E-Book, Deutsch, 351 Seiten
Reihe: ATLAN X
Borsch ATLAN X: Fluchtpunkt Schemmenstern
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8453-5312-8
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 351 Seiten
Reihe: ATLAN X
ISBN: 978-3-8453-5312-8
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rund 5800 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung: Durch eine unbeabsichtigte Zeitreise hat es den Arkoniden Atlan in die Vergangenheit des Arkon-Imperiums verschlagen. Nachdem er den Bewohnern des Planeten Traversan geholfen hat, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen, begibt er sich in einen Tiefschlaf - er möchte kein Zeitparadoxon auslösen. Doch dann wird er geweckt: Seine ehemalige Geliebte Tamarena steckt in großer Not. Auf der Suche nach ihr gelangt Atlan in das System der Sonne Schemmenstern; dort verliert sich die Spur in den orbitalen Städten. Während er im bunten Völkergemisch der Stationen nach Hinweisen forscht, beginnt ein interstellarer Konflikt. Soll Atlan eingreifen, oder löst er damit doch ein Zeitparadoxon aus? Den ATLAN-Roman 'Fluchtpunkt Schemmenstern' verfasste Frank Borsch im Jahr 2001 für die kurzlebige Buchreihe 'Moewig fantastic'; er ist eigenständig und führt die Geschehnisse aus der Miniserie ATLAN-Traversan weiter. Mit der E-Book-Edition dieses Romans liegen nun alle 'Traversan'-Romane in digitaler Form vor.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Es begann mit einem leisen, allgegenwärtigen Brummen, vertraut und fremd zugleich.
Ich versuchte die Augen aufzuschlagen, aber meine Lider gehorchten nicht. Ich versuchte den Arm zu heben, um die störrischen Hautlappen mit den Fingern hochzuziehen, aber der Arm wollte meinen Befehlen nicht folgen. Nein, das war falsch, erkannte ich: Ich spürte den Arm nicht, genauso wenig wie meinen restlichen Körper. Was war mit mir geschehen? War ich ...
Bleib ruhig, Arkonide!
Die Stimme ertönte übergangslos in meinen Gedanken. Die Panik, die gedroht hatte, mich wie eine Welle zu überrollen und davonzutragen, ebbte ebenso schnell ab wie sie gekommen war. Ich kannte diese Stimme. Sie schien mir vertraut wie die eines Bruders. Es war die eines manchmal hämischen und launischen, aber unbedingt verlässlichen Freundes. Ich konnte der Stimme vertrauen.
Das Brummen wurde lauter. Meine nicht vorhandenen Augen mühten sich, die absolute Dunkelheit zu durchdringen. Wo war ich? Und: Wie kam ich hierher? Als hätten sie nur auf ihr Stichwort gewartet, stiegen Bilder aus der Tiefe meines Gedächtnisses hervor. Die absolute Dunkelheit verblasste. Plötzlich umringten mich unzählige Sterne und Galaxien, manche nur winzige stecknadelkopfgroße Lichter, andere drängten sich in gleißenden Haufen und Nebeln. Dann sah ich die Scheibe eines Planeten. Eine dichte Wolkendecke verdeckte einen Teil der südlichen Hemisphäre, doch überall sonst schimmerte das lockende Blau lebensspendender Ozeane. Die Nordhalbkugel bedeckte ein mächtiger, unförmiger Kontinent. Funkelnde Lichter markierten seine Küsten. Der Planet war bewohnt – was ich sah, waren die Lichtansammlungen von Städten und Industrieanlagen.
Dann bemerkte ich den Mond. Sein blutrotes Antlitz schien mich mit Blicken zu durchbohren. Der Einschlag mehrerer Meteoriten hatte die Illusion eines gewaltigen Auges erzeugt.
Travs Nachtauge!
Die Stimme meines Freundes klang jetzt ungeduldig. Als wollte er sagen: Verstehst du immer noch nicht?
Nein, ich verstand nicht. Ich ließ den Namen auf meiner nicht vorhandenen Zunge – mein Geist konnte sich offenbar nicht von körperlichen Analogien freimachen – zergehen: Travs Nachtauge. Ich hatte den Namen schon einmal gehört, dessen war ich mir sicher. Aber was hatte er zu bedeuten? Und wieso stiegen diese Bilder in mir auf? Was hatten sie mit mir zu tun?
