E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
Bove Die letzte Nacht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-701-0
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
ISBN: 978-3-86034-701-0
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
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Es schlug vier.
Die Nacht brach schon herein. An diesem verregneten Novembernachmittag wurde sie sehnsüchtig erwartet. Sollte denn diese Nacht, die so war wie alle Nächte, nicht den trübseligen Tag vergessen machen, der gerade zu Ende ging? In den Fenstern des kleinen Hotels, das Arnold bewohnte, gingen nach und nach die Lichter an. Dieses Hotel auf einer belebten Straße von Montmartre hatte vor allem Musiker, Tänzerinnen und junge Leute als Mieter. Sie standen allmählich auf. Durch die dünnen Wände seines Zimmers hindurch hörte Arnold das Geräusch von Gegenständen, die weggerückt wurden, und Weckerläuten. Er hatte kein Licht angedreht. Nah am Fenster im rötlichen Lichtschimmer der Straße sitzend, schien er von einer tiefen Verzweiflung erfüllt. Aber lag in dieser gedankenverlorenen Haltung nicht auch etwas Theatralisches?
Mit einem Mal fuhr er zusammen, als wäre ein Spiegel hinter seinem Rücken zerborsten. Seine Finger verkrampften sich, und seine Augen rissen merkwürdig auf. Er öffnete den Mund, allerdings nicht wie der Taucher, der sich seinen Vorrat an Luft einsaugt, sondern aus reiner Nervosität. Dann wurde er sich bewusst, dass dieses Loch inmitten seines Gesichts abstoßend wirken musste. Seine Lippen schlossen sich wieder, und in die Gesichtszüge eines müden und ambitionierten jungen Mannes kehrte wieder Ruhe ein.
Seine Pupillen waren blau wie die eines Kindes, seine Hände knochig. Sein Atem ging ruhig. Einige Minuten verstrichen so, ohne dass sich auch nur ein Muskel seines Körpers bewegt hätte. »Das ist zu viel … ich habe keine Kraft mehr …«, murmelte er schließlich. Er wusste nicht, was zu viel war, auch nicht, für welche Aufgabe ihm die Kraft fehlte. »Ich leide … ich bin unglücklich«, sagte er noch. Er gab sich den Worten hin. Plötzlich lächelte er. »Bin ich denn so unglücklich, wie ich glaube?«
Unbewusst bewegte er die rechte Hand. Erst durch diese Bewegung wurde er auf sie aufmerksam. Er sah sie sich an. »Nein … das ist nicht möglich.« In einem Nachbarzimmer redete ein Mann, ohne eine Antwort zu bekommen. Arnold stand auf. Nach kurzem Zögern ging er auf die Tür zu, drehte den Lichtschalter.
Das Zimmer erschien daraufhin in einem dürftigen und selbstgefälligen Mobiliar. Als Bett diente ein Diwan. Die Papiertapete, golden und violett, zielte auf den »Zeitgeschmack«. Ein rosa Lampenschirm mit versilberten Holztroddeln umgab das Licht. Freilich war der Hotelbesitzer nicht so weit gegangen, die abgesprungene Zierleiste des Spiegels oberhalb des schwarzen Marmorkamins ersetzen zu lassen. Davor, auf dem Fußboden, wimmelte es nur so von halbgerauchten Zigaretten, Streichhölzern, leeren Schachteln und zusammengeknülltem Papier.
Unvermittelt drehte sich der junge Mann um die eigene Achse, so als hätte er befürchtet, von hinten geschlagen zu werden. »Was für eine tolle Kehre!«, stellte er mit Befriedigung fest. Er führte seine Hand zur Stirn, drückte seine Schläfen zwischen Daumen und Zeigefinger. »Der Mut dazu wird mir immer fehlen«, murmelte er; »trotzdem muss es ein, es muss sein.« Er machte ein paar Schritte. »Es ist genug … es ist genug …«, sagte er noch, doch diesmal mit lauter Stimme. Er zog eine Zigarette aus der Tasche, zündete sie an. »Die letzte Zigarette vor der Hinrichtung«, sagte er, wobei er so tat, als scherze er.
