Bourne Tagebuch der Apokalypse
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-10544-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Tagebuch der Apokalypse
ISBN: 978-3-641-10544-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willkommen in der Welt nach der Apokalypse! Dies ist das Tagebuch des unbekannten Soldaten, und es schildert auf eindringliche Weise den Untergang der menschlichen Zivilisation durch eine Plage, mit der keiner gerechnet hatte: Die Toten sind aus den Gräbern zurückgekehrt, und sie machen vor nichts halt. Im Angesicht des Todes kämpft jeder für sich allein…
J. L. Bourne, geboren in Arkansas, arbeitet hauptberuflich als Offizier der US-Marine, aber widmet jede freie Minute dem Schreiben. Seine Romanserie Tagebuch der Apokalypse hat weltweit inzwischen Kultstatus erlangt. Im Heyne-Verlag sind die Bände 1 bis 4 erschienen.
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Ich wünsche mir ein Frohes Neues Jahr. Nach einer heiter durchsoffenen Nacht war ich wieder nüchtern und machte mich auf den Heimweg. Mittlerweile hängt mir der Heimaturlaub zum Hals raus. Ich bin zwar dankbar für die Ausbildungspause, aber Arkansas altert schnell. Meine Freunde trinken alle noch das gleiche Bier und treiben den gleichen Stuss. Ich kann es kaum erwarten, wieder daheim in San Antonio zu sein. Vorsatz fürs Neue Jahr: Tagebuch schreiben.
Endlich keinen Kater mehr. Ist ein Fernseher in Reichweite, schaue ich gern Nachrichten, aber hier draußen, im Haus meiner Eltern, scheint man nur lokale Sender reinzukriegen. Interneteinwahl werde ich gar nicht erst versuchen, das würde mich eh nur an den Rand des Wahnsinns treiben. Es sollte reichen, zu Hause die E-Mails zu prüfen. Sieht aus, als wäre irgendwas in China los. Die Lokalnachrichten melden, dass da drüben irgendein Grippevirus rummacht. Wir hatten dieses Jahr eine üble Grippewelle. Ich habe mich auf dem Stützpunkt impfen lassen, weil ich nicht warten wollte, bis der Impfstoff knapp wird. Ich freue mich, dass ich morgen nach Hause fahre und wieder an mein Digitalkabel und meine Hochgeschwindigkeits-Internetverbindung angeschlossen sein werde.
Nicht mal mein Scheißhandy funktioniert in dieser Einöde. Das Schlimmste hier ist das Wissen, mein altes Tempo nur durch eine Menge Flugrunden wieder erreichen zu können. Als ich zu den Marinefliegern ging, rechnete ich nicht damit, dass man ohne ununterbrochenes Arbeiten und Lernen nicht mal seine Mindestform halten kann.
Heute Morgen rief meine Großmutter an, um Mama zu sagen, dass wir Krieg gegen China führen werden. Sie wollte mich zum Desertieren überreden. Ich soll nach Kanada abhauen. Ich glaube ernsthaft, dass Oma einen an der Waffel hat. Ich habe die Fernsehnachrichten eingeschaltet und mehr oder weniger erwartet, irgendeinen Scheißdreck über ein gegen China verhängtes Handelsembargo zu hören. In den Nachrichten hieß es, der Präsident hätte zugestimmt, militärisches Personal zu Beratungszwecken nach China zu schicken.
Da fragt man sich schon, was wohl Amerika zu bieten hat, das ein großes böses Land wie China brauchen kann. Die haben doch alle Bodenschätze, die man sich wünschen kann. Seitdem frage ich mich ständig, ob ich in meinem Haus in San Antonio eine Lampe habe brennen lassen. Ich habe zwei Solarzellen auf dem Dach, bin aber auch ans Stromnetz angeschlossen. Die Zellen nutze ich, um dem Kraftwerk, wenn ich im Einsatz bin, Strom zu verkaufen. Die haben sich schon amortisiert.