Im selben Moment bemerkte ich die Raumschiffe. Es mochten 200, 300 Kugelraumer sein, die aus dem Nichts heraus materialisiert waren und nun dem Planeten und seinem Trabanten entgegenjagten. Ich brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu verstehen, was geschah. Ein Angriff! Andere schienen eine ähnlich schnelle Auffassungsgabe zu besitzen. Überall auf dem Mond öffneten sich verborgene Hangarschleusen. Dutzende von Kugelraumern stiegen auf viele Kilometer langen Feuerschweifen in das Vakuum und warfen sich den Angreifern entgegen.
Verstehst du jetzt endlich?, erkundigte sich die Stimme meines immateriellen Begleiters ungläubig.
Das Zittern, das mich geweckt hatte, steigerte sich zu einem durchdringenden Vibrieren.
Nein!, antwortete ich fast schreiend. Im Laufe der Jahrtausende hatte ich viele Raumschlachten verfolgt, zu viele.
Na gut, du hast es so gewollt.
Die ersten Raumer vergingen in lautlosen Explosionen. Irrlichternde Sonnen traten an die Stelle des Sternenmeers, blähten sich auf, blendeten mich. Absolutes Weiß überflutete meine Sinne.
Als die blendende Helligkeit verblasste, fand ich mich auf einem Planeten wieder. Ein stetiges Donnern lag in der Luft, unterbrochen nur von unregelmäßigen, markerschütternden Explosionen. Dies musste der Planet des Trabanten sein. Trav... Trav... Traversan! Mir schien, als wäre der Name ein Schlüssel. Der Schlüssel zur rettenden Erkenntnis.
Und ich spürte meinen Körper! Schweiß rann über meine Stirn, stach in meinen Augen. Mein Atem ging keuchend und stoßweise. Meine Arme, deren Finger sich um den Griff eines Dagor-Schwertes verkrampften, waren schwer und schmerzten.
Mir gegenüber tänzelte ein ganz in schwarzes Leder gekleideter, sehniger Arkonide. Sein Dagor-Schwert schnitt mit spielerischer Leichtigkeit durch den dünnen Rauch, der sich über das Land gelegt hatte. Trokk!, durchfuhr es mich. Der Dagor-Meister, der dich während der Schlacht um Traversan zum Duell gefordert hat! Meine Erinnerung kehrte jetzt in Schüben zurück. Dennoch spürte ich, dass der entscheidende Teil noch fehlte. Ich wusste, dass ich Trokk besiegen würde. Traversan würde den Angriff der Flotte des rachsüchtigen Leuhar da Merrits überstehen, wenn auch nur mit knapper Not. Aber da war noch etwas gewesen. Etwas, das ...
Dann sah ich sie. Sie war nur ein Schemen am äußerten Rand meines Sichtfelds, aber das genügte. Wie hatte ich sie nur vergessen können? Ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt war unverkennbar. Sie hatte diese besondere Art, Stolz auszustrahlen ohne dabei überheblich zu wirken – eine rare Eigenschaft in der von Standesdünkel bestimmten Gesellschaft des Tai Ark'Tussan, des Großen Imperiums der Arkoniden. Doch jetzt wirkte sie verkrampft, angespannt. Ihre vollen Lippen hatten sich in dünne, blutleere Striche verwandelt. Sie hatte Angst um mich.
Und ich um sie. Unvermittelt wusste ich, was gleich geschehen würde. Ich versuchte auszubrechen, zur Seite zu springen und sie mit mir zu Boden zu reißen, sie außer Reichweite von Trokks grünlich schimmerndem Dagor-Schwert zu bringen. Meine Beine reagierten nicht. Tamarena! Meine Gedankenstimme überschlug sich. Bitte, tu es nicht!
Sie hörte mich nicht.
Dann geschah alles wie in Zeitlupe: Trokks konzentrierte Züge verzerrten sich, wichen einer Maske der Überraschung. Der Dagor-Meister war ein Mann, dem Ehre mehr als nur ein Wort war. Verzweifelt mühte er sich, den Hieb zu stoppen oder zumindest seine Richtung zu ändern. Vergeblich. Die herabsausende Waffe traf den Kopf der zu meiner Hilfe herbeieilenden Tamarena – und nur der Tatsache, dass es Trokk gelungen war, das Desintegratorfeld des Schwertes einen Sekundenbruchteil vor dem Aufprall zu deaktivieren, verdankte sie, dass sie nicht an Ort und Stelle starb.
