E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Boy-Ed Annas Ehe (Kommentiert)
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6805-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Psychologischer Gesellschaftsroman über bürgerliche Ehe, Konvention und weibliche Selbstbestimmung in der Kaiserzeit
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-80-268-6805-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Annas Ehe' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. In Annas Ehe zeigt die Boy-Ed mit dem literarischen Zeigefinger auf die Umstände, unter denen Frauen vor und speziell in der Ehe leben mussten. Ida Boy-Ed (1852-1928) war eine deutsche Schriftstellerin und Salonière. Ida Boy-Ed verfasste über 70 Romane und Erzählbände und beeinflusste mit ihrem Lübecker Salon das kulturelle Leben von Lübeck nachhaltig.
Weitere Infos & Material
Der Tag, an dem Anna es so eilig gehabt hatte, ihrer Heimat zu entrinnen, und doch noch einmal blutend zurückgebracht worden war über die Schwelle ihres Vaterhauses, dieser Tag lag nun schon zwei Monate hinter ihr.
Mit einer sehr erstaunlichen Sicherheit hatte sie sich in ihr neues Leben gefunden. Zwar kam es der Gräfin Herdeke vor, als wäre diese äußere Sicherheit eigentlich nur ein abwartendes Beobachten. Weder Menschen noch Dinge raubten der jungen Frau jemals die stolze Haltung, das verbindliche Lächeln.
Es war zuweilen leer, dies Lächeln. Das sah Herdeke wohl. Aber sie fand es klug, daß Anna ein gelegentliches Nichtverstehen oder gar Gelangweiltsein doch hinter einer konventionellen Verbindlichkeit verbarg.
Sie wird Burchard niemals kompromittieren, sagte Herdeke sich bald. – Und das war immerhin viel für einen Mann in seiner Stellung.
Glücklich schien er auch, sehr glücklich.
Herdeke wollte aber nicht indiskret sein, und intimere Beobachtungen nach dieser Richtung hin lagen ihr fern. Sie verwies solche auch Renaten und ging auf keinerlei bezügliche Gespräche ein. Denn Renate hatte eine wirklich wenig zarte Art, Fragen und Bemerkungen zu machen.
»Findest du nicht, daß ihr Verhältnis zueinander einen zu abgeklärten Eindruck macht?« – »Sie streiten nie. Ich fände es natürlicher, wenn sie einmal stritten. Charaktere müssen sich doch aneinander abschleifen.« – »Ich finde, daß Burchard zärtlicher gegen sie ist, als sie gegen ihn.« – »Ich finde, sie nimmt den Luxus hin, als sei sie von jeher daran gewöhnt gewesen.« – »Ich finde, das deutet auf einen Mangel an Wärme und Dankbarkeit.«
»Wenn Burchard ahnte, wie viel du ›findest‹, würde er eine Indiskretion gegen seine junge Frau darin erblicken, uns mit ihr unter demselben Dach leben zu lassen,« sprach einmal Herdeke unwillig.
»Mein Gott – wie überzart! Sie ist doch nun unser Familienmitglied. Die Gattin des Oberhauptes –«
»Da ginge es uns nur an, wenn sie etwa diese Stellung nicht auszufüllen vermöchte und dem Namen Geyer keine Ehre machte. Und ich denke denn doch ... An Großartigkeit und Würde fehlt es ihr nicht, trotz der Jugend.«
Renate zuckte nur die Achseln.
Die beiden alten Komtessen hatten früher einige Zimmer des zweiten Stockwerkes innegehabt. Das Geyersche Palais in der Alsenstraße war keineswegs ein großer Prunkbau mit unübersehbaren weitläufigen Räumen. Graf Burchard hatte es gekauft und vor einigen Jahren für seine Bedürfnisse als Junggeselle umbauen lassen. Und wenn auch sein Junggesellenleben große und bequeme Formen gehabt hatte, eine glänzende, repräsentative Geselligkeit war von ihm in Berlin nicht gepflegt worden. Er beschränkte sich darauf, jede Woche einmal ein Herrendiner mit einem Dutzend Tischgenossen zu geben.
