E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
Bove Die Ahnung
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-703-4
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
ISBN: 978-3-86034-703-4
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
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I
Am späten Nachmittag des 13. August 1931 ging ein etwa fünfzigjähriger Mann die Avenue du Maine hinauf. Er war mit einem dunklen Anzug bekleidet und hatte einen hellgrauen, ausgebleichten Filzhut auf dem Kopf. Bei sich trug er, säuberlich in kastanienbraunes Papier eingewickelt und verschnürt, was er für sein Abendbrot eingekauft hatte. Niemand nahm von ihm Notiz, so unauffällig war sein Aussehen. Sein schwarzer Schnauzbart, sein Kneifer, sein breitgestreiftes Hemd und seine Schuhe aus Ziegenleder, die gleich einer alten Vase von feinen Rissen durchzogen waren, fielen in der Tat nicht auf.
An einer Straßenecke blieb er mehrere Minuten lang stehen, um spielenden Kindern zuzusehen, und er fragte sich dabei nicht, ob seine Neugierde womöglich Aufsehen erregte. Er besaß den rührenden Gesichtsausdruck eines Vaters, der einen Sohn verloren hatte. Ein Stück weiter musste er, um zu einem Tabakladen zu gelangen, die Straße überqueren. Er tat dies mit übertriebener Vorsicht, hob einen Arm, um die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf sich zu lenken, und lief dann hinter einem Kinderwagen her. Es war schwül, und trotz des bedeckten Himmels war das Licht sehr grell. Die zahlreichen Lastwagenfahrer in diesem Viertel nahe der Gare Montparnasse hatten ihre Jacken ausgezogen. Von ihren Sitzen aus warfen sie sich, wie selbstverständlich und inmitten allgemeiner Gleichgültigkeit, gegenseitig Beleidigungen an den Kopf. In Höhe des Friedhofs bog Charles Benesteau – so war der Name dieses Herrn – nach rechts ab in die Rue de Vanves. Zweihundert Meter weiter blieb er vor einem Haus stehen, dessen Fassade aussah, als sei sie mit Kohle geschwärzt worden. Auf der einen Seite des Eingangs wies ein Schild die Passanten auf einen gewissen Doktor Swartz hin, seines Zeichens Spezialist für Halskrankheiten. Ohne anzuklopfen, öffnete er die Tür zur Conciergenloge mit den Worten: »Ich bin es«, nahm eine für ihn bestimmte Zeitung von einem kleinen Schemel und ging die Treppe hinauf.
Vor etwas mehr als einem Jahr hatte sich Charles Benesteau von seiner Frau und seinen Kindern getrennt, war nicht mehr im Justizgebäude aufgetaucht, hatte mit seiner Familie, seinen Schwiegereltern und mit seinen Freunden gebrochen und war aus seiner Wohnung auf dem Boulevard de Clichy ausgezogen. Was war geschehen? Wenn ein Mann umgeben von der Liebe der Seinen lebt und die Wertschätzung seiner Kollegen genießt, ist eine solch radikale Veränderung des Lebens auf den ersten Blick unbegreiflich. Der Leser wird es uns daher nachsehen, wenn wir auf Charles’ Vergangenheit und auf seinen Charakter zu sprechen kommen.
