E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Brack Die Spur des Raben
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86532-522-8
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Polnische Trilogie
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-86532-522-8
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt als freier Autor, Übersetzer und Journalist in Hamburg.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Sopot, Herbst 1983
Der Saxophonist in der Kawiarnia Baltyk blies sich die Seele aus dem Leib. Wie jeden Samstagabend zu fortgeschrittener Stunde wagte er sich an sein Lieblingsstück I Did It My Way von Frank Sinatra. Er spielte nur die Melodie, ohne Variationen, aber er spielte sie mit Gefühl. Er fand kein Ende, immer wieder begann er einen neuen Chorus, ganz so, als wolle er der Wahrheit der Melodie noch ein Stück näherkommen, als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet, sie spielen zu dürfen. Bis vor einer halben Stunde hatte er lediglich als schmeichlerischer Begleitmusiker die dralle blonde Sängerin namens Danuta begleiten dürfen, und keiner hätte ihm diese Inbrunst zugetraut. Nun aber schwitzte er aus allen Poren seines gedrungenen Körpers, und jedermann konnte erkennen, wie ernst es ihm war. Schweißbäche ergossen sich über sein breites Gesicht, das von der abenteuerlichen Lichtorgel abwechselnd mit rotem oder grünem Geflacker erleuchtet wurde. Die Band zog wacker mit, und auf der Tanzfläche drängten sich engtanzende Paare.
Janusz Kosak saß am anderen Ende des Saales an der Bar und überlegte, ob er nach Hause gehen sollte. Das Bier war bereits zur Neige gegangen, und wenn er noch länger bleiben wollte, würde er auf Wodka umsteigen müssen. Bevor er hergekommen war, hatte er sich vorgenommen, standhaft zu bleiben. Am letzten Wochenende hatte er sich in reichlich angetrunkenem Zustand von einem ebenso unzurechnungsfähigen alten Mann in eine politische Diskussion ziehen lassen, die darin gegipfelt hatte, dass der Alte laut brüllend verlangte, man solle den Staatsapparat „von diesem Judenpack“ reinigen. Kosak hatte den Mann am Kragen gepackt und versucht, ihn aus dem Lokal zu zerren. Der Misshandelte hatte gebrüllt wie am Spieß und verlangt, man solle die Miliz rufen. Kosak hatte es daraufhin mit der Angst bekommen, den Alten in Richtung der tratschenden Garderobenfrauen geschubst und war nach Hause getorkelt. Bei dem Gedanken daran schüttelte er den Kopf – in diesem Zustand noch den Moralisten spielen zu wollen war wirklich absurd.
Als er sah, dass die blonde Danuta ihm vom anderen Ende der Bar herüber einen vielversprechenden Blick zuwarf, bestellte er doch noch einen Wodka. Auf diese Entfernung macht sie einen ganz passablen Eindruck, dachte er. Das enge Kleid und der tiefe Ausschnitt hatten es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Kosak musste grinsen. Die blonde Danuta grinste zurück, und damit war ein wesentlicher Teil ihres Zaubers unwiderruflich dahin. Sie musste mindestens fünf Jahre älter sein als er, also etwa 40. „Danuta ist immer auf der Suche nach Frischfleisch“, hatte ihm irgendeiner einmal erzählt, „wie wir alle“. Und das bezog sich keineswegs auf die Schlangen vor den Fleischerläden.
Nun prostete sie ihm zu, und er hob sein leeres Glas. Nun ja, ein paar Gramm konnte er sich noch leisten. Er bestellte einen Doppelten. Als sein Blick wieder zu der Sängerin schweifte, sah er, dass sie sich jetzt mit einem Kerl mit Schnauzbart unterhielt.
Er drehte sich mit dem Rücken zur Bar, um sich anzulehnen und den Raum besser überblicken zu können. Die Leute auf der Tanzfläche klatschten, und der Saxophonist verbeugte sich süßlich lächelnd.
Dann deutete er auf den düster dreinblickenden Gitarristen und verließ die Bühne. Die Band begann ein weiteres langsames Stück: El Condor Pasa. Der Gitarrist übernahm mit klirrenden Saiten die Melodieführung. Die Paare auf der Tanzfläche rückten noch enger zusammen.
Kosak nippte an seinem Glas. Er kam sich überflüssig vor. Sein Blick glitt über die Girlanden, die unter der Saaldecke hingen, und über die Tische. Einige Gäste waren bereits aufgestanden, um nach Hause zu gehen. Auch für ihn wäre es das Vernünftigste, heimzugehen und sich ins Bett zu legen. Vernünftig? Kosak lächelte gequält. Weshalb denn? Kein Mensch fragte ihn danach, ob er den morgigen Tag verschlief oder sinnvoller nutzte. Jeder Tag war im Grunde genommen gleich, sei es nun ein Werktag wie heute oder ein Samstag wie morgen. Sie hatten versucht, ihm die Arbeit zu nehmen, und ihm eine Art Quarantäne aufgezwungen. Er solle am besten gleich ganz in seiner Wohnung bleiben, hatte man ihm zu verstehen gegeben. Und tatsächlich wäre dies das Klügste gewesen, denn dort brauchte er keine Angst zu haben, von der Miliz angehalten zu werden. Aber dieses enge, kleine, modrige Zimmer war kein Ort, an dem man so einfach einen ganzen Tag verbringen konnte. Ein paar Stunden schaffte er es zwar fast täglich, sich an seinen Schreibtisch – eigentlich nur ein Brett über ein paar Kisten gelegt – zu setzen und zu arbeiten. Aber da er es nur für sich tat und ihm immer so schnell kalt wurde, weil die Sonne so gut wie nie in seine enge Behausung hineinschien, erlosch sein Arbeitseifer schnell. Zumal es passieren konnte, dass man ihm seine Aufzeichnungen wegnahm und konfiszierte. Trotzdem, redete er sich immer wieder zu, man durfte sich nicht gehen lassen, musste weitermachen, solange es ging.
