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E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Boos Blutorangen

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-0883-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0883-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Verena Boos verbindet großes Erzähltalent mit historischer Präzision.' Jan Brandt Für die junge Spanierin Maite ist das Studium in München vor allem eine Chance, ihrem konservativen Elternhaus zu entfliehen. Ihre Heimat Valencia, berühmt für den Handel mit makellosen Orangen, wird ihr allmählich fremd. Sie verliebt sich in Carlos, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, und befreundet sich mit seinem Großvater Antonio. Der alte Emigrant berichtet von nie gehörten Ereignissen und erzählt doch nicht alles. Eines Tages wird aus der Zuhörerin eine Fragerin: Wie gelangte ihr Vater in eine deutsche Uniform? Ausgezeichnet mit dem Mara-Cassens-Preis für das beste Debüt, Debütpreis des Buddenbrookhauses Lübeck, Grimmelshausen-Förderpreis und dem Gerhard-Beier-Preis. 'Verena Boos verknüpft deutsche und spanische Geschichte über einen Zeitraum von achtzig Jahren hinweg, mit Eindringlichkeit und narrativer Vielfalt. Der Leser hält einen erstaunlichen und höchst lesenswerten Debütroman in den Händen, der mit einer enormen Stoffvielfalt aufwartet, wie man sie nur von großen Romanciers kennt.' Thomas Lehr.

Verena Boos wurde 1977 in Rottweil geboren, wo sie auch aufwuchs und wieder lebt. Längere Aufenthalte in Paris, Bologna, Glasgow, Florenz, Barcelona und London, schließlich Valencia, München und Frankfurt. Studium der Anglo-Amerikanischen Literatur, Soziologie und Kulturwissenschaften, Promotion in Zeit- und Kulturgeschichte. Seit 2010 freie Autorin. Mit 'Blutorangen' legte sie 2015 eines der beeindruckendsten Debüts der letzten Jahre vor, ausgezeichnet u.a. mit dem Mara-Cassens-Preis und dem Preis des Buddenbrookhauses.

Im Aufbau Verlag ist ebenfalls ihr Roman 'Kirchberg' lieferbar.

Mehr unter www.verena-boos.de

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Autoren/Hrsg.


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Der Druck seiner Hände


August 1990

Kommt er? Irene, der Chauffeur, die Mittagssonne und sie. Warten, ob er nun mitfährt. Die Sommerhitze ist plump, wölbt sich über den Asphalt und verflüssigt sich an den Rändern. Sie verflüssigt auch Geräusche, ein Auto, Liedfetzen, around the world ya ya ya, fährt vorbei. Maite zieht am Ausschnitt ihrer Bluse und lässt Luft an ihre Haut, aber auch das bringt keine Erleichterung. Es sind kaum Menschen auf der Straße. Essenszeit. Ein Hund pinkelt an eine Palme, die Bewässerungsschläuche an den Stämmen sind trocken. Der Chauffeur hat in der zweiten Reihe geparkt und blockiert eine Spur. Irene hält ihr Gesicht in den Luftstrahl der Klimaanlage. Der Chauffeur steht in der Sonne und hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Weil Maite sich nicht in den Wagen setzt, tut er es auch nicht.

Es ist wie immer. Es hätte einfacher sein können. Doch Maite wollte, dass er weiß, dass sie in München nicht ins Spanische Kolleg zum Heiligen Apostel Jakobus zieht. Stattdessen hat sie sich in der Studentenstadt angemeldet. So verlief ihr letzter Vormittag zu Hause wie immer. Seine flache Hand, die auf den Tisch niederfuhr, dass das Besteck klirrte. Seine laute Vaterstimme und ihre schrille Tochterstimme. Irene, die ihren kümmerlichen Hals zwischen die Schultern zog. Der Blick von Mama zu ihr, immer zu ihr, und ihr Machtwort: »¡Teresa!¡Ya está!«

Ihr Vater warf seine Serviette auf den Teller, wo sich das Leinen mit Olivenöl vollsog. Er stand auf und ging, sie hörte die Schlafzimmertür knallen. Ihre Mutter fischte die Serviette aus der goldgrünen Lache.

