E-Book, Deutsch, 440 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
Bove Begegnung
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-708-9
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
und andere Erzählungen
E-Book, Deutsch, 440 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
ISBN: 978-3-86034-708-9
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
Weitere Infos & Material
Erster Teil: Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen
Monsieur Thorpe
Begegnung
Eine Illusion
Die Rückkehr
Die Garantie
Das Geheimnis
Sie ist tot
Der kleine Bruder
Ein Missverständnis
Eine Kränkung
Das ertappte Kind
Ein Tag in Chantilly
Unterhaltung
Lampenfieber
Ostern in Kozani
Zweiter Teil: Posthum veröffentlichte Erzählungen
Der Strohhut
Doktor Aubin
Die Tante
Ein allzu netter Kerl
Ein romantisches Mädchen
Das Kind
Der kleine Diebstahl
Solange wir leben
Die Flucht
Monsieur Thorpe
Die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzähle, ereignete sich im Jahre 1910 oder 1911, in dem Jahr, als, glaube ich, Massenet starb. Damals wohnte ich in Genf und ging dort zur Schule. Ich wurde 1894 geboren, war also sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich vom Tod des Komponisten in der Rue de l’École de Médecine erfuhr und dass mich die Nachricht sehr beeindruckte, denn zu der Zeit trafen mich die Todesfälle von Leuten, um deren Existenz ich wusste, wie ein Schlag. Ich erinnere mich auch sehr gut daran, dass in jenem Jahr Védrines einen Absturz hatte, von dem man lange Zeit annahm, dass er tödlich ausgehen würde, und dass ich jeden Nachmittag um drei Uhr, bei Kollegschluss, die letzten Nachrichten über die Gesundheit des Fliegers dem Aushang der Zeitung La Suisse entnahm.
Meine Eltern hatten Genf verlassen und mich einer jungen Witwe, Madame Le Verrier, anvertraut. Sie leitete eine Pension in der Rue de Candolle, einer Straße in unmittelbarer Nähe des Jardin des Bastions, wo ich, wie ich mich erinnere, zum ersten Mal einer Kinovorstellung unter freiem Himmel beigewohnt habe. Von Menton aus, dem Ort ihrer neuen Bleibe, schickten meine Eltern mir das Geld für meine Pension und für meine bescheidenen Bedürfnisse, aber nie zu einem festen Zeitpunkt, das heißt: mal zu früh, mal zu spät, was mir, im letzteren Falle, oft Komplikationen bereitete. Ich musste ein Telegramm nach dem anderen aufgeben, um meine Gastgeberin zu beruhigen, musste meine Kameraden um Butterbrote und Hefte anpumpen. Doch um nichts in der Welt hätte ich gewollt, dass mein Vater meine Pension direkt bezahlte, was mir allen Ärger erspart hätte. Vor seiner Abreise hatte ich darauf bestanden, dass das Geld mir persönlich zugeschickt würde. Das gab mir eine Art Vorgefühl auf die Unabhängigkeit, die ich so sehr ersehnte. Ich kam mir schon wie ein Mann vor. Und diese Verzögerungen, die Erklärungen, die ich meiner Gastgeberin machen musste, bestärkten mich in dieser Meinung. Ich war stolz darauf, Sorgen zu haben, und spielte nicht ohne eine gewisse Befriedigung den gepeinigten Schuldner.
