Bonhoeffer / Zimmerling | Du wartest jede Stunde mit mir | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Bonhoeffer / Zimmerling Du wartest jede Stunde mit mir

Die Briefe aus dem Gefängnis
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7655-7526-6
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Briefe aus dem Gefängnis

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-7655-7526-6
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Es gibt hier in der Zelle keine größere Freude als Briefe' - Briefe waren für Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis eine Art Lebenselexier. Durch die Briefe, veröffentlicht unter dem Titel 'Widerstand und Ergebung', konnte Bonhoeffer weiterhin Anteil nehmen am Leben seiner Lieben - seiner Eltern Karl und Paula Bonhoeffer, seiner Verlobten Maria von Wedemeyer und seinem Freund Eberhard Bethge. Und in den Briefen, die Bonhoeffer aus dem Gefängnis heraus selber schrieb, konnte er sich der Außenwelt mitteilen. Persönliches und theologische Überlegungen sind daher in diesen Briefen untrennbar miteinander verwoben. Durch seine Briefen wird sich Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis bewusst, dass es nicht um Religion als einen isolierten Bereich des Lebens geht, sondern darum, ganz Mensch zu sein, um ganzheitliche Nachfolge - darum, mit all seinen Bedürfnissen ganz diesseitig an Christi Leben, aber auch an seinem Leiden und Sterben teilzuhaben - und Verantwortung für diese Welt und auch für kommende Generationen zu tragen. Die Briefe an seine wichtigsten Bezugspersonen - seine Eltern, seine Verlobte und seinen besten Freund - sind in dieser Ausgabe erstmalig chronologisch zusammengestellt, denn in 'Widerstand und Ergebung' sind seine Briefe an Maria von Wedemeyer nicht enthalten.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein lutherischer Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Er war Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde und schloss sich ab 1938 dem Widerstand um Admiral Wilhelm Franz Canaris an. 1940 erhielt er zunächst Rede-, ab 1941 auch Schreibverbot. 1943 wurde er verhaftet und am 9. April 1945 als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, im KZ Flossenbürg hingerichtet. (Quelle Wikipedia)
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34. An Eberhard Bethge


18. November 1943

Ich die Gelegenheit Deiner Nähe einfach wahrnehmen, Dir zu schreiben. Du weißt ja, dass man mir hier sogar den Pfarrer versagt hat; aber selbst wenn er gekommen wäre – und ich bin eigentlich ganz froh, dass ich die Bibel habe –, hätte ich mit ihm ja nicht so sprechen können, wie ich es eben allein mit Dir kann.

Du kannst Dir kaum denken, wie ich in den ersten Wochen meiner Haft darum gebangt habe, dass Dir Deine Heiratspläne nicht zerschlagen würden, ich habe sehr für Dich gebetet und für Renate und Gott für jeden Tag gedankt, an dem ich Gutes von Euch hörte. Auch Euer Hochzeitstag war ein Freudentag für mich wie ganz wenige. Später im September habe ich darunter gelitten, Dir nicht beistehen zu können. Aber die Gewissheit, dass Du bisher so unglaublich freundlich geführt worden bist, hat mich ganz zuversichtlich gemacht, dass Gott es sehr gut mit Dir meint. Dass Ihr ein Kind erwartet, Eberhard, das freut mich so, wie ich es gar nicht sagen kann. Lass uns dieses Kind auf seinem Weg in die Welt mit vielen, vielen Gebeten begleiten!

