Bourne Tagebuch der Apokalypse 3
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12831-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 496 Seiten
Reihe: Tagebuch der Apokalypse
ISBN: 978-3-641-12831-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Erde, in naher Zukunft. Nach einer mysteriösen Infektionsepidemie, die sich von China aus weiter in die USA ausgebreitet hat, haben sich die Menschen der Vereinigten Staaten in fleischfressende Zombies verwandelt. Unter den wenigen Überlebenden ist ein Mann namens Kilroy. Aufgrund seiner Erfahrung bekommt er nun einen streng geheimen Auftrag: Zusammen mit einer Handvoll Elitekämpfern wird er mit einem U-Boot nach China geschickt, um den Patienten 0 ausfindig zu machen und zu evakuieren. Eine Mission auf Leben und Tod beginnt …
J. L. Bourne, geboren in Arkansas, arbeitet hauptberuflich als Offizier der US-Marine, aber widmet jede freie Minute dem Schreiben. Seine Romanserie Tagebuch der Apokalypse hat weltweit inzwischen Kultstatus erlangt. Im Heyne-Verlag sind die Bände 1 bis 4 erschienen.
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Eins
1. November – Panama, Kampfgruppe Sanduhr
Chaos. Hundert Prozent. Die Szenerie unter uns ähnelte einem Gebiet nach einem Hurrikan der Stärke 5 oder einem Luftbombardement. Die vielen Bauten an der Wasserstraße erinnerten noch an die Launen der Elemente und wiesen deutliche Anzeichen von schleichendem Verfall und Vernachlässigung auf. Der Dschungel begann die Kanalregion zurückzuerobern. Bald würde er jeden Beweis dafür ausradieren, dass der Mensch diesen Kontinent vor einem Jahrhundert geteilt hatte.
Seelenlose Gestalten gingen dort um. Sie waren auf der Suche und reagierten auf das Feuern toter Synapsen.
Ein nur mit einem Mechaniker-Arbeitshemd bekleideter Leichnam schlurfte dort herum. Der Mechaniker war seinem Tod in Form der Gewehrmündung eines panamaischen Soldaten begegnet – damals, als es im ganzen Land noch die Sperrstunde gegeben hatte. Kurz nach der Durchlöcherung seines Herzens und dem Absinken seiner Körpertemperatur war er ein Es geworden, nunmehr gesteuert von dem Mysterium, durch das Tote reanimiert wurden. Die Anomalie (so nannte man es) hatte sich rasch durch das Nervensystem des Mechanikers verbreitet und die Schlüsselbereiche der Sinnesanatomie verändert. Sie hatte sich im Gehirn verankert, replizierte sich aber nur in jenen Bereichen, in denen der Urinstinkt sich entwickelt und in äonenlanger Evolution via DNS und elektrochemischen Weichen abgelegt hat. Auf dem Weg der Selbstreplikation und Infektion hatte die Anomalie im Gehörgang kurz angehalten. Sie hatte auf mikroskopische Weise die physische Struktur der Innenohrknöchelchen verändert und den Gehörsinn verstärkt. Die Augen waren ihre letzte Haltestelle. Einige Stunden nach der Reanimation vervollständigte die Anomalie die Replikation und ersetzte bestimmte Zellstrukturen im Augeninneren, was zu einer rudimentären Kurzstrecken-Wärmeempfindlichkeitsgabe führte, die die aufgrund des Ablebens verminderte Sehfähigkeit ausglich.
