E-Book, Deutsch, 261 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 201 mm
Bornhauser Wohlensee
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-03818-280-1
Verlag: Weber Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 261 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 201 mm
ISBN: 978-3-03818-280-1
Verlag: Weber Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Bornhauser, *1950, ist als Sohn eines Diplomaten in New York, Bordeaux und Bern aufgewachsen. Er war 28 Jahre lang Leiter Kommunikation und Kulturelles bei der Migros Aare in Schönbühl BE. Heute ist er Kommunikationsberater, Fotograf und Autor. Wohlensee ist sein vierter Kriminalroman. Bornhauser lebt in Wohlen BE und Vercorin VS, ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Kindern und Grossvater.
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23 Stunden zuvor. Der Leichenfund. Sonntag, 28. Januar.
Der Digitalwecker im Schlafzimmer von Stephanie Imboden und Joseph Ritter in Münsingen zeigte am Sonntag, 28. Januar 7.47 Uhr, als das Handy des Dezernatsleiters Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern mit dem Klingelton «Highway to Hell» von AC/DC unmissverständlich ankündigte, dass aus diesem noch jungen Tag mit grösster Wahrscheinlichkeit kein gemütlicher Sonntag in lockerer Freizeitkleidung werden sollte. Es meldete sich die Pikettzentrale der Kantonspolizei Bern.
Ritter erfuhr lediglich, dass bei einem kleinen Bootshaus in der Nähe der Kappelenbrücke in Hinterkappelen eine männliche Wasserleiche gefunden wurde. Der Besitzer des Holzhauses habe sofort die Nummer 117 angewählt und bleibe vor Ort, «ohne dass er etwas anrührt oder verändert», wie es weiter hiess. Die Seepolizei Wohlensee habe in der Zwischenzeit vermutlich bereits mit der Bergung der Leiche begonnen, der Kriminaltechnische Dienst der Kantonspolizei Bern KTD und das Institut für Rechtsmedizin IRM seien zum Fundort unterwegs, ebenso die Staatsanwaltschaft und zwei Taucher der Kantonspolizei.
Als Joseph Ritter – Stephanie Imboden hatte umgehend alle Mitglieder seines Teams telefonisch informiert, während ihr Partner kurz unter der Dusche stand – knapp 45 Minuten später am Wohlensee eintraf, war das Gebiet rund um das Bootshaus weiträumig abgesperrt und die Protagonisten waren vor Ort und an der Arbeit. Ritter begrüsste Staatsanwalt Max Knüsel, Veronika Schuler vom IRM, Georges «Schöre» Kellerhals und Eugen «Iutschiin» Binggeli vom KTD, Mediensprecherin Ursula Meister sowie die drei Mitglieder seines eigenen Teams, die ganz in der Nähe wohnten, Regula Wälchli und Elias Brunner bekanntlich in der Berner Länggasse, Stephan Moser im Kappelenring in Hinterkappelen.
Den Notarzt und den ebenfalls anwesenden Sanitätspolizisten kannte Ritter ebenso wie die beiden Streifenbeamten, die ihrerseits mit erklärenden Worten neugierige Spaziergänger mit ihren Hunden zurückhielten. Regula Wälchli, Elias Brunner und Stephan Moser waren entweder im Gespräch mit Mediensprecherin Ursula Meister oder befragten verschiedene Herumstehende, ob ihnen in den letzten Stunden irgendwelche Aktivitäten rund um das Holzhaus aufgefallen seien, ohne selber Gegenfragen nach dem «Warum?» zu beantworten. Das war nicht der Fall, sodass die Leute aufgefordert wurden, weiterzugehen. In der unmittelbaren Umgebung suchten die Spezialisten des KTD nach Spuren, auch in der steilen Böschung seitlich des Bootshauses. Staatsanwalt Max Knüsel – «der Staatser», wie er polizeiintern genannt wurde – telefonierte im Moment ganz offensichtlich in einer privaten Angelegenheit, weil er ausser Hörweite aller Anwesenden stand.
