E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Brack Schwere Kaliber
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86532-537-2
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tolonen-Trilogie
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-86532-537-2
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Brack wurde 1959 als Ronald Gutberlet in Fulda geboren und lebt seit 1981 in Hamburg; nach dem Studium der Soziologie freier Autor; früher sehr viel Journalismus, jetzt fast ausschließlich Buchprojekte; neben Romanen und Erzählungen auch Sachbücher; Übersetzungen aus dem Englischen/Amerikanischen im Krimi-Bereich (u.a. Robert B. Parker), außerdem Krimi-Kritik und gelegentlich Anthologie-Projekte.
Autoren/Hrsg.
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1
Das Opfer des Mordversuchs, der für einige Sekunden die Medienwelt erschüttern sollte, saß vor der Sendung selbstbewusst neben mir in einem Schminksessel und ließ sich mit braunem Puder betupfen.
Ich hatte ihn bereits im Aufzug kennengelernt, wo er, begleitet von seinem Chauffeur, lässig in der Ecke stand, als wir nach oben fuhren. Weder er noch ich wussten das richtige Stockwerk, aber für solche Kleinigkeiten haben manche Leute eben Chauffeure, die das Terrain für ihre Arbeitgeber sondieren. Der Chauffeur trug einen schlichten anthrazitfarbenen Anzug und einen Schirm in der Hand. Mit dem hatte er seinen Chef wenige Minuten vorher vor dem Regen bewahrt. Da ich weder Chauffeur noch Schirm mitgebracht hatte, war ich nass geworden. Wir schwiegen im Aufzug. Zwar ahnte ich, wen ich vor mir hatte, mein Gegenüber konnte mich jedoch offenbar nicht einordnen. Da ich möglicherweise irgendein dahergelaufener Handlanger sein konnte, hüllte sich mein Gegenüber in Schweigen. Das Schweigen passte sehr gut zu seinem erdfarbenen Zweireiher, dessen breite Revers ungeheuer amerikanisch wirkten. Es gibt Menschen, die können gar nichts anderes tragen als Zweireiher. Zu denen gehörte zweifellos mein großes, schlankes und steifes Gegenüber. Es gibt andere, die in jedem Zweireiher aussehen wie eine Vogelscheuche. Zu denen gehöre ich. Aus diesem Grund trug ich einen knittrigen Leinenanzug, der auf alle Fälle leger wirkte. Trotzdem fühlte ich mich wie in einer Zwangsjacke mit erweitertem Bewegungsspielraum. Leider musste ich mit diesem Gefühl in der letzten Zeit des Öfteren kämpfen, genauer gesagt seit dem Zeitpunkt, an dem meine Freundin begonnen hatte, sich um mein Äußeres zu sorgen.
Mangels Kommunikation hatte ich im Aufzug Zeit, seine Füße kennenzulernen. Sie steckten in weichen Halbschuhen, die mindestens zehnmal so alt aussahen wie der Anzug. Ich staune immer wieder über die Sorglosigkeit, mit der manche Leute ihr Schuhwerk aussuchen. Dabei sind die Schuhe beinahe das Wichtigste, wenn man beeindrucken will. Das hätte ein Mann seines Formats eigentlich wissen müssen. Ich hatte in weiser Voraussicht die guten englischen angezogen, die Hanna mir mit der strikten Auflage geschenkt hatte, sie niemals zu Cordhosen zu tragen. Es war übrigens auch das einzige Paar in Braun. Im Allgemeinen hatte sie mich nämlich dazu verpflichtet, schwarzes Schuhwerk zu tragen. Aus welchem Grund, ist mir bis heute noch nicht klargeworden.
Die junge Dame am Empfang schätzte das soziale Gefälle zwischen mir und dem anderen Talk-Show-Gast richtig ein und huschte davon, nachdem sie ihn süß lächelnd begrüßt und mich ignoriert hatte. Der noble Herr beauftragte seinen Chauffeur, den teuren Jaguar zu bewachen, und verschränkte nervös die Hände hinter dem Rücken. Ich blickte ihn erwartungsvoll an.
Und dann, nachdem er zwei Minuten an meinem rechten Ohr vorbeigeblinzelt hatte – er musste ziemlich oft blinzeln, was sehr gut zu seiner langen, dünnen und leicht nach vorn gebeugten Statur passte – also nach zirka zwei Minuten bemerkte er mich.
Mit einer linkischen Bewegung hielt er mir seine große rechte Hand hin und sagte mit einer sehr tiefen Stimme: „Damerius. Sind Sie auch zur Show geladen?“
„Angenehm, Tolonen“, sagte ich, und meine Hand verschwand in der seinen. „Ja, ich werde mich auch an der Diskussion beteiligen.“
„Ich hoffe nicht, dass wir als Kontrahenten auftreten?“ Damerius zauberte für eine Sekunde ein charmantes, jungenhaftes Lächeln in sein Gesicht, das danach aber wieder zu einer undurchdringlichen Maske der Zurückhaltung versteinerte.
„Ich bin nicht eingeladen worden, um jemanden zu provozieren. Oder sehe ich Ihrer Meinung nach so aus?“
Damerius rieb sich unschlüssig die großen Hände und blickte auf die Uhr über der gläsernen Eingangstür. „Och“, sagte er zögernd, „ich denke, wir werden uns schon arrangieren.“
Dann kam die junge Dame wieder zurück und lächelte so gewinnend, dass sogar Damerius’ Mundwinkel vor Freude kurz zuckten.
„Herr Damerius? Kommen Sie bitte mit mir?“
Der hanseatische Gentleman ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie verließen den Raum durch eine quietschende Stahltür mit gläsernem Bullauge. Ich setzte mich auf das fleckige rosa Besuchersofa und fragte mich, ob ich all das hier vielleicht nur träumte.