Der Exmechaniker verharrte und legte den Kopf schief. In der Ferne hörte er ein ihm vertraut erscheinendes Geräusch – ein Nanosekundenblitz akustischer Wahrnehmung. Dann war es verschwunden und vergessen. Das Geräusch wurde wieder lauter, erregte das Geschöpf, ließ es sabbern. Eine durchscheinende graue Flüssigkeit tröpfelte über sein Kinn und fiel auf sein nacktes skelettdünnes Bein. Der Mechaniker tat einen Schritt in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Die offenen Sehnen seines Fußes spannten sich und bewegten die kleinen Fußknochen. Die Kreatur spürte, dass das lauter werdende Geräusch nicht natürlichen Ursprungs, weder Wind noch Regen war. Solche Geräusche ignorierte das Wesen normalerweise. Sein Schritt wurde schneller. Es erreichte einen kleinen Hain aus dicht stehenden Dschungelbäumen. Als die Kreatur das Wäldchen betrat, zuckte eine Schlange hervor, klatschte gegen totes Fleisch und ließ zwei kleine Löcher in der kaum noch vorhandenen Unterschenkelmuskulatur zurück. Die Kreatur beachtete sie nicht, sondern schleppte sich weiter voran, bis sie beinahe wieder aus dem Wäldchen heraus war. Ein Chor verdammter Seelen erklang dröhnend aus allen Richtungen, als das Ding auf die Lichtung stürzte.
Auf der Seite des Panamakanals, auf der der Mechaniker sich befand, bellten zweihunderttausend Untote zum Himmel hinauf. Ein grauer Militärhubschrauber fegte mit hundert Knoten über ihnen dahin. Er folgte dem Kanal nach Südosten. Der Mechaniker reagierte instinktiv auf den Motorenlärm und hob die Arme in die Luft, als könnte er den großen Vogel vom Himmel reißen und kalt verzehren. Vor Hunger halb wahnsinnig folgte er dem Hubschrauber, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Nach zehn Schritten stolperte er über den Rand des Kanals und fiel ins Wasser.
Der sich dahinschlängelnde Panamakanal bestand längst nicht mehr aus schlammigem braunem Wasser, auf dem durchreisende Schiffe fuhren. Nun blockierten aufgeschwemmte Leichen den einst geschäftigen Wasserweg. Mehrere dieser abscheulichen Gestalten bewegten sich, denn Hitze, Luftfeuchtigkeit und das von Moskitolarven wimmelnde Gewässer hatten sie noch nicht aufgelöst. Die massierten Horden auf der einen Kanalseite brüllten und ächzten angesichts ihrer untoten Doppelgänger auf der anderen Seite so laut, dass es selbst über den breiten Graben hinweg zu hören war.
Vor der Anomalie war die Welt auf den Dow-Jones-Index, die von der Regierung gefälschten Arbeitslosenzahlen, den Goldnettopreis, die Währungsschwankungen und die weltweite Schuldenkrise fixiert gewesen. Heute hätten die wenigen Überlebenden bei einem Dow von 1000 Punkten und 80 Prozent Arbeitslosigkeit gejubelt. Es wäre immerhin etwas gewesen.
Die Zustände am Boden hatten sich seit dem ersten dokumentierten Anomaliefall in China steil nach unten entwickelt. Am Anfang der Krise hatte der überlebende Teil der amtierenden US-Regierung beschlossen, die größten Städte des Kontinents mit Raketen zu beschießen, »um die Untoten davon abzuhalten, die lebende Bevölkerung der Vereinigten Staaten weiter zu eliminieren oder ihre diesbezüglichen Fähigkeiten zumindest einzuschränken«. Man hatte die Städte mit Atomraketen beschossen. Viele Untote hatte der Prozess auf der Stelle ausgelöscht, doch der Kompromiss hatte sich als Katastrophe erwiesen. Die Untoten außerhalb der vergleichsweise engen Explosionszonen waren dermaßen mit Alpha-, Beta- und Gammapartikeln bestrahlt worden, dass alle Bakterien ausradiert wurden, die sie vielleicht irgendwann hätten verfaulen lassen. Nun, vermutete die Wissenschaft, konnten die Untoten noch Jahrzehnte weiterleben.
Vereinzelt hatten jedoch auch Menschen überlebt, und da und dort existierte noch so etwas wie militärische Führung. Genau in diesem Moment lief ein Unternehmen an, um die Kette der Ereignisse offenzulegen, die die Menschheit an den Rand des Abgrunds und vielleicht sogar darüber hinaus gebracht hatten.
