E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Brack Blauer Mohn
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86532-520-4
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Polnische Trilogie
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-86532-520-4
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt als freier Autor, Übersetzer und Journalist in Hamburg.
Autoren/Hrsg.
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Über dem kleinsten Schaufenster der Straße standen die Worte „Alles für den Bücherfreund“. Sie wurden fast völlig verdeckt von einer schmutzigen, gelben, zerschlissenen Plastikmarkise, deren verrostetes Gestänge darauf hindeutete, dass sie weder bei Regen noch bei Schnee noch aus irgendeinem anderen Grund eingezogen wurde. Unter diesem unzuverlässigen Schutzdach standen dicht aneinandergedrängt verschiedene Buchständer mit gebrauchten Taschenbüchern. Zumeist waren es uralte Kriminalromane oder Bücher mit romantisch-aufregenden Titeln, außerdem einige Kisten mit Liebes-, Heimat- und Gruselromanheftchen. In der Glasvitrine neben der Eingangstür waren Romantitelblätter ausgestellt, die schon so vergilbt und gewellt waren, dass sie mehr als einen Sommer und Winter lang Hitze und Feuchtigkeit ertragen haben mussten. Im Schaufenster stapelten si ch unzählige Bücher aus den verschiedensten Fachbereichen: Geschichtsbücher, Kriegsbücher, Filmbücher, erotische Literatur, Waffenhandbücher, Kunstbücher, Weltliteratur, Science-Fiction, Wissenschaft und so weiter. Alles war übereinandergeschichtet, und der kunstvolle Stapel sah bedenklich unstabil aus. An die Eingangstür war ein selbstgemaltes Schild geklebt: Kein Eintritt für Jugendliche unter 18 Jahren.
Der Buchladen befand sich in einer breiten, zweispurigen Einbahnstraße des Hamburger Bahnhofsviertels St. Georg, die direkt auf den Hauptbahnhof zuführte. Es war der einzige Buchladen in dieser Gegend, eingezwängt zwischen Spielhallen, Peep-Shows, Sex-Shops, Kinos, italienischen Lokalen und türkischen Imbissläden. In den Hauseingängen, jeder mit den Hinweisen auf mehrere Pensionen und Hotels, standen vereinzelt ältere, bürgerlich gekleidete Prostituierte und warteten unauffällig auf ihre Kunden. Eine von ihnen rollte ihrem Hund, einem Pudel, einen bunten Kinderball zu, mit dem er begeistert spielte. Ab und zu sprach sie kurz mit einem der älteren Herren, die scheinbar ziellos die Straße entlangspazierten. Andere Männer schlenderten in Gruppen vorbei: türkische Geschäftsleute, heftig debattierend.
Es war ein kalter, feuchter Oktoberabend. Jerzy Pakula, der Besitzer des kleinen Buchladens, stand an der Tür und blickte in den dunklen Abendhimmel, ihn fröstelte. Er wünschte sich den Feierabend herbei. Für heute hatte er genug von seinen ewig gleichen Kunden, die ihre gierigen Nasen stundenlang in die Pornoheftchen steckten, die wegen Platzmangels in allen denkbaren Ecken und Nischen des Ladens gestapelt waren. Pakulas Laden war kein Sex-Shop. Man konnte bei ihm jedes Buch bekommen. Innerhalb von ein bis zwei Tagen würde selbstverständlich jeder bestellte Titel geliefert. Den überwiegenden Anteil an seinem Umsatz allerdings machte der Handel mit den teuren Hochglanzheftchen aus. Dazu kam ein Bruchteil der Einnahmen durch den Verkauf von gebrauchten Taschenbüchern. Die interessanten und teuren Buchtitel, die man im Schaufenster sehen konnte und die den winzigen Innenraum so sehr ausfüllten, dass man sich vorsichtig bewegen musste, um kein Regal oder keinen Buchständer umzustoßen, sah Pakula als seine Privatbibliothek an.
Er warf den Zigarettenstummel weg, verfluchte das Wetter und ging zurück in den Laden. Noch etwa eine Stunde würde er hinter dem kleinen Tresen mit der Kasse sitzen müssen, hauptsächlich, um darauf aufzupassen, dass sich keiner seiner Kunden klammheimlich ein Heftchen einsteckte und verschwand. Die drückende, schweigsame, schuldbewusste Atmosphäre, die die Kunden ausstrahlten, ihre plumpen Versuche, einander in der Enge aus dem Weg zu gehen oder sich zu ignorieren, strapazierte heute besonders seine Nerven.
Diese alten Knacker, die nie ein Wort mit mir reden, die schnaufend aus der Masse der Bilder die richtigen für sich aussuchen! Ausgerechnet die garantieren meinen Umsatz, weil sie alle drei, vier Tage Nachschub brauchen.
Einer der Männer kaufte endlich die „Heißen Lüste“ und verschwand. Auch die anderen beiden Kunden verließen schließlich den Laden.
Pakula wollte sich gerade aufatmend der Abendzeitung zuwenden, als ein betrunkener, bärtiger Stadtstreicher in die Tür torkelte und mit einer Bierflasche in der Hand gestikulierend lallte: „Haste mal ’ne Mark?“ Eine Woge von Schaum lief über seinen Handrücken.
Aber bevor Pakula überhaupt antworten konnte, hatte ein kräftiger Arm den Burschen schon wieder aus dem Laden gezerrt. Dann trippelte eine Gruppe von Japanern im Gänsemarsch in den Laden, um nach dem Weg zum Hauptbahnhof zu fragen. Ihr Talent, die ausliegenden aufreizenden Heftchen zu ignorieren, war bewundernswert.
„Zum Bahnhof? Immer geradeaus“, erklärte Pakula müde.
