Brack | Blutsonntag | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Brack Blutsonntag


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-96054-110-3
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-96054-110-3
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am sogenannten Altonaer Blutsonntag kam es 1932 bei einem großen Aufmarsch der SA und SS durch das traditionell rote Altona bei Hamburg zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit 18 Toten. Klara Schindler, selbstbewusste Reporterin und Kommunistin, deckt mithilfe eines verkrachten Kabarettisten, eines Straßenmädchens, eines Meisterdiebs und gegen die abwiegelnde Haltung ihrer eigenen Partei die Vertuschungen der Polizei auf und entschließt sich, ein Zeichen des Widerstands gegen den aufkommenden Nazismus zu setzen.

Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt in Hamburg. Er wurde mit dem »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Nach »Und das Meer gab seine Toten wieder« (2008), »Blutsonntag« (2010) und »Unter dem Schatten des Todes« (2012) erscheint 2023 mit »Schwarzer Oktober« der vierte historische Kriminalroman um Klara Schindler.
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Klara zu Hause am Schreibtisch, Zigarette im Mundwinkel, das rhythmische Tackern der Schreibmaschine, neben ihr das Magnetofon, weiterlaufen – stopp, weiterlaufen – stopp. Das Abtippen der Zeugenaussagen trieb ihr den Schweiß auf die Stirn, der Rauch der Zigarette die Tränen in die Augen. Gelegentlich hielt sie inne und dachte: Ist es nicht auch mal schön, den Fuß über das nackte Bein gleiten zu lassen?

Schwere Schritte auf der Treppe. Es klopfte an der Tür. Sie schaltete das Tonaufnahmegerät aus, breitete eine alte Ausgabe der Volkszeitung über die schon geschriebenen Protokolle und rief: »Herein!«

Sie stand auf.

»Guten Tag, Genossin!«

Weber. Meine antifaschistische Aktion, dachte sie und nickte knapp zur Begrüßung.

»Wie siehst du denn aus?«, fragte er mit ironischem Blick. »Was ist denn?«

»Du trägst ein Kleid.«

»Na und? Es ist Sommer, es ist heiß.«

»Wohl wahr.« Er nahm die Mütze ab und fuhr sich mit dem Taschentuch übers verschwitzte schüttere Haar.

»Bist du weitergekommen?«, fragte er. Neugieriger Blick Richtung Schreibtisch.

»Ich hab den Oberleutnant gesehen.«

»Kosa? Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ging nicht, mir ist vorher das Kotzen gekommen. Einer aus seinem Trupp hat sich rührend um mich gekümmert. Behn.« »Polizeiunterwachtmeister Behn.«

»Ein jüngerer.«

»Wo hast du sie …«

»In ihrer Stammkneipe, nach Feierabend. ›Zur Hansekogge‹ heißt sie. Dort kann man sie besichtigen. Frei herumlaufende Raubtiere, Menschenfresser. Man sieht es seinen Leuten nicht unbedingt an, aber dem Oberleutnant schon. Dazu der Gestank der Abdeckerei, wie das zu ihnen passt!«

»Können wir uns nicht setzen? Ich bin schon den ganzen Tag auf den Beinen.«

Klara drückte die Kippe im Aschenbecher aus. »Es ist mir nicht recht, dass du mich hier besuchst.« Sie suchte nach dem Zigarettenetui.

»Immerhin sind wir schon beim Du«, stellte Weber fest. »Aber bitte, gehen wir raus in ein Gasthaus.«

»Dann muss ich mich erst umziehen, ich kann doch nicht so …«

»… als Frau verkleidet«, ergänzte Weber grinsend.

»Das Kleid ist nur geliehen, von einer Nachbarin, ich will es nicht schmutzig machen.«

»Dann setzen wir uns doch in die Küche. Wenn du Kosa gesehen hast, willst du vielleicht einiges über ihn wissen.«

Weber ging voran. Klara holte Zigarettenetui und Feuerzeug unter den Zeitungsblättern hervor und folgte ihm. Sie setzten sich.

