Boom | Die Welten der Skiir 1: Prinzipat | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 1, 450 Seiten

Reihe: Die Welten der Skiir

Boom Die Welten der Skiir 1: Prinzipat


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86425-896-1
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 450 Seiten

Reihe: Die Welten der Skiir

ISBN: 978-3-86425-896-1
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Zeit des Erwachens ist gekommen. Zweihundert Jahre nach der Eroberung der Erde durch die insektoiden Skiir wird die vollständige Isolation der Menschheit aufgehoben. Die ersten Schritte in die galaktische Gemeinschaft konfrontieren die Menschen mit einer harten Realität: voller Intrigen, rivalisierenden Gewalten, Manipulationen und einer Hierarchie, in der man sich mühsam hocharbeitet oder untergeht. Widerstand brodelt gegen die Herrschaft der Skiir. Als ein mysteriöser Angreifer eine der Kernwelten des Imperiums attackiert und die gottgleichen Herrscher in der Verteidigung ihres Besitzes versagen, bricht die Krise aus. Die Menschheit steht vor der Wahl: gemeinsam mit ihren neuen Herren für den Erhalt des Reiches zu kämpfen oder die Gunst der Stunde zu nutzen und die Freiheit wiederzuerlangen ...

Dirk van den Boom (*24. Dezember 1966) ist Politologe, SF-Schriftsteller und Übersetzer. Erste Veröffentlichungen erschienen meist in Serien wie Ren Dhark oder der 2000 von ihm initiierten Serie Rettungskreuzer Ikarus, seit 2007 jedoch auch in Form eigenständiger Romane. Tentakelschatten wurde 2008 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.
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1


Das kleine Mädchen machte drei wackelige Schritte vorwärts. Mit seinen zwei Jahren war es noch nicht sehr sicher auf den Beinen. Es hatte ein leichtes Sommerkleid an, hellgelb mit aufgenähten roten Blütenblättern. Das Kind lief über eine grüne Wiese und die Sonne schien. In der rechten Hand hielt es eine gelbe Blume, fast von der gleichen Farbe wie sein Kleid, frisch gepflückt. Die kleine Dame lächelte dabei, ganz im Einklang mit sich selbst und der Natur, die sie umgab.

Flokhart Eder nahm das zumindest an.

Drei Schritte vorwärts, dann gefror das Bild. Es zitterte. Dann einen Schritt zurück. Wieder ruckelte es. Drei Schritte vorwärts. Ein endloser Zyklus. Das 3-D-Rama war mehr als zweihundert Jahre alt und eigentlich kaputt. Wie er es wieder in Gang gebracht hatte, wusste er auch nicht. Das kleine Mädchen war lange tot.

Es war seine Großmutter.

Eder drehte das 3-D-Rama in seinen Händen. Hinten stand in dünnen Ziffern ein Datum, kaum lesbar. 16.3.2098. Drei Jahre bevor die Skiir gekommen waren. Es gehörte zu Eders wertvollsten Besitztümern und allein schon deswegen würde er es hierlassen, wo er es wohlbehütet wusste.

Er stellte es behutsam in die Vitrine. Darin standen noch andere Preziosen aus der alten Zeit, sorgfältig gehütet, egal ob beschädigt oder nicht. Eder schaute noch einen Moment hinein. Die meisten Sachen gehörten seinem Vater, der die alten Dinge unablässig sammelte. Ein paar waren seine. Er würde sie sicher vermissen.

Die Holzbohlen quietschten, als er einen Schritt machte und einen letzten Blick auf seine gelöst lächelnde Großmutter warf. Er drehte sich um und schaute aus dem Fenster. Es war Sommer, wie damals. Vermutlich sein letzter Sommer, zumindest für lange Zeit. Staub tanzte im Sonnenlicht, draußen rauschten die Bäume. Vögel zwitscherten. Eine Idylle. Sein Haus. Sein Land.

