E-Book, Deutsch, 287 Seiten
Brack Das Gangsterbüro
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-96054-173-8
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 287 Seiten
ISBN: 978-3-96054-173-8
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt in Hamburg. Er wurde mit dem 'Marlowe' der Raymond-Chandler-Gesellschaft und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen in der Edition Nautilus drei Romane über die politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik: Und das Meer gab seine Toten wieder beschreibt einen Polizeiskandal aus dem Jahr 1931, Blutsonntag befasst sich mit den Ereignissen im Juli 1932 in Altona, beschreibt die Hintergründe des Reichstagsbrands 1933 in Berlin. Mit Die drei Leben des Feng Yun Fat kehrt der Autor in die Gegenwart zurück und knüpft an seine drei Lenina-Rabe-Romane Lenina kämpft, Haie zu Fischstäbchen und Schneewittchens Sarg an. Weitere Abenteuer von Rabe & Adler sollen folgen.
Autoren/Hrsg.
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1
»Zieh deine Uniform an!«
»Aber Liebling, ich …«
»Zieh sie an!«
»Muss das wirklich sein?«
»Tu, was ich sage.«
»Ich kann das nicht …«
»Los, mach schon!«
»Also gut.«
Der nicht mehr ganz junge, aber nach eigenem Urteil vielversprechendste Hauptmann der portugiesischen Armee schob die Bettdecke zurück und richtete sich auf. Bis auf die vor vielen Jahren in Paris erstandenen Boxershorts mit einem verblichenen Vichy-Karomuster war er nackt. Einen Moment lang saß er mit gesenktem Kopf auf dem Bettrand und betrachtete seine bloßen Füße. Er stöhnte leise, als sie ihm mit einer Hand ganz leicht auf den stark behaarten Rücken schlug. Dann stand er auf.
Für seine knapp 45 Jahre sah er noch ganz passabel aus. Zwar hatte er an den Hüften und am Bauch ein wenig zugelegt, aber sein regelmäßiges Jogging-Training hatte ihn trotz seiner leicht untersetzten Gestalt vor der frühzeitigen Verfettung bewahrt. Unschlüssig stand er neben dem Bett. Seine Uniform lag auf dem Boden. Er bückte sich nach seinem Unterhemd, nach den Socken und dem frisch gebügelten Armeehemd.
»Soll ich auch die Strümpfe …«
»Alles! Ich will auch, dass du deine Mütze trägst.«
Der Hauptmann griff nach seiner goldenen Armbanduhr, die auf dem Nachtschränkchen lag.
»Liebling, ich glaube, wir haben gar nicht genug Zeit …«
»Du wolltest mich doch unbedingt sehen, oder?«
»Ja, natürlich.«
»Du hast die ganzen Wochen nur an mich gedacht.«
»Aber ja.«
»Na, also.«
Er zog sich an. Nachdem er die Uniformjacke zugeknöpft hatte, setzte er sich auf den mit dunkelrotem Samt gepolsterten Empire-Stuhl und nahm sich die Socken und die Schuhe vor. Zwischendurch deutete er auf den Sektkübel, der auf einem Servierwagen vor dem Bett stand.
»Möchtest du nicht schon einen Schluck, Liebling?«
»Noch nicht, du weißt doch, dass ich hinterher immer Durst bekomme.«
»Ja, natürlich.«
Endlich hatte er die Schuhe zugebunden. Er richtete sich auf, stand gerade, beinahe militärisch.
»Die Mütze.«
»Ach ja.« Er blickte zerstreut um sich: »Wo ist sie denn?«
»Du hast sie doch aufgehabt, als du hierher kamst, oder?«
»Ja, ich glaube schon.«
Auf seinem runden Gesicht zeigten sich zahllose Sorgenfalten.
»Bist du sicher?«
»Ich kann doch unmöglich ohne …«
Er fuhr sich mit der rechten Hand über das schon ansatzweise ergraute Haar, das sie wenige Minuten vorher total durcheinandergebracht hatte. Unwillkürlich strich er es glatt. Sie lachte.
»Los, mach schon, such deine Mütze!«
Er suchte auf dem schmalen Sekretär vor dem fleckigen Spiegel, auf dem kleinen Tisch zwischen den breiten Sesseln, sogar darunter, sah auf der Kommode mit der Minibar nach, stieß beinahe den Servierwagen um und fluchte.
»Verdammt, es ist viel zu dunkel hier. Und außerdem zu eng!«
Das Zimmer war ungefähr 14 Quadratmeter groß, und es standen viel zu viele Möbel darin. Die Decke war über drei Meter hoch und trug auf diese Weise dazu bei, den klaustrophobischen Effekt zu verstärken. Vor dem hohen Fenster hingen schwere dunkelrote Vorhänge. Die einzige angeschaltete Lampe war die altmodische Messingfunzel über dem Bett.
»Ich brauche Licht!«, rief der Hauptmann und riss mit großer Geste die Vorhänge auf. Es blieb trotzdem dunkel.
Die Frau im Bett kicherte albern.
Die hohen Fensterflügel waren mit zwei hölzernen Fensterläden verrammelt. Zornig zog er sie auf. Sie öffneten sich nach innen.
