Boyd | Wie Schnee in der Sonne | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

Boyd Wie Schnee in der Sonne


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70271-9
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

ISBN: 978-3-311-70271-9
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist das Jahr 1914, in Deutsch- und Britisch-Ostafrika gehen Deutsche und Engländer in dieselben Bars. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, hält Einzug in den Alltag, und aus Freunden werden Feinde. Der Krieg verändert das Leben aller: Der Amerikaner Temple Smith verliert von einem Tag auf den anderen seine Farm an einen Nachbarn und schwört Rache. Gabriel und Felix Cobb stammen aus einer alten britischen Offiziersfamilie. Während Gabriel pflichtbewusst in den Krieg zieht, will Felix in Oxford bleiben, doch die Wirren des Krieges holen auch ihn ein. Alle Beteiligten versuchen einen Sinn in die Kampfhandlungen hinein- zulesen - vergeblich. Ein tragikomischer Antikriegsroman vor der exotischen Kulisse Ostafrikas.

William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält - er geht für sein Leben gern spazieren.
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1


6. Juni 1914

Daressalam, Deutsch-Ostafrika

»Was würde wohl passieren«, fragte Colonel Theodore Roosevelt seinen Sohn Kermit, »wenn ich einem Elefanten in die Eier ballerte?«

»Vater«, sagte Kermit, ohne die Miene zu verziehen, »es würde bestimmt sehr wehtun.«

Der Colonel lachte schallend.

Temple Smith, der das Ausladen der Pferde und der Ausrüstung überwachte, lächelte über diesen Wortwechsel. Der Colonel und sein Sohn saßen auf der Bank über dem Schienenräumer ganz vorn an der Spitze des Zuges. Temple konnte sie nicht sehen, aber er hörte sie so deutlich sprechen, als stünden sie neben ihm. Es musste, so sagte er sich, irgendwie mit der Atmosphäre zusammenhängen, mit der Stille und Trockenheit der Luft.

Der Zug hatte mitten auf einer weiten afrikanischen Ebene angehalten. Ein hoher Himmel, ein paar müßige Wolken. Hohes gelbes Gras, da und dort unterbrochen von Dornbäumen und Felsbrocken, erstreckte sich bis hin zu einem purpurroten Berghorizont, Mr Loring, der Naturforscher, glaubte einen männlichen Springbock von einer Spezies gesehen zu haben, welche die Jagdgesellschaft noch nicht erlegt hatte, und so war ein Halt angeordnet worden.

Temple wies die somalischen Stallburschen an, vier Araberponys zu satteln. Die Roosevelts, der weiße Jäger Mr Tarlton und der Naturforscher, Mr Loring, würden losreiten und sich auf die Suche nach dem Tier machen. Die Seitenwand der langen Pferdebox wurde zum Boden heruntergelassen und das erste der kleinen Ponys herausgeführt. Es tänzelte vorsichtig umher, als prüfe es den Boden, und schnickte verärgert Kopf und Ohren nach den Schwärmen von summenden Fliegen, die es belästigten.

Temple nahm den Tropenhelm ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Die Hitze knallte auf den in der Sonne stehenden Zug herunter, und nicht die leiseste Brise rührte die weite Graslandschaft auf.

Er hörte, wiederum erstaunlich deutlich, wie Colonel Roosevelt knurrte, als er von dem Schienenräumer herunterkletterte, sich streckte und über die Gleisschwellen stapfte. Er schien ihn fast wie in einer Vision vor sich zu sehen. Die untersetzte und zerknautscht wirkende Gestalt trug eine bauschige Militärbluse, schlecht sitzende kakifarbene Reithosen, die von den Knien bis zu den Knöcheln zugeknöpft waren und am Gesäß herunterhingen, und schwere Stiefel. Er sah das bebrillte Onkelgesicht mit dem herabhängenden Walrossschnauzbart in die grelle Sonne blinzeln. Der Colonel schlug mit den Armen Räder und ließ die Fingerknöchel knacken. »Guter Tag zum Jagen«, sagte er und ging steifen Schrittes ein paar Meter die Bahnstrecke entlang.