Noch immer war der Lärm der Straße zu hören, und auf dem Etagenflur war ein ständiges Kommen und Gehen.
– Monsieur Jean!, brüllte jemand von Zeit zu Zeit.
Gereizt drehte sich Arnold im Kreis, blieb mitunter stehen, um sich die Wände zu betrachten, die er wohl am liebsten eingerannt hätte. »Mir wird schwindelig …«, dachte er. Er setzte sich, schlug die Beine übereinander und griff mit beiden Händen nach seinem Fuß. Er bog den Schuh so weit wie möglich um, so wie es die Schuhverkäufer tun, um den Kunden von der Geschmeidigkeit ihrer Ware zu überzeugen. Er kicherte. »Was für ein Schund!«, sagte er. Er fuhr von seinem Sitz hoch, aber seine Heftigkeit legte sich sofort wieder. Er wusste nicht, was tun. Sollte er sich auf sein Bett legen, das Fenster öffnen, sich das Gesicht erfrischen oder sich noch mal rasieren? Er wusste es nicht. Er war sich nicht einmal bewusst, gerade aufgestanden zu sein. So stand er da, in einem Zimmer, das zu klein für ihn war, die Augen zum Himmel oder, genauer gesagt, nach oben gerichtet. Seine Lippen bebten, als hätte er irgendein Gebet aufgesagt. Eine tiefe Betrübnis löste sich bei ihm. Man hätte sagen können, dass er sich aus Verzweiflung über seine Schwäche nun endlich darauf beschränkte, nur das zu sein, was er war.
Er setzte sich wieder hin. »Letztlich wäre es das Gescheiteste.« Doch diese weise Feststellung brachte ihm keinen Frieden. Im Gegenteil. Eine Art Tobsuchtsanfall bemächtigte sich seiner. Er warf seine Zigarette im hohen Bogen weg, ohne auch nur im Geringsten darauf zu achten, wo sie hinfiel, stieß mit einer solchen Wucht gegen einen Stuhl, dass dieser sich dreimal überschlug, und trat mit dem Fuß gegen die Wand. »Ich werde noch verrückt … ich werde noch verrückt«, brüllte er wild gestikulierend. Papierbögen, Bücher, diverse Gegenstände bedeckten einen kleinen Tisch. »Kein Tintenfass drauf, umso besser.« Wütend zog er an der Tischdecke, als hätte er ein altes Tuch zerreißen wollen. »Wo bin ich? Nirgends. Was tue ich? Nichts.« Plötzlich biss er so wild in sein Handgelenk, dass das Blut sofort bis auf seine Backen spritzte. Danach erst entspannten sich seine Nerven. »Shakespeare!«, sagte er viermal hintereinander, wobei er mit der größten Gelassenheit seine blutüberströmte Hand betrachtete. »Ich bin nicht Shakespeare.« Und es schüttelte ihn so heftig, dass er um ein Haar zu Boden gefallen wäre. Aus seiner Wunde rann weiter Blut. Er hielt seine Hand unter den Wasserhahn und betrachtete eine Minute lang gleichgültig, wie sich sein Blut mit dem Wasser vermengte. Schließlich wickelte er ein Taschentuch um sein Handgelenk. Auf seinen Gesichtszügen zeigte sich nun eine echte Entspannung. Mit seinen Augen suchte er nach der weggeworfenen Zigarette. Während seines Hin- und Hergehens hatte er sie zertreten. Er las sie auf und steckte sie sich erneut an. »Die letzte vor der Hinrichtung«, wiederholte er und brach in ein nervöses Lachen aus. »Vor der Hinrichtung, vor der Hinrichtung … Ah! Ich weiß nicht mehr, was ich sage … ich bin unfähig, es zu wissen … Auf diesen Jungen können Sie Ihre ganzen Hoffnungen setzen … Ah! ah! Setzen … was denn setzen? Hoffnungen …«
Eine Regenbö schlug gegen das Fenster. Auf der einen Seite der Fensterscheibe, die mit einem Fingerschnippen hätte zertrümmert werden können, war ein Unwetter, waren Menschenmassen und Straßenlichter; auf der anderen Seite war Arnold, und dazu die Stimmen auf dem Gang und dieser Geruch nach Küche, der aus dem Büro heraufkam, wo minderbemittelte Frauen dem Hotelbesitzersohn beim Erledigen seiner Schulaufgaben halfen.