Immerhin nannte Mama sie noch nicht Maria Teresa. Maria Teresa ist höchste Alarmstufe bei ihrer Mutter und Normalzustand bei ihrem Vater, der auf dem vollen, doppelten, gut katholischen Namen beharrt, so viel Zeit muss sein. Irene ist es egal, sie hat sich an die Kurzform gewöhnt, wie sie sich immer an alles wird gewöhnen können. Sie wird heiraten und unter die Obhut eines anderen Mannes wechseln. Ihr älterer Bruder denkt wie der Vater und ruft sie natürlich auch wie dieser, der andere ist schon so lange fort und so selten hier, dass es keine Rolle spielt, bei welchem Namen er sie nennt. Maribel stellt sich auf niemandes Seite, sie sagt hija mía und mi niña. Mama lässt zumindest die Jungfrau Maria weg.

Sie schaute Maite durchdringend an. »Was ist?«, wiederholte sie Maites Frage, als äffte sie sie nach. Irene kicherte. Sie hatte ihren Hals noch nicht wieder aus den Schultern geschoben. »Und du sei still!« Der militärische Ton hat bei Irene schon immer besser funktioniert. »Im Ernst? Was hast du dir dabei gedacht?«

»Alle Studenten wohnen da. Du bekommst als Erasmus einen Platz, quasi automatisch. Da leben deutsche und ausländische Studenten zusammen. International. Viel gemischter.« Keine Kontrolle. Sie will nicht in einem spanischen Wohnheim wohnen. Wenn sie endlich nach München kommt, noch dazu in dieser aufregenden Zeit, will sie sich nicht in einer Art Konvent einsargen lassen, wo täglich Eucharistie gefeiert wird und Musik auf den Zimmern verboten ist. Könnte sie ja gleich hierbleiben. »Willst du deutsch sprechen oder international gemischt sein? Na?«

Maribel räumte den Tisch ab. Maite schüttelte den Kopf und hielt ihren Teller fest. Sie trägt ihr Geschirr immer selbst in die Küche. Ihr Vater spottete, dann dürfe sie auch nicht essen, was Maribel einkauft und zubereitet, Maite spuckte damals das Essen zurück auf den Teller. Sie kaufte trocken Brot im Laden um die Ecke, musste sich trotzdem zu den Mahlzeiten zu ihnen setzen. Maribel, um die es doch ging, konnte sie nicht verstehen, nannte sie albern und steckte ihr etwas zu, eine Orange hier, ein Sandwich dort. Mama legte eines ihrer Machtworte ein. Seither isst Maite, was auf den Tisch kommt, lässt sich aber nicht von Maribel bedienen und trägt ihr Geschirr selbst in die Küche.

»Lauf nicht wieder davon!« Maite blieb stehen, Teller und Glas in den Händen. »Und verdreh nicht die Augen! Wir hätten darüber reden können.« Das Besteck auf dem Teller klirrte. Maites Stimme rutschte weg. Sie hasste es, wenn sie die Kontrolle verlor. Das Messer glitt vom Teller.

»Ich hätte mit dir reden können? Er hatte das mit der Unterkunft klargemacht, über seine Kontakte zum Opus, was weiß ich. Mich hat keiner gefragt! Mich fragt nie jemand!«

»Das ist doch keine Verschwörung, Teresa. Aber dann seid ihr zwei ja quitt. Auge um Auge. Keiner redet. Jeder tut, was er will. Du bist kein Iota besser, dass du das weißt.«

Sie tat alles, um anders zu sein. Sie reagierte doch nur auf seine Befehle, wenn auch nicht so, wie er das wollte. Sie wäre gern friedlich. Würde Mama nur einmal ihre Partei ergreifen. Ein einziges Mal. »Du hast mich auch nicht gefragt.« Die Wut schob sich nach oben und presste ihr Tränen in die Augen.

Mama rief ihr noch nach: »Wohnen dort Jungen und Mädchen zusammen?«

Maite schloss die Küchentür mit einem Knall und lehnte sich dagegen. Sie glaubte, ein Schnalzen der Zunge zu hören, als wollte Maribel sie tadeln, aber sie war sich nicht sicher. Maribel räumte weiter die Küche auf. Dann halt nicht. Alle schienen froh zu sein, dass sie ging.

»Wo bleiben die denn?« Maite dreht sich nicht zu Irene um. Schneeweißchen mit dem Kirschenmund. Schminkt sich die Lippen knallrot. Wenn sie das täte, würde ihr Vater sagen, sie sehe aus wie eine Hure, sie solle sich das abwaschen. Maite bleibt in der Sonne stehen. Sie kneift die Augen zusammen. Ein Schweißtropfen rinnt zwischen ihren Schulterblättern hinunter. Mit der Zunge bugsiert sie ihren Kaugummi auf die andere Seite. Wenn er zum Fenster hinausblickt, soll er sie hier warten sehen.

