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E-Book, Deutsch, 305 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm

Both Rote Blaupausen

Eine kurze Geschichte der sozialistischen Utopien
Neuausgabe 2021
ISBN: 978-3-948616-51-9
Verlag: Memoranda
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine kurze Geschichte der sozialistischen Utopien

E-Book, Deutsch, 305 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm

ISBN: 978-3-948616-51-9
Verlag: Memoranda
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor über 130 Jahren erschien der Roman 'Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf 1887' von Edward Bellamy, ein Werk, das die soziale Frage aus Sicht des revolutionären Proletariats in der Industriegesellschaft aufgriff. Neben diesem Werk werden Romane aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Russland und England vorgestellt. Heute noch relevante Fragen wie die nach der gerechten Verteilung des sozialen Reichtums, dem Zugang zu Bildung für alle, den Rechten der Frauen, der Rolle von Wissenschaft und Technik in unserer Gesellschaft oder der Energieversorgung werden in diesen Vorschlägen für eine bessere Welt beleuchtet. Portraits der Verfasser ergänzen die Zusammenstellung. Sowohl die sozialistische als auch die bürgerliche Literaturkritik haben diese Spielart der Utopien bisher immer ignoriert, ja abgelehnt. Die Sozialisten selbst verhängten ein 'Bilderverbot' über den zukünftigen sozialistischen Staat. Doch die utopischen Werke durchbrechen dieses Verbot, regen auch heute zur Diskussion an und liefern Blaupausen für die Zukunft. Für 'Rote Blaupausen' wurde Wolfgang Both mit dem Kurd Laßwitz Sonderpreis ausgezeichnet.

Wolfgang Both (*1950) entdeckte mit 13 Jahren die Romane von Jules Verne. Seitdem interessiert er sich für Science Fiction und Raumfahrt. In zahlreichen Publikationen und Artikeln hat er sich diesen Themen zugewandt. So ist er Mitautor mehrerer Werke über das Science-Fiction-Fandom in der DDR.
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Die industrielle Revolution und die proletarische Revolution

Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.

Karl Marx

Zwischen den bürgerlichen Revolutionen von 1789 und 1848 auf dem Kontinent geht von England die industrielle Revolution aus. In der Folge bilden sich neue soziale Klassen heraus: Auf der einen Seite der Fabrik- oder Lohnarbeiter, der Proletarier, auf der anderen Seite das industrielle Großbürgertum, die Bourgeoisie. Sie stellen den neuen, den sekundären Sektor. So wie der Unternehmer Friedrich Harkort die Eisenbahn als Leichenzug des Feudalismus bezeichnet hatte, so sollte der Proletarier zugleich Totengräber der Bourgeoisie[9] werden.

Insbesondere zwei Ingenieurleistungen charakterisieren diese Entwicklung: Die Spinnmaschine (James Hargreaves, 1765) und die Dampfmaschine (James Watt, 1775). Diese und weitere Erfindungen vervielfachten plötzlich die Leistungsfähigkeit in der Fertigung und veränderten nachhaltig die Produktionsweise. Die manuelle Tätigkeit von Handwerkern und Heimarbeitern wurde durch die maschinelle Produktion in Fabriken verdrängt. Zuerst verstärkten die Veränderungen in der Textilindustrie die Nachfrage nach Rohstoffen (Wolle) und Maschinen. Dies führte zu wachsender Produktion von Roheisen und Kohle und dann zum Ausbau der Transportwege. Mit der Dampfmaschine stand nicht nur ein alternatives und kraftvolles Angebot für den Antrieb von Maschinen, Pumpen oder Hebekränen zur Verfügung. Erstmals konnten große Leistungen ortsunabhängig bereitgestellt werden. Weder Flüsse noch Tallage diktierten den Fabrikstandort. Die Fertigung konnte sich von jetzt an an wirtschaftlichen Standorterfordernissen ausrichten: Lagerstätten von Kohle oder Erz, Häfen, Handelszentren.[10] Während sich auf dem europäischen Kontinent noch munter die Wasserräder drehten, tobten bereits Kräfte von mehreren Zehntausend Pferdestärken in den Zylindern englischer Dampfmaschinen. Sie hatten längst Göpelwerk und Wasserrad verdrängt. Die rauchenden Schornsteine bestimmten den Horizont der neuen Zentren. Die Bahnhofshallen wurden die Kathedralen des Industriezeitalters.

