Bornemann | Zeit der Diebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Reihe: CRiMiNA

Bornemann Zeit der Diebe


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-89741-988-9
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Reihe: CRiMiNA

ISBN: 978-3-89741-988-9
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bianca, die alle nur Boi nennen, durchstreift mit ein paar Jungs das Potsdam der Nachwendezeit. Was die Clique um sie und ihren Bruder Sinon in Fabrikruinen und leeren Häusern findet, wird zu Geld gemacht. Bald helfen die Jugendlichen dem Zufall nach. Aus Entwurzelten werden professionelle Diebe. Als die Bande eines Nachts in einen Laden einsteigt, führt sie das in den Dunstkreis von Mord.

Angaben zur Person: Eike Bornemann, 1973 bei (Ost-)Berlin geboren, wuchs in Brandenburg, Mecklenburg und Thüringen auf. Er studierte Bibliothekswesen, schnupperte an der Filmwissenschaft und arbeitete in diversen Berufen. Sein Hobby ist Boxen. Er schreibt und publiziert seit Jahren, war Preisträger des 13. Literatur-Forums Hessen-Thüringen, 1997 sowie 1998 im Finale des Open-Mike (LiteraturWERKstatt Berlin).
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1. Kapitel


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– CODE DES GENS HONNÊTES

Wenn dich damals dein Weg in die Innenstadt und in die nördliche Vorstadt geführt hätte, wärst du auf Straßenzüge gestoßen, die aussahen, als hätten die Bewohner sie nach einer Katastrophe verlassen. Die Türen und Fenster in den unteren Stockwerken waren mit Sperrholzplatten vernagelt. In den oberen Etagen bewegte der Wind schmutzige Gardinen hinter zerbrochenem Glas. Aus einer Dachtraufe wuchs eine junge Birke. Zwischen kaputten Gehwegplatten wucherte Gras. An einer Hauswand hatte jemand die Botschaft »Hier beginnt der soziale Aufstieg« hinterlassen, und es war dieselbe Handschrift, die an der Wand des Maschinenhauses der ausgebrannten Fabrik verkündete: »«

Es gab keinen Fortschritt, aber es hatte ein Fortschreiten gegeben. Von Jahr zu Jahr waren die abendlichen Lichter in den Fenstern, war das Flackern von Fernsehern hinter den Vorhängen weniger geworden. 1989 wohnten in Potsdam noch fast 143.000 Menschen. Ein Jahr später war bereits die 140.000-Marke deutlich unterschritten, und 1995 waren es weniger als 136.000. Das in der nördlichen Vorstadt gelegene Militärstädtchen hatte da schon Ähnlichkeit mit Aufnahmen des evakuierten Pribjat nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Im Sommer hielten wir hier unsere Rennen ab. Auf Feuerstühlen rasten wir unter dem dunkelblauen Schild des Abendhimmels die Straße entlang, bremsten, nahmen – gefährlich geneigt, dass die Fußstützen über den Asphalt schlitterten – die Kurve, drehten wieder auf, bis wir den verwilderten Sportplatz erreichten, wo sich zwischen den Kieferstämmen gegen den Abendhimmel die Silhouetten der verlassenen Kasernen abzeichneten, kehrten am Schulgebäude um und rasten die Straße zurück, wo sich Laubschatten unter dem Licht der Straßenlaternen bewegten und den Beginn der Zivilisation markierten.

Niemand störte uns. Es war eine Gegend, über der virtuell ganz groß und fett das Wort stand. Jeder , der nach Drehorten für einen Endzeitfilm sucht, hätte bei dem Anblick glänzende Augen bekommen.

Es war nicht ungefährlich, in den verlassenen Häusern herumzustöbern. Zwar gab es keine Fallgruben wie bei , dafür aber jede Menge rostiger Stahlträger, Glasscherben und herausstehender Nägel, dazu Asbestplatten, lose Fassadenteile, kaputte Geländer, durchgefaulte Balken und unverschlossene Aufzugschächte, in die man stürzen konnte. Es gab Schimmel und Tierscheiße und Kadaver samt den dazugehörenden Krankheitserregern.

