Borchert | Spuren einer fernen Zeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

Reihe: Lübbe

Borchert Spuren einer fernen Zeit

Die Senckenberg-Saga | Eine junge Forscherin kämpft für ihren Traum. Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-4222-1
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Senckenberg-Saga | Eine junge Forscherin kämpft für ihren Traum. Roman

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-4222-1
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das mitreißende Porträt einer selbstbewussten jungen Forscherin vor der atmosphärisch ausgeleuchteten Kulisse der Wilhelminischen Ära.

'Spannend bis zur letzten Seite. Wann kommt der Film?'

Hape Kerkeling

Frankfurt, 1907. Als die junge Sophie von Mayden den großen Lichthof des neuen Senckenberg-Museums betritt, ist sie wie gebannt vom Anblick eines riesigen Dinosauriers. Sie spürt: Eines Tages will sie diese faszinierenden Urzeitwesen selbst erforschen. Doch als Frau ist ihr der Weg zum Paläontologie-Studium versperrt. Außerdem erwarten ihre Eltern baldmöglichst eine standesgemäße Heirat. Sophie aber hat andere Pläne. Ihre Beharrlichkeit verhilft ihr zu einer Anstellung im Museum. Dort verliebt sie sich in den Doktoranden Paul Klüver, der aus einfachen Verhältnissen stammt und in Sophie nur eine verwöhnte Bürgertochter sieht. Eine spektakuläre Expedition führt beide nach Afrika, wo Sophie ihm und sich selbst beweisen will: Für ihren großen Traum ist sie bereit, alles aufs Spiel zu setzen ...



Birgit Borchert ist der Mädchenname von Birgit Borchert-Loebnau, die unter dem Namen "bibo Loebnau" bereits etliche Romane und Sachbücher veröffentlicht hat. Die gelernte Journalistin arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere für verschiedene Zeitungen und betreute als PR-Redakteurin die TV-Shows von u. a. Hape Kerkeling, Anke Engelke, Kai Pflaume, Christoph Maria Herbst, Harald Schmidt und Thomas Gottschalk. Birgit Borchert ist verheiratet und lebt abwechselnd in Berlin und einem kleinen Haus am See in der Mark Brandenburg, wo die meisten ihrer Bücher entstehen. Sie engagiert sich in den Autorenvereinigungen DELIA und HOMER.
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Frankfurt, Dezember 1907


»Ruhe, Kinder! Benehmt euch anständig! Dies ist ein Tempel der Wissenschaft und kein Tollhaus!«, erhob sich die entrüstete Stimme des Museumsaufsehers über das aufgeregte Geschnatter der mehr als hundert jungen Mädchen, die ihn umgaben. In seinem Bemühen, in dem sonst so ehrfürchtig stillen Gebäude an der Viktoria-Allee für Ordnung zu sorgen, hatte er seine Hände mahnend emporgereckt und seine buschigen Augenbrauen zu einem Ausdruck grimmiger Empörung zusammengezogen. Sein uniformierter Anzug aus dunkelblauem Tuch – mit polierten Messingknöpfen und einem goldenen Monogramm am eingefassten Kragen – wies ihn zwar als Respektsperson aus. Doch angesichts der fünf Schulklassen, die heute zur Sonderführung durch das neue Senckenberg-Museum angemeldet waren, konnte er sich trotz seiner lauten Stimme kaum Gehör verschaffen.

Die Mädchen der Elisabethenschule entledigten sich an der Garderobe ihrer warmen Wintermäntel, Mützen und Schals und drängten sich aus der Eingangshalle durch die drei erhabenen, mit roséfarbenem Sandstein ausgekleideten Bogengänge zu der breiten Freitreppe, die hinunter in den Lichthof führte. Sie hatten keinen Blick übrig für das über dem mittleren Bogen angebrachte Kupfer-Medaillon, das Johann Christian Senckenberg zeigte, den Stifter und Namensgeber des Museums.

Vielmehr wurden sie von etwas anderem geradezu magnetisch angezogen – einer riesigen Schreckensechse, die sich nun direkt vor ihnen erhob. Bei diesem Anblick lösten sich die Reste der ordentlichen Zweierreihen, in denen die Schülerinnen der Höheren Mädchenschule das Naturkundemuseum betreten hatten, vollends auf. Ihre Lehrerinnen bemühten sich zwar, wieder Ordnung in die Klassenverbände zu bringen, doch angesichts dieses aufregenden Exponats waren solche Versuche zwecklos. Es wurde lebhaft durcheinandergeschwatzt und von hinten geschoben, während die aufgekratzten Schülerinnen die Treppe zum Ausstellungssaal hinunterstrebten.

