E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Bonné Ein langsamer Sturz
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7317-6085-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6085-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg und der Provence. Fu?r seine Übertragungen aus dem Französischen und Englischen, u. a. von Joseph Conrad, John Keats, Grace Paley und Oscar Wilde, erhielt er zuletzt den Hamburger Literaturpreis fu?r Übersetzung 2020. Fu?r sein schriftstellerisches Werk, das neben vielbeachteten und wiederholt fu?r den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er u.a. mit dem Prix Relay (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010), dem Rainer Malkowski-Preis (2014) und einer Nominierung fu?r den Alfred-Döblin-Preis (2019) ausgezeichnet. Von der Hansestadt Hamburg erhielt er den Hubert-Fichte-Preis 2024 für sein Gesamtwerk.www.mirko-bonne.de
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bevor seine Maschine sicher landete, sah er durchs Bordfenster, dass auf dem Nachbarrollfeld ein Unfall passiert war. Ein großes Propellerflugzeug lag verdreht und eingeknickt halb auf dem Grasstreifen und halb auf der Piste. Ein Flügel ragte in die Höhe. Über die Rumpfunterseite schlängelten sich silberne Furchen, mächtige Kratzer, Spuren vom Schlittern.
Er hatte nicht in der Maschine gesessen!
Kein Grund zu jubeln. Unverletzt besah er sich das Wrack wie einer, der vom Himmel gefallen kommt. Er konnte Arme und Beine bewegen, doch gerade das kam ihm unwirklich vor. Als lande er in einem Zwischenreich.
Egal! Hauptsache, er lebte. Ein Glück, dass er einen anderen Flieger genommen hatte. Das Glück war auf seiner Seite gewesen, während die anderen Furchtbares durchlitten hatten in dieser Höllenmaschine, in der auch für Mario Ries ein Platz gewesen war.
ein furchtbares Glück.
Er musste sich das innerlich hersagen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Die türkische Stewardess wiederholte, dass die havarierte Fokker frühmorgens in Marseille gestartet war, und er merkte, dass der Schock nachließ. Zumal die Frau, die halb im Cockpit und halb im Korridor stand, irritiert schien, weil er ihr zum Abschied die Hand gab. Er spürte die kleine, vollkommen trockene Hand in der seinen so deutlich, als wäre sie aus Holz.
»Sie machen einen irritierten Eindruck«, sagte sie, so dass er ihr sicherlich hätte erklären können, dass er selber aus Marseille kam und nur durch eine Verkettung glücklicher Umstände über Brüssel hierher geflogen war.
Er sagte: »Ich bin nur zufällig hier«, was sie natürlich nicht verstehen konnte.
Nüchtern betrachtet gab es keinen Grund, verunsichert zu sein. Es hatte seine frühere Frau Rebecca immer belustigt, wenn er einen Platzregen als persönlichen Angriff betrachtete oder etwas auf sich bezog, das für sie entweder höhere Gewalt war oder so simpel wie das Gebot, bei unbeständigem Wetter die Faltregenjacke in die Handtasche zu stecken.
Im Shuttle-Bus lief Musik, während er beschloss, in Hamburg anzurufen. Die Hitze lähmte. Wenn er den Blick hob, kam der spiegelnde Asphalt ihm verlockend wie ein kühles Gewässer vor. Er sagte sich, dass er einer Täuschung aufsaß, und sah in die andere Richtung. Er beobachtete die junge Frau mit dem Pferdeschwanz und der Tennistasche. Bislang hatte er keine zwanzig Meter türkischen Boden betreten. Allerdings kannte er das Land. Desgleichen die Melodie im Bus, die so getragen war, dass sie einem Boxer als Hymne hätte dienen können.
Alle, die ausstiegen und zu dem verglasten Hauptgebäude hinübergingen, trugen viel leichtere Sachen als er mit seinem Straßenanzug. Er fiel zurück in der Gruppe und zückte das Handy. Er hatte seinen Roaming-Vertrag soeben erneuern lassen und konnte in ganz Europa telefonieren. Hier aber war Europa zu Ende. Wie genau nahm sein Handy das?
