Borchel | Die dreiäugige Seherin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Borchel Die dreiäugige Seherin

oder Warum die Weltgeschichte so geschrieben wurde
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9115-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

oder Warum die Weltgeschichte so geschrieben wurde

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-6957-9115-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Dies ist die Geschichte eines Mannes, der es sich erlaubt, bewusst nicht unfehlbar zu sein, der dutzende von Leichen im Keller als auch in unauslöschlichen Erinnerungen beherbergt. Dieser Mann, dessen Geschichte hier erzählt wird, fristet sein wenig aufregendes Dasein aufgrund zahlreicher für gewöhnliche Sterbliche schier unaussprechlicher Verbrechen als Insasse einer geschlossenen Anstalt...

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Die orangefarbenen Straßenlaternen


Die Tapeten an den Wänden sind von jenem Weiß, bei dem auf der Stelle tödliche Langeweile aufkommt. Die tapsenden und schlurfenden Schritte meiner Mitinsassen hallen unablässig über den Korridor. Niemand weiß etwas mit sich anzufangen. Sowohl bei Tag als auch bei Nacht zeigen die Neuroleptika ihre Wirkung. Bei mir ist es anders. Im Gegensatz zu vielen anderen Patienten habe ich mich bis zum heutigen Tage nicht in einen schläfrigen sabbernden Pflegefall verwandelt, der wie ein Zombie auf dem Flur auf und ab stakst, seelenlos und leer wie ein ausgehöhlter Kürbis.

Im Gegenteil, ich bin hellwach, voller Tatendrang, sitze aber bedauerlicherweise hier fest. Und das bis zu meinem Lebensende, sofern nicht ein Wunder geschieht. Die Ärzte verstehen nicht, wieso das Zeug bei mir nicht zu wirken scheint. Benperidol, Haloperidol, Flupentixol (sowohl oral verabreicht als auch in Form von Depotspritzen) – was weiß ich, was noch alles ausprobiert wurde – kein Psychopharmakon vermag mir den von Ärzten und Pflegepersonal gewünschten geistigen Knockout zu bescheren. Benzodiazepine jeder Art verursachen kaum etwas anderes als eine mehrstündige vollkommen bescheuerte Albernheit – das war es dann aber auch schon. Zum Zombie machen können sie mich nicht und das ist auch gut so. Denn sonst wäre ich kaum dazu in der Lage, diese Zeilen zu Papier zu bringen. Am liebsten würde ich mit der Hand schreiben, doch leider bleibt mir dies aufgrund strenger Schutzmaßnahmen verwehrt. Bleistifte, Kugelschreiber und sogar scharfkantiges Papier aus Schreibblöcken zählen allesamt zu den Gegenständen, denen eine gewisse Verletzungsgefahr innewohnt.

Ich bekomme regelmäßig Besuch von meinen Eltern sowie von meiner jüngeren Schwester, deren zwei Jungs allerdings noch zu klein sind, um eine psychiatrische Anstalt wie diese von innen zu Gesicht zu bekommen. Jedoch interessiert sich meine Familie nur mäßig für mein säuberlich in Textdateien auf meinem alten Laptop gespeichertes Geschreibsel. Sie alle wünschen sich einfach nur, ich käme wieder nach Hause. Für sie ist die Familie ohne mich einfach nicht komplett. Zu unverwechselbar, heiter und melancholisch zugleich offenbart sich meine typische Art, deren Fehlen ein auffälliges, kaum zu stopfendes Loch hinterlässt. Alle wünschen sich meine Heimkehr, ich selbst eingeschlossen. Doch leider ist das Leben meilenweit davon entfernt, ein Wunschkonzert zu sein!

Ich hasste das kalte unfreundliche Licht der Straßenbeleuchtung auf LED-Basis beinahe noch mehr, als ich das warme orangefarbene Leuchten der guten alten Natriumdampflampen liebte. Viele von Ihnen mögen nun sagen, der Kerl ist nicht ganz dicht, doch für mich bedeutet diese Art von Fortschritt und Neuentwicklung ein ernsthaftes Problem. Veränderungen zählen zu den Dingen, die ich überhaupt nicht mag.

Meine Umgebung hat gefälligst so zu bleiben, wie ich es gewohnt bin! Bevor die Straßenbeleuchtung zu einem großen Teil auf LED umgestellt wurde, war ich mir der Schönheit der orangefarbenen Laternen nie bewusst gewesen. Deren Licht strahlt einfach ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit aus. Diese furchtbaren LEDs scheinen mir dahingegen viel zu grell und auf eine schwer zu beschreibende Weise unnatürlich. In jeder Nacht, in der ich mit dem Fahrrad allein durch die Gegend radelte, wurden die Straßen vom warmen Licht der Laternen beleuchtet. In der Wilhelm-Raabe-Straße stieg ich häufig für eine Weile vom Rad und schob. Oft schaute ich mir dabei die Bemalungen auf den Garagentoren an. Die Bilder waren zumeist in schlichten Farben gehalten, aber trotzdem schön anzuschauen. Lage war zu dieser Zeit noch ein ruhiger Ort bei Nacht. Selbst in den warmen Sommernächten war auf den Straßen nicht sonderlich viel los.

Es geschah vor ziemlich genau fünf Jahren. Die typischen Natriumdampflampen, entweder orangefarben, seltener auch bläulich-grün, waren zur damaligen Zeit noch allgegenwärtig. Man schrieb den 24. Juli 2011. In dieser Nacht geschah etwas höchst Sonderbares. Die Bezeichnung unerklärliches Phänomen beschreibt das, was geschah, als ich die Moor-Hauptschule in Hardissen hinter mir ließ und kurze Zeit später vom Ricarda Huch-Weg in die Ina-Seidel-Straße einbog, vermutlich am treffendsten.