Und nun sei mir heute – nach so langen Monaten ohne Gottesdienst, Beichte und Abendmahl und ohne consolatio fratrum [Rat der Brüder] – wieder einmal, wie Du es schon so oft gewesen bist, mein Pfarrer und höre mich an. Es wäre ja so unendlich viel zu berichten, was ich Euch beiden gern erzählen wollte; aber heute kann es nur das Wesentlichste sein und so gilt dieser Brief Dir allein. Was Du davon weitergeben kannst, weißt Du allein. Seit Du einmal vor vielen Jahren für mich und mit mir gebetet hast – ich vergesse das nie –, glaube ich, dass Du für mich bitten kannst wie kein anderer. Darum wollte ich Dich bitten und auch ich tue es täglich für Dich. Und nun lass Dir also einiges berichten, was Du über mich wissen sollst. In den ersten 12 Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und behandelt wurde – meine Nachbarzellen sind bis heute fast nur mit gefesselten Todeskandidaten belegt –, hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt, dazu die Psalmen und die Apokalypse. Ich bin in diesen Tagen vor allen schweren Anfechtungen bewahrt worden. Du bist der einzige Mensch, der weiß, dass die „acedia“ [Trägheit] – „tristitia“ [Traurigkeit] mit ihren bedrohlichen Folgen mir oft nachgestellt hat, und hast Dir vielleicht – so fürchtete ich damals – in dieser Hinsicht Sorgen um mich gemacht. Aber ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ich weder den Menschen noch dem Teufel diesen Gefallen tun werde; dies Geschäft sollen sie selbst besorgen, wenn sie wollen; und ich hoffe, immer dabei bleiben zu können.

Anfangs beunruhigte mich auch die Frage, ob es wirklich die Sache Christi sei, um derentwillen ich Euch allen solchen Kummer zufüge; aber bald schlug ich mir diese Frage als Anfechtung aus dem Kopf und wurde gewiss, dass gerade das Durchstehen eines solchen Grenzfalles mit aller seiner Problematik mein Auftrag sei und wurde darüber ganz froh und bin es bis heute geblieben. 1Petr 2,20; 3,14.

Persönlich machte ich mir Vorwürfe, die Ethik nicht abgeschlossen zu haben (z.T. ist sie wohl beschlagnahmt) und es tröstete mich etwas, dass ich das Wesentliche Dir gesagt hatte, und wenn Du es auch nicht mehr wüsstest, so würde es doch irgendwie indirekt wieder auftauchen. Außerdem waren meine Gedanken ja auch noch unfertig.

Dann empfand ich es als Versäumnis, den lange gehegten Wunsch, mit Dir wieder einmal zum Abendmahl zu gehen, nicht durchgeführt zu haben. Ich wollte Dir dabei immer einmal sagen, wie dankbar ich Dir war, dass Du meine tyrannische und selbstsüchtige Art, unter der Du oft zu leiden hattest, und alles, womit ich Dir das Leben manchmal schwer gemacht habe, mit so viel Geduld und Nachsicht getragen hast. Ich bitte Dich dafür um Verzeihung und weiß doch, dass wir – wenn auch nicht leiblich – so doch spiritualiter der Gabe der Beichte, Absolution und Kommunion teilhaftig geworden sind und darüber ganz froh und ruhig sein dürfen. Aber sagen wollte ich es einmal.

Sobald es ging, habe ich angefangen (außer täglicher Bibelarbeit; ich habe 2 1/2 Mal das Alte Testament gelesen und viel gelernt) Nichttheologisches zu arbeiten. Ein Aufsatz über das „Zeitgefühl“ entsprang hauptsächlich dem Bedürfnis, mir meine eigene Vergangenheit gegenwärtig zu machen in einer Situation, in der die Zeit so leicht „leer“ und „verloren“ erscheinen konnte. Dankbarkeit und Reue sind es, die uns unsre Vergangenheit immer gegenwärtig halten. Aber darüber später mehr.

Dann ging ich an ein kühnes Unternehmen, das mir auch schon lange vorgeschwebt hat; ich begann, die Geschichte einer bürgerlichen Familie unserer Zeit zu schreiben. All die unzähligen Gespräche, die wir beide in dieser Richtung geführt haben, und alles selbst Erlebte bildete dafür den Hintergrund, kurz eine Rehabilitierung des Bürgertums, wie wir es in unseren Familien kennen, und zwar gerade vom Christlichen her. Die Kinder zweier befreundeter Familien wachsen allmählich in die verantwortlichen Aufgaben und Ämter einer kleinen Stadt hinein und versuchen gemeinsam den Aufbau des Gemeinwesens, Bürgermeister, Lehrer, Pfarrer, Arzt, Ingenieur. Viele Dir bekannte Züge würdest Du darin entdecken und Du kommst auch darin vor. Aber noch bin ich nicht weit über die Anfänge hinausgekommen, besonders durch die immer wieder falschen Prognosen über meine Entlassung und die damit verbundene innere Ungesammeltheit. Es macht mir aber große Freude. Nur spräche ich gern täglich mit Dir darüber. Ja, das fehlt mir überhaupt mehr, als Du Dir denkst. Der Ursprung unserer Gedanken lag wohl oft bei mir, aber die Klärung völlig bei Dir. Ob ein Gedanke etwas taugte oder nicht, das erfuhr ich nur im Gespräch mit Dir! Ich sehne mich danach, Dir etwas von dem Geschriebenen vorzulesen. Die Einzelbeobachtung ist bei Dir so sehr viel besser als bei mir. Vielleicht stellt es sich als tolle Anmaßung heraus?!

