Bowen | Je kälter der Tod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch

Reihe: dp Verlag

Bowen Je kälter der Tod

Ein unterhaltsamer Wales-Krimi mit skurrilen Figuren
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98637-696-3
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein unterhaltsamer Wales-Krimi mit skurrilen Figuren

E-Book, Deutsch

Reihe: dp Verlag

ISBN: 978-3-98637-696-3
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Band zwei der Cosy Crime-Reihe von New York Times Bestseller-Autorin Rhys Bowen

Langsam gewöhnt sich Evan Evans an seine Rolle als Constable des walisischen Dorfs Llanfair. Vor allem die beschauliche Arbeit als Schlichter von nebensächlichen Streitigkeiten der Dorfbewohner – seien es konkurrierende Geistliche, Gewerbetreibende oder ganz normale walisische Exzentriker – sagt ihm zu. Doch eine ungewöhnliche Verkettung von Ereignissen bringt verborgene Konflikte ans Licht und dem Constable wird klar, wie tief die Feindseligkeiten der Llanfairer verwurzelt sind. Durch eine faszinierende archäologische Entdeckung lebt die Feindschaft mit dem Nachbarort Beddgelert neu auf. Als diese Rivalität plötzlich tödlich endet, gerät Constable Evans in einen Strudel aus kulturellem Stolz, Täuschung und Gier …

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Mord im Nachbarort.

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Erste Leser:innenstimmen
„Endlich geht es weiter mit Constable Evans!“
„Rhys Bowen weiß genau, wie sie die Spannung derart in die Höhe treibt, dass man den Krimi gar nicht mehr aus der Hand legen kann.“
„Spannend, mitreißend und humorvoll.“
„Constable Evans hat mich auch dieses Mal wieder mitfiebern lassen!“
„Detailliert gezeichnete Charaktere, ein tolles Setting und eine spannende Geschichte.“



Rhys Bowen wurde in Bath, England, geboren, studierte an der London University, heiratete in eine Familie mit historischen königlichen Verbindungen und verbringt nun ihre Zeit im Norden von Californien und Arizona. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration für ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.
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1. Kapitel


Colonel Arbuthnot schritt über das federnde Gras und blies seine Wangen auf, während trompetenartige Laute von seinen geschürzten Lippen kamen. Das Lied war gerade so als erkennbar. Schafe sahen vom Grasen auf und stoben auseinander, verschreckt von den seltsamen Geräuschen, die aus dem Mund des Colonels kamen, und den Schlägen, mit denen sein mit einem silbernen Knauf verzierter Spazierstock gegen Büschel aus Ginster und Farn stieß.

Obwohl er auf die Achtzig zuging, war der Colonel eine imposante Gestalt, mit aufrechter Haltung und zielgerichtetem Schritt. In seinen besten Tagen war er ein stattlicher Mann gewesen und er glaubte noch immer gern, dass die Damen ihn für attraktiv hielten. Stolz trug er einen gepflegten, kleinen Schnurrbart, doch dieser Tage hingen seine schweren Wangen zu beiden Seiten herab und seine einst furchterregenden Augenbrauen stachen wie Krabben über den verblassten, wässrig blauen Augen hervor. Obwohl es Hochsommer war, trug der Colonel sein gewohntes Tweedsakko, darunter eine kanariengelbe Weste, ein kariertes Hemd, und um den Hals eine Seidenkrawatte mit Paisley-Muster. Sein einziges Zugeständnis an die Jahreszeit war ein verblasster Panama-Strohhut, den er trug, wann immer es möglich war, um die kahle Stelle auf seinem Schädel vor der Sonne zu schützen. Die Kinder von Llanfair imitierten den unverwechselbaren Gang des Colonels, jedoch nur hinter seinem Rücken.

Eine steife Bergbrise wehte Colonel Arbuthnot ins Gesicht. Er hielt inne und atmete tief ein.

