Borowiak | Sucht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Borowiak Sucht

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-09154-5
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-641-09154-5
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bitterernst und federleicht – ein Roman über Sucht, wie es ihn noch nie gab.

Cromwell hat sieben Hausärzte am Start, die nichts voneinander wissen und ihm reichlich Aufputsch- und Beruhigungsmittel verschreiben. Das geht natürlich nicht ewig gut, und so beschließen seine Freunde, den Tablettensüchtigen zur Entgiftung in die Klinik einzuweisen.

Simon Borowiak gelingt das Meisterstück, über das Innenleben einer psychiatrischen Notaufnahme, über die Abgründe von Süchtigen und die Schmerzen der Depression so schreiben, dass jede Zeile Spaß macht. Denn Borowiak erzählt von eigenen leidvollen Erfahrungen, weiß aber sehr genau: Die schlimmsten Dinge im Leben kann man nur als Komödie erzählen.



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Kapitel 1

Cromwell Jordan war ein weiches Kind, das viel träumte, nie krank war und weder Gott noch Keuchhusten fürchtete. Damit hätte seine Entwicklung zu einem ebenso prachtvollen wie angstlosen Menschen gebongt sein können. Weil aber so dies und das dazwischenkam, entwickelte Cromwell sich letztlich zu einem brüchig-besonnenen Erwachsenen, der zwar noch manchmal träumte, aber ansonsten mit Kinderkrankheiten beschäftigt war. Und seine Besonnenheit war brüchig, weil sie eine chemische war. Denn eines Tages beschloss er, wann immer ihn Gott, Keuchhusten oder Angst zu zerreißen drohten, Tabletten en gros zu sich zu nehmen. Und schon wurde aus dem Aufgeriebenen ein friedfertiger Phlegmat, der es liebte, sich so weit wie möglich aus der Realität zu entfernen und im Schlaf selbst loszuwerden. Doch auch die Methode mit den Tabletten half nur etwa ein Jahr. Zwar ging Cromwell nicht der Stoff aus, denn er hatte inzwischen sage und schreibe sieben Hausärzte am Start, die nichts voneinander wussten und von denen ihm jeder einmal im Monat reinen Gewissens eine Monatspackung verschrieb.

»Das geht schief«, warnte ich. Aber ein angstfreier, gelöster Cromwell gab chemisch-besonnen zu bedenken, dass es sich bei ihm schließlich nicht um einen charakterschwachen Alkoholiker handle, er kenne da so manche. Immerhin fügte er, bevor ich betroffen aufjaulen konnte, hinzu: »Ich habe nichts gegen charakterschwache Alkoholiker. Mein bester Freund ist einer.«

»Danke. Aber das geht trotzdem schief.«

Ich behielt recht, und bald zirpte in Cromwell die alte biochemische Leier: Mehr nehmen, mehr vertragen, noch mehr einwerfen, nichts mehr spüren und den achten Hausarzt ins Rennen schicken. Schließlich kam der Moment, da Cromwell nach siebzig Stunden der Schlaflosigkeit bereit gewesen wäre, für ein Nickerchen zu töten. Trotz verschärfter Einnahme seiner hochpotenten Mittelchen wollten sich seine Lider nicht in die Ruheposition drücken lassen – er blieb glockenwach. Und als die achtzigste Stunde der Wachheit nahte und noch immer weit und breit kein Hahn krähen wollte, beorderte Cromwell aus Sorge um seinen Geisteszustand unseren Freundeskreis zu sich.

