E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Bonelli Vollzeitmutter
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-99001-680-0
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der wichtigste Beruf der Welt
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-99001-680-0
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Victoria Bonelli, geboren in Wien, entschied sich nach einer vielversprechenden akademischen Laufbahn inklusive Studium der Kommunikationswissenschaften unerwartet gegen ihre Karriere und für ein Leben als Hausfrau und Mutter, und hat diese Entscheidung nie bereut. Heute lebt sie glücklich und erfüllt mit ihren fünf Kindern und ihrem Mann in Wien.
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KAPITEL 1
Abenteuer im Auto
Um Himmels willen! Auch das noch! Bitte nicht! Einen Moment lang saß ich wie gelähmt da. Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf. Was nun? Sollen wir umdrehen? Zu spät! Warum gerade jetzt? Und warum im Auto? Unser ältester Sohn Primus hatte sich übergeben. Die halbe Rückbank war voll mit Erbrochenem, es stank. Der Kleine war gesund, da war ich mir sicher. Es lag mal wieder an der Autofahrt. Als Kind war es bei mir ja ähnlich gewesen. Ob im Flieger, in der Bahn, im Bus oder im Auto: Kaum war ich länger unterwegs, ging es los. Ich übergab mich. Allein der Gedanke an längere Fahrten löste ein Angstgefühl in mir aus. Umso mehr ärgerte mich die Sache. Ich hätte es wissen müssen. Primus war wie ich früher. Warum hatte ich keine Ersatzkleidung eingepackt? Wie ärgerlich!
Da fielen mir die Worte meines Mannes wieder ein. Er sagt immer schmunzelnd, auch heute noch, ich sei keine Perfektionistin. Genau das wäre das Schöne an mir, ich entschärfe angespannte Situationen, wirke beruhigend. Nun ja, mag sein, aber in diesem Augenblick bereute ich, keine zu sein. Einer Perfektionistin wäre das nicht passiert: Das Kind erbricht sich und Plan B fehlt. Schreien? Einfach laut drauf los schreien? Das hätte das Problem auch nicht gelöst.
Ich drehte mich zu meinem Mann. Dieser wirkte total entspannt, er lächelte sogar still vor sich hin. Die Kinder waren auch gut drauf. Ich liebe das, wenn mein Göttergatte in der Krise ruhig bleibt. Ein Exemplar, das in so einer Situation zu weinen beginnt, könnte ich nicht brauchen. Ich mag keine hysterischen Männer.
»Alles okay, Primus?«, fragte ich unseren Sohn.
»Alles wieder gut, Mama.«
Na dann. Mein Traummann kicherte gut gelaunt und öffnete die Fenster. Seine gute Laune war ansteckend. Er kann mich so am besten aus dem Drama holen. Plötzlich lachten wir alle mit. Wir saßen, im Hochsommer, zu sechst in einem vollgekotzten Auto auf dem Weg zu einer Hochzeit ins Südburgenland, und lachten. Einfach so. Spontan. Ist das nicht irgendwie komisch? Mein Mann und ich vorne, hinter uns vier kleine Buben im Alter zwischen sechs Jahren und drei Monaten, mitten im Erbrochenen, und wir konnten nicht anders, als zu lachen.
Im Nachhinein betrachtet war es ein verbindendes Erlebnis. Die Kinder blieben ruhig, vermutlich wussten sie, dass es keinen Sinn machte, sich über den Gestank und Primus zu beschweren. Es war eben so, wie es war, und es musste weitergehen.
Mein geliebter Ehemann suchte jetzt eine Gelegenheit, das Auto und den Buben zu sanieren. Ich war froh, mich mal zurückzulehnen. Mitten in der Pampa entdeckte er ein hübsches bäuerliches Haus mit einem Trampolin im Garten. Ein Trampolin? Welch Segen! Die hatten Kinder! Er blieb einfach stehen. Primus brauchte neue Kleidung und außerdem wollten wir das Auto sauber kriegen und den Geruch hinaus. Ich war gespannt. Wer Kinder hat, weiß, was alles möglich ist. Mit Kindern passieren die verrücktesten Sachen und das zu den unpassendsten Zeiten. So wie an diesem Tag, am Weg zur Hochzeit. Oder, wenn ich schnell mal wegmuss und mir irgendeiner meiner fünf Söhne die Schuhe versteckt, aber leider nicht mehr weiß, wo sie sind. Kinder zu haben ist ein Abenteuer, an dem wir wachsen, aber manchmal ein kleinwenig verzweifeln können. Dieser Tag war besonders speziell, nichts lief, wie es sollte, und ich ahnte, es würde noch länger so weitergehen.
Mein Mann klopfte an die Tür, während ich verschämt im Auto blieb. Ein bisschen peinlich war mir die Situation schon. Ein netter Herr öffnete sie. Meine bessere Hälfte erzählte amikal und völlig natürlich, was uns passiert war, und bat ohne Scham um Hilfe. Er stieß überraschenderweise sofort auf Verständnis. »Wir haben auch Kinder, zwei Söhne, ich kenne das.« Der Herr lächelte. Ich war erleichtert. Gott sei Dank war ich nicht allein mit den Kindern unterwegs, an der Unverschämtheit muss ich noch arbeiten!
Der hilfsbereite Herr wusste gleich, was zu tun war, und brachte einen Eimer Wasser mit Putzfetzen. Mein Mann und ich legten gleich los und befreiten das Auto vom Erbrochenen. Die Kinder hatten wir in der Wiese geparkt.