»Ein Glas Wasser wäre mir angenehm«, sagte Weber.

Klara schenkte ihm eins ein.

»Kosa heißt auf polnisch Sense«, begann Weber, nachdem er das Glas in einem Zug gelehrt hatte.

»So?« Klara blies ihm den Rauch über den Tisch entgegen. Weber holte seine Pfeife hervor, behielt sie aber in der Hand. »Passt das nicht wie die Faust aufs Auge?«

»Wie die Kugel in den Kopf.«

»Er stammt aus Breslau, bürgerliche Familie, geboren 1898 …« »Kosa-Schokolade.«

»Bitte?«

»Süßwaren-Geschäfte. Gibt’s hier nicht, aber da wo ich herkomme, schon.«

»Woher?«

Klara machte eine abweisende Geste. »Wie ein Süßwarenverkäufer sah er nicht aus, eher wie ein Schlachtermeister …« »Trat 1915 in die Kaiserliche Marine ein …«

»Besoffen vom sogenannten Patriotismus wie alle!«

»… als Seekadett, erst Marineschule, dann Schulschiff ›Freya‹, ab Oktober 1915 bis März 1916 Linienschiff ›Lothringen‹, die übliche Beförderung zum Fähnrich nach einem Jahr, Einsatz auf dem Linienschiff ›Posen‹, Einsatz in Finnland, Norwegen und bei der Schlacht am Skagerrak. Schon 1917 Beförderung zum Leutnant. Mit dem Ende des Krieges verliert sich seine Spur für knapp zehn Jahre. Dann taucht er wieder bei der Hamburger Ordnungspolizei auf und wird zum Oberleutnant befördert …«

»Und dazwischen die übliche Karriere blutgieriger Freikorps-Reaktionäre«, kommentierte Klara. »Direkter Weg in die Nazipartei.«

»Er ist kein Mitglied der NSDAP.«

»Dann eben ›Stahlhelm‹ oder eine sonstige Bande, davon hatten und haben wir ja genug.«

»Mag sein, aber ich kann ihn in dieser Hinsicht noch nicht einordnen.«

»Mir genügt, was ich weiß. Wenn einer unschuldige Menschen wie Vieh abknallen lässt … blutgierig … menschenverachtend und von barbarischem Hass getrieben!«

»Barbaren sind es nicht, Genossin, eher Soldaten, die nichts anderes kennen als das Töten.«

»Ist das nicht barbarisch? Ist es eine von diesen angeblichen soldatischen Tugenden, dass man auf wehrlose Personen anlegt, sie abschießt, aus dem Hinterhalt?«

»Nein.«

»Na bitte, aber genau das haben sie getan. Ich weigere mich, solche Dreckskerle als Menschen anzuerkennen.«

»Menschen als Tiere zu bezeichnen, ist die Sprache der Faschisten.«

»Gut. Wir wollen uns nicht mit den Feinden der Menschheit und der Menschlichkeit gemein machen. Aber verrate mir eins: Wie gehen wir mit ihnen um, Genosse Legalist? Lassen wir sie gewähren, aus Mangel an Beweisen?«

»Das darf nicht sein.«

»Bravo. Aber was darf denn sein?«

»Ich kann doch als Polizist nicht anders handeln als legal.« »Und ich kann als Revolutionärin nicht anders handeln als illegal!«

»Wir müssen doch hier nicht die Debatten unserer Parteiführer wiederholen …«

»Nein, aber du wirst verstehen können, dass mein Vertrauen in die Polizei gering ist.«

»Ich bin Kriminalist und der Aufklärung verpflichtet. Und wenn ich genügend Beweise habe und einen Staatsanwalt finde, der das Verfahren eröffnet …«

»Das sind schon zu viele Wenns.«

»Beim ersten kannst du mir helfen, indem du mir deine Aufzeichnungen gibst.«

»Lieber wäre mir, ich könnte sie veröffentlichen.«

»Wo denn? In der VZ?«

Klara schwieg.