Nach einer schönen 10-Stunden-Fahrt aus Nordwest-Arkansas bin ich gestern zu Hause angekommen. Zu Weihnachten habe ich ein Satellitenradio bekommen. Auf der Heimfahrt habe ich es eingeschaltet. Ich habe während der ganzen Fahrt BUZZ und FOX gehört, zwischendurch aber auch mal Musik aus dem MP3-Player. Bin leider nicht auf die Idee gekommen, das Radio im Haus meiner Eltern einzuschalten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch dort, mitten im Nirgendwo, funktioniert hätte.
Die China-Sache scheint sich zuzuspitzen. Die Nachrichten melden, dass wir mehr als zehn Leute an diesen China-Bazillus verloren haben. Die anderen »Militärberater«, die sich noch in China aufhalten, müssen in Quarantäne, bevor sie in die USA zurückdürfen. Na toll. Da geht man rüber, um denen zu helfen, und was kriegt man dafür? Knast!
Der heutige Montag war nicht übel. Musste ein paar Übungseinsätze fliegen. Die EP-3 ist im Grunde eine C-130 mit einem Haufen Antennen. Man kann sie zwar kaum von Hand manövrieren, aber in 20 000 Fuß Höhe empfängt sie eine Menge wertvoller Daten.
Heute hat mein Freund aus Groton, Connecticut, angerufen. Bryce ist U-Boot-Offizier. Als ich vor ein paar Jahren die Platten in meinem Haus installiert habe, hat er mir oft mit Teilen aus abgewrackten Dieselbooten ausgeholfen. Er sagt, dass er sich scheiden lassen will; seine Frau hat zugegeben, ihn betrogen zu haben. Ich hatte bei ihr schon immer ein komisches Gefühl, habe aber nie was gesagt. Hätte wohl auch keine Rolle gespielt, wenn ich’s getan hätte. Wir haben uns ziemlich lange über die Sache in China unterhalten. Er geht davon aus, dass es sich um einen bösen Grippeerreger handelt. So ähnlich sehe ich die Sache auch.
Endlich Freitag.
Heute hat meine Mutter mich übers Handy angerufen und besorgt gefragt, ob ich vielleicht wüsste, was in Übersee los ist. Ich musste ihr wieder mal erklären, dass ich, obwohl Marineoffizier, nicht weiß, wer John F. Kennedy umgebracht hat oder was in Roswell, New Mexico passiert ist. Ich liebe meine Mutter, aber sie treibt mich nochmal in den Wahnsinn. Ich habe sie nach bestem Wissen und Gewissen beruhigt, aber irgendwas stimmt tatsächlich nicht. Die Presse berichtet zu viel über diesen Quatsch. Dass die Journalisten spüren, dass sie verarscht werden, merkt man an den Fragen, die sie der FEMA1, dem Weißen Haus und dem Heimatschutz stellen.
Der Präsident hat eine Rede gehalten (die nur über FM zu empfangen war, vermutlich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen) und den Leuten erzählt, es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Das Medizinerteam der Navy in China hätte einen unserer Ärzte nach Hause schicken müssen, weil er zu krank ist, um im Behelfslazarett bleiben zu können, in dem er zu tun hatte. Eine andere seltsame Sache ist: Meine Staffel sollte laut Plan nächsten Monat wegen einer Übung im Pazifik nach Atsugi in Japan verlegt werden, doch das Ganze wurde abgeblasen.
Ich hab den Skipper gefragt, was das soll, aber er hat nur gesagt, man wolle kein Risiko eingehen: Es gäbe Gerüchte über »Kranke« in der Gegend von Honshu. Er wirkte ganz locker dabei und meinte, ich solle mir keine Sorgen machen. Irgendwas an dieser Sache ist mir aber wirklich nicht ganz geheuer. Mittlerweile denke ich ziemlich oft darüber nach. Ich habe irgendwie das Gefühl, es wäre besser, mich mit Wasser und Lebensmitteln zu bevorraten.