Schon im Jahre 1927 hatte Charles’ Tun und Treiben die Familie Benesteau, insbesondere den Vater, in Erstaunen gesetzt. Charles war düster, empfindlich und cholerisch geworden. Zunächst hatte man an eine verspätete Nachwirkung des Krieges gedacht, dann an eine Krankheit. 1928 wurde beschlossen, er solle mit seiner Frau nach Südfrankreich fahren. Doch nach seiner Rückkehr änderte sich nichts, sein Zustand wurde sogar noch schlimmer. Dennoch ging er regelmäßig seinen Beschäftigungen nach, empfing Leute, zeigte Interesse für alles, was sich in seiner Umgebung abspielte, tat dies freilich wie ein Mann, der etwas verheimlicht, mit einem zerstreuten, abwesenden, traurigen Gesichtsausdruck, einem, der merkwürdig dem glich, den wir gerade eben an ihm wahrnehmen konnten, als er stehen geblieben war, um dem Spiel einiger Kinder zu folgen. Stellte man ihm eine Frage, gab er keine Antwort oder er zuckte die Achseln. Nach den Osterferien kehrte er nicht mehr ins Gericht zurück. Das wurde schnell entdeckt. Es war Anlass für einen Familienrat. Man fragte ihn aus, man entfaltete solche Überredungskunst, dass er sich schließlich bereit fand, sich zu erklären. Er empfand die Welt als böse. Kein Mensch war zu einer großzügigen Geste imstande. In seiner Umgebung registrierte er nur Leute, die handelten, als ob sie ewig leben würden, ungerecht, geizig, katzbuckelnd vor jenen, die ihnen nützlich sein konnten, die anderen ignorierend. Er fragte sich, ob unter diesen Gegebenheiten das Leben wirklich noch lebenswert war und ob das Glück nicht eher in der Einsamkeit lag statt in diesen elenden Anstrengungen, die er bewerkstelligen musste, um seine Umgebung zu täuschen. Diese Äußerungen machten auf seine Familie den denkbar schlechtesten Eindruck. Alle blickten einander mit Überraschung und Besorgnis an. Charles’ Einschätzungen erschienen ihnen so unangebracht, als stammten sie von einem Kind. Man machte ihn darauf aufmerksam, dass er nicht das Recht habe, so zu sprechen, dass er dies den Unglücklichen überlassen solle. Wenn man das Glück hätte, einen Vater, eine Frau und Brüder wie die seinen zu haben, dann sollte man gefälligst froh sein und alles dazu tun, sich ihrer würdig zu erweisen. Dass jene, die weder Vermögen noch Familie hatten, sich derart äußerten, sei verzeihlich, dass aber ein Mann, der niemals gelitten hatte und der während des Krieges aufgrund seiner Kurzsichtigkeit nur beim Ersatzdienst gewesen war, so etwas sagte, sei unstatthaft. Vater Benesteau wurde einige Monate später durch eine Angina Pectoris binnen einer Woche hinweggerafft. Dieses Unglück schien Charles nicht über die Maßen getroffen zu haben. Schon des Morgens verließ er seine Wohnung, um – keiner wusste, wohin – einen Spaziergang zu machen. Häufig kam er nicht einmal zum Mittagessen zurück. Abends schloss er sich in seinem Sprechzimmer ein, und wenn seine Frau bei ihm anklopfte, sprach er zwar mit ihr, ließ sie aber vor der Tür stehen. Im Januar 1930 tauchten auf einmal Probleme bezüglich der Erbschaft auf. Mehr und mehr beunruhigt, hatten sich seine Brüder und seine Schwester mehrmals beraten. Übereinstimmend waren sie zu der Einschätzung gekommen, dass es unvorsichtig wäre, Charles das ihm zustehende Erbteil auszuhändigen, solange er nicht wieder gesund sei. Man setzte ihn mit aller Vorsicht davon in Kenntnis. Er schäumte vor Wut. Man tat, als gäbe man nach, doch schon am darauffolgenden Tag konsultierte man einen Notar bezüglich der Möglichkeiten, Charles daran zu hindern, seinen Teil des ererbten Vermögens beim Fenster hinauszuwerfen. Doch Charles bekam Wind von der Sache. Und von dem Tag an zog er sich noch mehr zurück. Sogar seine Frau kam nicht mehr an ihn heran. Die Machenschaften seiner Familie hatten ihn noch weiter verbittert. Was sollte man von einer Welt halten, in der die eigene Familie, die eigenen Brüder danach trachteten, einem zu schaden? Er schrieb einen acht Seiten langen Brief an seinen Bruder – Schreiben war eine Manie vom ihm –, um diesem mitzuteilen, dass er auf die Erbschaft verzichtete, dass ihn nichts mehr anwiderte als die Diskussionen ums Geld. Seine Frau machte ihn darauf aufmerksam, dass er nicht allein sei, dass er an seine Kinder und auch an sie zu denken habe. Er gab ihr zur Antwort, dass die Familie Rivoire reich genug sei, damit sie die Zukunft nicht zu fürchten habe. Er ersuchte sie, mit ihm nie wieder über diese Erbschaft zu reden. Sie wurde wütend. Er betrachtete sie voller Mitleid, und dann sagte er zu ihr zwei Worte, mit zischender Stimme, um ihnen auch genügend Nachdruck zu verleihen: »Du auch?« Ab Mai desselben Jahres wohnte er in einer kleinen Pension in der Rue de Fleurus. Sechs Wochen später, nach einigen Androhungen, reichte seine Frau die Scheidung ein.