Hakan meldete sich nicht.
Hoppes Begrüßung beruhigte ihn: »Na endlich! Wo seid ihr? Schon im Pool gewesen?«
Helge Hoppe war vergrippt, dennoch klang seine Stimme in dem Gerät so jovial wie immer.
»Es hat einen Unfall gegeben«, begann Ries. Die Situation sprach für sich, fand er, außerdem waren taktische Telefonate nicht seine Sache. Er drehte sich um und sah ein paar Nachzügler aus dem Bus kommen.
»Warte mal«, hörte er Hoppe sagen und nahm sich im selben Moment vor, nicht als Letzter in die Schalterhalle zu gehen. Er wollte den Anruf kurz halten.
Hoppe sagte: »Also es hat einen Unfall gegeben. Was für einen Unfall? Sagst du mir, wo du steckst, bitte? Ich muss hier schließlich …«
»Wo, meinst du wohl, stecke ich? In Izmir natürlich! Ich habe eine andere Maschine genommen, weil es gestern Streit mit Hakan gab, und die Maschine, in der er saß, ist verunglückt. Sie liegt hier verteilt übers Rollfeld.« Das war übertrieben.
»Ja und?«, sagte Hoppe aus unerfindlichem Grund. »Hast du ihn gesprochen? Ist Hakan was passiert?«
»Ich weiß es nicht.«
»Und eurem Schlagerheini?«
»Keine Ahnung.«
Nach einer Pause: »Ich finde es heraus. Reg dich nicht gleich auf!« Hoppe werde Hakans Bruder anrufen, ein plietscher Junge, dann wisse Familie Bistal Bescheid und man habe gleichzeitig jemanden, der sich um alles kümmere.
»Worüber habt ihr euch gestritten?«
»Bloß privater Kram«, log Ries. »Es ging um seine Yacht.«
Hoppe sagte ohne jede Regung: »Also hör zu. Ich kann mich hier absolut nicht noch länger mit euren Freizeitvergnügungen befassen. Die drei Tore Europas sind ein Event erster Kategorie, und was macht ihr? Erst Marseille gegen die Wand fahren und jetzt Izmir. Du hast keine Ahnung, was hier seit drei Tagen los ist.«
»Wie auch«, gab Ries zurück, aber es klang kläglich.
Und Hoppe sagte: »Also, wir müssen wieder umdisponieren. Auch zu deinem Schutz, mon Capitain.«
Abgesehen davon, dass man anscheinend ganz nach Belieben mit ihm verfuhr, konnte er Helge Hoppe nichts vorwerfen. Er widersprach auch gar nicht. Wenn er aufsah und sich bewusst machte, wo er war, verlor er allerdings schlagartig jeden Bezug. Nichts zu machen.
»Nun kommen Sie, Herr Ries«, sagte Hoppe gelangweilt von der eigenen Güte, »so schlimm wird das Ganze schon nicht sein. Genießt ihr jetzt erstmal die Sonne. Wenn Hakan die Gespräche nicht führen kann, übernimmst du das. Dann kannst du auch gleich ganz anders gegenüber deiner besonderen Freundin auftreten. Und schon wären alle Wogen geglättet.«
Er wusste, wen Hoppe meinte, aber er verstand nicht, wovon die Rede war. Oder er verstand, dass er ein halbes Jahr lang praktisch im Alleingang ein Projekt auf den Weg gebracht hatte, von dem angeblich ihrer aller Zukunft abhing, und dass er nun dazu abgestellt wurde, Wogen zu glätten. Er hatte mit Hakan gestritten, weil er meinte, von seinem jüngeren Partner Loyalität erwarten zu können. Von einem anderem Zwist wusste er nichts.
Drüben, aus dem Asphaltspiegel, ragte das Tragwerk der Fokker in die Luft.