Um ihn herum wurde es lauter. Drei hoffnungslos betrunkene Männer, die die ganze Zeit schon in seiner Nähe fleißig gezecht und diskutiert hatten, standen nun plötzlich um ihn herum und begannen sich lautstark zu streiten. Dass er ihnen dabei im Weg war, schien sie nicht zu stören.
„Aber das ist Betrug!“, rief einer schwerfällig aus. „Er ist ein Betrüger, er will mich betrügen.“ Das Wort schien ihm zu gefallen. Er war der Größte der drei und beugte sich über Kosak, um den anderen, offenbar den Mittler im Streit, am Ärmel zu zupfen.
„Aber nein“, sagte der beschwichtigend, „er hat doch nur ein bisschen zu viel getrunken. Und nun hat er es einfach vergessen.“
„Er ist ein Schuft und ein Betrüger“, wiederholte der erste.
Der Angeklagte starrte nur dumpf vor sich hin. Er war klein und stämmig und trug einen abgetragenen Anzug. Man sah seinem Bauerngesicht an, dass er angestrengt nachdachte. Schließlich schien er zu einem Ergebnis gekommen zu sein. „Ha!“, sagte er kurz, und dann noch mal: „Ha!“
„Ha, ha“, äffte der andere ihn nach und wandte sich dann an Kosak: „Was sagen Sie dazu, mein Herr? Erst lädt er uns ein, und dann weigert er sich zu bezahlen. Ist er nun ein Schuft oder nicht?“
Der Mann roch entsetzlich nach Alkohol. Einen Moment lang wurde Kosak beinahe übel, und er bereute, dass er selbst getrunken hatte. Nun schaltete sich der Mittler wieder ein. Er war älter und im Vergleich zu seinen Freunden eher schmächtig.
„Hören Sie nicht auf ihn, er weiß nicht, was er sagt.“
„Und ob ich weiß, was ich sage!“ Der Betrogene pochte sich mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Man behandelt mich schlecht. Ich verlange mein Recht. Ich bin doch kein Hund!“
Der Mittler näherte sich dem Sündenbock. „Marek, nun sei doch vernünftig.“
„Nein“, sagte Marek.
„Er ist doch dein Freund.“
„Gewesen“, erklärte Marek genüsslich.
„Da hören Sie, was für ein Schuft er ist“, fing der andere wieder an, auf Kosak einzureden, und rief dann über dessen Kopf hinweg: „Ein Betrüger bist du und ein Dieb und ein Kommunist, ein Kom-munist!“
Der Schmächtige rang verzweifelt mit den Händen.
„Ha!“, rief Marek noch lauter.
„Hören Sie“, wandte sich der Schmächtige nun wieder an Kosak, „so kann man doch nicht mit seinem Freund sprechen.“
Kosak zuckte mit den Schultern.
Der Beleidigte schob sich an ihnen vorbei und legte seinem Freund versöhnlich die Hand auf die Schulter.
„Marek“, sagte er in bittendem Ton.
„Nein“, wiederholte der laut, schüttelte die Hand ab und stellte sich provozierend in Positur.
Nun war auch die Kellnerin hinter dem Tresen zur Stelle und schimpfte auf die Streithähne ein:
„Meine Herren, können Sie sich nicht benehmen? Dies ist ein anständiges Lokal. Bitte unterhalten Sie sich leise oder gehen Sie nach draußen, dies ist eine Tanzveranstaltung.“
Kosak hatte endgültig genug. Er zahlte und schob sich von seinem Barhocker. Er bereute jeden Tropfen Wodka, den er getrunken hatte. In diesem Moment wandelte sich der Streit zwischen den Betrunkenen in eine handgreifliche Auseinandersetzung. Marek schlug seinen Freund, der gerade noch versucht hatte, ihn zu umarmen, wütend ins Gesicht und traf ihn mit einer derartigen Wucht, dass er nach hinten taumelte, gegen Kosak stieß und zu Boden fiel. Kosak, selbst noch nicht ganz im Gleichgewicht, torkelte hilflos nach hinten und wurde von zwei sanften Armen aufgefangen. Peinlich berührt richtete er sich hastig wieder auf und starrte in das amüsierte Gesicht der blonden Sängerin.
„Na, Sie sind aber stürmisch“, sagte sie kopfschüttelnd und mit einem leicht vorwurfsvollen Ton in der Stimme, „das ist wohl Ihre Masche, was?“
Er entschuldigte sich stotternd.
„Machen Sie sich nichts daraus, ich bin es ebenfalls gewohnt, herumgeschubst zu werden. Meistens von ihm hier.“ Sie deutete auf den Saxophonisten, der neben ihr stand und ihn ausdruckslos anblickte. „Sie wollen wohl auch gerade gehen? Kommen Sie doch mit uns mit, wir gehen noch in eine Bar um die Ecke. Hier wird jetzt Schluss gemacht.“
Tatsächlich leuchtete in diesem Augenblick die Saalbeleuchtung auf, die Band spielte einen Schlussakkord, und die meisten Gäste strömten dem Ausgang zu. Kosak war sich zunächst unschlüssig, entschied sich dann aber, die Musiker zu begleiten. Ein wenig Abwechslung würde ihm...




