Brack | Rechnung mit einer Unbekannten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Brack Rechnung mit einer Unbekannten

Tolonen-Trilogie
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86532-536-5
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Tolonen-Trilogie

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-86532-536-5
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tolonen ist sturzbetrunken. Auf einem Presseball wird er um Mitternacht 40. Das stürzt ihn in eine tiefe Sinnkrise. Alkohol und eine Wette mit seinem Kollegen Kreissberg sollen helfen, den Abend zu überstehen. Allerdings geht die Rechnung nicht auf. Tolonen torkelt nach Hause und muss hilflos zusehen, wie die Schauspielerin Hanna Marenka, mit der er gerade noch geflirtet hatte, direkt vor seinen Augen entführt wird. Filmriss! Am nächsten Morgen wacht der Journalist schwer verkatert auf. Da kommen ihm die zwei seltsamen Gestalten, die sich als Mormonen ausgeben, gerade recht. Merkwürdig nur, dass sie über seine Eskapaden bestens informiert sind. Mit nachlassenden Kopfschmerzen kehrt allmählich sein Erinnerungsvermögen zurück. Tolonens Neugier ist geweckt. Doch gerade, als er erste Spuren verfolgt, taucht Hanna Marenka wieder auf der Bildfläche auf. Der Fall scheint gelöst zu sein. Wären da nicht die vermeintlichen Mormonen und weitere dubiose Gestalten, die ihn in die Mangel nehmen ...

Robert Brack wurde 1959 als Ronald Gutberlet in Fulda geboren und lebt seit 1981 in Hamburg; nach dem Studium der Soziologie freier Autor; früher sehr viel Journalismus, jetzt fast ausschließlich Buchprojekte; neben Romanen und Erzählungen auch Sachbücher; Übersetzungen aus dem Englischen/Amerikanischen im Krimi-Bereich (u.a. Robert B. Parker), außerdem Krimi-Kritik und gelegentlich Anthologie-Projekte.
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1

Sie klingelten Sturm. Fünf Minuten lang. Es war zum Wahnsinnigwerden. Als ich mich endlich aus dem Bett schwang, stieß ich die offene Mineralwasserflasche um. Um meinen linken Fuß sammelte sich kaltes Wasser. Ich stolperte durch das dunkle Zimmer in den Flur und riss die Tür auf.

Draußen standen zwei Stoppelköpfe und grinsten mich an.

„Grüß Gott!“, sagten sie.

Sie waren tadellos gekleidet. Dunkelblaue Anzüge, hellblaue Hemden, Krawatten mit dem Hamburger Wappen. Ich zog meine Boxershorts zurecht. Mormonen! Das hatte mir gerade noch gefehlt. Wie spät war es? Ein bohrender Schmerz meldete sich in meinem Hinterkopf.

„Wir stören Sie doch nicht?“, sagte der Größere der beiden. Er war der Ältere, etwa Anfang 30, hatte ein kugelrundes, leicht aufgedunsenes Gesicht und ungeheuer große Hände. Die Nasenlöcher der etwas zu kleinen Nase wirkten in seinem breiten Gesicht unverhältnismäßig groß. Eine Schönheit war er nicht. Wieso trug er einen Ehering an der einen Hand? Ich sah mir seine andere an. Waren Mormonen nicht Polygamisten? Der hier trug jedenfalls nur einen Ring. Oder reichte der auch für mehrere Frauen aus?

„Wir wollen mit Ihnen über Gott sprechen“, sagte der Große.

„Für Gott ist es nie zu spät“, erklärte der andere. Er hatte eine hohe Stimme und ein extrem bleiches Gesicht. Er trug überhaupt keinen Ring, hielt aber einen schwarzen Aktenkoffer in der einen Hand. Beide Männer sprachen mit amerikanischem Akzent und stellten das sauberste Lächeln zur Schau, das man sich überhaupt vorstellen kann.

„Zu früh“, sagte ich, „es ist noch zu früh für den lieben Gott. Ich muss wieder ins Bett zurück. Wenn Sie mir ein Gesangbuch verkaufen wollen, müssen Sie später wiederkommen.“

„Wir wollen Ihnen nichts verkaufen, wir wollen Ihre Seele retten“, sagte der Große.

Mir wurde kalt. Die beiden gingen mir auf die Nerven.