Nachdem er die Wohnungstür wieder geschlossen, den Hut aufgehängt, das Paket auf dem Küchentisch abgelegt hatte, begab er sich in das erste Zimmer. Es ging auf die Rue de Vanves hinaus, und wenn der Tag sich neigte, wurde es durch die Sonne erhellt. Hier hatte Charles sein Arbeitszimmer eingerichtet. Die Wände waren voller Bücher. Er hätte sich gewisse Dinge vom Boulevard de Clichy mitnehmen können, insbesondere die Terrakottafigur von Falconet, die ihm seine Mutter ein oder zwei Jahre vor ihrem Tod geschenkt hatte, zu dem Zeitpunkt, als er sich als junger, unverheirateter Anwalt in der Rue de la Pépinière niedergelassen hatte. Aber er hatte darauf verzichtet. Lediglich ein am Seine-Ufer erworbener Gipskopf zierte den Kamin. Ein großes Brett auf zwei Böcken vor seinem Fenster diente ihm als Schreibtisch. In einer Ecke befand sich ein Diwan. Darüber war ein Tuch ausgebreitet, das vermutlich ohne genaue Maßangaben gekauft worden war. Während es an den Enden des Diwans zu lang war und den Boden berührte, war es an den Seiten zu kurz geraten und ließ die breiten weißen Streifen der Matratze erkennen. Charles öffnete das Fenster und begab sich zurück in die Küche, um sein Abendessen zuzubereiten.
Eine halbe Stunde später setzte er sich an seinen Arbeitstisch. Die Sonne war verschwunden. Auf der anderen Straßenseite stand ein Arbeiter rauchend an seinem Fenster. Ab und zu wandte er sich um und blickte nach unten, was darauf schließen ließ, dass ein Kind zu seinen Füßen spielte. Starren Blicks dachte Charles Benesteau nach. Allabendlich, fast immer zur selben Zeit, nahm er so an seinem Schreibtisch Platz, um seine Erinnerungen niederzuschreiben. Er hatte damit schon auf dem Boulevard de Clichy begonnen. Er schrieb klar und ohne Schnörkel, ohne den geringsten Hintergedanken, dass dies eines Tages gelesen würde. »Ich habe bereits reichlich über meine Mutter gesprochen«, schrieb er. »Aber ich habe vergessen zu erwähnen, dass sie die Angewohnheit hatte, allen Bitten um Unterstützung überaus wohlwollend nachzukommen. Die kleine Anekdote, die ich erzählen möchte, werde ich niemals vergessen. Sie zeigt, wie groß die Güte meiner Mutter war. Es ereignete sich vor ungefähr vierzig Jahren. Ich war damals also zehn Jahre alt. Meine Mutter musste so alt gewesen sein, wie ich heute bin. Sie war sehr schön. Ich hörte es oft von allen Leuten, die sie umgaben, und das machte mich...