Das hatte weitreichende soziale Folgen: In wenigen Jahrzehnten veränderte sich die Beschäftigungsstruktur dramatisch. Der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen sank zugunsten des Lohnarbeiters. Arbeiteten in England um 1700 noch etwa 80 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft, so hatte sich dieser Anteil um 1800 auf 40 % halbiert, um bis 1900 auf nur noch 6 % zurückzugehen. Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung vollzog sich dieser Prozess dann auch auf dem europäischen Kontinent und in den USA.

Die Nachfrage nach Rohstoffen und Produkten war nicht mehr mit herkömmlichen Fertigungsweisen zu befriedigen. Die Anforderungen an Quantität und Qualität der Erzeugnisse verlangten nach einer anderen Produktionsweise. Handwerkliche Tätigkeit und Heimarbeit im Nebenerwerb lieferten nicht mehr ausreichend Halbzeuge und Endprodukte.

Die Textilindustrie erlebte als erste Branche diesen Umbruch. Erfahrene Handwerker verbesserten die manuellen Spinnräder und Webstühle. Die einzelnen Handgriffe wurden in mechanische Abläufe übersetzt, deren Arbeitsgeschwindigkeit um ein Vielfaches höher lag als die der Menschen. Die Maschine ersetzte Hände, Füße und Kopf. Die Spinnmaschine »Spinning Jenny« hatte gegenüber dem Spinnrad die sechsfache Leistung. Mechanische Prozesse substituierten die manuelle Arbeit. Viele Maschinen ersetzten noch mehr Hände. Sie erforderten aber auch eine höhere Antriebskraft, als ihnen ein einzelner Handwerker bisher geben konnte. Die Dimension einer Töpferscheibe oder eines Spinnrads war an deren Betreiber gebunden. Gegenüber den neuen Antriebsmaschinen setzte der einzelne Handwerker bisher geradezu zwergenhafte Kräfte ein. Mit der Anzahl der gleichzeitig bewegten Arbeitsmaschinen wächst die Bewegungsmaschine und dehnt sich der Transmissionsmechanismus zu einem weitläufigen Apparat aus[11], stellte Karl Marx dazu fest.

Die Produktion verlagerte sich in größere Komplexe, in die Fabriken. Die maschinelle Fertigung in großen Hallen zerstörte die traditionelle Einheit von Wohn- und Arbeitsstätte. Arbeiteten und lebten Bauern und Handwerker bisher auf ihrem Hof bzw. in ihrer Wohn- und Werkstätte, so trennten sich diese Lebensbereiche nun. Der jahrtausendealte Familienverband begann sich aufzulösen, ebenso wie der Feudalstaat, bisher durch Adel, Erbrecht und Kirche getragen.

Des Weiteren verlangte die maschinelle Fertigung nicht mehr die Fachkenntnisse und Fertigkeiten eines Handwerkers. Das traditionelle Zunftwesen geriet unter Druck. Die Maschine hatte einige Handgriffe übernommen und führte sie schneller und zuverlässiger aus. Sie reproduzierte Stunde um Stunde, Tag um Tag immer die gleichen, einen Menschen ermüdenden Bewegungen und Abläufe. Der Ausstoß wuchs bei konstanter Qualität. Mit wachsender mechanischer Präzision verbesserte sich sogar die Qualität der Waren. Die Vorstufe zur Massenproduktion war erreicht.

Dabei hatte die angelernte Arbeitskraft die Herstellung der Ware nicht mehr selbst vom Rohstoff bis zum Produkt in der Hand, sie begleitete nur noch einen einzelnen Arbeitsschritt, den aber vielfach an mehreren Maschinen gleichzeitig. Der Produzent entfremdete sich mehr und mehr von seinen Produkten.

