E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
Bove Einstellung des Verfahrens
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-705-8
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove
ISBN: 978-3-86034-705-8
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
Weitere Infos & Material
Erster Teil: Verwandte und Freunde
Zweiter Teil: Das Gefängnis
Dritter Teil: Richtung Freiheit
1
Seit meiner Ankunft in Paris war bereits eine Woche vergangen.
Ich lief den Boulevard de Courcelles entlang in Richtung Place des Ternes. Die Straße war menschenleer. So wie an diesem Nachmittag war mir noch nie bewusst geworden, in welchem Ausmaß seit der Besatzung Familie, Freundschaft, der Umstand, wieder in seiner Geburtsstadt zu sein, an Bedeutung verloren hatten. Früher hätte es in einer heiklen Situation tausend Möglichkeiten für mich gegeben, mich aus der Affäre zu ziehen, mir neue Freunde zu schaffen, irgendwo unterzukommen, Halt und Unterstützung zu finden. In der gegenwärtigen Not aber zählte nichts mehr, weder Empfehlungen noch irgendwelche Garantien, ja nicht einmal Verwandtschaft. Alle waren auf der Hut, das war mir mittlerweile klar geworden. Ich empfand eine schreckliche Leere. Ich hatte viele meiner Freunde gesehen. Aber es reichte schon, dass ich noch einmal zu ihnen ging, und sie zeigten sich abweisender.
Wohin sollte ich gehen? In den Revolutionsgeschichten kann man nachlesen, dass Entflohene Stroh auflasen, sich daraus in den Musikpavillons Lager machten oder in den Wäldern von Meudon schliefen, aber heutzutage war das nicht mehr möglich.
Ich sah mir die Deutschen an, die mir begegneten. Einige waren in Begleitung von Frauen, von denen ich mir kaum vorstellen konnte, dass sie sich ihnen hingaben, so hart waren ihre Gesichter. Da niemand auf die Deutschen achtete, taten sie so, als wären sie allein auf der Welt.
Mitunter lächelten mir Offiziere wohlwollend zu, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Deutsche, sondern als gesellschaftlich Höherstehende. Ich war so feige, dieses Lächeln zu erwidern, um nicht unangenehm aufzufallen, was mich manchmal in eine groteske Lage meinen Landsleuten gegenüber brachte. Ich sah den Moment kommen, wo sie mir ihre Verachtung zeigen würden; dabei hatte ich zwei dieser Deutschen umgebracht, hatte unter Einsatz meines Lebens vierzehn Mithäftlingen zur Flucht verholfen, und ein Preis war auf meinen Kopf ausgesetzt.
Von allem, was mir widerfuhr, war das Verrückteste vielleicht, von Franzosen, die, wären sie an meiner Stelle gewesen, noch ganz brav in ihrem Gefangenenlager sitzen und für die Nazis arbeiten würden, für prodeutsch gehalten zu werden. Manchmal passierte mir das.
Es war acht Uhr abends. Ich musste unter allen Umständen ein Zimmer finden. Gerne hätte ich mit der Suche noch gewartet, doch die Hotels begannen schon zu schließen. Um mir Mut zu machen, sagte ich mir, es sei nicht möglich, dass die kleinen Polizeibeamten, die die Hotels kontrollierten, stets eine komplette Fahndungsliste mithatten. Sie würden einfach die Namen notieren und später im Büro mit ihren Karteien vergleichen. Vor Mitternacht würden sie nicht dorthin zurückgekehrt sein. Angenommen, sie machten sich unverzüglich an die Arbeit, so würde es nochmals dauern, bis sie wiederkämen. Andererseits hatte ich immer sagen hören, dass es von jeher üblich sei, zwischen Sonnenuntergang und -aufgang keine Polizeiaktionen durchzuführen. Natürlich musste es Fälle geben, in denen man sich nicht daran hielt. Wenn ich in der Morgendämmerung aufbrach, dann, so schien mir, setzte ich nicht allzu viel aufs Spiel.
