Brack | Die siebte Hölle | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 338 Seiten

Brack Die siebte Hölle

Polnische Trilogie
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86532-521-1
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Polnische Trilogie

E-Book, Deutsch, 338 Seiten

ISBN: 978-3-86532-521-1
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Europa im Jahr des Umbruchs 1989: Um ihre chronischen Geldprobleme in den Griff zu bekommen, nehmen die beiden Exil-Polen Jerzy und Marek den Auftrag an, zwei tschechoslowakische Oldtimer von Hamburg nach Lissabon zu transportieren - gegen eine erstaunlich hohe Bezahlung. Auch den betagten Tadeusz Estreicher führt es in die portugiesische Hauptstadt, wo er als Anarchist an einem Kongress der 'Internationalen Arbeiter-Assoziation' teilnehmen will. Zeitgleich verbringt Teodor Kronstad, Major der Warschauer Kriminalpolizei, seinen Urlaub in Lissabon, wo er sehr bald Zeuge von Geschehnissen wird, die seine detektivische Neugier anstacheln. Im dritten Band seiner Polnischen Trilogie führen entfesselte Leidenschaften, schräge Zufälle und eine geschickt eingefädelte, betrügerische Intrige dazu, dass alle in einen Strudel krimineller Ereignisse geraten.

Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt als freier Autor, Übersetzer und Journalist in Hamburg.
Brack Die siebte Hölle jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Prolog

Eine grell strahlende dicke Glühbirne unter einem verbeulten Metallschirm hing an einem schwarzen Kabel von der hohen Scheunendecke fast bis zur Erde herunter, wurde von einem Luftzug erfasst und begann, leicht hin und her zu pendeln. Ihr breiter Lichtkreis bewegte sich zitternd in der Mitte des großen Raums über den strohbedeckten Boden. Eine fette Ratte huschte unter einen Strohballen in eine dunkle Ecke.

Der Mann, der den verrotteten Lichtschalter betätigt hatte, knipste seine Taschenlampe aus und zog an dem schmutzigen Seil, das von der Scheunendecke herabhing. Die grell strahlende Lampe glitt langsam und ruckartig nach oben und tauchte das Scheuneninnere in ein hässliches weißes Licht. Zur rechten Seite des Mannes waren einige Boxen abgeteilt, in denen irgendwann einmal Kühe gestanden haben mussten. Zu seiner Linken stapelten sich uralte Strohballen. Einige waren heruntergefallen, andere auseinandergeplatzt.

Der Mann band das Seil an einen rostigen Nagel, den er vor vielen Jahren einmal in einen Balken geschlagen hatte und schlurfte dann träge durch das Stroh. Er setzte sich auf einen Ballen und schob seinen verbeulten Filzhut in den Nacken. Der Mann trug eine uralte Arbeitshose, die einmal dunkelblau gewesen sein musste, inzwischen aber von unzähligen schwarzen und grauen Ölflecken übersät war. Über seinen schmächtigen Oberkörper hatte er einen dicken braun gelb gemusterten Wollpullover gezogen, seine Füße steckten in ausgelatschten Armeestiefeln.

Er schnaufte laut und kurzatmig. Er war nicht mehr der Jüngste, das merkte er jeden Tag. In ein paar Monaten würde er 70 werden – falls er es bis dahin schaffen sollte. Eigentlich glaubte er nicht daran. Es war ihm ohnehin nicht wichtig. Seit seine Frau gestorben war und die Kinder in den Westen gegangen sind, spürte er täglich die Einsamkeit um sich herum wachsen. Als alter Mann, der auf einem allein gelegenen Bauernhof lebte und sich noch nicht einmal vom Pfarrer überreden ließ, in die Stadt zu ziehen, war er an diesem Schicksal natürlich selbst schuld. Aber was konnte er schon dafür, dass er immer älter wurde? Er starrte auf seine Arme, die auf seinen Oberschenkeln lagen. Trotz des Schmutzes konnte man das Zickzack-Muster erkennen, in dem der Pullover gestrickt war. Damals, als seine Frau ihm ihr Werk überreicht hatte, weigerte er sich, ihn anzuziehen. Er fand das Muster wirklich lächerlich. Das hatte sie zum Weinen gebracht, aber er war bei seiner Meinung geblieben. Nachdem sie gestorben war, fiel ihm der Pullover eines Tages wieder in die Hände, als er in seinem Kleiderschrank herumwühlte. Er zog ihn an und seitdem trug er ihn jeden Tag – außer sonntags, wenn er in die Kirche ging.