Das grelle Licht der Nachmittagssonne durchflutete das kleinste Zimmer des Hotel Avenida Palace in Lissabon. Obwohl das Fenster geschlossen war, hörte man deutlich den Verkehr, der einige Stockwerke tiefer um den Praça dos Restauradores lärmte, hochtourig gefahrene Kleinwagenmotoren, quäkende Hupen, hysterische Bremsgeräusche.
Der Hauptmann drehte sich um und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war verdammt warm in diesem Zimmer, aber für ein kühleres auf der anderen Seite des Hotels hätte er wesentlich mehr bezahlen müssen. Die Frau im Bett zog sich die Decke über den Kopf und kicherte weiter. Unter dem dünnen Stoff zeichnete sich ihr Körper ab. Kopf, Arme, Brüste, Bauch, Schenkel. Sie hatte die Beine gespreizt und bewegte sich. Zwischen den Beinen war etwas, das nicht dorthin gehörte. Mit einem lauten Seufzer stieß er sich von der Fensterbank ab, machte zwei Schritte Richtung Bett, zog die Decke von ihr weg und sah die Mütze in ihrem Schoß liegen.
Sie lachte albern und rief: »Na los, zieh dir deine Mütze an!« Er wollte sich gerade auf das Bett knien, als es laut an der Tür klopfte. Verwirrt ließ er die Decke auf den Boden fallen und richtete sich auf.
»Was ist los?«
»Da sind sie schon«, murmelte er.
»Bleib hier!«
Er ging zur Tür, drehte sich um und sagte: »Deck dich zu.« Zwei Schritte durch den engen Vorraum und er war an der Tür. Er öffnete sie. Draußen standen zwei Pagen in Uniform und hielten ein großes Paket in den Händen. Sie sahen ihn fragend an.
»Zu früh«, sagte er mehr zu sich selbst. Dann ließ er sie eintreten.
Sie bauten sich vor dem Bett auf und heuchelten Desinteresse, angesichts der nackten, dunkelhaarigen Schönheit, die sich dort räkelte.
Sie sah ihn zornig an: »Bist du verrückt? Was soll das?«
Sie hob die Decke vom Boden auf und hüllte sich ein.
»Ich dachte, du würdest es gerne bei dir haben.«
Mühsam suchte er nach Kleingeld in seinen Hosentaschen. Die beiden Pagen lehnten das ein Meter fünfzig hohe Bild an den Sekretär, der gegenüber dem Bett stand, und nahmen das Trinkgeld entgegen. Nach einem weiteren Blick auf die Frau im Bett stolperten sie nach draußen.
»Du Idiot«, sagte sie, »morgen stehen wir in der Zeitung.«
»Freust du dich nicht?«, fragte er verunsichert.
»Dass ich morgen in der Zeitung stehe? Du machst mir Spaß.«
Er setzte sich auf den Rand des Bettes und beobachtete, wie die Decke wieder von ihren Schultern rutschte. Mit der linken Hand griff er nach ihren Brüsten, um sie zu streicheln. »Ich liebe dich«, sagte er.
»Du Idiot.«
Sie zog die Mütze unter der Bettdecke hervor und warf sie gegen das in braunes Packpapier eingewickelte Bild.
»Fehlt nur noch, dass die Polizei jetzt hier reinstürmt. Wieso hast du das Bild herbringen lassen?«
»Es konnte doch nicht in diesem feuchten Keller bleiben.«
»Du bist verrückt. Hätte das nicht Zeit gehabt?«
»Wir haben Jahre gebraucht, um es zu bekommen. Wir sollten jetzt nicht nachlässig werden.«
»Ich habe Jahre gebraucht. Du hast gar nichts dazu getan.«
»Wir haben es gemeinsam … es war mein Plan.«
»Ach ja? Wer hat denn diesen alten Knacker bearbeitet, du vielleicht?«
»Ich war es, der ihn kennengelernt hat.«
»Ja, ja, du hast mit ihm Kaffee getrunken. Aber ich musste ihn im Bett bei Laune halten. Weißt du überhaupt, wie das ist, mit einem 70-Jährigen, kannst du dir das vorstellen? Ein Invalide!«
»Hör auf.«
»Ja, hör auf. Wahrscheinlich wird die ganze Sache auffliegen und wir landen beide im Knast.«
»Tun wir nicht, weil ich nämlich alles gut organisiert habe.« »Irgendein Erbe wird auftauchen und uns die Hölle heißmachen.«
»Es gibt keine Erben. Der Mann war allein. Ich habe alle Akten durchgesehen, die es gab. Er ist ganz allein nach Lissabon gekommen und hat vom Verkauf seiner Bilder gelebt. Nur dieses eine ist übrig geblieben, weil er es nicht weggeben wollte. Der einzige Kontakt zu seiner Heimat war dieser Schriftsteller, der vor zwei Jahren gestorben ist. Seitdem hat er niemanden gesehen außer uns und seiner Haushälterin. Wer soll uns also die Hölle heißmachen?«
»Ich traue deinem Organisationstalent nicht«, sagte sie...