Ich ging in Richtung Levallois. Über eine Stunde trieb ich mich in den menschenleeren Straßen herum. Ich war auf der Suche nach einem Hotel, das nur ein Stockwerk hatte, höchstens zwei, damit ich gegebenenfalls aus dem Fenster springen konnte. Außerdem war mir wichtig, dass es abseitslag, weit entfernt von jeder wichtigen Straße, damit der Inspektor es auf seiner Runde vergaß. Schließlich sah ich eins, aber im letzten Augenblick ging ich doch nicht hinein. Denn als ich durch die Fensterscheiben blickte, bemerkte ich, dass die Hotelgäste sich kannten und eine familiäre Atmosphäre herrschte, die ich unweigerlich gestört hätte.
Es ist wirklich quälend, in einer solchen Situation zu sein. Jedes Mal, wenn ich mich anschickte, etwas zu tun, gab es einen Grund, der mich zwang, es bleibenzulassen.
Plötzlich bemerkte ich an der Seite einen jener Nebeneingänge, die die ganze Nacht über offen sind. Ich stieg in die erste Etage hoch. Ein Mann war gerade damit beschäftigt, sich in einer Art Büro ein Bett herzurichten. Im nächsten Augenblick würden das Hotel, der Eingang, die Treppe in Dunkelheit versinken, was sicherlich nicht der Fall gewesen wäre, wenn man noch Polizei erwartet hätte.
Kein Tisch in dem Büro. Dennoch reichte mir der Mann einen Zettel zum Ausfüllen, aber er fand kein Tintenfass. Ich bot ihm an, diese Formalität am nächsten Morgen zu erledigen.
»Oh, nein!«, erwiderte er, wobei es mir kalt den Rücken hinunterlief. »Man weiß nie, wann sie kommen!«
Einen Moment lang überlegte ich, ob ich mich unter falschem Namen eintragen sollte, immerhin hatte der Portier absolut keine Möglichkeit, das, was ich hinschrieb, zu überprüfen. Dann dachte ich daran, meinen Namen so zu schreiben, dass man ihn nicht entziffern konnte, doch las ich unten auf dem Blatt in dicken Lettern die schroffe Ermahnung: »Schreiben Sie leserlich.«
Der Portier verlangte Bezahlung im Voraus. Es mag lächerlich klingen, aber dieser Mangel an Vertrauen erleichterte mich. Für das Hotel war ich also ein zweifelhafter Gast. Demnach betrachtete man mich hier als einen freien Mann, auf den man keinen Einfluss hatte, einen Mann, der weggehen konnte, wann immer ihm danach war.
Ich ging in mein Zimmer hinauf. Eine bis zum Boden hängende Tagesdecke mit Fransen verbarg die Sprungfedermatratze, die in der Mitte durchgelegen war.
Ich sah mir das Zimmer nicht einmal an. Ich versperrte die Tür. Das Schloss war schief eingesetzt. Ich untersuchte das Schließblech. Es gab auch einen Schnapper, aber ein kleiner Stoß mit der Schulter hätte genügt, und er hätte nachgegeben.
Trotz der Kälte öffnete ich das Fenster. Ich befand mich in der ersten Etage; das war sehr gut. Dummerweise lag dieses Fenster gerade über dem Eingang, so dass ich, hätte ich springen müssen, den unten wartenden Polizisten genau in die Arme gefallen wäre. Ich dachte daran, zur Rezeption zurückzukehren. Ich brauchte einen Vorwand. Ohne Gepäck konnte ich nicht den Wählerischen spielen, denn so benötigte ich ja nur ein Bett zum Schlafen.
Obwohl ich mich immer häufiger dabei ertappte, dass ich stolz auf den Mut war, den ich nach und vor allem während meiner Flucht bewiesen hatte – immerhin hatte ich ja, um das Gelingen der Flucht zu garantieren, um meine Kameraden zu retten, zwei Deutsche umgebracht –, bemerkte ich doch, dass meine Befürchtungen gegen alle Erwartung mit der Zeit nicht weniger wurden. Im Gegenteil: Es wurden immer mehr.