Durch die Decke aus pastellfarbenen Milchglasscheiben, die hoch oben über dem gewaltigen Raum zu schweben schien, drang die Wintersonne und beschien das gigantische, vom Schädel bis zur Schwanzspitze fast zwanzig Meter messende Skelett eines Dinosauriers. Sein im Vergleich zur Körpergröße winziger Kopf am Ende eines extrem langen, schlangenartigen Halses reckte sich den Besuchern entgegen.

Während sich ihre sonst so gesitteten Klassenkameradinnen des Lehrerinnenseminars gemeinsam mit den Jüngeren ungestüm ins Abenteuer stürzten, verharrte die neunzehnjährige Sophie von Mayden wie gebannt oben auf dem Treppenabsatz. Staunend blickte sie auf dieses imposante exotische Relikt, das einer fantastischen Zauberwelt zu entstammen schien. Sie nahm ihre Mitschülerinnen, die sich an ihr vorbeischoben, nicht mehr wahr. Gedankenverloren zupfte sie die gesmokten Bündchen an den Ärmeln ihrer hellblauen Seidenbluse zurecht. Mechanisch fuhren ihre Finger über die kleine goldene Gürtelschnalle und strichen imaginäre Falten aus dem festen Stoff ihres wadenlangen grauen Glockenrocks. Mit einer Geste, die typisch für sie war, prüfte sie vorsichtig den Sitz ihres aufgesteckten dunkelbraunen Haars, das in einem langen, dicken Zopf mündete. Ihre Finger wickelten sich um ihn, und schließlich warf sie ihn mit Schwung über die linke Schulter nach hinten. All das geschah unbewusst, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf das gerichtet, was nur wenige Meter vor ihr zu sehen war. Von dem Anblick völlig gefesselt, stand sie mit leicht geöffneten Lippen da und starrte dem riesenhaften Dinosaurier direkt in seine leeren Augenhöhlen. Diesem Tier, das mit seinen Artgenossen vor Urzeiten die Erde bevölkert hatte, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen war gleichzeitig unwirklich und überwältigend.

»Diplodocus longus«, murmelte Sophie ergriffen. So lautete der lateinische Name dieses Giganten, wie sie von ihrem Vater gelernt hatte. Als Geologe und langjähriges Mitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, die das Museum erbaut und eingerichtet hatte, kannte Professor Robert von Mayden sich bestens mit den Ausstellungsstücken aus – und ganz besonders mit diesem spektakulären Neuzugang. Seine aufgeweckte, zweitälteste Tochter Sophie hatte an seinen Lippen gehangen, als er davon erzählt hatte, dass es sich bei diesem Skelett einer Donnerechse um das erste Exemplar eines amerikanischen Riesensauriers handelte, das auf dem europäischen Kontinent in voller Pracht zu bestaunen war. Der Saurier war ein Geschenk des Naturhistorischen Museums in New York zur feierlichen Eröffnung des Senckenberg-Museums am 13. Oktober gewesen, und die Frankfurter Bürger waren mächtig stolz auf das Exponat aus der Neuen Welt. Sicher verpackt in vierundzwanzig Kisten, waren die versteinerten Knochen per Schiff angereist. Seit ihrer Ankunft im Sommer hatten Paläontologen das gigantische Puzzle zusammengesetzt und hier im Lichthof aufrechtstehend an ein Rahmenmodell montiert.

Sophie hatte dem Moment entgegengefiebert, das Skelett eines der größten Lebewesen, die je die Erde bewohnt hatten, endlich mit eigenen Augen zu bewundern. Immer wieder hatte sie ihren Vater bekniet, vorab einen Blick darauf werfen zu dürfen, doch leider war der Zutritt nur den Museumsmitarbeitern gestattet gewesen. Und nach der Eröffnung vor knapp zwei Monaten hatte er keine Zeit gefunden, seinen Töchtern, mit denen er seit ihrer Kindheit oftmals in das Vorgängermuseum am Eschenheimer Turm gegangen war, die neuen Ausstellungsräume zu zeigen. Denn gemeinsam mit anderen engagierten Mitgliedern der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft hatte er dabei geholfen, die zahllosen Schauschränke und Objekte, die aus den zu klein gewordenen Räumlichkeiten herübergeschafft worden waren, aufzustellen und neu zu arrangieren. Sophie hatte sich daher gedulden müssen, bis sie den imposanten Neubau und sein faszinierendes Innenleben selbst inspizieren durfte.