Die Ratte raschelte nervös in ihrer Ecke. Der Blick des alten Mannes glitt über den Boden in die Mitte des Raums. Dort spannten sich zwei große schwarze Plastikplanen über zwei hintereinanderstehende, langgestreckte, stromlinienförmige Körper. Schwerfällig stand er auf und schlurfte hinüber. Dann begann er die Planen abzudecken.

Darunter kamen zwei blitzende, mächtige Metallkörper zum Vorschein. Es waren zwei langgestreckte alte Limousinen. Mit ihren seltsamen Heckflossen sahen sie aus wie riesige Fische aus grauer Urzeit. Der eine Wagen war schwarz, der andere bis auf die breiten, altmodischen Reifen vollkommen weiß. Sie standen mit den Frontscheinwerfern zueinander in der Mitte der Scheune. Aus einer Holzkiste, die neben den Autos stand, holte der Mann einen Lappen hervor, schüttelte ihn aus und begann dann damit, die schwarze Karosserie zu putzen, obwohl sie das nicht nötig hatte. Das Metall glänzte ohnehin. Aber es machte dem alten Mann Spaß, mit dem weichen Tuch über die geschwungenen Formen des Automobils zu streichen. Er putzte die drei vorderen Scheinwerfer, wischte langsam über den breiten, sanft geschwungenen Kotflügel, über das langgestreckte, nach hinten leicht abfallende Dach und ließ seine Hand vorsichtig über den Kühlerrost im Heck gleiten. Ehrfürchtig wischte er über die Heckflosse und stellte sich vor, wie schön es wäre, wieder einmal den Klang des Achtzylindermotors hören zu können, das gleichmäßig tiefe Brummen einer vollkommenen Maschine.

Leider hatte er keinen Tropfen Benzin mehr. Das war schon grotesk. Hier in seiner Scheune, mitten auf dem Land, standen zwei wertvolle Oldtimer, zwei Tatra-Limousinen, die in den 30er-Jahren in der Tschechoslowakei gebaut worden waren – zwei Legenden der Automobilgeschichte –, und er besaß keine Benzingutscheine mehr, um die Tanks zu füllen. Aber selbst wenn er sich welche besorgt hätte – die Tankstellen in Piotrków Trybunalski, der nahegelegenen kleinen Wojewodschaftshauptstadt, hatten nie genug Benzin. Man musste jedes Mal aufs neue Schlange stehen. Und wenn er eines vermeiden wollte, dann das Abenteuer, mit einem dieser langgestreckten Luxusschlitten in der Schlange vor der Tankstelle zu stehen, zwischen all den winzigen Fiat Polski. Die Zeiten, wo er Spaß daran gehabt hatte, mit einem der Tatras durch die Gegend zu brausen und aufzufallen, waren lange vorbei. Alt wie er war, würde er heute nur lächerlich wirken. Also beließ er es dabei, seine mächtigen Lieblinge zu pflegen und zu streicheln.

Draußen pfiff der Herbstwind um die Scheune. Der alte Mann ging nun zu dem weißen Wagen und putzte auch hier wieder den imaginären Staub von der Karosserie. Seine Frau hatte den Weißen am liebsten gemocht. Weil seine Karosserie abgerundeter gebaut war und er dadurch organischer wirkte. Sie nannte ihn „den großen Walfisch“, obwohl beide Wagen annähernd gleich groß gebaut waren. Mit ihm hatten sie früher Spritztouren durch die Volksrepublik unternommen und sich überall bewundern lassen. Einmal waren sie sogar bis nach Bulgarien ans Schwarze Meer gefahren.

Aber das war sehr lange her.

