Borcak Mekka hier, Mekka da
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-446-27871-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie wir über antimuslimischen Rassismus sprechen müssen
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-27871-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Ein wichtiger Beitrag zu unserer jüdisch-muslimisch-antifaschistisch-international-bosnischen Leitkultur. Deutschland, viel Spaß mit diesem Buch!' Max Czollek
Wahlplakat, Brandanschlag, Massengrab.
Antimuslimischer Rassismus ist ein riesiges Problem. Doch zu viele Pestknödel denken, alle Muslim:innen würden bauchtanzend von einem Terroranschlag zum nächsten rumdschihadieren. Vieles daran beginnt mit der Sprache.
Melina Bor?ak analysiert sprachliches Framing und Denkmuster, die uns trotz bester Absichten unbewusst in Rassismus abdriften lassen. Und
erklärt, wie wir es alle besser machen können. Ohne abgehobene Elite-Sprache, sondern von 'ner Immigrantin, die Deutsch da gelernt hat, wo es am schönsten ist - bei RTL2 »Frauentausch«.
'Hater sagen, ich wäre eine muslimische, genderwahnsinnige Asyltouristin, welche die Lügenpresse islamisiert. Das stimmt!' Melina Bor?ak
Melina Bor?ak ist Filmemacherin, Journalistin und Medienkritikerin. Sie wurde in Bosnien geboren und flüchtete 1992 während des Genozids gegen Bosniaken nach Deutschland, bis 'ich zurück in ein Land musste, das ich gar nicht kannte'. Nach fast 20 Jahren in Bosnien kehrte sie 2015 nach Deutschland zurück und arbeitet u.a. für CNN, ARD, Deutsche Welle und funk.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Unbedingt lesen: Intro
Selam und hossa!
Antimuslimischer Rassismus ist so weitverbreitet, ich könnte ein ganzes Buch schreib… Oh wait, hier ist es!
Wer kennt’s nicht? Als Muslima bin ich damit beschäftigt, bauchtanzend von einem Terroranschlag zum nächsten zu dschihadieren, aber im Rahmen der bisher gut laufenden Umvolkung des Abendlandes nehme ich mir auch gern noch die Zeit, eure Sprache zu islamisieren.
Meine innere Prokrastinationsmaschine (aka mein Hirn) wollte eigentlich einfach ’ne Ausgabe der BILD hier reinklatschen, aber ich will mich nicht mit den plumpen, offensichtlichen Beispielen der führenden Pestknilchlektüre des Landes befassen, da ich hoffe, dass die Menschen, die offen genug sind, so ein Buch zu lesen, solche Basics schon gecheckt haben.
Stattdessen gibt es tiefgehende Analysen, neue Ideen, gute Hinweise und schlechte Witze.
In diesem Buch geht es darum, wie wir über Muslim:innen denken, welche rassistischen Denkmuster sich in unseren Köpfen und unserer Gesellschaft verfestigt haben und welche Folgen sie für Muslim:innen und unser gesellschaftliches Zusammenleben haben. Weil all das durch Sprache geschieht, liegt darauf mein Fokus.
Ich werde euch Beispiele für harten, gefährlichen Rassismus geben, aber auch über Dinge sprechen, die nur die Spitze des Eisbergs sind. Falls ihr findet, dass manche Beispiele wie Haarspalterei wirken: Erstens ist Spliss ein ernst zu nehmendes Problem, und zweitens muss Rassismus im Keim erstickt werden — und nicht erst, wenn er auf ’nem Wahlplakat landet.
Stellt euch vor, ihr sitzt in der Bahn und bekommt einen Gesprächsfetzen der Leute neben euch mit. Ihr hört, ohne den Kontext des Gesprächs zu kennen, nur die Phrase »jüdische Banker«. Theoretisch kann es ein harmloser Satz sein, denn es gibt ja jüdische Studis, Handwerker:innen, Popstars und eben auch Banker:innen. Aber allein schon die zwei Worte »jüdische Banker« lassen euch denken: »Oh nein, erzählen die gerade irgendwelche antisemitischen Verschwörungsmythen oder was?«
Ähnlich ist es mit der Phrase »Das Frauenbild des Islams«. Auch ich als feministische Muslima denke dabei erst mal: »Ugh, jetzt kommt wieder was Rassistisches.«
Ihr merkt also: Schon kleine, kurze Phrasen oder Sprachbilder können vieles im Kopf auslösen. Denn: Sprache formt Gedanken. Gedanken Verhalten. Und Verhalten die Gesellschaft.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir Sprache hinterfragen und kritisch reflektieren. Nur so kann sich wirklich etwas verbessern. Nach dem Lesen dieses Buches könnt ihr rassistisches Verhalten — sei es in den Medien, der Politik, im Freundeskreis oder sogar bei euch selbst — besser erkennen und ihm besser entgegentreten. Wer braucht da schon Fitness, Aktiengurus und Smoothies zur Selbstoptimierung, wenn er dieses Buch hat?!
An wen richtet sich dieses Buch
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Aufgeschlossene Nichtmuslim:innen, die dazulernen möchten und eigene Fehler ehrlich zugeben, reflektieren und verbessern wollen.