Doch dann sah Temple auf wundersame Weise plötzlich zu Kermit hinüber. Er sah Kermits schönes schmales, von einem leichten Lächeln überzogenes Gesicht. Sah ihn nach seiner doppelläufigen Rigby-Schrotflinte greifen. Hörte das geölte Klicken, als die Zwillingshähne gespannt wurden. Sah, wie sich der Doppellauf langsam hob und auf den Rücken des Colonels zeigte.

»Nein!«, sagte Temple entsetzt zu sich selbst und ließ die Zügel des Ponys fallen, die er gerade in der Hand hielt. Er drehte sich jäh herum und blickte den Zug entlang nach vorn zur Lokomotive. Ja, da stand der Colonel auf dem Gleis, etwa fünfzehn Meter vor der Lokomotive und dieser den Rücken zukehrend, und starrte in die Landschaft hinaus. Aber Temple sah Kermit nicht. Noch im ersten Erstaunen über seine hellseherische Vision ahnte er, dass sie ihm eingegeben worden war, um die Ermordung dieses hochgeschätzten militärischen Helden und ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu verhindern.

»Nein!«, rief Temple abermals, wodurch er die erstaunten Blicke Mr Lorings und der schwarzen Pferdeburschen auf sich zog. »Nein, Mr Roosevelt – um Gottes willen, tun Sie’s nicht!«

Er rannte los zur Lokomotive, rutschte jedoch ständig auf der Erde und den Steinen des Bahndamms aus. Wieder sah er in einer kurzen hellseherischen Vision, wie Kermit auf eine Stelle zwischen den Schulterblättern seines Vaters zielte und wie sein Zeigefinger weiß wurde, als er den Abzug zu drücken begann.

»Nein!«, schrie Temple. »Nein! Er ist doch Ihr Vater, um Gottes willen!«

, dröhnte der Doppellauf. Die Bluse des Colonels zerplatzte in einem Gespritz von Blut und zerrissenem Kakistoff, als die Schrotladung den Mann vornüber zu Boden warf.

Temple schlug das Moskitonetz hoch und setzte sich auf den Bettrand. Dann stand er auf und streckte sich. Er war nackt. Er rieb sich Schultern und Brust, klatschte sich auf die Hinterbacken und fasste sich ans Glied.

Temple war Anfang vierzig, klein und untersetzt, etwa eins siebzig groß und hatte eine breite Brust und kräftige, muskulöse Beine. Seine einst kompakte Statur war noch unter dem Speck zu erkennen, den sie inzwischen mit sich herumtragen musste. Er hatte einen beträchtlichen Bauch, und auf seinem Rücken führten zwei Fleischfalten vom Genick bis in die Nierengegend hinunter. Die Brust und die breiten Schultern bedeckte dichtes, drahtiges, ins Graue spielendes Haar. Die Form seines Unterkiefers war seit Langem in einem seiner Kinne untergegangen. Das Pfeffer-und-Salz-farbene Haar war kurz geschoren und in der Mitte gescheitelt, und er hatte einen buschigen, herabhängenden Schnurrbart auf der Oberlippe. Dieser Schnurrbart war ein so auffälliges Kennzeichen, dass man sich oft nur seinetwegen an ihn erinnerte. Seine Nase war klein, fast eine Stupsnase, und die Augen blickten blass und unschuldig.

Er trat ans Fenster und öffnete die Läden ein wenig. Von seinem Zimmer im obersten Geschoss des Hotel Kaiserhof aus hatte er einen guten Blick über Daressalams geräumigen natürlichen Hafen. Dort, etwa eine Viertelmeile vor der Küste, lag der Kreuzer Königsberg vor Anker. Seine 4,1-Zoll-Geschütze feuerten gerade die letzten Salutschüsse ab. Am Kai drängten sich Zuschauer, und Fahnenschmuck flatterte von allen Telefonstangen, Fenstersimsen und Balkonen. Mit Beckenklängen stimmte die Kapelle der Schutztruppe die deutsche Nationalhymne an, und ihr Kommandeur, Oberst Paul von Lettow-Vorbeck, schritt die Ehrenwache ab.