Ein aufgestelltes Sichtschutzzelt auf der Plattform des Bootshauses – dem eigentlichen Dach über den darunterliegenden Bootseinstellplätzen – liess Veronika Schuler vom IRM in Ruhe arbeiten. Ritter gesellte sich zu ihr.
«Veronika, ohne dich nerven zu wollen …»
«Kein Problem, J. R., ich habe bereits erste Erkenntnisse, die dir bestimmt weiterhelfen werden.»
«Du überrascht mich immer wieder. Ich höre.»
«Der Tod dürfte in den letzten vier Wochen eingetreten sein. Und: Der Mann wurde erschossen.»
«Veronika, im Ernst, bitte …»
Die Thurgauerin mit ihrem unverkennbaren Dialekt konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und begann mit Erklärungen zum Wetter. Die letzten drei Wochen hätten dem Wintermonat Januar alle Ehre gemacht, mit Tagestemperaturen meistens unter null Grad. «Doch erst die vergangenen 72 Stunden», gab Schuler zu bedenken, «brachten eine Art Tauwetter. Dennoch: Das unmittelbare Ufer des Wohlensees beim Fundort des Opfers war grösstenteils noch mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, das den Verwesungsprozess der Leiche – in Bauchlage – erheblich verzögert hatte. Entsprechend schwierig war es an Ort und Stelle, auch nur einen ungefähren Todeszeitpunkt zu bestimmen. Dazu kam, dass Wasserleichen nicht gerade die bevorzugten Objekte der Rechtsmediziner waren.»
Durch das Fortschreiten der Verwesung, fuhr die Rechtsmedizinerin fort, sei es für die Ärzte besonders schwer, diese Art von Toten zu identifizieren und im Rahmen einer Obduktion Rückschlüsse auf die eigentliche Todesursache und ein mögliches Verbrechen zu ziehen. Aufgrund des häufig sehr schlechten Zustands von Wasserleichen könnten aus rechtsmedizinischer Sicht oft nur die Zähne, die Kleidungsstücke oder die DNA zur relativ eindeutigen Identifizierung dienen.
Generell lasse sich sagen, dass der Verwesungsprozess einer Leiche sofort nach dem Tod beginne. Ein wesentliches Merkmal einer Wasserleiche sei im Allgemeinen die sogenannte Waschhautbildung, ein Phänomen, das auch im Alltag zu beobachten sei, wenn jemand viel zu lange in der Badewanne liege. Bei vollständigem Fehlen von Luft, also wenn die Leiche unter Wasser liege, verwandle sich das Körperfett in Körperwachs. Dieses Wachs könne die äusseren Umrisse eines Leichnams wie einen Panzer konservieren. Das Aussehen könne man dadurch als aufgedunsen bezeichnen. Diese beiden Erscheinungen, also Waschhaut und Fettwachs, würden die Wasserleiche von einem Körper unterscheiden, der «auf dem Land» verwest.
«Es tut mir leid, J. R.», sagte Schuler, «mehr kann ich zum Todeszeitpunkt noch nicht sagen, ich mache mich aber sofort an die Arbeit. Näheres wohl morgen Montagvormittag. Einige Auffälligkeiten gibt es dennoch.»
«Nämlich?»
«Der Mann ist extrem korpulent, aber das siehst du ja selber. Die Kollegen von der Seepolizei hatten alle Mühe, ihn zu bergen. Und: Er wurde mit nur einem Schuss getötet, direkt ins Herz. Das Projektil steckt noch, ein Austrittsloch fehlt. Binggeli und Kellerhals suchen die Gegend nach einer Hülse ab. Der Tote hat mehrere Narben, die zum Teil von Operationen herrühren, aber auch solche, die nichts mit medizinischen Eingriffen zu tun haben.»
«Was meinst du damit?»
«Das muss ich noch erst herausfinden. Ich mutmasse aber, dass der Tote kein unbeschriebenes Blatt war.»
«Wegen der Tattoos?»