Anfangs waren wir noch zu siebt gewesen. Sieben halbwüchsige Herumtreiber, die gemeinsam auf den Dorffesten stänkerten, auf Motorrädern ins Naturschutzgebiet zum Grillen fuhren (was verboten war, aber wir taten es trotzdem), zum Schwimmen (was an den meisten Stellen, die wir aufsuchten, ebenso verboten war) oder sich einfach zusammen langweilten (was erlaubt war). Mit jedem Jahr war unsere Gruppe weiter zusammengeschrumpft. Zuerst war Ronnys Familie weggezogen, dann Micha, dann meine beste Freundin Caro, die in Bremen eine Ausbildung auf einem Kreuzfahrtschiff begonnen hatte.

Im ersten Jahr trafen bei mir Briefe ein, abgestempelt an Orten, die ich erst im Atlas nachschlagen musste. Manchmal waren Neid und Eifersucht in mir so stark, dass es mir fast körperliche Schmerzen bereitete. Ich hatte zu viele Folgen von gesehen. Vielleicht konnte ich in meinen Antworten meine Gefühle nicht immer verbergen, denn Caros Briefe wurden bald seltener und irgendwann waren es nur noch Postkarten mit kurzen, nichtssagenden Sätzen. Bis auch die Abstände zwischen den eintreffenden Postkarten immer größer wurden. Wir hatten uns nichts mehr zu erzählen. Zu sehr waren unsere beiden Schiffe auseinandergedriftet. Meines war gestrandet. In jenem Jahr bestand unsere Clique noch aus vier Schiffbrüchigen.

In den Romanen von Stephen King hatten solche Sommer, in denen der Erzähler ein Jugendabenteuer Revue passieren lässt, immer heiß und staubig zu sein, der Himmel blau und die Luft erfüllt vom Geruch von heißem Teer und feuchtem Staub nach einem plötzlichen Gewitterregen.

Der Sommer, von dem ich spreche, roch dagegen durchgehend nach Regen. Es fing im Frühjahr an und regnete dann fast ununterbrochen bis in den August hinein, von ein paar Tagen Anfang Juni abgesehen, in denen es kurz aufklarte und vorsichtige Hoffnung auf einen Sommer, wie er sein sollte, aufkeimte. Doch Ende Juni war das zarte Pflänzchen des Optimismus bereits in Regen und Schlamm ertränkt. Im August hatten wir noch immer unsere vornehme Frühlingsblässe. Die Gastwirte starrten trübsinnig auf ihre zusammengeschobenen Stühle und Tische unter Markisen, von denen Perlenschnüre von Wasser auf die Gehwege herabrannen. Der Wetterbericht, in dem ein Atlantiktief das nächste jagte, konnte selbst den hartnäckigsten Optimisten in einen tiefen Brunnen der Depression stürzen lassen. Wenn der Regen mal Pause machte, war der Himmel ein grauer Schild; blauschwarze Wolkenfetzen jagten der Wolkendecke dahin. Die Zeppelinstraße war über weite Strecken überflutet, und jeder Autofahrer, der nicht aufpasste und meterhohe Fontänen in die vorbeihastenden Fußgänger peitschte, geriet in Gefahr, gelyncht zu werden.

Wir hatten uns triefnass in eine verlassene Montagehalle im Nordwesten der Stadt zurückgezogen, die ihrer markanten Kuppel wegen von den Anwohnern »der Zirkus« genannt wurde. Gonzo hatte eine große Blechkiste, in der Kugellager, Schrauben und Muttern vor sich hin rosteten, zur Hälfte ausgeräumt und mit Brettern aufgefüllt. Wir brauchten fast eine halbe Tankfüllung, ehe das Holz endlich brannte und uns Gelegenheit bot, Schuhe und Socken zu trocknen. Es war genauso unromantisch, wie es sich anhört. Die Bretter waren bemalt oder lackiert gewesen, die verbrennenden Chemikalien und das Fett aus den Kugellagern entwickelten einen beißenden Qualm, der sich in unseren Sachen festsetzte, sodass du am Abend rochest, als hättest du auf einer Müllkippe kampiert. Aber wie heißt es so schön: Erfroren sind schon viele, erstunken ist noch keiner.