Wir sind das, was eine Marketing-Nutte mit dem Begriff »praktischer Dreierpack« bewerben würde. Cromwell und ich sind alte Kriegskameraden; wir haben uns im Krankenhaus kennengelernt und gemeinsam im Schützengraben der Psychiatrie gelegen. Auf derselben Station unter therapeutischem Beschuss, stellten wir aneinander überraschende Ähnlichkeiten fest, was Humor, Geschmack und Vollmeise angeht. Und so wurden wir einander zu Stütze, Beichtvater, Gouvernante und Consigliere. Eine im Vollsuff vollzogene Blutsbrüderschaft bescherte uns nicht nur den Rauswurf aus besagtem Institut (Therapeuten mögen es gar nicht, wenn sich ihre Klientel mit anderen Drogen als den verordneten andröhnt – und wenn dabei auch noch kichernd mit Rasierklingen hantiert wird), sondern besiegelte eherne Freundschaft und Treue. Später, während eines Urlaubs, stieß Mendelssohn zu uns; er hat zwar keinerlei psychiatrischen Schaden, dafür ist er blind und teilt unsere beinahe pathologische Neugierde an Menschen und den Szenen, die Menschen so fabrizieren. Dieser uns dreien gemeinsame Voyeurismus führte auch zu dem Plan, eine Privatdetektei zu gründen. Denn Mendelssohn ist der geborene Spitzel mit seinem hochempfindlichen Gehör und dem harmlosen Aussehen; nicht nur, dass er in der Lage ist, in einer überfüllten U-Bahn Gespräche aus der letzten Reihe herauszufiltern, auch benehmen sich wildfremde Menschen ihm gegenüber extrem aufgeschlossen, wenn nicht schamlos: Die Gewissheit, dass er sie niemals auf der Straße wiedererkennen könnte, löst ihre Zungen, und ehe er es sich versieht, hat ihm jemand zwischen zwei roten Fußgängerampeln seine ganze Lebensgeschichte erzählt, inklusive intimer Details. Sein gerne zitiertes Paradebeispiel für die Offenherzigkeit des Normalbürgers gegenüber einem Blinden ist das Lebensresümee einer alten Dame, die ihm zwischen zwei Verkehrsinseln anvertraute: »Ich hatte es ja auch nicht leicht: Zweimal ausgebombt und der Mann impotent.« Außerdem besitzt Mendelssohn eine Villa in bester Gegend, die als Headquarter eine Menge hermacht. In unserem Trio nehme ich die Rolle des Pragmatikers ein, oder wie Cromwell sagt: »Du bist der geborene Grobmotoriker.« Cromwell hingegen soll eigentlich als unser Zentralrechner, als koordinierendes Superhirn fungieren. Aber dafür sollte das Superhirn klar sein. Unbenebelt. Einen tablettenabhängigen Chef mit Zuckerwatte im Oberstübchen kann sich kein Geheimdienst leisten.

Ich radelte durch die feuchte Dunkelheit bis zur Kieler Straße, die einem etwa mississippibreiten Strom gleich Eimsbüttel von Altona trennt. Schwerlaster zogen asphaltbetäubend vorbei, nach Stunden wurde die Ampel grün, und ich überquerte diese dröhnende Grenze, fuhr die Große Bahnstraße entlang, vorbei an deplatzierten Einfamilienhäusern, die da rumstehen, als hätte sie jemand aus einem Dorf gestohlen und hier zwischen Stadt und Restindustrie abgesetzt. Städtische Industrie in nasser Herbstnacht ist mir das Größte: Gerade noch ein Vorgarten, eine Mülltonne, ein verprügelter Bungalow mit Imbiss-Schild, dann plötzlich eine schwarze Halle mit Leitungen und Gestänge von innen nach außen. Ein riesiger Organismus, den jemand angeschlossen hat an Kabel, Infusionen, Schrittmacher und Sirenen; mit einem bösartig aufgerissenen Eingangstor, vor dem bei Tag Azubis rauchen und von Montag bis Freitag über Wochenenden schwatzen. Dann mit Anlauf auf die Überführung, unter mir eine Brache mit Wasserstellen – es sieht aus, als ob es in Hamburg Büffel gäbe; alles gesäumt von aufsässigen Birken und schmutzigem Schilf. Vom Zenit der Überführung mit Schwung hinunter in einen Tunnel, wo es immer und zu jeder Jahreszeit aus dem Mauerwerk tropft und wo sich Pfützen und Pisse und Schall so sammeln, dass man jedes Mal überrascht aus ihm auftaucht: Überrascht, dass er überhaupt ein Ende hat und dass es an seinem Ende plötzlich normale Luft gibt mit normalem Sauerstoff. So strampelte ich durch Zeit und Raum in die Schleswiger Straße und klingelte Sturm. Es war vier Uhr am Morgen.