Seine linke Hand fuhr über die Maserung des Tisches, neben dem er jetzt stand. Er hatte die Platte selbst aus dem Stamm geschnitten, den Baum selbst gefällt, die Bohlen abgemessen, die Oberfläche poliert, geölt und lackiert. Sein erster Tisch, vor gut zwanzig Jahren vollendet, unter den wachsamen Augen seines Vaters. Er sah vor seinem geistigen Auge seine Mutter am Tisch sitzen, in seiner Vorstellung genauso fragil und geisterhaft, wie sie im wirklichen Leben gewesen war, mit ihren spinnenartigen Fingern in eine Stickerei vertieft. Sie hatte den Tisch gemocht, jeden Abend an ihm Platz genommen, die weichen Sessel und Sofas verschmäht, ein Zeichen stillen Stolzes auf das, was ihr Sohn vollbracht hatte, eine immerwährende Anerkennung seiner Leistung. Wenn er irgendetwas vermissen würde, dann diesen Tisch und das Bild seiner Mutter, die für ihn irgendwie immer noch hier saß und ihn aus wachsamen Augen ansah. Sie war seit fünf Jahren tot. Er dachte nicht gerne daran.

»Eine gute Arbeit.«

Der hohe Lehnstuhl knarrte, als sein Vater sich bewegte, das verwitterte Gesicht der wärmenden Sonne zugewandt. Er bewegte sich nicht mehr viel, die Gicht machte ihm zu schaffen. Vor zweihundertdrei Jahren, als das 3-D-Rama aufgenommen worden war, wäre das kein Problem gewesen. Doch die Skiir hatten der Menschheit viel ihres Wissens genommen. Das würde sich bald ändern und Eder war das Symbol dieser Veränderung.

»Du hast mir geholfen«, sagte er zum Vater. Der schüttelte den Kopf.

»Ich habe ein Talent in dir entdeckt und es aufgeweckt. Mein Anteil daran war gering.«

Eder trat neben ihn und schaute aus dem Fenster.

»Wann?«

»Ich warte noch auf das genaue Datum. Der Rat wird mich benachrichtigen. Aber bald. Das Erwachen ist beendet. Die Skiir haben den Schirm schon abgeschaltet. Es kann sich nur noch um Wochen handeln. Ich bin in Bereitschaft, genauso wie das Team.«

»Ich vermisse das Grün beinahe. Nachts war es recht angenehm.«

Eder sagte nichts. Man konnte es so oder so sehen. Das Grün des Schirms als angenehmer Schutz, der der Menschheit Ruhe und Eintracht gebracht hatte – oder als Symbol ihrer Unterdrückung. Eder tendierte zur zweiten Interpretation, aber sein Vater wollte davon nichts hören. Er glaubte an den Segen der Skiir, zumindest sagte er das immer, mit monotoner Verlässlichkeit. Vielleicht war es auch nur ein Mantra, das ihn ruhig schlafen ließ, gerade jetzt, wo eine Zeit des Umbruchs bevorstand.

»Es wird sich vieles ändern«, murmelte er.

»Das geht mit dem Erwachen einher.«

»Schiffe werden landen.«

»Davon gehe ich aus.«

»Viele von uns werden neugierig sein.«

Eder seufzte. »Viele von uns werden sich diese Neugierde nicht leisten können. Wenn die ersten Trampfrachter die Erde anlaufen, werden Tickets für einen Flug so teuer sein, dass nur die Reichsten sie sich werden leisten können. Ein paar werden es wagen. Aber wer hier auf der Erde reich ist, ist da draußen arm. Wir werden Zeit brauchen.«

Sein Vater nickte und sah ihn an, die braunen Augen erfüllt von Zuneigung und Bedauern. Vielleicht auch ein wenig Missbilligung, so genau war das nicht zu sagen.

»Für dich gilt das nicht, oder?«

»Die Skiir fliegen mich. Die Delegation erhält Unterhalt. Ich habe eine offizielle Funktion.«

»Ja. Botschafter der Erde. Und du musstest zusagen.«

»Einer muss es tun.«

»Warum du, Flokhart?«

Der alte Streit, die alte Bitterkeit, die plötzlich wieder im Raum stand, der stille Geist einer jeden Unterhaltungen des vergangenen Jahrs. Sein Vater war immer ein Mann dieses Landes gewesen, verwurzelt mit dem, was er bearbeitet und aufgebaut hatte. Daran war nichts Schlechtes. Es war gutes Land. Aber nicht genug für seinen Sohn. Sie hatten diesen Disput geführt, als Eder zum Studium in die Stadt gegangen und danach in die Dienste des Prinzipats getreten war, in die Vorbereitungskurse, zehn Jahre vor dem Erwachen, als alle wussten, dass es bald vorbei sein würde.