Zu dieser Zeit war der Eintritt von Frauen in die Beschäftigung weniger ein Ausdruck gesellschaftlicher Emanzipation als vielmehr des Lohndrucks. Die angelernten Kräfte waren billiger als die hoch spezialisierten Handwerker. Einer der übelsten Auswüchse dieser Zeit war die massenhafte Kinderarbeit. Die Arbeit war monoton. Unter ungesunden und kräftezehrenden Arbeitsbedingungen bedienten halbschlafende, schwindsüchtige Kinder die nimmermüden Maschinen. Der Arbeitstag umfasste bis zu 16 Stunden, manchmal mehr. Gasbeleuchtung machte die Nacht zum Tage. Marx konstatierte trocken: Das Kapital feierte seine Orgien.[12] Das Überangebot an Arbeitskräften, an landlosen Bauern sowie Frauen und Kindern ließ das Lohn- und Lebensniveau sinken und führte zur Verelendung breiter Bevölkerungsteile. Soziale Spannungen waren die Konsequenz. Autoren wie Charles Dickens oder Victor Hugo schildern in ihren Werken anschaulich die damaligen Verhältnisse. Der soziale Roman entstand. In ihm fanden die Elenden und Unterdrückten, die Armen und Ausgebeuteten erstmals eine literarische Reflexion ihres Lebens.

Dramatisch veränderten sich weiterhin die Eigentumsverhältnisse: Hatte der Heimarbeiter bisher am eigenen Webstuhl produziert, so ging er nun in die Fabrik, um an den Maschinen eines Fabrikbesitzers zu arbeiten. Auch verfügte er nicht mehr über das Ergebnis seiner Arbeit. Er verarbeitete Material, das geliefert wurde, an einer Maschine, die ihm nicht gehörte, und er erhielt ein Entgelt für seine Tätigkeit. Produktion, Handel und Verkehr konzentrierten sich in der Hand weniger. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bildeten sich heraus. Dieser Konzentration folgten weitere Umwälzungen. Marx bemerkte dazu: Die Revolution in der Produktionsweise der Industrie und Agrikultur ernötigte namentlich aber auch eine Revolution in den allgemeinen Bedingungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, d. h. den Kommunikations- und Transportmitteln. [13]

Die industrielle Verwertung technischer Entwicklungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse brachte sowohl einen neuen Wissenschaftszweig – die technischen oder Ingenieurwissenschaften – als auch die Standardisierung – die Anwendung von Einheitsmaßen und Qualitätskriterien – hervor. Bereits im Jahre 1799 wurden in Paris der Urmeter und das Urkilogramm als verbindliche Bezugsgrößen festgelegt. Wollte man mit technischen Gütern Handel treiben, waren solche überregionalen Absprachen und Normen unverzichtbar. Die Hersteller von Schrauben, Schienen und anderen Metallteilen konnten ihren Kundenkreis ausweiten, Lieferanten auf Qualität und Preis achten.

Dieser rasante Wandel in der Produktionsweise und in den Produktionsverhältnissen erzeugte erhebliche soziale Spannungen und Verwerfungen. Sie waren nicht nur Ursache von Aufständen, Streiks und Unruhen sowie der Organisation des Proletariats in Verbänden, Gewerkschaften und Parteien. Die »soziale Frage« erschien auf der Tagesordnung. Die herrschende Klasse sah sich mit wachsenden Forderungen nach einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums konfrontiert. Die proletarische Bewegung strebte nach einer Änderung der Machtverhältnisse. Dies bildete dann den Nährboden für die sozialistischen Utopien.

Marx und Engels machten im Kommunistischen Manifest unmissverständlich klar, dass diese neue soziale Ordnung nur durch die Beseitigung der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsform erreicht werden kann. Die Herrschaft des Proletariats ist durch eine Revolution zu erringen, die den bürgerlichen Staatsapparat beseitigt und in der Folge zu einer Umwälzung der Eigentumsverhältnisse sowie der Produktionsweise führen wird. Im...


Both, Wolfgang
Wolfgang Both (*1950) entdeckte mit 13 Jahren die Romane von Jules Verne. Seitdem interessiert er sich für Science Fiction und Raumfahrt. In zahlreichen Publikationen und Artikeln hat er sich diesen Themen zugewandt. So ist er Mitautor mehrerer Werke über das Science-Fiction-Fandom in der DDR.



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