Der Hauseingang steht offen. Tief in diesem schwarzen Loch, am Ende des Foyers, vorbei an der Portierskabine, die gewundene Marmortreppe hinauf, einmal um das Metallgehäuse des Aufzugs herum, hinter einer schweren Tür aus poliertem Holz, die er immer mit drei Metallbolzen verriegelt, ringt ihr Vater mit sich.

Maite blickt hoch, als würde die Entscheidung am Fenster getroffen. Soll er halt hierbleiben. Sie wickelt eine Haarsträhne auf, bis die Fingerspitze violett wird.

»Wenn er nicht gleich kommt, müssen wir fahren. Du verpasst deinen Zug!«

»Ihre Schwester hat recht, Señorita Maria Teresa«, sagt der Fahrer. Zwanzig Jahre und formell wie am ersten Tag.

»Kannst ja ein paar Ampeln auslassen.«

Sie zieht eine Locke lang, hebt ihre Haare im Nacken an, doch kein Wind geht. Sie spuckt den Kaugummi aus.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte es ein Koffer weniger sein können. Aber ihr Vater hält Deutschland wohl für Sibirien.

Er konnte keine Ahnung haben, was es bedeutet, im Hochsommer Klamotten für einen russischen Winter einzukaufen. Die Kaufhausangestellte brachte eine phänomenale Scheußlichkeit aus dem Lager, so schlimm konnte kein Winter werden, dass sie diesen Pullover brauchte.

»Mama, bitte.«

»Den nehmen wir.«

»Mama, bitte. Gib mir das Geld, ich kauf in München einen.«

»Das kannst du immer noch. Stell dich nicht so an. Er meint es nur gut.«

Das war die Art ihrer Mutter: Er wollte einen warmen Pullover, sie kaufte einen warmen Pullover. Sie fragte sich vermutlich gar nicht mehr, was sie denken würde, wenn sie selbst dächte. Sie klappte die goldene Schnalle ihres Portemonnaies zu, ihr Nagellack passte zur Farbe der Tasche. Der Pullover fuhr mit ihnen im Taxi nach Hause, durch die Julihitze in die abgedunkelte Wohnung, wurde noch einmal neu zusammengelegt und kam zu den anderen warmen Sachen für München. So schlau, ihn einzupacken und erst dort zu entsorgen, war Maite dann doch.

Das Gepäck also voller Winterkleidung, auf die ihr Vater bestanden hat. Dazu Bücher und das große Wörterbuch, der Name »Langenscheidt« ein Zungenbrecher auch nach dem Abitur an der Deutschen Schule. Das Kuschelkissen. Ein Schuhkarton voller Zitronen, von Maribel sorgsam in Zeitungspapier verpackt, sie hat versprochen, bald Orangen zu schicken und darauf zu achten, dass sie in Seidenpapier eingewickelt sind. Schinken, Chorizo und Butifarra. Im fremden Land ein wenig Heimat auf der Zunge. Ein Spürhund würde durchdrehen.

Sie muss klingeln, damit zumindest ihre Mutter zum Bahnhof mitkommt. Da schlägt die Metalltür des Aufzugs. Der Chauffeur öffnet die vordere Tür und nimmt Haltung an. Mama eilt aus dem Hauseingang, schön wie eine Diva aus den Fünfzigern, Ingrid Bergman, nicht ganz so geschmeidig, der Vater ist ja auch nicht Cary Grant. Im Gehen rafft sie ihr geblümtes Kleid, eine Strähne ist aus ihrer Frisur gerutscht. Sie steuert auf Maite zu. Maite steigt ein und rutscht in die Mitte.

Im Hauseingang erscheint ihr Vater. Er blickt sich um, den Gehsteig hinauf und hinunter, als kontrolliere er das Terrain, so viel Zeit muss sein. Er nickt seinem Fahrer zu. Sein heller Sommeranzug sitzt so gut, als wäre er doch Cary Grant. Eine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Alles Übrige glatt. In einer kontrollierten Bewegung gleitet er auf den Beifahrersitz. Vom Rücksitz starrt Maite auf sein Ohr, graue Härchen, die sich in der Muschel kräuseln. Er zieht einen Kamm aus der Tasche und glättet seine Frisur. Sie möchte ihm in den Nacken spucken, ihm einen Stoß geben, dass die Haare in breiten Strähnen nach vorn fallen. Aus dem Augenwinkel nimmt sie wahr, dass Mama sich das Haar aus der Stirn streicht, fühlt ihre Hand auf der eigenen. Der Fahrer gibt Gas. »Wenn ich jetzt den Zug ver…«

Der Schmerz ist...



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