»Warum du, Flokhart?«

Weil ihn die Eintönigkeit hier draußen verrückt machte.

Weil sein Planet ein Gefängnis war, seit zweihundert Jahren, mit einem ständigen, unerfüllbaren Versprechen auf Weite und Distanz da draußen, das nun endlich, endlich eingelöst wurde.

Weil er mehr sein wollte, mehr tun, mehr sehen und erleben als jemals ein Mensch zuvor auf dieser Welt. Weil er Verantwortung trug und die Neugierde ihn trieb.

Sein Vater verstand es nicht. Viele verstanden es nicht. Zweihundert Jahre hatten sie genügsam gemacht, übervorsichtig und zurückhaltend. Dankbar gegenüber den Skiir.

»Ich werde morgen abreisen«, sagte er dann und lächelte seinem Vater zu. »Ich weiß nicht, ob ich es vor dem Abflug noch einmal nach Hause schaffe. Sobald das Erwachen stattfindet, dürfen wir wieder elektronische Langstreckenkommunikation haben, nicht nur den Funk oder das analoge Telefon. Du könntest dir einen Informator anschaffen und wir könnten miteinander reden, als wäre ich hier. Ich kann dir Nachrichten aus dem Weltall schicken. Es nennt sich Hyperfunk.«

»Du bist dann aber nicht hier.«

Eder schüttelte den Kopf. Die Traurigkeit und der Trotz in der Stimme des Vaters machten ihm mehr zu schaffen, als er wahrhaben wollte.

»Nein, Pa, das bin ich nicht.«

»Wie lange wirst du fortbleiben? Kiri war drei Jahre fort.«

Kiri, Flokharts Schwester, hatte es gewagt, für drei Jahre in die Stadt zu ziehen, ehe sie, enttäuscht und pleite, hierher zurückgekehrt war. Sie bewirtschaftete das Anwesen, und ihr verkniffener Mund sagte alles über ihren Gemütszustand, was man wissen musste. Das Land hielt sie nun gefangen. Eder wollte ihr Schicksal nicht teilen.

»Sechs Jahre, Pa. Das weißt du doch. Nach sechs Jahren kehre ich zurück.«

»Das ist lang. Ich bin dann vielleicht schon tot.« Flokhart senkte den Kopf. Es war immer die gleiche Diskussion, bis zu diesem letzten Argument, dem Totschlagargument, der Waffe, die über die Zeit stumpf geworden war, die sein Vater aber mit dem Trotz des Alters schwang.

Eder legte seinem Vater eine Hand auf die Schulter und drückte sanft zu. Ja, es konnte gut sein, dass er ihn nach seiner Rückkehr nicht mehr lebend antraf. Aber er war bereit, diesen Preis zu zahlen, und er war nicht bereit, diese Diskussion ein weiteres Mal zu führen. Er hatte die Entscheidung vor langer Zeit getroffen und seinen Vater oft gesehen, vielleicht zu oft. Er hatte alles getan, um nicht im Streit auseinanderzugehen. Er hatte sich redlich bemüht. Doch wer konnte in den Kopf des knorrigen Alten blicken?

Sie umarmten sich und zumindest das fühlte sich richtig an. Es war gut, besser, als er befürchtet hatte, und er war froh, soweit man das in dieser Situation sein konnte.

Als er aus dem Haus hinaustrat, blinzelte er in die Sonne. Die Wärme auf seinem Gesicht war noch angenehm, es war Frühsommer, die brütende Hitze hatte noch nicht...


Dirk van den Boom (*24. Dezember 1966) ist Politologe, SF-Schriftsteller und Übersetzer. Erste Veröffentlichungen erschienen meist in Serien wie Ren Dhark oder der 2000 von ihm initiierten Serie Rettungskreuzer Ikarus, seit 2007 jedoch auch in Form eigenständiger Romane. Tentakelschatten wurde 2008 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.



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