Madame Le Verrier mochte um die dreißig Jahre alt gewesen sein. Sie war großgewachsen, blond und schlank. Sie war eine jener Frauen, die glauben, dass die französischen Männer an nichts anderes dächten, als bei den Frauen Gefallen zu finden und sie danach leiden zu lassen. Alle Pensionsgäste, überwiegend junge Leute wie ich, unterhielten eine geheime Liebe zu ihr. Sie widmeten ihr Gedichte und brachten ihr Blumen. Wenn sie sie in der Stadt trafen, grüßten sie sie – wobei sie blass oder rot wurden –, in der Hoffnung, dass sie stehen bliebe, um mit ihnen zu reden. Sie ging indes weiter ihres Weges, aber nicht ohne zuvor ein Lächeln gezeigt zu haben – sie, die in ihrer Funktion als Leiterin immer eine ernste Miene behielt. Vor allem wollte sie nicht, dass man sie für eine Geschäftsfrau hielt. Aber da sie auch nicht wollte, dass man ihre Selbstlosigkeit ausnutzte, nahm sie zwei Haltungen an: in der Pension streng, draußen ungezwungen. Sie führte ihr Haus übrigens wie eine Familie, aber wenn es auch etliche Kleinigkeiten gab, die diesen Eindruck vermittelten – wie die Möglichkeit, warme Backsteine zu bekommen, eine Diät zu halten, die Mahlzeiten im Krankheitsfalle auf dem Zimmer einzunehmen –, so fehlte doch die Herzlichkeit. Die Aufmerksamkeiten glichen eher denen großer Restaurants. Alles war komfortabel, dafür aber unterkühlt. Wenn man eine Beschwerde vorzutragen hatte, eine Bitte auszusprechen, so konnte man das nur tun, wenn etwas Schwerwiegendes vorlag, und selbst dann musste man mehrere Tage warten, bis Madame Le Verrier eine Audienz gewährte. Ihre eigene Wohnung lag eine Etage höher. Da sie niemals geruhte herunterzukommen, musste der Pensionär zu ihr hinauf. Sie empfing ihn wie einen Gast, stellte ihn den eventuell anwesenden Freunden vor. Er musste mitunter also die nicht selten lächerlichen Gründe seines Besuchs vor Dritten ausbreiten. Dann übertrug sie diese Beschwerde ins Allgemeine. Sie stellte ihrer Umgebung die Frage, ob man sonst irgendwo einem solchen Wunsch nachgekommen wäre. Hätte ein Pensionsgast aus England zum Frühstück Orangenkonfitüre gewünscht, so hätte sie ihre Freunde gefragt: »Glauben Sie wirklich, dass dies für junge, kräftige Menschen so unentbehrlich ist? Ich halte das für reine Naschhaftigkeit. Ich weiß, dass das in England Sitte ist, aber meinen Sie, dass sich das hier schickt? Orangenkonfitüre ist nicht so gesund, wie man meint. Sie nehmen sie doch nicht, oder? Ich auch nicht. Na ja, wir werden mal sehen.« Man ahnte, dass sie aus Selbstachtung alles vermied, was sie in die Situation einer tatsächlichen Pensionsleiterin gebracht hätte. Dieses Geschäft war in ihren Augen nur ein Besitz. Ihn Zinsen tragen zu lassen, darum wollte sie sich nicht kümmern müssen, nicht mehr, als sie es für eine Summe Geld getan hätte. Ihr Bankier war in diesem Fall eine alte Hausangestellte, die das Dienstpersonal leitete. Sie kümmerte sich um alles. Erst am Abend begab sie sich zu ihrer Herrin, die ihr, wie man sich denken kann, trotz ihrer augenscheinlichen Gleichgültigkeit eine Menge Fragen stellte.
Oft hatte ich wegen der Unpünktlichkeit meiner Eltern persönlicher mit ihr zu tun als die anderen Pensionsgäste. Äußerst peinliche Gänge sind mir im Gedächtnis haftengeblieben. Etwa, als ich zu ihr hinaufging, um sie um Geduld zu bitten und ihr zu versichern, dass ich jeden Tag mit Geld rechnete, und sie dabei von einer umso größeren Kälte war, weil sie eigentlich Empörung hätte zeigen wollen. Alles an ihr schien zu sagen, dass ich sie in eine schwierige Lage brachte, dass ich mich nicht wie ein gut erzogener junger Mann benahm, dass sie mich natürlich nicht vor die Tür setzen konnte und dass ich das wusste und es ausnutzte, um sie im Grunde zu erpressen. Dann verließ sie den Salon, ohne mich zum Gehen zu bitten – so als ob sie gleich wiederkommen würde. Mehrere Minuten wartete ich allein. Schließlich ging eine Tür auf, und die Hausangestellte führte mich hinaus, wobei sie mir mitteilte, dass mir Madame nach sachlicher Überlegung nichts mehr zu sagen hätte. Tags darauf ließ sie mich rufen und fragte mich schlicht und einfach – sicherlich weil sie sich während dieses zweiten Treffens besser fühlte –, wann ich voraussichtlich »diese kleine Angelegenheit aus der Welt schaffen« könnte. Wie immer nannte ich einen viel zu nahen Termin, wegen der mir innewohnenden Angst zu missfallen, und als ich dann am besagten Tag mein Versprechen nicht halten konnte, wiederholte sich die gleiche Szene. Kaum hatte ich sie gebeten, noch ein paar Tage zu warten, da wurde ihr Gesicht bereits streng, sie sah mich fast böse an, bewegte nervös ihre Finger und ging überstürzt hinaus wie eine Frau, die ihre Tränen nicht mehr zurückhalten kann.