Zur gleichen Zeit hielt dort ein Taxi, dem Mendelssohn entkletterte. Gemeinsam traten wir zur Nachtwache bei unserem inzwischen extrem launischen Kompagnon an: Cromwell öffnete aufgekratzt die Tür, gleich darauf fühlte er sich »wie ein durchgesessenes Sofa«. Gegen fünf Uhr bereitete er laut pfeifend und mit energischen Handgriffen ein überwürztes Gyros zu, doch gleich nachdem er Mendelssohn und mir die Riesenportionen aufgenötigt hatte, versank er in dumpfen Groll. Gegen sich selbst grollte er, gegen die Natur des Hirnstoffwechsels, gegen die aktuelle politische Lage, und gleich darauf lag er den Tränen nahe im Bett. »Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich will schlafen. Ich will sterben.«

Mendelssohn, der in der Lage ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit mit großem Appetit ein überwürztes Tellergericht zu sich zu nehmen, legte passend zum Wort »sterben« mitfühlend Messer und Gabel beiseite. Ich beobachtete unseren gefräßigen Freund mit wissenschaftlichem Interesse: »Wie kann sich ein Mensch im Morgengrauen und innerhalb von acht Minuten etwa drei Kilo Geschnetzeltes reindrehen? Hat das mit deinem fehlenden Hell-Dunkel-Rhythmus zu tun? Könnt ihr Blinden eigentlich immer essen?«

»Mumpitz! Ich habe einen Tag-Nacht-Rhythmus wie jeder normale Mensch auch! Bloß dass ich nun mal seit Kindertagen sehr gesegneten Appetits bin«, sagte Mendelssohn und versuchte, seinen leeren Teller auf einem Bücherstapel neben Cromwells Bett zu justieren. Ich nahm ihm den Teller weg: »Scheunendrescher. Aber euch über die Straße helfen lassen, das könnt ihr.« Mendelssohn weiß zwar immer, wann Tag oder Nacht ist, aber nicht immer, wann ich ihn hochnehme. »Wir können uns jetzt gerne über den kalorischen Grundumsatz eines Blinden unterhalten!«, hob er empört an. Doch Cromwells Winseln stoppte ihn: »Willst du es nicht noch mal mit Tabletten versuchen? Ich denke, dein Arzt hat dir solche Extrakracher verschrieben.«

»Das ist es ja!«, wütete Cromwell aus seinen Kissen. »Die wirken nicht mehr! Mein Körper ist schon völlig abgestumpft! Genauso gut könnte ich – Schokomandeln einwerfen! Das hätte denselben Effekt!«

»Hmhm!«, machte Mendelssohn, und es war nicht zu erkennen, ob aus Sorge um den Freund oder wegen der Schokomandeln.

»Auf wie viel pro Tag bist du denn jetzt?«, fragte ich professioneller Suchtberater.

»Hm, auf, etwa, bis zu – sechs oder sieben.«

Ich nahm eine leere Tablettenschachtel: »Von denen hier? Sechs bis sieben à zehn Milligramm?«

»Hm, ja, so circa. Können auch zehn bis zwölf sein.«

»Mein Lieber …«

»Ich weiß.«

Inzwischen lagerte Cromwell nur noch und sah aus wie frisch gekreuzigt.

»Du musst davon los. Du musst entgiften.«

»Ich weiß. Aber ich will nicht.«

»Wir begleiten dich. Du bist nicht allein.«

»Das hab’ ich befürchtet.«

»Willst du in diesem Leben noch mal schlafen? Willst du in diesem Leben noch mal Ruhe haben? Dann sprich mir nach: Ja, ich will.«

»Ich hab’ Angst.«

»Hätte ich an deiner Stelle auch. Aber es nutzt ja nix: Du musst da runter.«

»Okay.«

Auch Cromwells Wohnung sah aus, als hätte sie seit Wochen kein Auge mehr zugetan: Von der üblichen Cromwell’schen Grundordnung war nichts mehr übrig. Auf dem Schreibtisch, dem Esstisch, in der Spüle hatten sich die Sedimente vieler unsortierter Alltage abgelagert. Teller mit...


Borowiak, Simon
Simon Borowiak, geboren 1964, war sieben Jahre Redakteur bei dem Satireblatt "Titanic" und ist Autor des Bestsellers "Frau Rettich, die Czerni und ich" (verfilmt mit Iris Berben). 2007 erschien "ALK-fast ein medizinisches Sachbuch", laut Spiegel "ein Wunder an Komik, Recherche und Weisheit". Simon Borowiak lebt und arbeitet in Hamburg. 2007 erhielt er gemeinsam mit Margit Schreiner den Belletristikpreis der LITERA (Internationale Buchmesse in Linz).



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