Hinter verschlossenen Türen redete man über die Möglichkeit, eine wirkungsvolle Massenvernichtungswaffe gegen die Untoten zu entwickeln, denn es gab nicht genügend Schusswaffenmunition oder menschliche Finger, um die auf dem Planeten noch vorhandenen Abzüge betätigen zu können. Und hinter deutlich dickeren verschlossenen Türen sprach man über andere, noch ruchlosere Dinge.
Der Hubschrauberpilot, die Backentasche voll mit Kautabak, schrie den hinter ihm sitzenden Passagieren zu: »Drei-Null-Minuten bis zur Landung auf der USS Virginia!«
Die Bordkommunikation hatte schon vor Monaten ihren Geist aufgegeben. Momentan reichte sie gerade noch zur Verständigung zwischen dem vorn sitzenden Piloten und dem Kopiloten.
Der Pilot war, wie sein grauer Schopf, seine tiefen Krähenfüße und seine alte zerknautschte Air-America-Mütze verrieten, über sechzig Jahre alt. Der Mann auf dem Sitz des Kopiloten gehörte nicht zur Flugmannschaft, sondern nur zu der Einheit, die auf dem Einsatzbefehl des Piloten unter Kampfgruppe Sanduhr lief.
Piloten waren seit einigen Monaten knapp. Die meisten gingen bei Aufklärungsflügen drauf. Die noch vorhandenen flugfähigen Militärmaschinen bestanden aus vielen Tausend komplizierten beweglichen Teilen und mussten allesamt dringend inspiziert und gewartet werden, sonst würden sie bald als äußerst kostspielige Rasendartpfeile enden. Der alte Pilot schien es zu genießen, dass neben ihm jemand saß, der mit ihm sterben würde, wenn etwas in die Hose ging. Was nicht selten vorkam.
Sein schreckhaft wirkender Nebenmann war sich seiner Umgebung offenbar nur allzu bewusst. Er trug ein mehr als eng sitzendes Riemengeschirr, hielt sich mit einer Hand an der Luke fest und begutachtete nervös die Hauptwarntafel und die Instrumente des Hubschraubers. Er warf einen Blick nach unten. Sie flogen niedrig und schnell. Eine optische Täuschung im Cockpit brachte den Hubschrauber beinahe auf eine Höhe mit beiden Kanalrändern. Die Kreaturen schrien und schlugen um sich, wenn sie ins Wasser fielen, konnten aber den ohrenbetäubenden Motorenlärm nicht übertönen. Der Mann im Kopilotensitz füllte die Lücken widerwillig mit seiner Fantasie und hörte die Gesänge der Toten von unten. Eine hartnäckig andauernde posttraumatische Belastungsstörung, die er sich während der Ereignisse des vergangenen Jahres zugezogen hatte, drängte sich in seinem Bewusstsein nach vorn. Er schlug instinktiv auf seine Seite, tastete nach seinem Gewehr und bereitete sich auf den nächsten Absturz vor.
Dem Piloten fiel dies auf, und so quäkte er in sein Headset: »Hab gehört, was Ihnen passiert ist. Ihre Kiste ist am Arsch der Welt abgestürzt.«
Der Nebenmann schaltete sein Headsetmikro ein. »So was in der Art.«
»Sie haben gerade den Lautsprecher eingeschaltet«, brummte der Pilot. »Wenn Sie mit mir reden wollen, drücken Sie den Schalter nach unten. Wenn Sie mit der Welt reden wollen, nach oben.«
»Oh, Verzeihung.«
»Machen Sie sich keine Sorgen. Vermutlich hat es ohnehin niemand gehört. Nur die Dinger in der Umgebung. Da unten sind jetzt ’ne Menge Piloten zu Fuß unterwegs. Diese Ausflüge werden von einem zum anderen Mal gefährlicher. Unsere Kisten gehen aus dem Leim, und wir haben keine Ersatzteile … Was haben Sie früher gemacht?« Der alte Knabe musste in sein Mikro schreien, um die vernachlässigten Motoren zu...