Als wir fertig waren, fiel mein Blick auf Primus. Ach ja, genau, er brauchte frische Sachen, egal, was. So konnten wir nicht weiterfahren. Ich flüsterte das meinem Mann und der bat den Hausherrn nonchalant nun auch noch darum. Auch schon egal. Der lachte nur. »Leider ist meine Frau nicht da, sie ist mit unseren Söhnen unterwegs, aber ich schau mal, was ich finde.«
Nur waren die Söhne des Mannes deutlich älter als Primus, gleich drei oder vier Jahre. Er kam also mit einem Fußballdress zurück, in das Primus zweimal hineingepasst hätte. Egal, Hauptsache er hatte frische Sachen für ihn. Wir bedankten uns und notierten die Adresse, ein paar Tage später schickten wir ihm den Dress, das bunte T-Shirt und die kurze Hose zurück.
War das ein Abenteuer! Dabei hatte der Tag ruhig und entspannt begonnen, ich kann mich noch gut daran erinnern. Es war warm, mitten im Juni, vor etwas mehr als drei Jahren. Wir hatten damals vier Kinder, den Jüngsten, Quartus, stillte ich noch. An dem Morgen kam mein Traummann zu mir und nahm den Kleinsten, weil er wollte, dass ich mich ausschlief, was mir nach dem Stillen in der Nacht guttat. Danach warf ich mich in Schale: High Heels und dazu ein elegantes dunkelblaues Kleid. Mama ging aus! Endlich wieder eine Gelegenheit!
Meine Mutter schenkt den Buben jedes Jahr schöne Kleidung, und zwar für alle das Gleiche, etwas für besondere Anlässe, einen Einheitslook. Ich finde die Idee wunderbar, sie hat etwas Verbindendes. So sieht jeder, dass die Jungs zusammengehören, es ist wie eine Art Ritual. Sie sind ein Rudel. Und es fällt uns auch viel leichter, sie alle in einer größeren Gruppe im Blick zu behalten. Das erste Mal sah ich so etwas in Sevilla, der wunderschönen Hauptstadt Andalusiens. Ich war damals 19 und Studentin. Es war im Sommer, im August, ich war dort auf Urlaub und sah vor einer Kirche eine Familie mit mehreren Kindern, die alle das Gleiche trugen. Ich konnte kaum den Blick von dieser Schar lassen, die noch dazu wohlerzogen schienen. Dieses Bild hat sich tief in mir eingeprägt. Es hatte etwas Liebes, Sanftes und zugleich unglaublich Starkes. Hier sind wir! Wir gehören zusammen und stehen für dieselben Werte! Für Glauben, Familie, Freundschaft, Bescheidenheit, Normalität.
So fühlte sich der Gemeinschaftslook damals für mich an und so mag ich ihn auch heute noch bei unseren Kindern, aber nur für besondere Anlässe, es wäre mir sonst zu aufwändig. Die Hochzeit im Südburgenland war so ein Anlass. Sie hatten Omas Sachen an, dunkelblaue Chinohosen und hellblaue Hemden. Alle gleich. Wie süß, als ich sie am Morgen so im Flur stehen sah! Doch es sollte eben anders kommen, mittendrin hatte sich ein Fußballer eingeschlichen, Primus, im kunterbunten Fußballdress! Die viel zu große Hose rutschte ihm ständig hinunter, er war größtenteils damit beschäftigt, dass sie dort blieb, wo sie sein sollte.
Trotz des lustigen Zwischenfalls kamen wir rechtzeitig zur Hochzeit. Die Messe ging gerade los und dauerte etwa eineinhalb Stunden. Für Kinder ist das lange, aber unsere Jungs sind den Besuch der heiligen Messe gewohnt und haben gelernt, auch mal brav und ruhig zu sein – zur Abwechslung. Die Schönheit der Liturgie war wie eine Belohnung für all das, was wir an dem Tag gemeinsam durchgemacht hatten. Nach der Messe war der offizielle Empfang, wir standen vor der Kirche, draußen im Freien, bei herrlichem Sonnenschein. Die Kinder stürzten sich aufs Buffet. Für manche sahen wir vielleicht ein wenig merkwürdig aus. Wie wir so dastanden, schick und aufgebrezelt, und mittendrin Primus im bunten Fußballtrikot. Umso erleichterter war ich, dass es ihm gut ging und er bei bester Laune war. Er hüpfte zwischen dem vielen Essen hin und her und verschlang ein Brötchen nach dem anderen.
»Ich kann mir schon denken, was passiert ist«, sagte eine Freundin, die sich das Lachen nicht verkneifen konnte. Sie hatte selbst sechs Kinder, ich musste ihr gar nicht erst erklären, was los war.
»Kinder«, sagte sie, »das sind eben Kinder.« Oh, wie recht sie hatte! Mit Kindern können wir nie alles perfekt planen, vor allem nicht, wenn es viele sind, und schon gar nicht, wenn Babys ins Spiel kommen. Und so ging unser Abenteuer weiter …
Quartus, damals unser Jüngster, sollte noch eins draufsetzen. Ich hatte mich nach der Messe mit ihm zurückgezogen, um ihn zu stillen, danach gab ich den Kleinen meinem Mann, der ihn liebevoll nahm. Tja. Das war’s dann. Quartus erbrach die ganze Muttermilch über den Rücken des feinen Cutaways meines Mannes. Die Milch war überall, oben, unten und in der Mitte seines schwarzen Anzugs. Da war es dann auch schon egal. Immerhin war es nur hinten. Mein Mann lachte. Es musste so...