»Ah«, sagte er und schlug sich auf die Brust. »Schon besser.«

Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich lebendig. Gott, es tat gut, dieser trostlosen Wohnung in London zu entkommen. All diese endlosen Tage der Stille, nur unterbrochen von strammen Spaziergängen zur Bibliothek, um Zeitungen zu lesen, die er sich nicht länger leisten konnte, oder, an schönen Tagen, zwei Runden um den See im Park, für die Gesundheit. Zum Glück hatte er zu wohlhabenderen Zeiten eine lebenslange Mitgliedschaft in seinem Club erstanden, doch er ging kaum noch hin. Das schien wenig Sinn zu haben, seit der alte Chaterham vergangenes Jahr gestorben war. Jetzt war er der einzige, der von seiner Generation noch übrig war, und die jüngeren Burschen interessierten sich nicht dafür, was er zu erzählen hatte. Sie hielten ihn für einen alten Zausel und ließen sich Ausreden einfallen, um davonzueilen – die jüngere Generation schien stets in Eile zu sein. Ständig diesen verdammten Mobiltelefonen ausgeliefert. Keine Zeit, das Leben zu genießen. Colonel Arbuthnot bemitleidete sie. Er hatte immerhin mal das gute Leben gekannt. Er hatte Tiger gejagt, mit Maharadschas diniert und in Marmorpalästen mit schönen Frauen geschlafen. Die Jugend verstand nichts von Jagdsport, Konversation oder Liebe. Keine Manieren und keine Zeit, stellte der Colonel fest und enthauptete brutal eine große Distel.

Wolken jagten über ihn hinweg und eröffneten kurze, verlockende Ausblicke auf Berge, Seen und steile, mit Schafen übersäte Wiesen. Er hatte nicht bemerkt, wie hoch er schon geklettert war. Nicht schlecht für einen Senioren, sagte er sich. Er würde wetten, dass diese jungen Schwächlinge im Club nicht mit ihm Schritt halten könnten, obwohl sie behaupteten, so viel Zeit in ihren Fitnessclubs zu verbringen, um sich in Form zu halten.

Unter ihm lag das Dorf Llanfair wie eine Reihe aus Puppenhäusern: Sie säumten die Straße, die zum Pass emporstieg und sich um Mount Snowdon wand. Mit zärtlichem Blick sah der Colonel hinab. Mit seinen einfachen, schiefergedeckten Cottages konnte es kaum mit der Schönheit der idyllischen, gemütlichen britischen Dörfer mit ihren Reetdächern und Bauerngärten mithalten. Aber die Kulisse, hoch oben am Pass, mit Gipfeln, die zu beiden Seiten in die Höhe ragten, war spektakulär. Am hinteren Ende des Dorfes machte er die Silhouette des aus, das bemalte Schild des Pubs pendelte an der Frontseite. Genau so sollte ein Pub sein, sagte er sich und nickte zufrieden. Immer genug Burschen mit Zeit zum Plaudern, die Frauen beschränkten sich üblicherweise auf die Lounge, wo man sie sehen, aber nicht hören konnte; genau so mochte er es. Entzückende Kreaturen, diese Frauen, aber sie tendierten zu bedeutungslosem Geschwätz, wenn man sie nicht an die Kandare nahm – bis auf Joanie. Sie war nie geschwätzig gewesen. Sie hatte mit einem sanften Lächeln auf den Lippen seinen Geschichten gelauscht und stets über seine Witze gelacht. Gott, er vermisste sie immer noch so sehr …

Immerhin waren sie im Pub von Llanfair höflich genug, sich seine Geschichten anzuhören. Sie gaben sogar vor, interessiert zu sein. »Haben Sie denn je einen Tiger erlegt, Colonel?«, würden sie fragen. Und er könnte antworten: »Einen Tiger erlegt? Ich kann euch erzählen, wie ich an einem Tag drei Tiger zur Strecke gebracht habe. Wir mussten natürlich behaupten, der Maharadscha hätte sie erlegt. Das Protokoll verlangte es so. Aber in Wirklichkeit war es jedes Mal meine Kugel, die ihnen den Rest gegeben hat. Einer war ein riesiges Tier, zweieinhalb Meter lang. Zu Hause auf meinem Kaminsims steht ein Foto von ihm …«

Der Colonel lächelte in der Erwartung, darum gebeten zu werden, diese Geschichte erneut zu erzählen. Hier in Llanfair lebten nette Kerle – einfache, walisische Dörfler natürlich, aber bei ihnen fühlte er sich willkommen. Er wusste, dass das in großem Gegensatz zu dem stand, wie sie die meisten Außenstehenden behandelten. Er hatte erlebt, wie sie mitten im Gespräch ins Walisische wechselten, weil ein Tourist hereinkam. Doch er nahm an, dass seine walisische Frau ihn irgendwie akzeptabel gemacht hatte.