Ob er vielleicht einen Stadtplan hätte, fragten sie auf Englisch.
„Nein, tut mir leid.“
Und Zeitungen gäbe es bei ihm auch nicht.
Während nun die ersten vier der Gruppe anfingen auf Japanisch zu diskutieren, bemerkte Pakula den fünften, der gerade seine Brille abgezogen hatte, um sie zu putzen. Er hatte die interessanten Auslagen entdeckt und musterte einige Titelbilder mit verkniffenen Augen. Dann nahm er hastig eines der Heftchen in die Hand und drehte sich von seinen Begleitern und Pakula weg. Pakula hatte den Eindruck, dass der Mann zwar das Heft gerne gekauft hätte, sich aber vor seinen Freunden nicht traute und es deshalb nicht bezahlen wollte.
„Das kostet 18 Mark!“, rief er über die Köpfe der Redenden hinweg und wiederholte das Gleiche noch einmal auf Englisch. Vor Schreck ließ der Mann das Heft fallen. Seine Begleiter blickten sich nach ihm um, aber er strebte schon dem Ausgang zu. Sich mehrmals verabschiedend und bedankend folgten ihm die anderen. Dabei trampelten sie rücksichtslos über das auf dem Boden liegende Heft. Pakula seufzte.
Für heute muss einfach Schluss sein, dachte er und erhob sich mühsam von seinem Sitzplatz. Als er sich bückte, um das misshandelte Heft aufzuheben, sah er, wie ein Paar glänzender schwarzer Schuhe vor ihn hintrat und stehenblieb. Schnaufend erhob er sich und starrte in das Gesicht eines südländisch aussehenden Mannes. Der blickte sich prüfend im Laden um.
Er sah nicht aus wie ein normaler Kunde. Auch nicht wie einer, der irgendwelche Bücher kaufen wollte. Er trug einen modischen, gutgeschnittenen dunklen Anzug, dazu einen weißen Schal, der aber nur lose um den aufgestellten Jackettkragen gelegt war. Nur seine breite Krawatte war aufdringlich bunt. Pakula, dessen Anzug mehr als nur unmodern war, kam sich etwas komisch vor. Das Gesicht des Mannes wirkte im Gegensatz zu seiner Kleidung grob und narbig. Seine schwarzen Haare waren strohig und ungepflegt.
Die Hände in den Hosentaschen und eine Zigarette im Mundwinkel, sagte er guten Abend.
Als Pakula sich aufgerichtet hatte, wich der Mann keinen Schritt zurück, sondern blieb unangenehm nahe vor ihm stehen. Pakula musste zurückweichen, obwohl ihm das missfiel.
„Guten Abend, ich wollte gerade schließen“, sagte er und sah demonstrativ auf seine Armbanduhr.
Der Mann nickte leicht, aber unbeeindruckt. Pakula wusste einen Moment lang nicht, was er davon halten sollte. Ist der Kerl gekommen, um mich zu provozieren, fragte er sich, entschied sich dann aber dagegen. Der Mann schien weder betrunken zu sein, noch sah er aus wie ein Moralapostel. Pakula zuckte unwillkürlich mit den Schultern. Dann wischte er das schmutzige Heft vorsichtig mit dem Ärmel sauber. Als er sah, dass es so nicht ging, trat er zur Ladentheke und fischte einen alten Lappen aus der Schublade neben der Kasse. Auch der Mann bewegte sich noch ein Stück in den Laden herein, besah sich Bücher und Hefte.
„Haben Sie auch ausländische Bücher?“ Er sprach mit einem Akzent, den Pakula nicht einordnen konnte. Ein Türke ist er nicht, dachte er, vielleicht Grieche oder Jugoslawe.
„Was suchen Sie denn?“, fragte er dann, ohne von seiner Arbeit aufzublicken.
„Oh, zum Beispiel englische oder amerikanische …“
Welchen Unterschied soll es denn da geben, fragte sich Pakula.
„… oder französisch, italienisch … polnisch …“ Einen kurzen Moment zuckte Pakula ein klein wenig zusammen. Polnische Bücher gab es nur in großen Buchhandlungen oder bei Polen zu kaufen. Dass er ein Pole war, oder vielmehr gewesen war, konnte kaum jemand wissen, schon gar nicht dieser Fremde.
Der Mann schien das Wort nur zufällig erwähnt zu haben. Als Pakula aufblickte, nahm er gerade irgendein Buch aus einem der Ständer und blickte zerstreut auf den Titel. Dann nahm er noch eins und hielt die beiden vergleichend nebeneinander. Er legte sie beiseite und nahm ein Heft von einem Stapel.
„Damit verdienen Sie wohl das meiste, was? Geht das Geschäft denn gut?“
„So einigermaßen“, murmelte Pakula. Er hatte das Heftchen blankgeputzt, man konnte wieder alle Einzelheiten erkennen. Aus Polen kann er nicht kommen, dachte er, dann hätte er einen anderen Tonfall, aber auf jeden Fall aus dem Osten.
„Wo bekommen Sie diese Hefte denn her?“
„Es gi bt einen Großhandel für so was, wie für alles andere auch.“
„Ja, natürlich“, der Mann nickte, „dies ist ja ein freies Land …“
„Wenn Sie das so sehen wollen.“
Der Mann ging Pakula nun wirklich auf die Nerven. Entweder wollte er tatsächlich etwas kaufen oder er suchte nur eine billige Art, sich die Zeit mit dummem Gerede zu vertreiben. Er könnte ein Rumäne sein, so wie er aussieht, auch mit dieser Aussprache. Dennoch, er spricht sehr gut Deutsch, aber was will er ausgerechnet von mir?
„Wenn...