„Meine Seele hab ich momentan nicht bei mir …“

Ich drehte mich um und suchte nach dem Türgriff. Dann trat ich einen Schritt zurück, um die Tür zu schließen. Wie auf ein Kommando ruckten sie einen Schritt nach vorn. Das ärgerte mich. Ich hatte nicht die geringste Lust, mich mit ihnen herumzustreiten. Ich holte tief Luft und wollte losbrüllen.

Der Große fing plötzlich an, breit zu lächeln, und streckte mir die Hand entgegen:

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Tolonen!“

Ich war total perplex. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. War heute der 20. März?

„Wer hat Sie denn für diesen dummen Scherz engagiert?“

Der Große machte ein erstauntes Gesicht. Er sah fast beleidigt aus.

„Sie haben uns doch selbst eingeladen!“

„Ich habe Sie eingeladen?“

„Aber ja. Gestern Abend.“

Das war mir neu. Aber momentan war mir alles neu, was den gestrigen Abend betraf.

Er blickte auf seine Uhr. Sie war groß und glänzte golden, eine Angeberuhr.

„Sie haben uns für 11:00 Uhr eingeladen. Es ist jetzt 11:00.“

„11:00 Uhr erst?“ Wieder bohrte der Schmerz in meinem Hinterkopf. Ein kalter Luftzug ließ mich frösteln. Mir war hundeelend zumute. Was zum Teufel hatte ich diesen Typen gestern Abend erzählt? Wo hatten wir uns überhaupt getroffen? Es schien nur eine Möglichkeit zu geben, dies herauszufinden.

Ich ließ den Türgriff los und drehte mich um. „Kommen Sie rein, machen Sie die Tür zu. Setzen Sie sich in die Küche. Ich zieh mir nur was über.“

Ich ging ins Schlafzimmer und zog die Vorhänge auf. Sehr viel heller wurde es nicht, wenige Meter vor dem Fenster begann die nächste Hausfront. Das Wasser aus der Flasche war über meine Cordhose geflossen, auf dem hellbeigen Teppichboden hatte sich ein dunkler Fleck breitgemacht. Ich holte eine frische Hose aus dem Schrank und zog sie an. Beim Zuknöpfen hatte ich Schwierigkeiten – offenbar war sie beim Waschen eingegangen. Ich konnte doch unmöglich zugenommen haben. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals: Tolonen, heute ist dein Geburtstag, nicht etwa irgendeiner, sondern der, vor dem du dich am liebsten drücken würdest, der 40.! Nun ist es an der Zeit, vernünftig zu werden und beispielsweise mit der Trinkerei aufzuhören. Alkohol macht dick! Wer dick ist, leidet an Minderwertigkeitskomplexen und fängt an, noch mehr zu trinken. Mach Schluss damit, bevor du aussiehst wie Orson Welles!

Ich sah in den großen Wandspiegel. Bei aller Fähigkeit zur Selbstkritik stellte ich beruhigt fest, dass ich noch hart an mir arbeiten musste, bevor ich mit Orson Welles ernsthaft konkurrieren konnte. Meine Statur ging mit ein bisschen gutem Willen durchaus noch als „sportlich“ durch. Robert Mitchum hat sein ganzes Leben lang keine Flasche Whisky stehen lassen können – und seine Wampe hat seinem Ansehen auch nicht geschadet. Ich zog eins meiner neuen T-Shirts an – darin sah ich aus wie ein Strich in der Landschaft.

Aus der Küche drang das gedämpfte Gurgeln der Kaffeemaschine herüber. Die Jungs übten sich in Nächstenliebe. Ich fing an, eine Art von christlicher Dankbarkeit in mir zu fühlen.

Als ich die Küche betrat, hatten sie bereits den Tisch gedeckt. Wir drei schienen schon seit Jahren befreundet zu sein.

Angesichts des Kaffeedufts, der die Küche durchströmte, ließ ich mich zu einem kumpelhaften Scherz hinreißen: „Wo haben Sie denn den Geburtstagskuchen versteckt?“

Die beiden sahen sich peinlich berührt an.

„Geh zum Bäcker“, sagte der Große zu dem bleichen Jüngling.