Die quietschende Tür öffnete sich ein weiteres Mal, und ein junger Mann in grauen Jeans und einem noch graueren Flanellhemd betrat den Raum. Er blickte sehr lange suchend um sich und schien enttäuscht zu sein, nur mich entdecken zu können.
„Wer sind Sie denn?“, fragte er unschlüssig.
„Mein Name ist Tolonen.“
Er blickte zur hellrosa Decke und versuchte, den Namen irgendwo einzuordnen.
„Tolonen?“
„Richtig.“
Sein Daumen wanderte über die rechte Schulter und deutete dahin, wo ich das Sendestudio vermutete: „Sind Sie zur Talk-Show eingeladen?“
„Deshalb bin ich hier.“
Er marschierte zum halbrunden Pult, hinter dem sich die verwaiste Telefonzentrale mit ihren vielen Knöpfchen und bunten Lichtern befand. Dann blätterte er in einem Notizblock.
„T-U-L-L-O-N-E-N, sind Sie das?“
„Wenn Sie aus dem U ein O machen und ein L wegstreichen, schon.“
Er strich weder das U noch das L weg, aber er sah auf die Uhr. „Wir müssen uns beeilen, Sie sind spät dran.“
„Ich sitze hier schon die ganze Zeit herum.“
„Ja, also, ich gehe dann mal vor.“
Wir liefen einen endlosen Gang entlang, gingen um ein, zwei Ecken, eine Treppe runter, eine andere wieder hinauf. Kurz bevor wir die Maske erreichten, fragte er: „Sie sind doch der von der Kripo?“
„Nein.“
„Hm.“
„Ich bin der, der das Buch geschrieben hat.“
„Naja.“
Dann setzte ich mich in den Sessel neben Damerius, dem eine schmächtige Mittvierzigerin mit einem Schwamm im Gesicht herumtupfte. Er hatte die Augen geschlossen. Die Frau lächelte mich indirekt durch den Spiegel an und versprach mit freundlicher Stimme: „Gleich mache ich Sie fertig.“
Ich nickte, lehnte mich zurück und fühlte eine unbegründete Nervosität in mir wachsen.
Nachdem sein Make-up abgeschlossen war und er sich ein Stäubchen Puder vom Zweireiher gewischt hatte, drehte sich Damerius zu mir um.
„Herr Tolonen?“
Ich nickte aufmunternd.
„Ihren Namen habe ich, glaube ich, noch nie gehört.“
„Ich bin nicht sonderlich berühmt.“
„Werden wir zum gleichen Thema befragt?“
„Wirtschaftskriminalität im Allgemeinen, Waffenhandel und Technologie-Spionage im Besonderen.“
Damerius nickte: „Dann sind Sie wohl von der Kripo?“
Die schmächtige Mittvierzigerin begann behutsam mit ihrem Schwamm in meinem Gesicht herumzutupfen.
„Nein, ich hab ein Buch geschrieben.“
„Zum Thema?“
„Rüstungs-Hightech, Geheimnisverrat und so weiter.“
„Dann sind Sie ein Experte in solchen Dingen?“
„Ich bin vor kurzem in eine ziemlich abenteuerliche Geschichte hineingerutscht, eher aus Versehen.“
„In solche Geschichten rutscht man immer aus Versehen. Was war das für eine Geschichte?“
„Der Alphatron-ATX-Skandal.“
„Ich erinnere mich“, sagte er nachdenklich. „War Ihr Buch nicht auf der Bestsellerliste?“
„Eine Woche lang, nachdem der Verlag die Buchhändler gezwungen hatte, den Titel gleich palettenweise zu ordern. Gekauft hat es dann kaum jemand.“
„Aber den Vorschuss haben Sie in der Tasche?“
„Zum Glück, ja.“
Er nickte befriedigt, und ich musste die Augen schließen, um sie vor dem Schwamm zu retten.
„Welche Theorie vertreten Sie denn?“ fragte Damerius.
„Gar keine, ich halte mich an die Tatsachen.“
„Werden wir uns über meine Geschäftspraktiken streiten?“
„Vielleicht.“
„Sind Sie ein Moralist?“
„Das sind wir doch alle, oder etwa nicht?“
Ich konnte meine Augen wieder öffnen, da nun meine Ohren an der Reihe waren. Ich wusste nicht, dass sie die Ohren auch schminken. Es war ja mein erster Fernsehauftritt. Sollte ich rote Ohren bekommen, würden das die Zuschauer nicht bemerken. Möglicherweise geschah das Schminken der Ohren aus rein psychologischen Erwägungen. Kann natürlich auch sein, dass der eifrigen Mittvierzigerin meine Ohren einfach gefallen haben.
Damerius erhob sich aus seinem Sessel: „Wer wird das Palaver eigentlich moderieren?“
„Ich vermute, der Kampmeier.“
„Oha, der Klassenkämpfer.“
„Haben Sie Angst vor ihm?“
„Nur vor seiner Profilneurose. Aber der ist immer noch besser als diese Glucke – wie heißt sie gleich noch?“
„Keine Ahnung, wen Sie meinen.“
„Diese Patriarchin, vor der sie alle kuschen. Die hat Zöpfe auf den Zähnen.“
„Mir scheint, Sie fürchten das Schlimmste.“
„Es gab einige widerliche Presseberichte über meine Firma.“
„In welcher Branche sind Sie denn?“
„Import-Export, Maschinen.“ Er setzte eine Unschuldsmiene auf.
„Rüstungsgüter?“
„Ach was, bestenfalls indirekt. Und was ist schon dabei.“
„Solange Sie die Gesetze beachten, gar nichts.“
...



