Bove | Der Liebesrausch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 24, 296 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

Bove Der Liebesrausch

Drei Groschenromane
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86034-567-2
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Drei Groschenromane

E-Book, Deutsch, Band 24, 296 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

ISBN: 978-3-86034-567-2
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Unter Pseudonym schrieb Emmanuel Bove in den 1920er Jahren eine Reihe von Liebesromanen, die ihm bescheidene Einkünfte bescherten. Drei dieser Romane liegen mit dieser Ausgabe nun auf Deutsch vor. Wenn sie auch an die Qualität seiner großen Werke wie etwa 'Mes amis' (Meine Freunde) oder 'La Coalition' (Die Verbündeten) nicht heranreichen, so lassen sie phasenweise sein Talent und vor allem seinen Humor erkennen - Bove machte sich beim Verfassen dieser Trivialromane sichtlich über das ganze Genre lustig. In Ansätzen werden freilich auch Themen erkennbar (etwa die notorisch prekäre Lage einer Hauptfigur), die er in seinen seriösen Romanen bis ins Detail weiterführte. Das hier Vorliegende ist zunächst einmal herzergreifender Kitsch für die deutschsprachige Bove-Gemeinde. Schmunzeln garantiert.

1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
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Der Liebesrausch
Das Herz vergisst nicht
Dichterseele

Nachwort


Kapitel I
Liebe


Mathilde Vaudier betrat das Rosenblum, einen der elegantesten Teesalons in der Rue de Rivoli.

Es war vier Uhr nachmittags. Auf den mit glänzenden Tüchern bedeckten Tischen standen Blumen. In einer von Grünpflanzen umsäumten Ecke spielte ein Orchester langsame Walzer, deren eigenwillige Melodien die Gemüter träge machten. Auf einer Konsole aus weißem Marmor ähnelten Kuchen in allen Farben einem Blumenbeet. Pärchen plauderten und tranken dabei dieses köstliche Getränk namens Tee.

Sowie der Oberkellner Mathilde Vaudier bemerkte, ging er zu ihr hin und führte sie ehrerbietig an einen abseits gelegenen Tisch.

Mit einem Lächeln bedankte sich das junge Mädchen und nahm Platz, noch bevor der Oberkellner sich zurückgezogen hatte.

Mathilde war schön, schön, wie man es nur mit zwanzig Jahren ist. Ihre blonden Haare, die am Rand ihres schwarzen Huts hervorlugten, hatten einen warmen, fast metallischen Glanz. Ihr dezent rot geschminkter Mund war fleischig, wenn auch klein. Und die gerade, fein geschnittene Nase besaß etwas Aristokratisches.

Obwohl Mathilde einfach gekleidet war, war sie doch von raffinierter Eleganz. Sie wusste, dass dunkle Sachen ihr gut standen. Daher verabsäumte sie es nie, sich dunkel zu kleiden. Es ließ den glanzlosen Teint ihrer Haut hervortreten, und ihre schönen Haare in Form dicker Goldzöpfe erschienen so noch schillernder.

Als der Kellner ihr die Bestellung gebracht hatte, hob sie in einer anmutsvollen Geste ihre Hand und betrachtete die kleine Platinuhr am Handgelenk.

Es war kurz nach vier.

– Er verspätet sich!, dachte sie.

Ein kleines Zucken der Enttäuschung glitt über ihre Lippen. Aber sie fing sich wieder.

– Ich sollte die Uhr vorstellen, sagte sie sich, um die Unruhe, die sich in ihrem Herzen breitzumachen begann, unter Kontrolle zu halten.

Um sich abzulenken, schaute sie um sich.

Ausländer sprachen mit lauter Stimme. Man hätte meinen können, sie legten es unbedingt darauf an, als Franzosen angesehen zu werden. Über die dicken Teppiche, die den Fußboden bedeckten, liefen Kellnerinnen ebenso leise wie blitzschnell vorbei. Der Mann an der Solo-Violine wischte sich die Stirn ab. Junge Mädchen mit geschnittenem Haar à la Ninon rauchten helle Zigaretten, und ab und zu mussten sie husten. Man konnte sich gut vorzustellen, dass Rauchen für diese jungen Damen die reine Folter war. Aber was will man machen – es ist nun mal in Mode! Ein Kuchen folgte auf den anderen. Man fragte sich, wie es alle hier noch fertigbringen würden, zu Abend zu essen. Denn bestimmt hatte nach einer derartigen Aufnahme von Schlagsahne und Zuckerzeug niemand mehr Hunger.