Arnold setzte sich auf sein Bett. Der Krise von eben war eine tiefe Niedergeschlagenheit gefolgt. Er wollte weinen. Das hätte ihn erleichtert. Doch der Wunsch danach verhinderte es gerade. »Also habe ich Angst davor zu sterben«, murmelte er. »Dabei wäre es so einfach. Ich würde einschlafen und, wer weiß, vielleicht glücklich wieder aufwachen … Und wenn ich nicht wieder aufwache, auch gut! Nichts wüsste ich darüber.«
Diese schlichten Überlegungen machten aus unserem Helden einen anderen Menschen. Als ob er in ein Zimmer eingedrungen wäre, ohne dass sein Bewohner es bemerkt hätte, stand er vorsichtig auf und ging auf leisen Sohlen zum Kamin. Zwei- oder dreimal drehte er sich um, sich vergewissernd, dass niemand ihn beobachtete. Im Spiegelrahmen steckte eine Fotografie. Es war die einer jungen Frau. Sie hatte ein paar Worte darauf geschrieben: Meinem lieben Arnold als Erinnerung an Raymonde. Er nahm sie in seine Hände, etwa so wie der Schauspieler, der eine Reliquie an seine Lippen führen will, und betrachtete sie. Er glaubte sich zu erinnern, dass diese Frau ihn in den Jardin des Plantes begleitet hatte, dass sie ihm ein Rendezvous versprochen hatte, aber nicht gekommen war. An diesem Abend voller Einsamkeit tat es ihm gut, sich ihr zu widmen. Freilich hatte er Verwandte, Freunde, doch meinte er, mit den Menschen umso enger verbunden zu sein, wenn er für eine Fremde all jene vernachlässigen würde, die ihn hätten trösten können. Seit Jahren hatte sie für ihn stets nur dasselbe, dieses auf dem Bild reproduzierte Lächeln gehabt. Eine Sekunde lang hatte sie vor dem Fotografen posiert, und diese Sekunde war alles, was er von ihr besaß. Symbolisierte dieses Lächeln nicht die kurzen und kümmerlichen Freuden, die das Leben ihm gewährt hatte?
Und wie sorgfältig er diese Fotografie aufbewahrte! Er hatte sogar die Person, die sie darstellte, vergessen, und heute, an einem Wendepunkt seines Lebens, hielt er sie in seinen Händen. Für einen Moment dachte er daran, dieses Porträt zu zerreißen, das ihm seit drei Jahren vor allem dazu diente, den Zimmermädchen zu demonstrieren, dass ihm, selbst ihm, das große Glück schon gelacht hatte. Doch er tat nichts dergleichen. Arnolds Wutausbrüche gingen nie bis zum Unwiderruflichen. Er stellte die Fotografie an ihren Platz zurück und brach ohne erkennbaren Grund in ein Schluchzen aus.
Zwei lange Stunden vergingen, bevor Arnold sich wieder rührte. Und erst als er sich wie ein Schlafender rekelte, verließ ihn die Benommenheit, die nach den Tränen gekommen war. Er sah abgespannt aus. Er war sich seines körperlichen Verfalls und der Nachlässigkeit, die seine Person ausstrahlen musste, bewusst. Die Nutzlosigkeit seiner Existenz erschien ihm nun deutlicher. Was hatte er auf dieser Welt...




