E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Boyne Die Geschichte der Einsamkeit
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-492-97103-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-492-97103-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, der weltweit zum Bestseller wurde und von der Kritik als »ein kleines Wunder« (The Guardian) gefeiert wurde.
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Erstes Kapitel
2001 Erst spät in meinem Leben begann ich mich dafür zu schämen, dass ich Ire bin.
Vielleicht sollte ich mit dem Abend beginnen, an dem ich meine Schwester zum Essen besuchte und sie sich nicht daran erinnern konnte, mich eingeladen zu haben. An jenem Abend bemerkte ich zum ersten Mal, dass etwas mit ihr nicht stimmte.
Gegen Mittag war George W. Bush in Washington für seine erste Amtszeit als Präsident vereidigt worden, und als ich in der Grange Road im Süden von Dublin ankam, saß Hannah vor dem Fernseher und schaute sich einen Bericht über die Zeremonie an.
Mein letzter Besuch lag ein knappes Jahr zurück. Es war mir etwas unangenehm, dass ich, nachdem ich in den Monaten nach Kristians Tod häufiger bei ihr vorbeigeschaut hatte, in alte Gewohnheiten zurückgefallen war und nur selten anrief und mich noch seltener mit ihr zum Mittagessen im Bewley’s Café in der Grafton Street verabredete. Das Bewley’s erinnerte uns beide an unsere Kindheit, denn dorthin hatte Mam uns immer mitgenommen, wenn wir in der Adventszeit in die Innenstadt fuhren, um das Weihnachtsschaufenster von Switzer’s zu bewundern. Im Bewley’s hatten wir auch zu Mittag gegessen – Würstchen mit Bohnen und Pommes –, nachdem der Schneider des Clerys bei uns Maß genommen hatte, erst für meinen Kommunionsanzug und ein paar Jahre später für Hannahs Kommunionskleid. Wir hatten dort wunderbare Nachmittage verbracht, hatten Buttercremetorte gegessen und Fanta getrunken. Vor der Kirche von Dundrum stiegen wir in den Bus 48A, der uns in die Innenstadt brachte. Hannah und ich rannten hoch aufs Oberdeck, setzten uns ganz nach vorn und umklammerten die Eisenstange, während der Bus durch Milltown und Ranelagh fuhr, über die Charlemont Bridge und bis zum alten Metropole-Kino hinter der Tara Street Station, wo wir uns Meuterei auf der Bounty mit Marlon Brando und Trevor Howard angeschaut hatten. Allerdings hatten wir den Film nur bis zur Hälfte gesehen, denn als die Tahitianerinnen mit ihren entblößten Brüsten, die lediglich von Blumengirlanden bedeckt waren, in Kanus auf das Schiff zuruderten, auf dem sich eine Horde lüsterner Matrosen befand, zerrte Mam uns aus dem Saal. Noch am selben Abend schrieb sie einen Brief an die Evening Press und forderte, der Film solle aus den Kinos verbannt werden. »Ist dies ein katholisches Land oder nicht?«, empörte sie sich.
In den fünfunddreißig Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sich das Bewley’s Café nicht großartig verändert, und ich ging immer noch gern hin. Ich bin ein nostalgischer Mensch, was nicht immer gut ist. Kindheitserinnerungen werden wach, sobald mein Blick auf die Sitzbänke mit den hohen Rückenlehnen fällt, in denen nach wie vor Menschen aller Couleur Platz nehmen: Rentner mit schlohweißem Haar, echte Gentlemen, glatt rasiert und nach Old Spice duftend, lesen in feinen Anzügen den Wirtschaftsteil der Irish Times, obwohl das rein gar nichts mehr mit ihrem Leben zu tun hat. Hausfrauen genießen ihren Vormittagskaffee und sind froh, einen Moment für sich zu haben, während sie der wunderbaren Stimme von Méav lauschen, die aus den Lautsprechern dringt. Studenten des Trinity College essen Wurstsandwiches, trinken Unmengen von Kaffee, lachen laut und stoßen sich gegenseitig an, weil sie jung sind und die Gesellschaft genießen. Ein paar arme Schlucker erkaufen sich mit einer Tasse Tee ein oder zwei Stunden Wärme. Es ist ein großes Glück für Dublin, dass das Bewley’s jedem seine Türen öffnet, und hin und wieder nutzten Hannah und ich diese Gastfreundschaft – ein Mann mittleren Alters und seine verwitwete Schwester, beide gepflegt gekleidet, die sich leise unterhielten und immer noch gern Buttercremetorte aßen, deren Magen aber keine Fanta mehr vertrug.
Hannah hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen und mich zum Abendessen eingeladen, und ich hatte sofort zugesagt. Nach ihrem Anruf hatte ich mich gefragt, ob sie sich vielleicht einsam fühlte. Ihr ältester Sohn, mein Neffe Aidan, arbeitete in London auf dem Bau und kam fast nie nach Hause. Ich wusste, dass er sogar noch seltener anrief als ich. Allerdings war er in jenen Jahren auch kein besonders umgänglicher Mensch. Als Kind war er fröhlich und offenherzig gewesen und hatte gern den Alleinunterhalter gespielt, aber eines Tages hatte er sich schlagartig verändert und war zu einem zornigen, verschlossenen Jungen geworden, der Hannah und Kristian das Leben schwer machte. Als er heranwuchs, wurde die Wut, die ihn von innen vergiftete, nicht weniger – im Gegenteil, sie wurde immer größer und zerstörte alles, was mit ihr in Berührung kam. Aidan war groß und breitschultrig und hatte die helle Haut und das blonde Haar seines norwegischen Vaters geerbt. Die Frauen lagen ihm zu Füßen. Leider hatte er auch ein schier unstillbares Verlangen nach ihnen. So hatte er ein Mädchen geschwängert, als die beiden nicht einmal alt genug zum Autofahren waren, und eine Zeit lang gab es deswegen großen Ärger. Nach einem furchtbaren Streit zwischen Kristian und dem Vater des Mädchens, bei dem sogar die Polizei anrücken musste, beschlossen sie, das Kind zur Adoption freizugeben.