Nebenbei schrieb ich einen Aufsatz über: „Was heißt: die Wahrheit sagen?“ und zur Zeit versuche ich, Gebete für Gefangene zu schreiben, die es merkwürdigerweise noch nicht gibt und die vielleicht Weihnachten verteilt werden sollen.

Und nun die Lektüre. Ja, Eberhard, dass wir Stifter nicht gemeinsam kennengelernt haben, bereue ich sehr. Das hätte unsere Gespräche sehr gefördert. Das muss nun auf später vertagt werden. Aber ich habe Dir darüber viel zu erzählen. Später? Wann und wie wird es sein? Ich habe für alle Fälle dem Anwalt ein Testament übergeben, in dem ich Dir fast alles, was ich habe, zugeschrieben habe. Nur Maria muss sich vorher heraussuchen dürfen, was sie haben möchte als Erinnerung. Sei in diesem Fall zu Maria bitte sehr gut, und wenn es geht, schreibe ihr schon jetzt von Zeit zu Zeit in meiner Vertretung ein paar nette Worte, wie Du das so gut kannst, und sag ihr ruhig, dass ich Dich darum gebeten habe. Aber vielleicht – oder sicher – gehst Du jetzt in größere Gefahr! Ich werde jeden Tag an Dich denken und Gott bitten, Dich zu behüten und zurückzuführen. Nimm bitte , was Du von meinen Sachen brauchen kannst, mit, es freut mich , wenn ich es bei Dir weiß! Und lass Dir von den Lebensmitteln, die für mich gekommen sind, so viel mitgeben, wie Du irgend verwenden kannst! Es wäre mir ein sehr beruhigender Gedanke!

Ich hörte so gern sehr, sehr viel von Dir! Manchmal habe ich gedacht, es wäre für Euch beide eigentlich ganz gut, dass ich nicht da bin. Der Konflikt zwischen Ehe und Freundschaft, der anfangs gar nicht so leicht zu lösen ist, blieb Euch erspart und wird später keiner mehr sein. Aber das ist nur ein Privat- und Nebengedanke, über den Du nicht lachen musst!

Ob es sich für den Fall, dass ich nicht verurteilt werde, sondern freikomme und eingezogen werde, nicht einrichten ließe, dass ich in Deine Gegend komme? Das wäre doch herrlich! Übrigens mach Dir, falls ich verurteilt werden sollte, was man nie wissen kann, gar keine Sorge um mich! trifft mich wirklich nicht, außer dass ich dann eben bis zur „Bewährungsfrist“ wohl noch ein paar Monate sitzen muss, und das ist natürlich nicht schön. Aber schön ist vieles nicht! Die Sache, für die ich verurteilt werden würde, ist so einwandfrei, dass ich nur stolz darauf sein dürfte. Im Übrigen hoffe ich, dass, wenn Gott uns das Leben erhält, wir wenigstens Ostern wieder froh miteinander feiern können! Und dann taufe ich – sub conditione Jacobea – Euer Kind!

Und nun, leb wohl, lieber Eberhard. Ich erwarte keinen langen Brief von Dir. Du hast jetzt wenig Zeit. Aber lass uns einander versprechen, treu in der Fürbitte füreinander zu bleiben. Ich werde für Dich um Kraft, Gesundheit, Geduld und Bewahrung vor Konflikten und Versuchungen bitten. Bitte Du für mich um das Gleiche. Und wenn es beschlossen sein...



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