»Wieso Marseille gegen die Wand fahren? Was ist los?«, fragte Ries. »Irgendwas stimmt nicht.«
»So wie es aussieht, hast du Mist gebaut.« Hoppe seufzte. »Sogar großen. Ein paar Leute hier wollten schon nach Frankreich fahren. Die sind nicht gut auf dich zu sprechen. Um den plötzlich zu neuem Leben erwachten Ronny Sternkopf hat sich ein ziemlich wilder Haufe zusammengerottet. Nein, im Ernst: Sie sind der Meinung, dass es schlecht um die Zweitagentur steht, dass wir sie besser gleich dicht machen sollten, bevor sie Hamburg mit in den Strudel zieht. So schwarz sehen Sandra und ich in dieser Sache dann doch nicht.«
Er hustete und seine Stimme wurde spitz: »Es geht um das Geld, Mario. Bei Geld wird Freund Schaft zu Freund Schuft, wer wüsste das besser als du. Und dass die französische Seite sich mit der deutschen durchaus mal austauscht, wenn es um eine solche Summe geht … wundert dich das? Was soll’s! Wir hätten dich da unten nicht so lange allein lassen sollen. Hakan hätte dir viel früher unter die Arme greifen müssen. Insofern: unser aller Fehler.«
Weil er schlicht nicht verstand, was gemeint war, fragte Ries nach und bekam im Grunde noch einmal dasselbe zu hören, nur etwas weniger kryptisch. Er hätte, so Hoppe, mit den Franzosen nicht über deutsche Fördergelder reden, keine Zahlen nennen sollen.
Auch dem war nichts entgegenzusetzen.
Auf der Vernissage einer Videoausstellung habe Hakan ihm die neue Kulturbeauftragte vorgestellt, eine Madame Fontaine. Sie hätten denselben Heimweg gehabt. Sie hätten, angeblich im Taxi, über eine Aufstockung der französischen Zuschüsse gesprochen.
Ries gab verblüfft zurück, es sei ihm angesichts der Offenheit der ansonsten furchtbar verklemmten Frau nur fair erschienen, die ungefähre Höhe der deutschen Zahlungen zu nennen.
»Ich habe kein Geheimnis verraten«, sagte er in das Handy, »die wirklichen Zahlen kennen sie nicht.«
Hoppe hustete und sagte dann ruhig: »Madame … wie heißt sie gleich mit Vornamen?«
»Jacky. Jacqueline.«
»Dass du ihr falsche Zahlen genannt hast. Punkt. So nennt es Jacqueline Fontaine. Sie hat uns drei Tage Zeit für die Quelle deiner Angaben und für die richtigen Zahlen gegeben. Kein Problem. Nur denken jetzt die Heinis von hier, sie müssten die Umsetzung bewilligter Fördermittel in Zukunft mitbestimmen. Heißt im Klartext?«
Das Flugzeug, in das Hoppe ihn hatte setzen wollen, war abgeschmiert. Es kam ihm gar nicht wirklich vor, erschien ihm eher als eine dritte, ungenutzte Möglichkeit neben der Tatsache, dass er lebte, und der begründeten Wahrscheinlichkeit, dass sein Leben in Marseille vorbei war.
»Du kennst Sandra Grötz, wenn sie ins Rotieren gerät«, sagte Hoppe. Er denke, eine Erklärung gehe noch diesen Tag online raus. Gechincht und geschoben würden die Zahlen jetzt einigermaßen stimmig fließen.
»Ob wir deine Freundin milde gestimmt haben, wirst du uns dann erzählen«, sagte er. »Und sicherlich weißt du, dass auch zwei Vertreter von der hiesigen Behörde in Izmir dabei sind. Ich denke, es werden die Bärlich und noch jemand sein. Du wirst bitte so tun, als wüsstest du von nichts. Ihr seid alle in einem Hotel und sollt euch einfach nur gern haben. Den Namen des Hauses hast du?«
Ries hatte das Hotel selbst ausgesucht: »Seventh Sea.«
»Prächtig. Du fragst am Flughafen und nimmst ein Taxi oder den Bus. Jetzt aber Ruhe in der Liedertruhe.«
Der große HH wechselte mit...