Statt Schlaf gab es letzte Nacht pausenlos Nachrichten, um nichts zu verpassen. »Ich kann dem amerikanischen Volk versichern, dass wir alle Anstrengungen unternehmen, damit diese Epidemie die Grenzen Chinas nicht überschreitet.« Mehr, Alter, mehr, gib uns den unwiderstehlichen Südstaaten-Akzent. Ich war heute bei Wal-Mart und habe, nur für den Fall, dass ich krank werde und zu Hause bleiben muss, ein bisschen was eingekauft: einige Flaschen Wasser und Rindfleisch in Dosen. Dann war ich noch auf dem Stützpunkt, um mit meinem Freund vom Nachschub zu quatschen. Er sagt, dass er sich für einen neuen Nomex-Fliegeranzug von einigen Einmann-Rationen trennen könnte. War kein Problem für mich, denn ich habe mehrere Dutzend von diesen Anzügen. Ich suchte einen weniger abgetragenen raus und brachte ihn rüber. So habe ich, wenn ich zu Hause bleiben muss, wenigstens etwas Abwechslung auf dem Speisezettel, obwohl Einmann-Rationen wegen ihres Gewichts und der Größe der Verpackungen nicht gerade das Optimale sind, wenn man stiften gehen will.
Von Vance (meinem Nachschubmann) erfuhr ich, dass er eine Online-Rechnung gesehen hatte, die belegte, dass die Regierung mehrere tausend Behälter mit Einmann-Verpflegung zur NORAD2 sowie zu einigen anderen Stützpunkten im Nordwesten in Marsch gesetzt hat. Ich fragte ihn, ob das normal sei, und er sagte, all diese Einrichtungen hätten solche Verpflegungsmengen seit der Kuba-Krise nicht mehr geordert. Eins steht für mich fest: Wenn die Sache so ernst ist, dass sich die hohen Tiere für mehrere Monate einschließen wollen, ist sie schlimmer als ich dachte.
Ich habe meine »verzehrfertigen« Einmann-Rationen abgeladen und bemerkt, dass ein Paket aufgeplatzt war. Der Geruch von »Fall A«-Proviant erfüllte die Luft und erinnerte mich an alles, was ich seinerzeit bei einem mit unglaublichem Aufwand betriebenen Bodeneinsatz im Arabischen Golf verzehrt hatte. Ich hatte mich dort überhaupt nicht wohlgefühlt. Es war ständig brüllend heiß, und wenn ich an Bord des Schiffes war, wurde es auch nicht besser. Ich überprüfte meinen Batterievorrat. Alle sechs Batterien waren im grünen Bereich. Dies ließ mich an Bryce denken, denn er hatte die alten U-Boot-Batterien für mich »geklauft«.
Früher, als U-Boote noch mit Diesel statt mit Kernkraft angetrieben wurden, liefen sie unter Wasser mit Batterien, die nach dem Auftauchen mit einem Dieselgenerator wieder aufgeladen wurden. Manche Länder verwenden die alten Dieselboote noch immer. Das ist im Prinzip eine gute Idee, doch wenn man sie mit Sonnenenergie auflädt, dauert es beträchtlich länger, nämlich zehn statt drei Stunden – aber dafür gibt’s die Sonne immerhin gratis.
Mir fehlen meine Schwestern, Jenny und Mandy. Seit ich beim Militär bin, sehe ich sie nicht mehr oft, und inzwischen sind sie beinahe erwachsen. Ich habe bei meinem Vater angerufen und mit Jenny, der Jüngsten, gesprochen. Sie war bei meinem Anruf noch im Halbschlaf. Als sie klein war, habe ich sie ständig gepiesackt. Aber natürlich liebe ich das kleine Scheißerchen, und schließlich formt so was ja den Charakter. Mandy wohnt zu Hause, bis sie wieder auf die Beine kommt. Sie war schon immer der verschlossene Typ gewesen, auch mir gegenüber. Jetzt wünschte ich, es wäre anders oder wenigstens während unserer Kindheit weniger Distanz zwischen uns gewesen.
Ich muss endlich mal meine Kanonen reinigen. Besonders die CAR-15, die ist echt dreckig. Wenn ich schon dabei bin, könnte ich auch gleich meine Pistolen mit säubern. Und wenn wir schon beim Thema sind, wären ein paar hundert Schuss für die Büchse auch nicht schlecht, denn die sind sehr billig. Ich mag...