Jetzt, kurz vor den Weihnachtsferien, war es endlich so weit. Professor von Mayden hatte sich dafür eingesetzt, dass die Klassen der Höheren Mädchenschule, in der seine beiden jüngeren Töchter Charlotte und Sophie unterrichtet wurden, eine besondere Führung durchs neue Senckenberg-Museum bekommen sollten. Für das pädagogische Projekt hatte er Dr. Fritz Drevermann gewinnen können: Obwohl der Assistent von Museumsdirektor Römer erst zweiunddreißig Jahre alt war, galt er bereits als anerkannter Geologe und Paläontologe. Überdies war der engagierte junge Wissenschaftler von der Idee beseelt, das bahnbrechende neue Wissen über die Urzeit, an der er selbst mit großem Enthusiasmus forschte, an die nächste Generation weiterzugeben.

Als Sophie den Blick über ihre dicht zusammengedrängten Mitschülerinnen schweifen ließ, entdeckte sie Drevermann neben einem der mächtigen Beine der Urzeitechse. Sie war ihm erst kürzlich begegnet – anlässlich seines Besuchs zum Nachmittagstee im Hause ihrer Eltern – und hatte interessiert dem angeregten Fachgespräch zwischen ihm und ihrem Vater gelauscht. Die lateinischen Namen der Dinosaurier, mit denen die beiden Wissenschaftler förmlich um sich geworfen hatten, klangen exotisch, und vor allem Drevermanns Erzählungen über die Ausgrabungen uralter Skelette, die kürzlich in Amerika entdeckt worden waren, hatten sie fasziniert. Unwillkürlich hatte sie sich ausgemalt, wie sie eines Tages an der Seite dieses beeindruckenden Mannes ebenfalls derart spektakuläre Entdeckungen machen würde. In ihren Augen war Fritz Drevermann ein echter Abenteurer, was sich auch an seinem Äußeren zeigte – mit seiner kräftigen Nase und dem markanten Schnurrbart, diesen sanften, dunklen Augen, seiner dynamischen Art und der aufrechten Haltung.

Doch angesichts der aufgeregten Mädchenschar, die sich in den Lichthof ergoss, war von dieser Ausstrahlung momentan nicht mehr viel zu erkennen. Sophie merkte Drevermann an, dass er zweifelte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, zu der ihn Robert von Mayden überredet hatte. Von dem oberen Treppenabsatz aus konnte Sophie beobachten, wie der junge Doktor nervös an seinem steifen, blendend weißen Kragen herumnestelte und den Knoten des blassblauen Langbinders zurechtzog, der nicht wirklich zu seinem wollenen dunkelbraunen Anzug mit Weste passte. Etwas verloren verharrte der gestandene Wissenschaftler zu Füßen des Diplodocus-Skeletts. Als Nächstes reckte er den Hals und hielt mit leicht verzweifeltem Gesichtsausdruck augenscheinlich Ausschau nach einer Lehrkraft, die Ordnung in das Chaos bringen könnte. Angesichts des Durcheinanders strich er sich ratlos über das blonde, pomadisierte Haar und rieb anschließend über seine glänzende, offenbar verschwitzte Stirn.

Vielleicht aber war diese Feuchtigkeit auch eine Folge des Schneefalls draußen – Überreste der weißen Flocken, die auf seinem Kopf liegen geblieben waren und nun schmolzen. Eine Vorstellung, die Sophie amüsant fand, sodass sie spontan kicherte. Ausgerechnet in diesem Moment blickte Drevermann suchend nach oben. Als sein Blick sie streifte, hielt sie ertappt den Atem an. Erriet er, woran sie gerade gedacht hatte?

»Was machst du noch hier?«, schreckte die Stimme ihrer Schwester Charlotte sie auf, die sie unsanft am Arm stupste. »Da sprichst du wochenlang von nichts anderem als diesem Museum und dem Dinosaurier, und jetzt stehst du hier dumm herum. Nun komm, ich will das Ungeheuer von Nahem sehen!«

Die vier Jahre jüngere Charlotte grinste keck, sodass sich ihre sommersprossige Stupsnase kräuselte. Ihre kastanienroten Haare waren zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten, die ihr um die...


Birgit Borchert ist der Mädchenname von Birgit Borchert-Loebnau, die unter dem Namen "bibo Loebnau" bereits etliche Romane und Sachbücher veröffentlicht hat. Die gelernte Journalistin arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere für verschiedene Zeitungen und betreute als PR-Redakteurin die TV-Shows von u. a. Hape Kerkeling, Anke Engelke, Kai Pflaume, Christoph Maria Herbst, Harald Schmidt und Thomas Gottschalk. Birgit Borchert ist verheiratet und lebt abwechselnd in Berlin und einem kleinen Haus am See in der Mark Brandenburg, wo die meisten ihrer Bücher entstehen. Sie engagiert sich in den Autorenvereinigungen DELIA und HOMER.



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