E-Book, Deutsch, 90 Seiten
Boyer Die philosophische Therese
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0633-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 90 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0633-6
Verlag: Jazzybee Verlag
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Thérèse philosophe, ist ein 1748 erschienener französischer Roman und gilt als eines der bedeutendsten libertinen Werke des 18. Jahrhunderts. Als Verfasser wird Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d'Argens vermutet. Die Geschichte der Thérèse ist die der Abkehr von der Autorität der christlichen Kirche, hin zur Position der radikalen atheistischen Aufklärung eines Julien Offray de La Mettrie. In der Handlung des Romans wechseln sexuelle Aktivitäten der Hauptfiguren mit Diskussionen über philosophische Fragen ab, die sie zu höherer Erkenntnis führen. Der Text spiegelt damit - bei aller Vereinfachung - eine zentrale aufklärerische These wider: In der Natur gibt es nichts moralisch Böses, und eine vernünftige Sittlichkeit beruht nicht auf der Verleugnung der natürlichen Regungen, sondern dem Versuch, sie zu verstehen. (aus wikipedia.de)
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Alle Stifter der verschiedenen Religionen, die auf der Erde verbreitet sind, haben sich gerühmt, daß Gott sich ihnen offenbart habe; welchem dürfen wir glauben? Untersuchen wir also, welche Religion die echte sei. Da aber von Kindheit an durch unsere Erziehung alle unsere Begriffe durch Vorurteile gebildet sind, so müssen wir zunächst dem lieben Gott alle Vorurteile zum Opfer bringen und hierauf mit der Fackel der Vernunft eine Frage beleuchten, von der in unserem zeitlichen und ewigen Leben Glück und Unglück für uns abhängt.
Ich mache zunächst die Bemerkung, daß es vier Weltteile gibt; daß höchstens der zwanzigste Teil von dem einen dieser vier Teile katholisch ist. Alle Bewohner der anderen Teile behaupten, daß wir einen Menschen, daß wir Brot anbeten; sie behaupten, alle Kirchenväter hätten sich in ihren Schriften widersprochen, und dies beweise, daß sie nicht von Gott inspiriert worden seien.
Alle Änderungen in den Religionen, die seit Adams Zeiten von Moses, von Salomon, von Jesus Christus und später von den Kirchenvätern vorgenommen worden sind, beweisen, daß alle diese Religionen nur Menschenwerk sind. Gott ändert sich niemals; er ist unwandelbar.
Gott ist allgegenwärtig. Trotzdem sagt die Heilige Schrift, daß Gott Adam im irdischen Paradiese gesucht habe: Adam, wo bist du? Sie erzählt, daß Gott im Garten Eden spazierengegangen sei, daß er sich mit dem Teufel über Hiob unterhalten habe. – Die Vernunft sagt mir, daß Gott keiner Leidenschaft unterworfen sein kann, aber die Genesis läßt im sechsten Kapitel Gott sagen, er bereue, den Menschen geschaffen zu haben, und sie läßt seinen Zorn nicht unwirksam sein. In der christlichen Religion erscheint Gott so schwach, daß er nicht einmal den Menschen nach seinem Willen lenken kann: er bestraft ihn durch Wasser, dann durch Feuer – der Mensch bleibt immer derselbe. Er schickt die Propheten – der Mensch bleibt immer derselbe. Er hat einen einzigen Sohn; er schickt diesen, er opfert ihn – die Menschen ändern sich nicht. Wie lächerlich macht die christliche Religion ihren Gott!
Jeder gibt zu, daß Gott weiß, was in Ewigkeit geschehen wird, also hat Gott, als er uns geboren werden ließ, bereits gewußt, daß wir unfehlbar verdammt werden müssen und daß wir ewig unglücklich sein werden.
Wir lesen in der Heiligen Schrift, daß Gott Propheten sandte, um die Menschen zu warnen und sie zur Besserung aufzufordern. Der allwissende Gott wußte aber doch auch, daß die Menschen sich nicht ändern würden. Die Heilige Schrift nimmt also an, daß Gott ein Betrüger sei. Lassen diese Begriffe sich mit unserer Überzeugung von Gottes unendlicher Güte in Einklang bringen?
Man gibt dem allmächtigen Gott einem gefährlichen Gegner in der Gestalt des Teufels, der ihm gegen seinen Willen unaufhörlich drei Viertel von der kleinen Zahl von Menschen raubt, die er ausgewählt hat, für die sein Sohn sich geopfert hat, ohne sich um den Rest des menschlichen Geschlechtes zu bekümmern. Was für klägliche Albernheiten!
Nach der christlichen Glaubenslehre sündigen wir nur, weil wir in Versuchung geführt werden; der Versucher, sagt man uns, ist der Teufel. Gott brauchte nur den Teufel zu vernichten, so wären wir alle gerettet; da er es nicht tut, so ist er entweder sehr ungerecht oder sehr ohnmächtig.
Eine ziemlich große Anzahl der Diener der katholischen Religion behauptet, Gott gebe uns Befehle, wir könnten aber diese nicht befolgen ohne die Gnade, welche Gott nur gewissen, ihm angenehmen Menschen schenke; trotzdem bestraft Gott diejenigen, die seine Gebote nicht halten! Welcher Widerspruch! Welche ungeheure Gottlosigkeit!
Gibt es etwas so Elendes wie die Behauptung, daß Gott rachsüchtig, eifersüchtig, zornig sei? Ist es nicht ein jämmerlicher Anblick, die Katholiken ihre Gebete an die Heiligen richten zu sehen? Wie wenn diese Heiligen gleich dem lieben Gott allgegenwärtig wären! Wie wenn diese Heiligen in den Herzen der Menschen lesen und ihre Stimme hören könnten.