»Ich habe nichts dagegen«, fuhr Weber fort. »Aber es ist deine Pflicht, Beweismittel an die Behörden zu geben.«

»Ist es das?«

»Gesetzlich vorgeschrieben.«

»Gesetze werden nicht mal von denen geachtet, die sie machen. Warum soll ich mich an sie halten?«

»Weil unser Land sonst vor die Hunde geht, weil die Bluthunde vom Schlag eines Franz Kosa dann über uns alle herfallen werden!«

Klara sah dem Rauch ihrer Zigarette zu, der dünn und gerade nach oben stieg, in einer Spirale hängen blieb und zerstob.

»Ich gebe dir die Durchschläge von dem, was ich abgeschrieben habe, später vielleicht mehr … wenn du einen Staatsanwalt findest. Aber ich werde mich weiter um eine Veröffentlichung bemühen.«

»Gut.« Weber begann, seine Pfeife zu stopfen.

Klara stand auf, um sich selbst etwas aus der Wasserflasche auf der Anrichte einzuschenken.

»Das Kleid steht dir gut«, sagte Weber.

»Du wirst mich kein zweites Mal so sehen.«

»Schade.«

Klara wirbelte herum und fragte mit funkelnden Augen: »Warum müssen Frauen Röcke tragen und Männer Hosen?« Weber zuckte mit den Schultern und riss ein Streichholz an. »Mir ist es gleich«, sagte er.

»Würdest du da herkommen, wo ich herkomme, und wärst du dort als Mädchen groß geworden, würdest du anders sprechen. Ich hab nichts gegen dich, Genosse Weber, aber der graue Schnauzer da in deinem Gesicht, der erinnert mich an einen Bart, der mir mal zu nahe gekommen ist.«

»So?« Der Rauch aus Webers Pfeife stieg wie Sommerwölkchen zur Decke.

»Wenn wir gemeinsam kämpfen … Hör zu, ich werde dieses Kleid doch noch einmal tragen. Ich werde mir diesen Wachtmeister Behn vorknöpfen. Er hat keinen Ring am Finger, er ist ein bisschen jünger als ich und fühlt sich in Gesellschaft einer Frau, bei der er den Kavalier spielen kann, wohler als unter seinen Kameraden, wie mir scheint. Vielleicht braucht er jemanden, dem er sich anvertrauen kann … jemanden, der keinen Schnauzbart trägt.«

Die Wölkchen aus Webers Pfeife gerieten in Turbulenzen. »Ein Zeuge aus den eigenen Reihen wäre natürlich großartig.«

(Mitglieder einer Häuserschutzstaffel, Gaststätte »Korkenzieher«, Große Johannis- / Große Marienstraße)

– Wir haben nicht geschossen, und gesehen haben wir auch nichts. Wir standen im Hausflur oder im Torbogen im Hinterhof.

– Wir wissen nur, was man so hört. Einer soll mit einer Knarre hier vorm Lokal gestanden haben.

– Es waren mehrere.

– Woher willst du das wissen?

– Frag doch den Wirt.

– Es war eine F-Gruppe.

– Halt bloß den Mund.

– Das ist doch eine Genossin, oder?

– Halt trotzdem den Mund. Wir haben niemanden erkannt.

– Der Genosse von der Eisernen Front möchte nicht, dass wir über F-Gruppen reden. Das ist ihm peinlich.

– Die F-Gruppe der SPD, das ist das Überfallkommando.

– Hör doch auf. Was soll das! Ich stand vorne an der Straße mit vier anderen. Wir haben versucht, die Dreckskerle abzudrängen. Noch mal will ich das nicht erleben, die hatten Schaum vorm Mund, denen stand die Blutgier im Gesicht. Und besoffen...


Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt in Hamburg. Er wurde mit dem »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Nach »Und das Meer gab seine Toten wieder« (2008), »Blutsonntag« (2010) und »Unter dem Schatten des Todes« (2012) erscheint 2023 mit »Schwarzer Oktober« der vierte historische Kriminalroman um Klara Schindler.



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