmen.
Seien Sie mir nicht böse, aber ich ziehe es vor, Ihre Adaption nicht zu lesen, denn ich kenne mich genau. Wenn ich meine Nase hineinstecke, werde ich schnell unerträglich!
Ihre Einladung ist sehr charmant, doch bedauerlicherweise liegen Le Mans und Drôme weit auseinander, und ich stecke aktuell mitten in einem Roman, der meine Zeit und Energie beansprucht. Ich weiß noch nicht, wann ich damit fertig sein werde, doch bis dahin achte ich darauf, mich nicht zu sehr ablenken zu lassen. Ich hoffe, Sie sind mir nicht allzu sehr gram.
Mit den besten Wünschen für Sie und Ihre Mädels. Bestellen Sie ihnen schöne Grüße von mir.
Ihr Pierre-Marie Sotto
Von: Pierre-Marie
28. März 2013An: Adeline
Liebe Adeline,
das hier gefällt mir gar nicht! Nicht allein, dass ich Ihnen gegenüber untreu war, indem ich eine Mail an eine andere Frau aus Ihrer Gegend geschickt habe (unverzeihlich!), vor allem habe ich sie mit einer Lüge beendet, die dicker ist als ich (nicht dicker als Sie, das habe ich nicht gesagt!). Ich will es Ihnen erklären:
Unter dem Vorwand, die Zufälle des Lebens hätten vor mehr als zwölf Jahren (ja, es war der Sommer 2000 und ich hatte mich gerade vennskapelig scheiden lassen, das ist Norwegisch und bedeutet einvernehmlich) dafür gesorgt, dass wir uns zusammen vor Lachen ausgeschüttet und mehrere Flaschen provenzalischen Rosé geleert hätten, taucht diese Frau plötzlich aus der Versenkung auf und will Folgendes von mir: 1) dass ich ihr gestatte, Die Wiederkehr des Tiers zu verstümmeln, indem sie es mit ihrer Laienschauspieltruppe auf die Bühne bringt; 2) dass ich ihre Theaterfassung lese, ohne mich zu erhängen; 3) dass ich nach Le Mans fahre, um mich mit ihr und ihren Künstlerfreundinnen erneut volllaufen zu lassen.
Meine Antwort darauf lautete in chronologischer Reihenfolge: ja, nein und nein, und ich habe mich gedrückt, indem ich vorgab, aktuell mitten in einem Roman zu stecken, der meine Zeit und Energie...