Doch das Merkwürdigste war, dass alle anderen Pensionsgäste Madame Le Verrier Bewunderung zollten und mir böse waren, dass ich sie gewissermaßen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hatte. Sie behandelten sie wie ein rohes Ei. Wie ich schon sagte: Sie überreichten ihr Rosenbuketts, und im Frühling brachten ihr diejenigen, die über die Osterferien nach Les Avants gefahren waren, Narzissen mit. Nur ich holte unsere Gastgeberin in die Wirklichkeit zurück – ungewollt, wohlgemerkt. Von daher lebte ich in einer feindseligen Atmosphäre. Man betrachtete mich als einen schlechten Kameraden. Man redete praktisch nicht mit mir. Ich war ein wenig in der (komödienhaften) Situation desjenigen, der nicht zu der Gruppe von sportlichen Verehrern eines Mädchens gehört und am Ende heftige Prügel von ihnen einsteckt. Das Publikum schätzt die gute Laune all dieser jungen Leute, ihre Uneigennützigkeit, ihre Bemühungen, ein Mädchen zu erobern, ihre neidlose Zufriedenheit, die sichtbar wird, wenn Letztere ihre Wahl getroffen hat und wenn alle zusammenkommen, um dem glücklichen Rivalen von Herzen zu gratulieren. Ja, dieses Publikum ähnelte sogar ziemlich meinen Kameraden.
Mein Zimmer ging auf eine Art Hof, den ich mit keinem später gesehenen vergleichen könnte. Autos hatten hier keine Zufahrt, vielmehr verlief schräg durch ihn ein Trottoir, auf dem Fußgänger ununterbrochen hin und her liefen. Von dieser Funktion als Abkürzung abgesehen war dieser Hof so intim und versteckt wie ein abgeschlossener Ort. Mieter räumten ihr Mobiliar hinaus, um den Hausputz zu machen, aßen im Sommer dort zu Mittag, verbrachten ganze Nachmittage in ihren Sesseln und lasen oder strickten. Oft stellte ich mich ans Fenster und verharrte dort manchmal eine geschlagene Stunde lang, wobei ich dem Kommen und Gehen zusah, über meine Zukunft nachdachte und mir das Leben vorstellte, das ich führen würde, wenn ich einmal verheiratet wäre. Merkwürdig, ich sah mich immer nach Hause kommen und das Zimmermädchen, das mir öffnete, fragen: »Ist Madame zu Hause?« Zwei oder drei Jahre in meinem Leben hat es nicht einen Tag gegeben, an dem ich diese Frage nicht einem imaginären Dienstmädchen gestellt hätte, so dass ich heute, wenn es vorkommt, dass ich diese Frage wirklich stelle, nicht umhinkann, an diese weit zurückliegenden Jahre zu denken. In diesem Zimmer, das ursprünglich wohl das Esszimmer gewesen war und in das drei Türen mit doppelten Schwingflügeln führten, habe ich zwölf Monate meines Lebens zugebracht, Monate, die ich nie vergessen werde, Winter- wie Sommermonate. Ich wusste, was in diesem Zimmer zu tun war, wenn glühende Hitze oder eisige Kälte herrschte. Kaum eingetreten, schloss ich mich immer sogleich ein. Mein erster Gedanke war, den Schlüssel abzuziehen, damit die zurückfallende Metallscheibe das Schlüsselloch bedecken konnte. Denn es war einer meiner...