„Nein, nein“, protestierte ich halbherzig, aber er war schon an der Tür. In meinem Zustand würde ich sehr wahrscheinlich keinen Bissen herunterbringen. Der Große legte den Aktenkoffer auf einen Stuhl und ließ die Schlösser aufschnappen. Im Koffer lagen einige Ordner und Papiere, die Bildzeitung und ein dickes Buch. Er nahm das Buch heraus, legte es auf den Tisch, verschloss den Koffer wieder und stellte ihn auf den Boden. Ich sah mir das Buch an und ahnte Schlimmes. Es war in blaues Kunstleder eingebunden und trug auf dem Rücken eine goldene Inschrift – die Bibel natürlich. Jeden Moment konnte er mit salbungsvoller Stimme sein Bekehrungsgeschwätz beginnen. Stattdessen griff er zur Kanne und goss Kaffee in die drei Tassen vor uns. Ich stand wie ein Trottel daneben. In wessen Haushalt befand ich mich eigentlich? Ich spürte ein leichtes Zittern in der Brust. Es wanderte durch den ganzen Körper. Ich bekam eine Gänsehaut.

„Sie sehen sehr blass aus, Herr Tolonen“, sagte der Mormone. Es klang nicht sehr mitfühlend.

Ich sah ihn an. „Ich glaube, ich habe Ihren Namen vergessen.“

Sein Lächeln drang noch nicht einmal bis in die Mundwinkel. „Sie hatten einen leichten Schwipps, gestern Abend.“

„Jetzt, wo Sie mich daran erinnern, fällt es mir auch wieder ein. Wir haben mächtig einen draufgemacht, was?“

Wieder schmolz der Ansatz eines Lächelns von seinen dicken Lippen. „Sie haben bestimmt einen draufgemacht. Wir nicht. Wir trinken keinen Alkohol.“

„Ist auch gesünder“, sagte ich. „Man wird nur fett und träge davon.“

Er nickte. „Alkohol fördert das Laster und die Versuchung.“

Auch du versteckst etwas unter deinem Jackett, dachte ich, als ich ihn musterte. Aber es handelte sich weniger um Fett als um Muskeln.

„Weiminger“, sagte er schließlich.

„Bitte?“

„Mein Name ist Weiminger, Charles Weiminger.“

„Aha. Wollen Sie sich nicht setzen?“ Ich deutete auf den Stuhl, vor dem er die ganze Zeit schon stand. Kaum hatte ich mich neben ihn gesetzt, klingelte es an der Tür. Es war der bleiche Jüngling. In den Händen trug er ein in gelbes Papier eingewickeltes Paket. Er schien die halbe Konditorei leergekauft zu haben.

„Charlie wartet schon“, sagte ich, als ich ihn hereinließ, aber er sah mich nur verständnislos an.

Wir setzten uns um den Küchentisch, und ich durfte mir das schönste Stück Bienenstich aussuchen. Es sah großartig aus, schmeckte aber nach gar nichts. Ich bekam es kaum herunter.

„Wie lange kennen wir uns denn schon?“, fragte ich, nachdem ich den letzten Bissen heruntergewürgt hatte.

„Seit gestern Nacht“, sagte Charlie. „Erinnern Sie sich denn nicht mehr?“

„Keine Spur.“

Der bleiche Jüngling griff sich das dritte Stück Butterkuchen.

Ich fragte mich, ob Mormonen überhaupt so viel Süßes essen dürfen, Völlerei ist schließlich auch ein Laster. Aber er war noch jung, er konnte noch wachsen. „Wir haben uns in dieser kleinen Straße hinter dem Theater getroffen.“ Charlie sah seinen Begleiter an. „Wie heißt das Theater?“

„Schauspielhaus“, sagte der Kleine mit vollem Mund.

„Hinter dem Schauspielhaus“, nickte Charlie. „Sie haben auf einer kleinen Mauer gesessen.“

„Auf einer Mauer? Wo ist denn da eine Mauer?“

„Vor einer Tankstelle. Sie haben einer Prostituierten etwas Obszönes nachgerufen …“

„Ich? Sind Sie sicher, dass wir von mir reden?“

Weiminger nickte traurig. „Dann sind Sie beinahe eingeschlafen und auf den Bürgersteig gefallen. Wir haben Sie gesehen und uns um Sie gekümmert.“

„Unmöglich. Ich muss einen Doppelgänger haben.“

„Einen Doppelgänger, der am gleichen Tag Geburtstag hat? Haben Sie einen Zwillingsbruder?“

„Wieso...



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