Hierzu genügten die fünf großen Räume des ersten Stockwerks überreichlich.
Oben empfingen Herdeke und Renate ihre Freunde und Freundinnen zum Tee, zuweilen gaben sie auch ein Frühstück. Das war alles.
Die große Gastlichkeit entfalteten die Geyers auf ihren Gütern, wo keine parlamentarischen Geschäfte den Hausherrn in Anspruch nahmen.
Eine angenehme kleine Parterrewohnung im Palais war bisher an einen dem Grafen Burchard befreundeten, unverheirateten Legationsrat vermietet gewesen. Diese hatten nun die beiden alten Komtessen bezogen, als Graf Burchard Anfang Februar auch den zweiten Stock für sich beanspruchen mußte.
Renate konnte sich nicht in den Wechsel finden, und behauptete, ungebührlich beengt zu sein, weil sie ein Zimmer weniger hatten. Sie trug das Anna nach, denn die war die Ursache dieser ungünstigen Veränderung. Herdeke lobte den neuen Zustand jeden Tag; die gute Lisbeth Landsehr hatte es nun bequemer und kam öfter, und der liebe alte General selbst freute sich auch, daß ihm die Treppen erspart blieben. Da Landsehrs Herdekes Freunde waren, so sprach Renate ärgerlich: »Sie kommen einfach viel zu oft jetzt. Das ist der Erfolg.«
Der Zuschnitt im Hause Geyer war so, daß die junge Frau sich im Grunde genommen gar nicht von den alten Schwägerinnen belästigt fühlen konnte. Man sah sich nur bei Tisch, oder wenn Burchard und Anna besonders baten, die Damen möchten ihnen eine Abendstunde schenken. Oft forderte Anna ihre Schwägerin Herdeke auf, mit ihr in ein Konzert oder in das Theater zu fahren. Graf Burchard hatte selten Zeit dazu, wünschte aber ausdrücklich, daß Anna auf diesen Gebieten alles kennenlerne, wonach sie Lust habe.
Daß die junge Frau gar nicht daran dachte, in ihren Einladungen zu wechseln, sondern ganz wie selbstverständlich immer nur Herdeke bat, erbitterte Renate noch mehr gegen die Schwägerin.
Das hatte Anna längst gemerkt. Es machte ihr ein wenig Spaß. Zwar, es war nur die im Grunde genommen ihr so ganz gleichgültige Renate – aber es reizte Anna doch, diese um ihretwillen in einer ständigen kleinen Gemütsbewegung zu wissen. –
Nun war es der erste April. Anna saß oben am Fenster. Nicht in den Prunkräumen des ersten Stocks. Oben, neben ihren Schlaf- und Ankleidezimmern, lagen nach vorn zwei Räume, in denen sie ihr erstes Frühstück nahmen, und wo Anna sich ihr eigentliches Wohnzimmer eingerichtet hatte.
Es stürmte draußen. Ein weicher West brauste durch die Luft. Man sah aber nichts von der gewaltigen Arbeit des Sturmes. Die Straßen waren trocken, sauber, hellgrau. Der eine oder andre Mensch hielt seinen Hut fest; dem flatterte der Havelock nach rückwärts; jenem, der mit dem Wind ging, schlug er fest gegen die Kniebeugen und Ellbogen.
Ein Sturm, den man aus Anzeichen erraten mußte.
Anna dachte an daheim. Da rauschte es gewiß durch die Lüfte und die kahlen Wipfel im Park schlugen knallend, knirschend aneinander. Auf den braunschwarzen Koppeln zitterte die grünrötliche junge Wintersaat, und zwischen den Feldern, in den schmalen Entwässerungsgräben lag noch schmutzig der letzte Schnee. Und über der kahlen Weite stand noch weiter, noch unendlicher der hellblaue Himmel, an dem die Wolken in rasender Eile hinsegelten.