«Genau. J. R., schau dir diese widerlichen Tattoos einmal an, das hat mit Kunst nichts mehr zu tun, nicht mal mehr mit Provokation, das zeigt reine Aggression. Aber vielleicht helfen uns die Tattoos bei der Identifizierung. Gut möglich, dass Tätowierer hierzulande wissen, wer solche Motive sticht. Entschuldige den unprofessionellen Ausdruck, aber der Typ ist doch ein Psycho.»
«War, Veronika … war ein Psycho. Sag mal, was ist mit der Kleidung? Irgendwelche Hinweise?»
«Das musst du Iutschiin und Schöre fragen, sie haben das Zeugs bis auf die Shorts eingepackt. Auf den ersten Blick nichts Besonderes.»
Joseph Ritter bedankte sich bei Veronika Schuler für den Zwischenbericht und verliess das Schutzzelt. Ihm fiel auf, dass auf der gegenüberliegenden Seeseite inzwischen viele Schaulustige zu sehen waren, zum Teil mit Feldstechern oder mit grossen Kameraobjektiven bewaffnet. Es würde, so vermutete er, also nicht mehr lange dauern, bis Ursula Meister zu ihrem ersten Medieninterview kommen würde.
«So, Ritter, was lässt sich festhalten?», fragte Staatsanwalt Max Knüsel. «Wir haben einen Toten und viele offene Fragen», antwortete Ritter etwas schnippisch und ging dann gleich zu einem sachlichen Ton über: «Das IRM wird alles daransetzen, uns bis morgen Vormittag Erkenntnisse zu liefern. Möglicherweise werden auch die beiden Taucher, die im Einsatz sind, fündig. Was sicher ist: Morgen halten wir um 14.00 Uhr eine erste grosse Infositzung ab, es wäre gut, könnten Sie kommen, Herr Knüsel.»
«Danke, Ritter, ich denke, das lässt sich machen. Allerdings muss ich mich jetzt für heute entschuldigen. Halten Sie mich einfach auf dem Laufenden, falls sich Aussergewöhnliches tut. Und sonst, wie gesagt, bis morgen», entgegnete der Staatsanwalt und lief ohne weitere Bemerkung zu seinem Auto.
Bei dieser Gelegenheit kam Ritter wieder einmal in den Sinn, dass man allgemein wenig über die Person des Max Knüsel wusste. Unbestritten war er ein scharfsinniger Denker, ein möglicher Nachfolger des Generalprokurators, des Generalstaatsanwalts des Kantons Bern. Seine ungehobelte Ausdrucksweise indes brachte ihm jedoch immer wieder Kritik von Prozessbeobachtern ein, auch wenn er in letzter Zeit deutlich weniger Ausbrüche als früher hatte. Über sein Privatleben war so gut wie nichts bekannt, auch nicht über eine mögliche Partnerin oder Familie. Ich werde ihn bei passender Gelegenheit einmal direkt darauf ansprechen, dachte der Chefermittler, während er von weitem beobachtete, wie die beiden Herren des KTD dabei waren, flüssigen Gips in vorhandene Reifenspuren zu füllen.
Ein Mann mittleren Alters stand auf der Plattform, ziemlich unbeteiligt am Geschehen rund um ihn herum. Ritter vermutete in ihm den Besitzer des Bootshauses, eine richtige Annahme, da dieser sich Sekunden später als Christian Lüthi aus Boll vorstellte. Lüthi erzählte Ritter davon, dass er kurz nach 7.30 Uhr ins Bootshaus gekommen sei, um die jährliche Generalversammlung des Vereins Bootshaus Freizeit vorzubereiten, die auf 11.00 Uhr angesetzt war.
«Eine Generalversammlung an einem Sonntagmorgen, ist das nicht eher ungewöhnlich?»
«Nun, Herr Ritter, meine sechs Vereinskollegen und ich sind keine typischen Kirchengänger, wir haben vor Jahren schon immer den letzten Sonntag im Januar für diese Versammlung reserviert – und dies noch auf Jahre hinaus.»
«Und so eine Versammlung eines derart bedeutenden Vereins dauert bestimmt auch viele Stunden, nicht wahr?», witzelte Ritter, um eine lockere Gesprächsatmosphäre zu schaffen, worauf Lüthi...