»Wo bleibt er nur? Mir wachsen schon Schwimmhäute zwischen den Fingern.« Gonzo fuhr mit der Hand in einen seiner Schuhe, um zu prüfen, ob die Sohle schon halbwegs trocken war.

»Der sitzt irgendwo im Trockenen, wenn er schlau ist.« Chris sah nicht einmal von seinem Skizzenbuch auf, das er ständig mit sich führte und selten aus der Hand gab. Fragmente seines jüngsten Werkes leuchteten gespenstisch aus den Tiefen der Halle zu uns herüber: die mit farbiger Kreide gemalte Silhouette einer ruinenhaften Stadt unter einem dunkelblauen Abendhimmel an der Wand schräg gegenüber, ein riesiges grünlich phosphoreszierendes Mädchengesicht daneben, das so plastisch wirkte, dass es aus der Wand herauszuragen schien (und von dem Gonzo behauptete, dass es mir ähnelte).

Chris war selten zufrieden mit dem, was er malte, und so waren einige Wandbilder von ihm immer wieder übertüncht worden. Die Reihenfolge seiner besseren Versuche spiegelte zugleich seine künstlerische Entwicklung wider. Das meinte jedenfalls Sinon, der in Chris’ jüngsten Werken einen Einfluss des späten Dali erkannt haben wollte.

Mich ließ die angewandte Kunstgeschichte kalt. Ich interessierte mich nicht für Chris’ »surrealistische Phase« oder sonst was. Ich fand die meisten seiner Malereien einfach nur schön. Und verstörend. Sie zeigten Beobachtungsgabe, eine sichere Hand, aber mehr noch etwas anderes, etwas, was tief in Chris drin war und was er mit niemandem teilte.

Als ihn mal ein Lehrer vor der gesamten Klasse herunterputzte, weil Chris nicht mal die einfachsten Sätze fehlerfrei vorlesen konnte, redete Chris den ganzen Tag nicht mehr, egal wie oft er aufgerufen wurde. Am nächsten Morgen schmückte eine Karikatur des Lehrers die Tafel, wie er unserem Direktor den Allerwertesten leckte – lebensecht plastisch wiedergegeben und anatomisch korrekt bis ins Detail. Als der Lehrer das Gemälde in einem Wutanfall abwischen wollte, musste er feststellen, dass die Kreidezeichnung auf der Tafel mit Haarlack fixiert war. Chris kam nur deshalb um eine Bestrafung herum, weil seine rechte Hand bis hoch zu den Fingerspitzen eingegipst war. Er hatte sich das Handgelenk nachweislich im Sportunterricht gebrochen. Dass er mit seiner Linken so sicher zeichnen konnte wie mit der Rechten, wussten nur wenige.

»Er hat gesagt, dass er herkommt, also wird er kommen«, stellte ich kurz und bündig fest.

Es war Mitte der Neunziger, und das bedeutet: kein Smartphone, kein WhatsApp, kein Was-auch-immer. Wenn du eine Verabredung...


Angaben zur Person: Eike Bornemann, 1973 bei (Ost-)Berlin geboren, wuchs in Brandenburg, Mecklenburg und Thüringen auf. Er studierte Bibliothekswesen, schnupperte an der Filmwissenschaft und arbeitete in diversen Berufen. Sein Hobby ist Boxen. Er schreibt und publiziert seit Jahren, war Preisträger des 13. Literatur-Forums Hessen-Thüringen, 1997 sowie 1998 im Finale des Open-Mike (LiteraturWERKstatt Berlin).



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