Das hatte Anna immer gern beobachtet oder vielmehr gern gehört; denn ihr Auge war nicht sehr empfänglich, und wenn etwas zu ihr sprechen sollte, mußte es schon laute Töne haben. Der Sturm war ihr wie ein Mensch, der den Willen und die Kraft hat, alles um sich in Bewegung zu setzen.
Herrische Macht haben und sie zu fühlen – das war ihr von jeher als etwas Begehrenswertes vorgekommen. Aber sie hatte nur unklare Vorstellungen davon gehabt, wie man sich solch Begehren erfüllen könne. Kindische Prinzessinnenträume hatten sie einst stark beschäftigt.
Aber seit sie größer geworden war und klüger, sagte sie sich: Nur erst in die Welt hinaus – dann muß man sehen, wie es ist! Als Graf Burchard ihr begegnete, besann sie sich keinen Augenblick, seine Hand anzunehmen. Er war der erste Mann, der ihr so sehr imponierte, daß sie voll Bewunderung zu ihm emporsah.
Und in ihrem Herzen war noch eine tief verborgene Bitterkeit. Einer, der ihr zwar nicht imponiert hatte wie Graf Burchard, der ihr aber anziehend erschienen war wie zuvor noch kein Mensch, einer war ganz achtlos an ihr vorübergegangen.
Welche qualvollen Zweifel hatten sie damals gemartert! Zweifel an ihrer Schönheit und dem Wert und Reiz ihrer ganzen Persönlichkeit. Wenn es möglich war, daß ein Mann sie so ganz gleichgültig übersah ... Und noch dazu ein Mann in bescheidener Stellung – ein Mann, dem sie mit Blick und Lächeln leise, leise entgegengekommen war ...
Wie sättigte es dann ihr Selbstgefühl mit Beruhigung, als der reife bedeutende Mann um sie warb – einer der Ersten des Landes! – Und seine Reife, seine Bedeutendheit brauchte sie nicht zu drücken. Denn er liebte sie ja. Und Anna hatte es so oft gelesen und gehört, daß eine junge Frau mit einem älteren Manne alles anfangen könne, was sie wolle.
Noch keinen Augenblick hatte sie seither etwas andres empfunden, als ein fast vollkommenes Glücksgefühl. Die Liebe ihres Gatten, seine ritterliche Zärtlichkeit, die immer geschmackvoll blieb, tat ihr wohl und erhob sie gleichsam auf einen Thron. Da saß sie nun in Erwartung und beobachtete alles und alle. Es schien ja, als sähe es in der Welt unbewegter, einförmiger, langweiliger aus, als Anna sich gedacht hatte. Aber gewiß schien es nur so. Man war in diesen ersten beiden Monaten natürlich viel für sich gewesen. Erst vierzehn Tage in Paris. Dann seit sechs Wochen hier in Berlin, wo Graf Burchard sich gleich sehr eifrig seinen parlamentarischen Geschäften widmete und von einer besonderen Geselligkeit noch keine Rede war. Bei Hof sollte Anna auch erst im nächsten Winter vorgestellt werden.
Einmal hatte sie den Reichstag besucht, als Graf Burchard eine Rede zum Forstgesetz hielt, das gerade verhandelt wurde. Er sagte ihr zwar, daß sie bei dieser Gelegenheit keine »große« Rede von ihm hören werde, aber es freute ihn doch, daß sie den Schauplatz seiner parlamentarischen Tätigkeit kennenlernen wollte.
Mit ihrem Erfolg konnte sie zufrieden sein: die Aufmerksamkeit des ganzen Hauses wandte sich der schönen Frau zu, die in einer köstlichen Pariser Toilette und einem großartigen Hut da auf der Tribüne saß und tat, als bemerkte sie nichts von den auf sie gerichteten, bewaffneten und unbewaffneten Blicken.
Bei ihrem Besuch im Herrenhause war es ähnlich gewesen. Burchard hatte ihr damals im Foyer auch viele Herren vorgestellt.
Aber das war kein Gesellschaftstreiben. Wie sollte sie da schon Gelegenheit gehabt haben, in ihrem Kreise Intriguen zu beobachten,...