Mathilde besah sich das alles mit zerstreutem Blick. Sie konnte noch so sehr ein Interesse für ihre Umgebung bemühen, es gelang ihr einfach nicht. Alle, die vor ihren Augen tanzten, konnten den Gedanken an den, den sie liebte, nicht vertreiben.

Mathilde Vaudier war neunzehn Jahre alt. Sie war die Tochter des berühmten Bankiers Vaudier, bekannt geworden als einer der größten Finanziers Europas. Bis zum Alter von siebzehn hatte sie die Schulbank gedrückt, und als sie dann ihr Abitur gemacht hatte, meinten ihre Eltern, dass sie für ein junges Mädchen nun genug Wissen angesammelt hätte.

Mathilde war von sensibler und sanfter Natur. Diese Sanftheit im alltäglichen Leben schloss eine sehr große Leidenschaft und Energie indessen nicht aus, nämlich dann, wenn es darum ging, sich, wie es heißt, ins Zeug zu legen. Man hatte sie vor wenigen Jahren erleben können, wie sie sich, obwohl kränkelnd, unbedingt den Prüfungen stellen wollte und wie sie sie zur Genugtuung aller bestanden hatte und sogar Zweite geworden war.

Mathilde wartete seit zehn Minuten, als sie auf einmal einen leichten Schrei ausstieß.

Max Darnis, der Sohn des berühmten Romanciers Paul Darnis, hatte soeben den Raum betreten.

Er war ein schöner junger Mann in der Blüte seines Lebens. Er war mit einem Sportanzug bekleidet, was die einwandfreie Linie seines statuenhaften Körpers vorteilhaft unterstrich. Mehrere Jahre Studium und Meditation hatten der Frische seines Gesichts mit seinen reinen Zügen und den vor Leben und Leidenschaft funkelnden Augen nichts anhaben können.

Einen Moment lang verharrte er unentschlossen inmitten des Salons. Frauen schauten ihn bewundernd an. Der schöne junge Mann jedoch beachtete sie nicht. Mit den Augen suchte er nach derjenigen, die er liebte und mit der er ein Rendezvous hatte, an diesem Ort, wo die Liebenden unbemerkt vorübergehen, weil es deren so viele sind.

Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. Soeben hatte er das junge Mädchen erspäht, das, die Arme auf dem Tisch abgestützt, seinen Blick auf ihn geheftet hatte.

– Verzeihen Sie, Mademoiselle, ich habe mich verspätet. Ich wurde von meinem Verleger zurückgehalten. Ach, wenn Sie wüssten, wie übel ich ihm das nehme!

– Oh, keine Ursache, Monsieur! Im Gegenteil, das Warten ist köstlich, wenn man die Gewissheit hat, dass die Person, auf die man wartet, auch kommt.

Es entstand ein Schweigen. Die beiden jungen Menschen waren derartig davon berührt, zusammen zu sein, dass sie kein Wort mehr herausbekamen. Sie genossen das berauschende Gefühl, sich gegenseitig nah zu sein, und das war ihnen viel mehr wert als die schönsten Worte. Denn Liebe braucht derlei nicht, um sich bemerkbar zu machen. Die Augen genügen, um die tausend Gedanken auszudrücken, die die Seele der Liebenden durchziehen. Wenn das Herz erfasst ist, dann scheint es, als würde das ganze Wesen sich verfeinern und als würden die Gefühle, für außenstehende Menschen nicht wahrnehmbar, einem in ihrer ganzen Klarheit in die Augen springen.

– Mademoiselle Mathilde!

– Monsieur Max!

– Haben Sie mit Ihrem Vater geredet?

– Nein, ich habe mich nicht getraut.

Der junge Mann richtete seinen Blick auf die, die sein Herz erobert hatte.