Der alte Mann öffnete die Fahrertür. Sie ging nicht, wie bei heutigen Autos üblich, nach vorne auf, sondern nach hinten – während die hinteren Türen nach vorne aufgingen. Er setzte sich auf die breite Vorderbank, auf der drei Erwachsene bequem nebeneinander sitzen konnten und umfasste mit beiden Händen das große Lenkrad. Dann starrte er regungslos durch die Windschutzscheibe und dachte an die Zeit, als er noch jung gewesen war.

Langsam sank sein Kopf auf das Lenkrad, und er döste ein.

Den Wind, der durch die Ritzen im Dach pfiff, hörte er nicht. Auch nicht die Regentropfen, die draußen immer dichter fielen und das Geräusch eines Motors, das sich langsam näherte.

Der Fiat parkte mitten in einer großen Pfütze vor dem Scheunentor. Seine Scheinwerfer strahlten das Tor an. Die drei Männer, die ausstiegen, bekamen nasse Füße und fluchten. Zwei von ihnen trugen Taschenlampen, der dritte, der größer und dünner war als die beiden anderen untersetzten Gestalten, hatte eine Brechstange in der Hand.

„Was willst du denn mit der Eisenstange, Slawek?“, fragte der eine Untersetzte, der eine Mütze auf dem Kopf trug.

„Die Tür aufmachen“, antwortete der, den sie Slawek nannten, mürrisch.

Der mit der Mütze lachte. „Einmal pusten genügt, und die Bruchbude fällt zusammen.“

„Halt den Mund!“, sagte Slawek.

„Moment mal“, zischte plötzlich der Dritte und blieb vor dem Tor stehen. Er deutete auf die schmalen Lichtstreifen, die durch ein paar Ritzen in der Wand fielen. „Da drinnen ist Licht!“

Die Männer blieben schlagartig stehen. Sie standen da wie drei Wachsfiguren.

„Licht?“, fragte der mit der Mütze. „Wieso ist da Licht?“

„Hörst du was? Ich höre nichts“, sagte der andere.

„Haltet den Mund, ihr Idioten!“, flüsterte Slawek.

Er machte ein paar Schritte durch den Schlamm nach vorne und versuchte durch einen Spalt in der Scheunenwand zu spähen.

„Was ist da los? Sag mal, was ist da los?“, flüsterte der mit der Mütze hastig.

Slawek sah nichts außer ein paar übereinandergestapelte Strohballen.

„Ich seh nichts.“

„Vielleicht sollten wir lieber wieder gehen?“, sagte der Dritte. „Ich bin schon ganz nass.“

„Halt den Mund, Tomek!“, sagte Slawek.

„Ich will wieder ins Auto“, murmelte Tomek.

Der mit der Mütze tippte Slawek auf die Schulter. „Vielleicht versuchen wir’s morgen noch mal?“

„Blödsinn!“, sagte Slawek. Er drehte sich um und richtete seine Taschenlampe auf Tomek. „Du machst die Tür auf!“

„Hör mal“, sagte Tomek zögernd, „ich … Du blendest mich.“

„Ich leuchte jetzt auf die Tür“, sagte Slawek, „und du machst sie auf.“

Der Lichtkegel der Taschenlampe richtete sich auf die kleine Tür, die in das große Scheunentor eingelassen war. An der Tür befand sich ein eiserner Riegel.

„Der Riegel ist zurückgeschoben“, flüsterte Tomek. „Da ist jemand drin.“

„Mach die Tür auf und sag guten Abend, wenn du jemanden siehst. Also los!“

Tomeks Hand zitterte im Schein der Taschenlampe, als er den nassen glitschigen Riegel anfasste und die Tür nach außen aufzog. Dann spähte er vorsichtig hinein. Slawek gab ihm einen Stoß und er taumelte in die Scheune.

„Guten Abend“, sagte er.

Aber es war keine Menschenseele zu sehen.

„Blödmann!“, zischte Slawek, der ihm rasch gefolgt war.

„Niemand da“, stellte Tomek fast enttäuscht fest.

Hinter ihm trat endlich auch sein Kumpel mit der Mütze ein. Sein Blick fiel auf die beiden Limousinen und er sagte: „Oh!“

...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.