Nein, ich bin nicht verrückt! Okay, genau betrachtet bin ich das doch, dennoch versichere ich Ihnen, dass es sich bei dem nachfolgend beschriebenen Ereignis nicht um so etwas wie eine zusammenhalluzinierte Einbildung handelte. Von einem Moment auf den anderen wurde das orangefarbene Licht der Laternen plötzlich immer heller. Genauer gesagt, es wurde so hell, dass ich irgendwann zwanghaft die Augen zukneifen musste.

Als ich diese wieder öffnete, war es mit einem Mal stockdunkel. In keinem der umstehenden Häuser brannte auch nur ein winziger Lichtschein. Hoch oben am Himmel erblickte ich über den Häusern thronend das Sternbild des Schwans, von manchen allgemein auch als das Kreuz des Nordens bezeichnet.

Im nächsten Augenblick flogen sämtliche Sterne samt Deneb, Sadir, Albireo sowie den weniger markanten Sternen dieses Bildes von einem Lidschlag auf den nächsten in südlicher Richtung davon. Ich schaute gen Norden, wo eigentlich die beiden Bären, der Große sowie der Kleine samt Polarstern, dem Himmelsnordpol unverkennbar sein charakteristisches Aussehen verleihen müssten, in gemächlichem Schneckentempo die Position am Himmel ändernd.

Stattdessen sah ich dort die verschiedensten Lichtquellen in allen Farben und Helligkeiten, in dauernder Bewegung, im Sekundentakt neuartige Muster und Formen bildend. Eine Reihe Palmen und Sträucher in unterschiedlicher Form und Größe ging allmählich in ein gigantisches Schloss mit zahlreichen Türmen und Fenstern über, das sich schließlich in eine verfallene Ruine verwandelte, die kurz darauf mit einem heftigen Getöse in sich zusammenfiel.

Die Erde bebte und zitterte unter meinen Füßen. Prächtig anzuschauen war der folgende Meteoritenschauer. Wobei mir der Ausdruck Schauer noch arg untertrieben scheint. Es sah so aus, als ob die Erde an dieser Stelle regelrecht von glühenden Geschossen bombardiert werden würde. Während ich noch dastand und staunend dieses Schauspiel betrachtete, ging nur etwa fünfzig bis hundert Meter weit links von mir die Schule samt mehrerer der umstehenden Einfamilienhäuser vollständig in Flammen auf.

Brandgeruch lag in der Luft, glimmende Funken wurden meterweit in die Höhe geschleudert. Ich bestieg meinen Drahtesel und fuhr in großer Eile davon. Ein Verweilen kam für mich nicht infrage, obgleich ich dem Feuer gern ein wenig länger bei seinem vernichtenden Werk zugeschaut hätte. Der lodernde Schein der gierig züngelnden Flammen besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit dem warmen, beruhigenden Licht der orangefarbenen Straßenlaternen.

Jener Straßenbeleuchtung, die in heutigen Tagen zu großen Teilen dem kalten Licht der modernen Technik zu weichen hatte. Allerdings musste ich schnell von hier fort, war ich doch mit tödlicher Sicherheit um diese Zeit allein unterwegs. Wenn irgendwo jemand einsam hinter dem Fenster stand und einen jungen Mann auf dem Fahrrad beobachtete, während sich die Siedlung in ein loderndes Meer aus Flammen und Rauch verwandelte, was würde dieser Jemand wohl den sehr bald eintreffenden Einsatzkräften der Feuerwehr und der Polizei erzählen?

Mächtig trat ich in die Pedale, fuhr über eine Brücke aus Holz, die über einen schmalen, mit Lehm und Feldsteinen gesäumten Bach führte. Der Wind trug deutlich die Stimmen der Jugendlichen zu mir herüber, die so manches Mal des Nachts auf dem Klettergerüst oder der Schaukel des nahe gelegenen Spielplatzes hockten, um dort in aller Ruhe den Joint kreisen zu lassen. Merkwürdig… Der typische Geruch des verglimmenden Hanfkrautes war nicht zu riechen.

Oder aber selbiger vermochte nicht den beißenden Brandgeruch des Feuers, welches sich innerhalb der Siedlung weiter auszubreiten begann, zu überdecken. Jetzt hörte ich hinter mir laute Schreie von Frauen, Männern und Kindern. Ein schrilles Martinshorn kündete vom Herannahen des ersten Einsatzfahrzeuges der Feuerwehr. Ich fuhr schnell weiter. Und stellte mit Erstaunen fest, dass es sich bei den Leuten auf dem Spielplatz definitiv nicht um die übliche Kifferclique handelte.

Zwei von ihnen, ein Mädchen und ein Junge, welcher der kleine Bruder des Mädchens sein konnte, lieferten sich ein Duell mit schwarzen Stäben, aus deren Enden grüne, blaue und rote Funken stiebten, wie bei einem Feuerwerk.

„Achtung, da kommt er!“, sagte ein anderer Junge, der auf einer der beiden Schaukeln saß. „Tja, dann wird unser Duell halt warten müssen“, gab das Mädchen zur Antwort, steckte den Stab in eine Art Seitentasche und sprang mir mit einem Satz vor das Fahrrad. Trotz meiner ziemlich energischen Vollbremsung konnte ich einen recht unsanften Zusammenstoß gerade mal um ein Haar verhindern.

„Zurück! Der Spielplatz und alles, was dahinter liegt, ist für hässliche Hurensöhne wie dich gesperrtes Gebiet!“ Die Stimme des Mädchens klang hoch und...



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