E-Book, Deutsch, Band 15
Reihe: Molly Murphy ermittelt-Reihe
Bowen Ein Erbe zu viel
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98637-814-1
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 15
Reihe: Molly Murphy ermittelt-Reihe
ISBN: 978-3-98637-814-1
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zwei Straßenkinder erregen Molly Murphys Aufmerksamkeit … und führen sie direkt in einen neuen Fall
Die Cosy Crime-Reihe von NYT Bestseller-Autorin Rhys Bowen geht spannend weiter!
Molly Murphy freut sich auf ihr erstes Weihnachtsfest mit ihrem Mann Daniel und ihrem Sohn Liam als Familie. In weihnachtlicher Nächstenliebe möchte sie aber auch den Straßenkindern helfen: Beim Lauschen der Sternensinger bemerkt sie ein kleines Mädchen mit vornehmen englischen Akzent, das so gar nicht hierher zu passen scheint. Sie und ihr Bruder sind mit ihrer Mutter nach New York gekommen, doch diese ist seither verschwunden. Molly will den beiden bei ihrer Suche helfen, doch schon bald wird sie in eine Verschwörung hineingezogen, die sie bis in die höchste Ebene der New Yorker Gesellschaft führt …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Die Verschwörung von Fairview.
Alle Bände der Molly Murphy ermittelt-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Erste Leser:innenstimmen
„Kurzweilig, spannend und unterhaltsam – für Krimifans ein Muss!“
„Molly Murphy in Bestform!“
„historischer Krimi mit viel Charme und sympathischer Ermittlerin“
Rhys Bowen wurde in Bath, England, geboren, studierte an der London University, heiratete in eine Familie mit historischen königlichen Verbindungen und verbringt nun ihre Zeit im Norden von Californien und Arizona. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration für ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.
Weitere Infos & Material
Eins
New York City, Mittwoch, 13. Dezember 1905
„Tis the season to be jolly“, sangen die Sternsinger vor der Grace Church, während auf der anderen Seite des Broadway die Kapelle der Heilsarmee „“ schmetterte. Es schien, als wäre ganz New York City plötzlich vom Geist der Weihnacht erfasst. Ich manövrierte Liams Kinderwagen den gedrängten Bürgersteig entlang und achtete darauf, dass Bridie dicht bei mir blieb. In einer solchen Menge konnte man nicht vorsichtig genug sein. Alle waren beladen mit Paketen und Körben voller Lebensmittel, die man braucht, um für die Feiertage zu kochen. Es war ein Jahr des Optimismus’ gewesen: Präsident Roosevelt war für seine erste volle Amtszeit gewählt worden und die Gebrüder Wright hatten der Welt gezeigt, dass ein Flugzeug wirklich für mehr als ein paar Sekunden am Himmel bleiben konnte. Wir befanden uns eindeutig im Zeitalter des Fortschritts.
Ich zog Bridie vom Straßenrand zurück, als ein Automobil vorbeifuhr und Schneematsch und Dreck emporspritzte. So viel zum Zeitalter des Fortschritts, dachte ich, als etwas davon auf meinem Rock landete. Es hatte in der Nacht zuvor geschneit, der erste Schnee des Jahres, was für eine Atmosphäre der Aufregung gesorgt hatte, bis die Sonne aufgegangen war und angefangen hatte, ihn zum Schmelzen zu bringen, was die Gehwege glitschig und dreckig machte und es erschwerte, darauf zu navigieren. Als wir die Ecke der 10th Street erreichten, waren die jungen Bettelkehrer an der Kreuzung geschäftig bei der Arbeit und befreiten einen Weg von Schneematsch, sodass wir Damen die Säume unserer Röcke nicht beschmutzten.