Temple wandte sich lächelnd ab und dachte an seinen Traum. Seit Jahren hatte er nicht mehr von Roosevelt geträumt. Er gähnte. Eigentlich sollte er dem alten Knacker sogar dankbar sein. Denn schließlich wäre er ohne Roosevelt nie nach Afrika gekommen. Im Jahr 1909 hatte Temple als Geschäftsführer einer kleinen Eisengießerei in Sturgis, South Dakota, einen Punkt in seinem Leben erreicht, der außer Langeweile keine weiteren Aussichten mehr bot. Da hatte er eine Anzeige der Smithsonian Institution gelesen, die jemanden suchte, der einen Jagdausflug nebst Beutetransport in Afrika organisieren konnte. Er hatte sich beworben, den Posten bekommen und sich zwei Monate später mit den Roosevelts und ihren Tonnen von Gepäck auf den Weg gemacht. Es hatte nicht lange gedauert. Die Roosevelts schossen alles, was sich bewegte. Bekümmert über die große Zahl verstümmelter und angeschossener Tiere, die auf ihrem Weg zurückblieben, hatte Temple sehr vorsichtig protestiert. Worauf Kermit ihn prompt entlassen hatte.

Temple kniff das Gesicht zusammen. Der alte Herr war in Ordnung. Kermit war es, mit dem er nie auskam. Doch als das Buch des Colonels –  – erschien, wurde Temple mit keinem einzigen Wort darin erwähnt. Eine Art Bestrafung, nahm er an. Er fragte sich, ob sich wohl irgendein Leser Gedanken darüber machte, wie die große Jagdgesellschaft mit allem Drum und Dran von Punkt A nach Punkt B gelangt war und wie die Züge beladen und entladen worden waren. Doch er sagte sich: Ärgere dich nicht. Auf lange Sicht gesehen hatten die Roosevelts ihm einen Gefallen getan, und auf die lange Sicht kam es an, wenn man ihn fragte.

Temple erlaubte sich den Luxus eines Bades und schlüpfte dann in seine frisch gewaschenen Kleider. Der Kaiserhof war nach seiner Ansicht das beste Hotel in ganz Ostafrika. Besser als das Norfolk in Nairobi und das Grand in Mombasa. Heißes und kaltes fließendes Wasser, auf teutonische Tüchtigkeit gedrilltes Personal – und bis zu einem ausgezeichneten Brauereiausschank waren es nur für Minuten mit der Rikscha.

Nach dem Frühstück trat Temple auf die Arabstraße hinaus. Der Kaiserhof war eigentlich das Bahnhofshotel, erbaut einige Jahre zuvor beim Beginn des Baus der zentralen Eisenbahnlinie von Daressalam zum Tanganjikasee. Es war ein recht großes steinernes Gebäude, mit künstlichen Zinnen versehen, und stand an der Ecke Arabstraße und Bahnhofstraße. Hinter Temple lag die Hafenlagune mit ihrer jüngst errichteten Pier, den Hafenbüros und dem Zollschuppen. Vor ihm erstreckte sich das schwärende Inderviertel – abblätternde, in einem engen Gewirr von übel riechenden schmalen Gassen zusammengedrängte Lehmhütten. Wäre er der Arabstraße weiter nach Osten gefolgt, wäre er auf die Straße Unter den Akazien gestoßen, die Hauptgeschäftsstraße, wo deutsche Sauberkeit und Ordnung deutlicher zu erkennen waren. Unter den Akazien, eine schmale, von prunkvollen Bauten gesäumte Allee, führte zum eigentlichen Wohnviertel von Dar. Dort gab es viel Grün, breite Straßen, zwei- und dreigeschossige Häuser im Kolonialstil mit roten Ziegeldächern – und einen großen und schön angelegten Botanischen Garten.

Dieses letztgenannte Attribut der Stadt war es, das Temple nach Dar gelockt hatte – er wollte Kaffeesämlinge kaufen. Er hatte die Kaufverhandlungen mit dem für...


Boyd, William
William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält – er geht für sein Leben gern spazieren.



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