»Tamarena!« Wieder schrie ich auf. »Bei allen Sternengöttern, nein! Bitte nicht.«
»Es tut mir leid, Altao. Sie ist nicht hier.«
Diese Stimme! Das war nicht das Gedankenflüstern meines Bruders. Nein, es war die Stimme einer Frau. Und ich hatte sie gehört, nicht nur in Gedanken vernommen. Plötzlich nahmen meine Sinne noch mehr wahr: Das Brummen von an ihren Kapazitätsgrenzen arbeitenden Aggregaten, den Stich einer Injektionsnadel in meinem Unterarm, die wohlige Wärme, die mich umgab. In der abgestandenen Luft vermischte sich der stechende Geruch von Urin mit dem verschiedener Desinfektions- und Reinigungsmittel. Und da war noch etwas: ein frisches Blütenaroma, köstlich unaufdringlich und von unentrinnbarer Präsenz zugleich. Ich kannte diesen Duft. Nur, woher?
Ich schlug die Augen auf.
Im schwachen Schein indirekter Leuchtkörper saß eine Frau. Sie lächelte. »Altao ... Atlan! Oh, du weißt nicht, wie gut es tut, dich wiederzusehen!«
Ich starrte die Frau verständnislos an. Sie war eine Arkonidin – ob reinrassig oder von einem Kolonialplaneten konnte ich in dem Dämmerlicht nicht erkennen – und musste um die Achtzig oder Fünfundachtzig sein. Eine alte Frau nach arkonidischen Maßstäben, aber noch längst keine Greisin. Sie trug einen einfachen, mit geometrischen Mustern bedruckten Umhang aus Kunstfaser, der ihre erhebliche Leibesfülle nur unzureichend kaschierte. Ihr langes, sprödes Haar wurde von einigen Haarklammern nur leidlich gebändigt. Dicke Tränensäcke drohten beinahe die unnatürlich geröteten Wangen zu berühren.
Wahrscheinlich Alkoholmissbrauch, vermeldete mein Gedankenbruder kühl. Jetzt, wieder zu Sinnen gekommen, erkannte ich ihn als meinen Extrasinn, eine durch fünfdimensionale Bestrahlung aktivierte Region meines Gehirns, die zu einem bisweilen unangenehmen Eigenleben neigte.
»Du ... du erkennst mich nicht?« Das Lächeln der Frau verschwand. »Hast du denn schon vergessen?« Die Frage klang fast wie eine Anklage.
Streng dich an!, ermahnte ich mich. Wozu hast du ein fotografisches Gedächtnis? Forschend musterte ich die Frau. Ich lächelte höflich. Wer immer sie sein mochte, ich war gut beraten, sie nicht gegen mich aufzubringen. Meine Muskeln schienen geschmolzen zu sein. Was von ihnen übrig war, schmerzte pochend. Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es mir, den Kopf einige Zentimeter anzuheben. Nach wenigen Augenblicken sackte er wieder auf das Kissen. Ich war dieser Frau ausgeliefert.
»Gib mir einen Augenblick Zeit, ich bin noch etwas verwirrt«, bat ich.
Ich blickte mich um. Ich lag auf einer Konturliege in einer niedrigen Kammer. Die Wände waren aus stumpfem, unpoliertem Arkonstahl. Neben einem Medorobot, der lautlos auf einem Antigravfeld schwebte, war der einfache Plastikstuhl, auf dem die unbekannte Arkonidin saß, der einzige Einrichtungsgegenstand. Wieder kehrte ein Teil meiner Erinnerung zurück. Zweifellos, dies hier war dieselbe Kammer, in der ich mich in einen künstlichen Tiefschlaf hatte versetzen lassen – ein Akt der bloßen Verzweiflung, um nach der Vernichtung der Zeitstation der Meister der Insel in meine Gegenwart zurückzugelangen. Doch das hier konnte sie nicht sein, das sagte mir mein Instinkt. Aber in welcher Zeit war ich dann gestrandet? War mein Vorhaben gescheitert? Befand ich mich...