Frohe Weihnachten. Gott segne Sie, Lady“, riefen sie und hielten uns raue, kleine Hände hin, die von Frostbeulen bedeckt waren. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht einen oder zwei Pennys im Anschlag hatte, aber die Wahrheit war, dass es zu viele von ihnen gab. Wie sollte ich denn einen auswählen? Und es waren nicht nur die Bettelkehrer an den Kreuzungen, die ihre Hände ausstreckten. Dort am Broadway gab es alle paar Yards Bettler aller Art, von zusammengekauerten Frauen bis hin zu bemitleidenswerten Kindern. Dann waren da jene, die wie die Bettelkehrer eine Stufe über den Bettlern standen – Zeitungsjungen und Blumenverkäuferinnen mit ihren winzigen Mistel- oder Stechpalmenzweigen. Es gab einfach zu viele von ihnen. Es war nicht für ganz New York ein Jahr des Fortschritts gewesen, das war deutlich genug. Es kamen immer noch tausende Einwanderer, drängten sich in die bereits gerammelt volle Lower East Side und versuchten, ihre Familien auf egal welche Weise zu ernähren – viele davon, indem sie ein paar Eier, gerösteten Mais oder Schnürsenkel von einem Handkarren aus verkauften. Ich kam an einem Stand mit dem verführerischen Aroma gebackener Kartoffeln vorbei. Etliche Jungen standen darum herum und streckten ihre Hände der glühenden Kohle entgegen, bis der Besitzer sie vertrieb.
Als wir uns vom Chor der Sternsinger entfernten, die gegen die Kälte in Schals und Mäntel gehüllt waren, fiel mir eine andere Stimme auf – leise, hoch und wunderschön.
„“, sang sie. „“
Bridie hörte es ebenfalls und zupfte an meinem Ärmel. „Schauen Sie, dort drüben“, sagte sie.
Ich sah hin. Ein kleines Mädchen saß zusammengekauert an der Tür von Daniell’s Haberdashery Store und trug nur einen dünnen Mantel gegen die Kälte. Sie hielt einen Zinnbecher in der Hand, während sie sang, aber die Leute gingen an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken.
„Glauben Sie, sie ist ein Engel, der für Weihnachten auf die Erde gekommen ist?“, flüsterte Bridie mir zu.
Sie sah in der Tat wie einer aus. Sie hatte beinahe weißblondes Haar und große, blaue Augen in einem kleinen herzförmigen Gesicht, und ihre Stimme war so rein und lieblich, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
„Wir müssen ihr etwas geben“, sagte Bridie entschlossen, aber ich steckte bereits eine Hand in meine Handtasche.
„Geh und gib ihr das“, sagte ich und reichte ihr einen Quarter.
Sie betrachtete ihn kritisch, als glaubte sie, es müsse mehr sein, dann nahm sie ihn und schoss durch die Menge, um ihn dem Mädchen in den Zinnbecher zu werfen. Das Kind sah auf und lächelte Bridie engelsgleich an. Ihr Blick fiel auf mich und ich empfand ein seltsames Gefühl von Verbundenheit.
Bridie bahnte sich einen Weg zurück durch die Menge, um sich am Kinderwagen festzuhalten. „Sie sieht aus, als würde sie sehr frieren“, sagte sie. „Könnten wir ihr nicht ein paar meiner Sachen geben? Ich weiß, sie wären ihr zu groß, aber wenigstens wäre ihr dann warm. Vielleicht könnte ihre Mami sie auf ihre Größe anpassen.“
Ich blickte zurück. „Sie hat vermutlich keine Mami“, sagte ich. „Keine Mutter würde ihr kleines Kind bei diesem Wetter draußen betteln lassen. Sie ist ziemlich sicher eine Waise.“
„Wie traurig“, sagte Bridie. „Niemanden auf der Welt zu haben, der sich um einen kümmert. Das ist nicht fair.“
„Ich fürchte, das Leben ist nicht fair“, sagte ich. Ich blickte zu dem Mädchen zurück und sah, dass jetzt einer der Bettelkehrer-Jungen neben ihr stand. Aller Wahrscheinlichkeit nach, würde er ihr das Geld abnehmen, das wir ihr gerade gegeben hatten. Auf den unteren Stufen der New Yorker Gesellschaft war es wirklich ein Kampf jeder gegen jeden. Dann wandte sich mein Blick Bridie zu, die mittlerweile zu einer kräftigen 11-Jährigen erblüht war und eines Tages eine Schönheit zu werden versprach, und mir kam in den Sinn, dass sie mittlerweile sehr wohl selbst eine Waise sein mochte. Ich hatte sie von Irland aus über den Atlantik gebracht, als ihre eigene Mutter im Sterben lag, und dann hatte Daniels Mutter sie aufgenommen, als ihr Vater und ihr Bruder nach Panama gegangen waren, um dabei zu helfen, den neuen Kanal zu graben. Das war vor einem Jahr gewesen und wir hatten seitdem nichts von ihnen gehört. Und die Neuigkeiten, die aus diesem Drecksloch gekommen waren, waren nicht gut gewesen – Männer starben wie die Fliegen an Gelbfieber und anderen Tropenkrankheiten. Es konnte also sehr gut sein, dass wir alles an Familie waren, was Bridie noch auf der Welt hatte.
