E-Book, Deutsch, Band 4, 160 Seiten
Reihe: Ein Fall für Lenina Rabe
Brack Die drei Leben des Feng Yun Fat
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-96054-168-4
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Lenina Rabe
E-Book, Deutsch, Band 4, 160 Seiten
Reihe: Ein Fall für Lenina Rabe
ISBN: 978-3-96054-168-4
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt in Hamburg. Er wurde mit dem 'Marlowe' der Raymond-Chandler-Gesellschaft und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen in der Edition Nautilus drei Romane über die politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik: Und das Meer gab seine Toten wieder beschreibt einen Polizeiskandal aus dem Jahr 1931, Blutsonntag befasst sich mit den Ereignissen im Juli 1932 in Altona, Unter dem Schatten des Todes beschreibt die Hintergründe des Reichstagsbrands 1933 in Berlin. Mit Die drei Leben des Feng Yun Fat kehrt der Autor in die Gegenwart zurück und knüpft an seine drei Lenina-Rabe-Romane Lenina kämpft, Haie zu Fischstäbchen und Schneewittchens Sarg an. Weitere Abenteuer von Rabe & Adler sollen folgen.
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5.
Zwei Tage später stand Yun-Fat im Büro Rabe & Adler und bewunderte die Aussicht über den Hafen. Auf seiner Stirn klebte ein Pflaster, und er hatte einen Arm in der Schlinge. Von wegen ein paar Prellungen: Sie hatten ihm den Arm angeknackst und eine Anklage wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Beleidigung eines Vollstreckungsbeamten aufgebrummt.
Darüber lachte er jetzt: »Das war nur, weil ich ein Bier getrunken hatte. Bier macht mich fröhlich, wenn ich gute Gründe habe. Es kam ein Anruf, ich hatte gute Gründe und trank ein Bier. Dann kamen die Bullen, und ich wurde geschlagen. Das hat mich wütend gemacht. Und die auch. Jetzt freut sich mein Arzt.« Er hob den bandagierten Arm und verzog das Gesicht.
»Warum wurde dein Lokal denn überhaupt durchsucht?«
»Zollgeschichte, Einfuhrgesetze, Bürokratenkram. Das europäische Lebensmittelrecht ist sehr undurchsichtig. Da tappst du schnell in eine Falle. Aber unser Anwalt kriegt das schon hin.« Er schaute sich um. »Tolles Büro. Hübsch eingerichtet.«
»Danke.«
Er deutete auf den alten Eichentisch, hinter dem Nadine saß. »Aber das Ding da ist alt.«
»Ein Erbstück«, sagte Nadine.
»Du hast einen Schreibtisch geerbt?« Er lachte vor sich hin.
»Was ist daran so witzig?«
»Ich hab ein Restaurant geerbt.«
»Wo ist die Ironie?«, fragte Nadine.
Yun-Fat ging ans Fenster. »Das ist der teuerste Ausblick, den ich kenne«, sagte er.
»Das Haus gehört unserem Anwalt. Also der Kanzlei, für die wir des Öfteren arbeiten. Wir haben Sonderkonditionen, sonst ginge das gar nicht.«
Yun-Fat schüttelte den Kopf und deutete Richtung Hafen-City. »Das meine ich nicht. Da, das ist die Ironie.« Lenina schaute über die bunt bemalten Häuser der Hafenstraße hinweg, den wulstigen Landungsbrückenklotz und eine gigantische RoRo-Fähre, die aussah wie ein schwimmender Hochsicherheitstrakt.
»Wieso?«
»Das da erben die Bürger von Hamburg von ihren Politikern. 600 Millionen Miese. Und da heißt es immer, die hätten keine Demokratie.«
»Ich sehe nichts«, sagte Lenina.
Nadine kam ans Fenster und sagte: »Ich auch nicht.«
»Bravo«, sagte Yun-Fat. »Die Augen aufmachen und nichts sehen. Das ist eine Tugend, die mir gefällt.«
»Standhaft, entschlossen, schlicht und schweigsam – so kommt man der Menschlichkeit näher«, zitierte Lenina.
»Wer Geistern dient, die nicht seine eigenen sind, ist ein Schmeichler«, gab Yun-Fat zurück.
»Ihr mit euerm verdammten Konfuzius«, sagte Nadine.
»Sie zitiert lieber Sunzi«, sagte Lenina.
»Kenn ich nicht«, sagte Yun-Fat. »So heißt kein Chinese.«
»Mao Zedong hat ihn aber gekannt«, sagte Nadine.
»Den kenn ich auch nicht.«
»Wollen wir uns nicht setzen?«, sagte Lenina und deutete auf die gemütliche Sitzecke mit den teuren Designerstücken, die Jonnis Büro ihnen leihweise überlassen hat, weil die Farbe Schwarz nicht mehr zu ihrer Firmenphilosophie passte. Nadine brachte drei Schälchen Jasmin-Tee.
Yun-Fat schlug die Beine übereinander, und Lenina fiel erst jetzt auf, dass er einen Anzug trug. Modifizierter Boss-Zwirn, also an Armen und Beinen gekürzt. Ein diffus gemustertes dunkleres Braun, das nicht so recht mit den ochsenblutfarbenen Halbschuhen harmonierte. Keine Krawatte, aber ein strahlend weißes Hemd. So teuer war ihnen ihr chinesischer Freund noch nie erschienen.