Bei meiner Ankunft in Paris hatte ich naiverweise geglaubt, mich an völlig abseitsgelegenen Orten verstecken zu können: auf eingezäunten Geländen, Lagerplätzen, Baustellen, wo gerade nicht gearbeitet wurde, und so weiter. Doch da wäre ich neuen Gefahren ausgesetzt gewesen. Indem ich mich dort aufhielt, hätte ich ja zugegeben, dass ich mich versteckte; ich hätte mich schuldig gemacht, und die Leute, mit denen ich es dann zu tun bekommen hätte, wären nicht mehr wie andere verpflichtet gewesen, sich an irgendwelche Regeln zu halten. Wenn ich mich an diese abgelegenen Orte begab, musste ich darauf achten, nicht gesehen zu werden, aber das hieß, das Risiko auf mich zu nehmen, Leute neugierig zu machen, die mich ansonsten überhaupt nicht beachtet hätten. Als wir eines Nachts ein Dorf durchquert hatten, Roger, Baumé und ich, hatten wir keine Sekunde gezögert, uns in den Graben zu werfen, als wir Schritte vernahmen. In jenem Moment waren wir absolut entschlossen, uns zu verteidigen.
Seit ich mich in Paris befand, war diese schöne Energie dahin. Es ging für mich nicht mehr darum, über Mauern zu klettern, mich dahinzuschleichen, mich in irgendwelche Ecken zu werfen, sondern darum, wie alle anderen zu sein und unbemerkt zu bleiben.
Ich hatte auch daran gedacht, zu meinem Vater nach Versailles zu gehen. Aber mir fiel immer noch nicht wieder ein, ob in den Papieren, die ich dummerweise im Lager gelassen hatte, seine Adresse sowie die meiner Mutter aufschien oder nicht. Einige meiner Kameraden waren vielleicht festgenommen worden. Womöglich hatten sie mich verpfiffen, wie vermutlich jene, die im letzten Moment abgesprungen waren. In meinem Soldbuch stand: 243, Rue Saint-Jacques, aber hatte ich in den zahllosen Fragebögen, die die Deutschen mich ausfüllen ließen, nicht eine neuere Adresse angegeben? Von Anfang an hatte ich die Absicht gehabt zu fliehen und alles, was ich tat, diesem Ziel untergeordnet, doch hatte ich nicht vielleicht in irgendeinem Moment versagt? Es ist schwierig, sich sicher zu sein, keinen Fehler begangen zu haben, wenn man die Tage nicht mehr in allen Einzelheiten im Kopf hat.
Das Vernünftigste war, noch nicht nach Versailles zu gehen, vor allem aber durfte ich von den Menschen, die mir auf den Fersen waren, nicht allzu viel Eifer erwarten. So wünschenswert meine Gefangennahme für sie auch war, ich musste mir sagen, dass meinen Feinden nicht so viel an einem Erfolg lag, wie etwa mir bei der Suche nach einem geliebten Menschen daran gelegen gewesen wäre. Daher bemühte ich mich, die Gefahren, die ich einging, nicht zu übertreiben und alles mit den Augen eines Mannes zu betrachten, der sich nichts vorzuwerfen hatte. Aber das war nicht leicht.
Zuletzt fasste ich den Entschluss, Monsieur Georget aufzusuchen, einen Professor und guten Freund meines Vaters, bei dem ich einige Jahre zuvor gelebt hatte, als ich im ersten Jahr Jura studierte. Mit seinen Augenhöhlen, die wie zwei große Löcher in seinem Gesicht wirkten, und mit seinem traurigen Ausdruck erinnerte er an eine Eule. Er hatte einen langen weißen, nicht gerade dichten Bart....