Selbstverständlich hatte sich Daniels Mutter gut um sie gekümmert, und sie hatte sie kürzlich zu mir geschickt, um in der Stadt zu wohnen, sodass sie eine normale Ausbildung erhalten könnte, zusammen mit Mädchen ihres Alters. Sie hatte ebenfalls vorgeschlagen, dass Bridie mir mit Liam helfen könnte, bis ich ein angemessenes Mädchen fand, das Aggies Platz einnahm. Die liebe Aggie war gestorben, als unser Haus in die Luft gesprengt wurde. Ich hätte Bridie so oder so aufgenommen, da ich für sie einer Mutter am nächsten kam, und ich war froh, als Daniel der Vereinbarung zustimmte. Es klappte sehr gut. Sie erwies sich als bereitwillige kleine Helferin und gute Gesellschaft.
„Wir gehen deine Sachen durch und schauen, was wir für das kleine Mädchen finden“, sagte ich. „Und ich werde dir etwas Wollgarn kaufen, sodass du ihr einen Schal stricken kannst. Mrs. Sullivan sagt, du seist jetzt eine großartige kleine Strickerin.“
Bridie strahlte vor Freude. „Ich mag Stricken“, sagte sie. „Und ich mag es, hier bei Ihnen zu sein und mich um Liam zu kümmern. Ich hoffe, Sie finden nicht allzu bald eine neue Hilfskraft für Ihren Haushalt.“
„Ich will nicht, dass du denkst, du seist nur als meine Hilfskraft hier, Bridie“, sagte ich. „Es ist wichtig, dass du eine anständige Ausbildung erhältst, und meine Schwiegermutter will eine junge Lady aus dir machen.“
Sie kam näher an meine Seite. „Aber ich mag es am liebsten bei Ihnen“, sagte sie. „Sie sind die einzige Mutter, die ich auf der Welt habe.“ Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich hätte nichts lieber gewollt, als sie bei mir zu behalten, aber ich wusste, dass Mrs. Sullivan sie irgendwann ausbilden und dann in die Gesellschaft einführen wollte, besser als ich es könnte. Daniel hatte mich außerdem gedrängt, ein ordentlich ausgebildetes Dienstmädchen zu finden, das mir im Haus und mit Liam half. Ich verstand sein Argument. In seiner Position im NYPD spielte Status eine Rolle. Wir hätten häufiger Gäste empfangen sollen, und ein Ehemann, der seine Ehefrau nicht mit dem Luxus eines Dienstmädchens ausstatten konnte, war nicht gern gesehen. Nichtsdestoweniger war ich nicht in Eile – ich war in einem Cottage an der Westküste Irlands groß geworden, an harte Arbeit gewöhnt und fand es nicht anstrengend, unser kleines Haus sauber zu halten. Und trotz all des Drängens von Daniel konnte ich mir nie vorstellen, Teepartys zu geben.
„“, hörte ich die liebliche Stimme noch immer singen. „.“
Ich war verdutzt und wandte mich um, um nach ihr zu sehen. Da war etwas an dem Lied oder der Art, wie sie es sang, das nicht richtig schien, das nicht passte. Irgendetwas Bedeutendes. Dann schüttelte ich den Kopf, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass Bridie mich mit ihrem Gerede von Engeln durcheinandergebracht hatte. Dort, wo ich herkam, in Irland, waren wir nur allzu bereit, an Wunder zu glauben. Aber das hier war New York, und die Dinge, die hier passierten, waren allzu real.
Wir überquerten den Broadway, ließen den Kinderwagen über Klumpen gefrorenen Matschs und Straßenbahnschienen holpern, schlängelten uns zwischen den Bierkutschen der Brauereien und Droschken hindurch und hielten Ausschau nach weiteren rasenden Automobilen. Mein Sohn Liam schlief selig, so wie nur Säuglinge schlafen können, und seine langen, dunklen Wimpern...