»Ich hab einen Auftrag für euch«, sagte er. »Einer meiner Köche ist verschwunden. Ich schätze, er wurde reingelegt. Falsche Versprechungen. Traut sich natürlich nicht zurück. War aber ein guter Mann, sehr gut sogar. Ich würde ihm gern eine zweite Chance geben. Vor allem aber geht es darum, ihn vor Schlimmerem zu bewahren. Wenn er illegal arbeitet, wird er zum Sklaven. Das muss ja nicht sein.«
»Wieso ausgerechnet wir?«, fragte Nadine. »Wir kennen uns doch gar nicht aus im chinesischen Milieu.«
»Eben drum. Wenn ich losgehe oder einer meiner Leute, dann gehen überall die Türen zu und die Lichter aus. Ihr seid naiv, damit kommt man weiter.«
»Wir sind naiv?«, empörte sich Nadine.
Yun-Fat lachte. »Ihr erscheint so. Und damit habt ihr mehr Erfolg.«
»Na, danke auch.«
Er räusperte sich. »Es wäre auch ganz gut, wenn mein Name in diesem Zusammenhang nicht fällt. Nach den Erfahrungen der letzten Tage … Könnt ihr euch ja denken.«
»Und wer ist das, den wir finden sollen?«
»Er heißt Wang Shuo.«
»Wang ist der Familienname«, sagte Nadine.
»Manchmal nennt er sich auch Mang Liu, aus Spaß.«
»Wieso aus Spaß?«
»Liumang bedeutet auf Deutsch so viel wie, hm, Nichtstuer, Rumhänger. Gibt’s da ein besseres Wort?«
»Taugenichts«, schlug Lenina vor.
»Ja, aber mehr so im Sinne von unbequem.«
»Querulant«, sagte Nadine.
»Rowdy«, korrigierte Lenina.
»Shuo ist so ein bisschen ein Spinner. Er hatte Probleme zu Hause, also in China, war auch mal im Knast, weil er mit den Behörden nicht klarkam. Deshalb hat man ihm nahegelegt, ins Ausland zu gehen. Also eigentlich, damit er nicht im Knast landet. Er hat’s eingesehen und wollte weg. Wurde uns als Koch vermittelt.«
»Ist er politisch?«, fragte Nadine. Sie denkt immer sofort an Politik, Aktivismus, Unterstützung. Ist so ein Reflex aus ihrer Kampfzeit.
»Politisch, nee. Nur wenn man das Gegen-Politik-Sein als politische Einstellung sieht. Er hat nie über so was geredet, aber das machen die anderen Köche auch nicht. Will sich ja keiner verplappern, alle müssen schließlich wieder zurück. Was Shuo betrifft: Es kam heraus, dass er ein richtig guter Koch ist. Besser als alle anderen. Zu Anfang stellte er sich immer absichtlich blöd an, damit wir nichts merkten. Aber ab und zu passierte es ihm, dass er ein Gericht viel zu gut kochte. Meist später abends, wenn er heimlich ein bisschen Schnaps getrunken hatte. Und bei den Dim Sum, da ist er unglaublich geschickt und kennt die abseitigsten Rezepte.«
»Stimmt«, sagte Lenina. »Manchmal hat es bei euch wirklich ungewöhnlich gut geschmeckt.«
»Nicht sehr nett, was du da sagst.« Yun-Fat tat eingeschnappt.
»Es schmeckt immer gut, Fatti.«
»Nenn mich nicht so. Du machst es nur schlimmer.«
»Zurück zu unserem Rotsterne-Koch«, sagte Nadine. »Wo sollen wir überhaupt suchen?«
»Ich vermute, er wurde abgeworben. Wahrscheinlich mit falschen Versprechungen. Gut möglich, dass er jetzt unter üblen Bedingungen schuften muss, bei schlechter Bezahlung.«
»Würde er dann nicht zurückkommen?«, fragte Lenina.
»Die müssten ihn weglassen … ist nicht so einfach für einen Chinesen im Ausland.«
»Wie waren denn die Arbeitsbedingungen bei dir?«, fragte Nadine.
Yun-Fat breitete die Arme aus: »He, sehe ich etwa aus wie ein Unmensch? Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne das Arbeitsrecht. Ich behandle meine Leute gut. Wir sind ein Familienunternehmen.«
»Was ist, wenn er nicht zurückkommen will?«, fragte Nadine.
»Dann kann er machen, was er will. Aber ich glaube, er ist jemandem in die Falle gegangen. Es gibt da einige üble Typen in unserer Branche. Und ich will ehrlich sein: Ich mag Shuo. Ich will nicht, dass er unter die Räder kommt.«
»Also geht’s mehr darum, einen Freund wiederzufinden?«, fragte Lenina. »Wie wichtig ist es dir denn? Ich meine, wir sind nicht gerade billig. Und wenn es ein paar Wochen dauert…«
Yun-Fat beugte sich vor. Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Verschlagenheit, Scham und Selbstironie: »Ich verrat euch ein Geheimnis. Es geht auch ums Geschäft, klar. Ich hab den Plan, ein Gourmet-Restaurant aufzumachen.« Er schaute Nadine an: » war tatsächlich eine Idee für den Namen. Roter Stern auf weißer Kochmütze als Markenzeichen. Oder gelber Stern auf roter Mütze.« Er lachte vor sich hin. »Die Idee hab ich schon lange. Mit Shuo könnte ich sie realisieren. Man will doch nicht immer auf der Stelle...