Welch lächerliches Gerede, daß wir alles zum größeren Ruhme Gottes machen werden. Kann denn Gottes Ruhm durch die Gedanken oder Handlungen der Menschen vermehrt werden? Können sie überhaupt etwas an ihm vermehren? Ist er sich nicht selbst genug?
Wie haben die Menschen sich einbilden können, daß die Gottheit sich mehr geehrt und befriedigt fühlte, wenn sie einen Hering statt einer Lerche essen, eine Zwiebelsuppe statt einer Specksuppe, eine Scholle statt eines Rebhuhns, und daß dieselbe Gottheit sie mit ewiger Verdammnis strafen würde, wenn sie an gewissen Tagen den Vorzug der Specksuppe geben?
Ihr schwachen Menschen, ihr glaubt Gott beleidigen zu können! Könntet ihr auch nur einen König, einen Prinzen beleidigen, wenn diese vernünftig wären? Sie würden eure Schwäche und Ohnmacht verachten. Man spricht euch von einem rächenden Gott und sagt euch, die Rache sei ein Verbrechen, welcher Widerspruch! Man versichert euch, die Vergebung einer Beleidigung sei eine Tugend, und man wagt euch zu sagen, Gott räche sich für eine ungewollte Beleidigung, nämlich die Erbsünde, durch ewige Höllenqualen!
Man sagt: Wenn es einen Gott gibt, muß es auch einen Kultus geben. Indessen kann man doch nicht leugnen, daß vor Erschaffung der Welt ein Gott, aber kein Kultus war. Übrigens gibt es seit der Erschaffung der Welt Tiere, welche Gott durch keinen Kultus ehren. Wenn es keine Menschen gäbe, gäbe es doch stets einen Gott, Geschöpfe und keinen Kultus. Die Menschen leiden an der krankhaften Sucht, die Handlungen Gottes nach ihren eigenen beurteilen zu wollen.
Die christliche Religion gibt einen falschen Begriff von Gott; denn nach ihrer Lehre ist die menschliche Gerechtigkeit ein Ausfluß der göttlichen Gerechtigkeit. Nach der menschlichen Gerechtigkeit aber müßten wir unbedingt Gott wegen der Handlungen verurteilen, die er gegen seinen Sohn, gegen Adam, gegen die Völker, denen niemals seine Lehre gepredigt worden ist, gegen die Kinder, die vor der Taufe sterben, begangen hat und begeht.
Nach der Lehre der christlichen Religion müssen wir nach der höchsten Vollkommenheit streben. Nach ihr ist der Stand der Jungfräulichkeit vollkommener als der Ehestand; daraus geht klar hervor, daß die christliche Religion auf die Vernichtung des Menschengeschlechtes abzielt. Wenn die Bemühungen und Reden der Priester Erfolg hätten, würde in sechzig oder achtzig Jahren das Menschengeschlecht vernichtet sein. Kann eine solche Religion von Gott sein?
Gibt es etwas so Törichtes, als daß man durch Priester, durch Mönche, durch andere Personen für sich zu Gott beten läßt? Man macht sich von Gott einen Begriff wie von einem Könige.
Welch ein unglaublicher Wahnsinn ist der Glaube, Gott habe uns geboren werden lassen, damit wir nichts anderes tun, als was gegen die Natur ist und was uns in dieser Welt nur unglücklich machen kann! Man fordert von uns, wir sollen uns alles versagen, was unsere Sinne und Begierden, die Gott in uns gepflanzt hat, befriedigt! Ein Tyrann könnte nicht schlimmer sein, der uns von dem Augenblick unserer Geburt bis zur Todesstunde mit seinem Grimme verfolgt.
Um ein vollkommener Christ zu sein, muß man unwissend sein, blindlings glauben, auf alle Freuden, auf Ehre und Reichtum verzichten, seine Verwandten und Freunde verlassen, seine Jungfräulichkeit bewahren; mit einem Wort, man muß alles tun, was gegen die Natur ist. Und doch handelt diese Natur sicherlich nur nach Gottes Willen. Welche Widersprüche nimmt die Religion bei einem Wesen an, das unendlich gerecht und gut ist!
Da Gott der Schöpfer und Herr aller Dinge ist, so müssen wir diese zu dem Zweck verwenden, für den er sie bestimmt hat, und müssen uns ihrer gemäß der Absicht bedienen, welche Gott bei ihrer Erschaffung hatte, soweit es uns durch unsere Vernunft und durch die von ihm uns eingepflanzten Gefühle möglich ist, seinen Zweck und seine Absicht zu erkennen und diese mit dem Interesse der menschlichen Gesellschaft in den von uns bewohnten Ländern zu vereinbaren.
Der Mensch ist nicht zum Müßiggang geschaffen; er muß sich mit irgend etwas beschäftigen, wodurch er seinem eigenen Vorteil dient, ohne dem Gemeinwohl zu schaden. Gott hat nicht das Glück einzelner gewollt; er will das Glück aller, wir müssen uns also gegenseitig alle möglichen Dienste leisten, vorausgesetzt, daß diese Dienste nicht dem einen oder anderen Zweige der bestehenden Gesellschaft schaden; nach diesem Gesichtspunkt müssen unsere Handlungen sich richten. Wenn wir bei allem, was wir sind und tun, dies im Auge behalten, so erfüllen wir alle unsere Pflichten; alles übrige ist nur Einbildung, Vorurteil.
Alle Religionen ohne jede Ausnahme sind Menschenwerk; es ist unter ihnen keine einzige, die nicht ihre Märtyrer, ihre angeblichen...