Er erinnerte sich daran, wie Joanie ihn zum ersten Mal mit nach Wales nahm, als sie gemeinsam Heimaturlaub hatten. Bis dahin war ihm nicht klar gewesen, dass Wales ein fremdes Land war. Sie eine Sprache sprechen zu hören, die er nicht verstand, hatte ihn erstaunt und beeindruckt – es war eine Seite von ihr, die er nie erwartet hatte. Jetzt an Joanie zu denken, ließ das bleierne Gefühl in sein Herz zurückkehren. Es war verblüffend, dass man einen Menschen so lange vermissen konnte. Sie war seit zehn Jahren tot und es fühlte sich immer noch an, als wäre es gestern gewesen.

Im Sommer nach Joanies Tod war er nach Wales gekommen, um die Bedeutung von allem zu verstehen, und war von der stillen, schroffen Schönheit der Berge Snowdonias geheilt und verzaubert worden. Aus purem Glück hatte er eine Anzeige für ein Sommerquartier auf dem Hof der Owens oberhalb von Llanfair gesehen. Sein Blick schweifte über das Dorf hinaus, zu dem quadratischen, getünchten Bauernhaus im Schutze windgepeitschter Bäume. Auf diese Anzeige zu antworten, war die glücklichste Entscheidung, die er je getroffen hatte, und er hatte in seinem Leben gewiss glückliche Momente gehabt – wie damals, als ihn ein heranstürmendes Nashorn knapp verfehlte, oder als Charlottes Ehemann in Kaschmir auf ihn geschossen und ihn nicht getroffen hatte, als er aus dem Fenster des Hausbootes in den See sprang.

Mrs. Owens verwöhnte ihn schamlos, kochte seine Lieblingsgerichte und ermutigte ihn, sich zwei- oder dreimal von den Speisen nachzunehmen, die sein Arzt ihm verboten hatte. Sie machte seine Wäsche, bügelte sie und hielt sein Zimmer in makelloser Ordnung, ohne einen Wirbel um ihn zu machen. Er hatte die Tage frei, um sie in der guten, frischen Luft zu verbringen, über Anhöhen zu wandern, zu versuchen Wildblumen oder Vögel zu identifizieren, oder seiner wahren Leidenschaft nachzugehen, der Archäologie. Er war ein begeisterter Amateurarchäologe, seit er im Alter von acht Jahren in der Nähe seines Zuhauses in Yorkshire auf einem Feld eine römische Münze gefunden hatte. Er war von der Ehrfurcht darüber ergriffen, dass zweitausend Jahre alte Gegenstände zu seinen Füßen lagen und darauf warteten, wiederentdeckt zu werden. Wenn er aus einer anderen Familie käme, wäre er vielleicht nach Oxford oder Cambridge gegangen, um Alte Geschichte zu studieren, aber Arbuthnots gingen stets zur Armee. Er seufzte.

Seine Leidenschaft für Archäologie war einer der Gründe, die ihn nach Wales zurückzogen. Er wollte derjenige sein, der zweifelsfrei bewies, dass König Artus tatsächlich existiert hatte. Es gab natürlich genügend regionale Legenden, die das stützten. Oben auf dem Mount Snowdon gab es den (den Pass der Pfeile), wo Artus tödlich verwundet wurde, als er dabei war Mordred zu besiegen. Man erzählte sich, dass Excalibur aus dem aufgetaucht war, dem See, der sich in die Ausläufer des Snowdon schmiegte. Er konnte ihn jetzt sehen, glitzernd im hellen Sonnenlicht. Selbst der Gipfel des Snowdon wurde von den Ortsansässigen genannt, was Grabstätte bedeutete. Nur ein großer König wäre auf der Spitze des höchsten Berges von Wales beerdigt worden. Wenn er bloß etwas Handfestes finden könnte, um Artus’ Existenz zu belegen. Das war es, was ihn dieser Tage auf Trab hielt.

Er ließ sich auf einer Felszunge nieder und holte sein Fernglas heraus. Es hatte in der Bronzezeit ein Fort gegeben, das den Pass bewachte. Wenn er dafür Belege finden könnte, wäre das ein Anfang.

Sein Blick glitt von der Spitze des Snowdon über die anderen Gipfel, deren Namen er vergessen hatte, und wieder hinab zum Dorf. Es war ein gutes Fernglas, in Deutschland gefertigt, früher, als man Dinge so baute, dass sie lange hielten. Er machte eine Gestalt aus, die auf der gewölbten Steinbrücke über dem kleinen, lauten Gebirgsbach saß. Das musste dieser dämliche Briefträger sein, entschied er – der, den sie Briefträger-Evans nannten. Er setzte sich immer hin und las die Post, ehe er sie austrug. Seltsam, dass das niemanden...



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