– Es muss aber sein. Was wir machen, ist nicht in Ordnung. Würden Ihre Eltern von unserer Liebe erfahren, würden sie es als seltsam erachten, dass wir sie ihnen verheimlicht haben. Besser ist es, ihnen alles zu sagen. Paris ist nicht so groß, wie man denkt. Es würde reichen, eine Ihrer Freundinnen träfe uns hier, schon würde Ihr Vater Ihnen den Ausgang verbieten. Allein der Gedanke, dass wir uns nicht sehen könnten, lässt mich erschaudern.

– Sie haben recht, Monsieur Max. Heute Abend erzähle ich alles. Aber ich fürchte, dass man sich weigern wird, Sie zu empfangen. Deshalb zögere ich damit. Lieber möchte ich mir meine Illusionen behalten.

Das Orchester intonierte einen Foxtrott. Durch die Fensterscheiben des Teesalons hindurch konnte man die Menschenmasse sowie die Autos auf der Straße erkennen. Es wurde allmählich dunkel, und schon verscheuchte die Dämmerung im Westen die letzten Spuren des Lichts.

Max Darnis ergriff die Hand des jungen Mädchens. Dieses wiederum zitterte von Kopf bis Fuß.

– Max, was tun Sie da?

– Ich liebe Sie, Mathilde!

Röte überzog die Backenknochen des hübschen Mädchens.

– Sie lieben mich?

– Ja, Mathilde.

Die ausländischen Kunden tranken immer noch ihren Tee und nahmen auch Kuchen zu sich. Die Beleuchtung war noch nicht eingeschaltet, was eine Art falsches Licht in dem von Rauch und Teedämpfen geschwängerten Raum entstehen ließ.

– Max!

– Liebste!

– Wie glücklich wir sind …

– Ja, das stimmt. Jetzt müssen nur noch Ihre Eltern akzeptieren. Ach, wie würde ich leiden, wenn …

– Wenn?

– Wenn sie uns hinderten, zusammen zu sein.

– Sie würden nicht so sehr leiden wie ich.

– Mehr, als Sie denken, Mathilde. Ich weiß nicht einmal, ob ich ohne Sie leben kann. Ich liebe Sie so sehr, dass, wenn ich die Gewissheit hätte, Sie würden nicht meine Frau werden … also … ich glaube, ich würde mich umbringen.

– Mein Gott, Max! Was sagen Sie da?

– Ich sage, was ich denke.

Die beiden Verliebten erhoben sich. Es war sechs Uhr. Einige verspeisten immer noch Kuchen, und das Orchester, das sein Repertoire erschöpft hatte, spielte die ersten Stücke von vorn.

– Wenn Sie es mir erlauben, Mathilde, begleite ich Sie bis zu Ihrem Haus.

– Oh, das ist nett!

Max Darnis rief nach einem Taxi. Er öffnete die Seitentür und half dem jungen Mädchen beim Einsteigen, dann wandte er sich an den Chauffeur und gab ihm folgende Adresse:

– Avenue Marceau Nummer 17.

Im dunklen Taxi dicht nebeneinandersitzend, sprachen die beiden Verliebten kein Wort. Die Erschütterungen drückten sie manchmal aneinander. Als das Automobil an einer Reihe beleuchteter Geschäfte vorbeifuhr, erhellte flüchtiger Lichtschein das Innere des Wagens, gleich Blitzen von Magnesium.

Nun fuhr das Taxi die Champs-Elysées hinauf. Die Reifen schienen über die von so vielen Autos und Limousinen polierte Pflasterung schier zu gleiten. Man konnte in der Ferne, kaum wahrnehmbar in der zunehmenden Dämmerung, die majestätische Silhouette des Triumphbogens ausmachen, unter dem die gesalbten sterblichen Überreste des unbekannten Soldaten liegen. Durch das heruntergelassene Fenster des Taxis strich über die blassen Gesichter der beiden Liebenden der Geruch von frischen Blättern und feuchter Erde.

Der Moment war köstlich. Man vernahm die Abrollgeräusche der Autos, die die prächtige Avenue hinauf- und hinunterfuhren. Schimmer von Gold zogen am dunklen Himmelszelt entlang.

Die entzückte Mathilde schmiegte sich an den jungen Mann. Dieser atmete erfreut den Geruch ein, der...


1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling "Meine Freunde" hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten.
Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges Œuvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.



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