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Unreflektierte Nichtmuslim:innen, die selbst nie auf die Idee kommen würden, sich zu bessern, aber das Buch als passiv-aggressives Geschenk bekommen haben von Leuten, die genug von ihrem Scheiß haben. (Falls sich hier jemand gerade erkennt: Muahaha)
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Muslim:innen, die Wissen als Empowerment verstehen und nie wieder dieses undefinierte, schlechte Gefühl haben möchten, bei dem sie spüren, dass irgendwas rassistisch und schlimm ist, aber nicht genau benennen können was.
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Meine Freunde, die ich einfach zwinge, dieses Buch zu lesen, und dann auch knallhart abfrage, um zu prüfen ob sie es wirklich getan haben.
Wie ihr schon checkt, richtet sich dieses Buch also nicht an Leute, die ihren Rassismus verstecken wollen, indem sie die »richtigen« Begriffe nutzen. Eine gutherzige Oma, die mich »Mohammedanerin« nennt, ist mir hundertmal lieber als pseudoreflektierte junge Leute mit Apotheken-Umschau-Grinsen, die sich fühlen als wären sie Mandela sein Vater, weil sie »korrekt« reden, sich aber rassistisch verhalten, es nie hinterfragen und defensiv bis aggro werden, sobald man sie darauf hinweist. Dieses Buch richtet sich auch nicht an Egoist:innen, die sich nur mit Rassismus befassen, weil sie selbst betroffen sind — und denen andere Diskriminierungsformen komplett egal sind.
Es geht um mehr als Begriffe
Wenn ich Leuten erzähle, dass ich Workshops zu diskriminierungssensibler Sprache gebe, kommen oft Kommentare zu »falschen« und »richtigen« Begriffen. Bei Sprache geht es, wie ich euch anhand von konkreten Beispielen noch ausführlich zeigen werde, jedoch nicht »nur« um Begriffe oder Worte, sondern auch um Kontextualisierungen und Framings*1, um Gleichsetzungen, aber auch die Konstruktion von Gegensätzen, wo keine sind, sowie Verharmlosungen und vieles, vieles mehr.
Es geht darum, was überhaupt erwähnt wird und was nicht, in welcher Reihenfolge und mit welcher Gewichtung. Es geht um Sprachbilder und Bildsprache — und zwar nicht nur in Texten und Gesprächen, sondern auch in Videos, Bildern, Audios etc. sowie in Institutionen, Prozessen, Strukturen. Und es geht darum, wer sprechen darf, wer gehört wird und wer nicht.
Deshalb ist es nicht mein Ansatz, ’ne Liste von Begriffen runterzurattern, sondern euch das mentale Werkzeug zu geben, selbst zu erkennen, wenn etwas rassistisch ist — egal ob in der Sprache, im Verhalten, in Strukturen oder bei Onkel Hubert.
Am Ende gibt’s daher auch noch eine Toolbox mit Fragen und Methoden, die es euch erleichtern soll, rassistische Framings, Sprach- und Denkmuster zu erkennen und etwas gegen sie zu tun.
Locker und offen sein
Lest dieses Buch mit Offenheit und ohne gleich in Abwehrhaltung zu gehen, wenn ihr etwas entdeckt, das ihr selbst immer so gesagt oder geschrieben habt, und jetzt lernt, dass das rassistisch ist.
Um euch das zu erleichtern, habe ich ’ne nice Aufteilung erarbeitet. Rassismus, genau wie andere Unterdrückungssysteme, kann auf individueller und kollektiver sowie aktiver und passiver Achse stattfinden. Die meisten Menschen denken jedoch nur an die aktive Spitze des Eisbergs: die klischeetreuen, glatzköpfigen Neonazis, rassistische Parteien und Vereine oder die mit Grund verhasste, offen rassistische Chefin.
Doch ein Großteil des Rassismus ist passiv: Entweder es sind Strukturen, Prozesse oder Dynamiken, an denen wir einfach teilnehmen, ohne es zu checken, oder es sind unbewusste rassistische Denkmuster, die in unseren Köpfen festsitzen, weil sie uns jahrelang durch die Gesellschaft eingeprägt wurden.
In diesem Buch geht es vor allem um diese passive Seite, um unbewusste Vorurteile, internalisierten Rassismus, unhinterfragte Dinge, die nachgeplappert werden, obwohl ihre Implikationen eigentlich nicht dem entsprechen, woran die Person tatsächlich glaubt und was sie für richtig hält. Und obwohl es passiv und unabsichtlich geschieht, kann es extrem schlimm und gefährlich sein, wie ihr spätestens beim Thema Genozid merken werdet.
Also, falls ihr euch irgendwo erkennt, fühlt euch nicht angegriffen, sondern bei der Selbstverbesserung unterstützt. Selbstverständlich ist das kein Freifahrtschein für Scheißigkeit, ihr solltet problematische Dinge ändern — egal ob sie Absicht sind oder nicht. Sonst bekommt ihr Scheißigkeitspunkte in Flensburg.