Bei mir hatte sich Aidan schon lange nicht mehr gemeldet. Wenn wir uns begegneten, lag Verachtung in seinem Blick. Einmal, als er nicht mehr ganz nüchtern war, baute er sich auf einer Familienfeier vor mir auf und stützte eine Hand an der Wand ab, sodass ich zwischen seinem Arm und seinem Oberkörper gefangen war. Er roch so sehr nach Zigaretten und Alkohol, dass ich den Kopf abwandte, woraufhin er süffisant bemerkte: »Ich hätte da mal eine Frage. Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass dein Leben für die Katz ist? Wünschst du dir nie, du könntest die Zeit zurückdrehen und noch mal von vorn beginnen? Alles anders machen? Willst du nicht manchmal ein normales Leben führen?« Ich schüttelte den Kopf und antwortete, dass ich sehr zufrieden mit meinem Leben sei und dass ich zu meiner Entscheidung stünde, obwohl ich sie in sehr jungen Jahren getroffen hätte. Ich stünde zu meiner Entscheidung, wiederholte ich, und auch wenn er sie sinnlos finde, verleihe sie meinem Leben Klarheit und ein Ziel, Dinge, die ihm offenbar fehlten. »Damit könntest du recht haben, Odran«, sagte er, trat einen Schritt zurück und gab mich frei. »Aber ich könnte so nicht leben. Lieber würde ich mir eine Kugel in den Kopf jagen.«
Nein, Aidan hätte meine Entscheidungen niemals treffen können, und heute bin ich dafür dankbar. Er ist einfach nicht so arglos und konfliktscheu wie ich. Schon als Junge hatte er mehr Mut, als ich jemals haben werde. Jetzt lebte er in London mit einer Frau zusammen, die einige Jahre älter war als er und schon zwei Kinder hatte, was ich merkwürdig fand, schließlich hatte er ein paar Jahre zuvor nichts von seinem eigenen Kind wissen wollen.
In Hannahs Haus wohnte jetzt nur noch ihr jüngerer Sohn Jonas, ein stiller Junge, mit dem man kein richtiges Gespräch führen konnte, weil er immer auf seine Schuhe starrte oder die Finger bewegte wie ein rastloser Klavierspieler. Wenn man ihn ansah, errötete er, und meist verkroch er sich zum Lesen in sein Zimmer, aber wenn ich ihn nach seinem Lieblingsschriftsteller fragte, gab er mir nur widerwillig Auskunft oder nannte aus Trotz einen Namen, den ich noch nie gehört hatte – meist einen Ausländer, einen Japaner, Italiener oder Portugiesen. Auf der Beerdigung seines Vaters hatte ich die Stimmung auflockern wollen und ihn gefragt, ob er hinter seiner verschlossenen Tür wirklich lese oder nicht etwas ganz anderes treibe. Ich hatte mir nichts dabei gedacht – es sollte ein Scherz sein –, aber als ich die Worte aussprach, hörte ich selbst, wie anzüglich sie klangen. Ich glaube, es waren noch drei oder vier andere Leute dabei, und der Junge wurde knallrot und verschluckte sich an seiner 7Up. Ich wollte ihm sagen, wie leid es mir tue und dass ich ihn nicht in Verlegenheit hätte bringen wollen, aber das hätte alles nur noch schlimmer gemacht, und so ließ ich die Sache auf sich beruhen und wandte mich rasch ab. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns von dieser Szene nie mehr erholt haben, denn er muss gedacht haben, dass ich ihn absichtlich bloßstellen wollte, obwohl mir nun wirklich nichts ferner lag.
Jonas war zu der Zeit, von der ich erzähle, sechzehn Jahre alt und stand kurz vor der Mittleren Reife. Die Prüfung würde ihm keine Schwierigkeiten bereiten, denn er war von klein auf sehr klug gewesen und hatte lange vor anderen Kindern seines Alters sprechen und lesen gelernt. Kristian sagte gern, dass Jonas mit seinem Verstand Arzt, Anwalt, Premierminister von Norwegen oder Präsident von Irland werden könne, aber immer wenn ich ihn das sagen hörte, dachte ich, nein, das ist nicht der Weg dieses Jungen. Ich wusste nicht, was sein Weg war, aber dieser war es nicht.
Manchmal dachte ich, dass Jonas ein hoffnungsloser Fall war. Er erzählte nie von Gleichaltrigen, hatte keine Freundin und nahm kein Mädchen mit auf den Weihnachtsball der Schule. Er ging nicht einmal hin. Er war in keinem Verein und trieb keinen Sport. Jonas ging zur Schule und kam wieder nach Hause. Am Sonntagnachmittag setzte er sich allein ins Kino und sah sich irgendeinen ausländischen Film an. Er half seiner Mutter im Haushalt. Ich fragte mich, ob er vielleicht einsam war. In seinem Alter hatte ich mich jedenfalls oft allein gefühlt.
So lebten also nur noch Hannah und Jonas in dem Haus. Der Ehemann und Vater war tot und der Sohn und Bruder ausgezogen, und auch wenn ich nicht viel vom Familienleben verstand, eins wusste ich: Eine Frau Mitte vierzig und ein unsicherer Jugendlicher hatten sich vermutlich nicht viel zu sagen. Vielleicht herrschte in ihrem...




