E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Brack Unter dem Schatten des Todes
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-96054-122-6
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-96054-122-6
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt in Hamburg. Er wurde mit dem »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Nach »Und das Meer gab seine Toten wieder« (2008), »Blutsonntag« (2010) und »Unter dem Schatten des Todes« (2012) erscheint 2023 mit »Schwarzer Oktober« der vierte historische Kriminalroman um Klara Schindler.
Autoren/Hrsg.
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»Klara!«
Für dich gibt’s keine Klara mehr, dachte sie, als sie die Straße entlangeilte, während der Wind ihr die feuchten Schneeflocken ins Gesicht trieb.
Auf der Bühne stand eine Operationsliege. Eine Krankenschwester führte einen Mann in Patientenkittel zu ihr hin. Er protestierte, es gehe ihm ausgezeichnet, er sehe keinen Anlass zu einer Behandlung. Die Schwester beruhigte ihn, es sei nur ein Routineeingriff. Nach einigem Hin und Her fügte der Mann sich in sein Schicksal und legte sich auf die Liege. Es dauerte eine Weile, bis die Schwester ihm klargemacht hatte, dass er für diese Operation auf dem Bauch liegen müsse. Der Arzt, der eher wie ein Schlachtermeister aussah, kam mit einem großen Küchenmesser zwischen den Zähnen. Ein Assistent rollte einen Wagen mit chirurgischem Besteck heran. Der Arzt machte sich an dem Patienten zu schaffen. Nach einer Weile warf er einen großen länglichen Gegenstand auf den Wagen. Der Patient sprang fröhlich auf, machte Kniebeugen mit nur einer erhobenen Hand und rannte zufrieden davon. »Der Nächste, bitte!«, rief der Arzt. Die Krankenschwester schob einen weiteren Kandidaten ins Rampenlicht, hinter dem sich inzwischen eine ganze Reihe von Männern und Frauen in Patientenkitteln zusammengefunden hatte. Diesmal ging die Operation schneller, beim nächsten noch schneller. Nachdem sich eine ganze Reihe länglicher Objekte auf dem Operationswagen gestapelt hatten, hielt der Arzt inne und musterte das Publikum. Dann nahm er einen der länglichen Gegenstände, es war eine Wirbelsäule, und versuchte, sie den Anwesenden zu verkaufen. Alle lachten, niemand griff zu. Ein SA-Mann trampelte lautstark heran, verlangte die Herausgabe der Wirbelsäule und gab mit schnarrender Stimme bekannt: »Der deutsche Mensch hat kein Rückgrat, braucht kein Rückgrat und will auch kein Rückgrat haben!« Der Arzt schulterte die Wirbelsäule wie ein Gewehr und salutierte mit der freien Hand: »Jawohl, mein Oberuntersturmbannstaffelgruppenführer!«
Auf der Bühne hatten währenddessen die Krankenschwester, der Assistent und ein Patient die übrig gebliebenen Wirbelsäulen verbogen, sodass sie wie Saxofone aussahen. Die Jazzcombo auf der Nebenbühne zählte ein, und sie spielten mit. Nach acht Takten stoppte die Musik und der Arzt fragte den SA-Mann, ob er wisse, wofür die Wirbelsäule denn da sei. Der SA-Mann zuckte mit den Schultern, woraufhin der Arzt erklärte: »Das Rückgrat verbindet Arsch und Kopf. Nimmt man es weg, rollen die Köpfe und der Arsch bleibt übrig.« Die Musik spielte weiter.
Na ja, dachte Klara, kleinbürgerliches Kabarett, verallgemeinernd und richtungslos, aber immerhin … wenn auch vor allem Zerstreuung für all jene, die sich noch ein Stirnrunzeln leisten wollen, und im Grunde nichts weiter als das sprichwörtliche Pfeifen im Wald, verschämtes Lachen im Angesicht der Katastrophe, die man selbst mit heraufbeschworen hat.
Sie saß allein an einem kleinen Tisch und hatte sich jede Gesellschaft verbeten, der Stuhl ihr gegenüber blieb leer. Die Schampusflasche im Eiskübel war noch halb voll. Auf jeden Fall würde sie sie leer trinken, und zwar ganz allein. Der Aschenbecher füllte sich mit Kippen, das Programm lief weiter. Klara dachte an die einäugige Katze in Kopenhagen, das »Malstrøm« und den Fall Valdemar. Edogawa Rampo! Der metaphysische Schrecken, die bizarre Schönheit des Verderbens, der Höllenschlund in glänzenden Vokabeln und leuchtenden Buchstaben beschrieben. Wohingegen der ganz reale Schrecken bar jeder Schönheit ist, banal, ganz einfach tödlich, und mit glänzenden Vokabeln werdet ihr nicht dagegen ankommen, ihr Wortklauber. Wenn die Panzerwagen rollen und Kanonen auf euch gerichtet werden, genügt es nicht, wie Spatzen oder Finken zu piepsen und sich in Künstlerkatakomben aufzuplustern.
Klara lachte vor sich hin. Wo ist mein »Torpedo«? Hack einen Leitartikel in die Schreibmaschinentasten! Kipp einen Kübel Jauche über die bürgerliche Verlogenheit, aber du hast ja nur einen Kübel mit Eiswasser, also kipp dir noch einen hinter die Binde, Tochter des revolutionären Proletariats, bind dir eine rote Schleife ins Haar, zieh dir Netzstrümpfe an, geh wieder zum Theater … oder Netzhandschuhe und Federn am Hut … ha, die Kleinbürger mit ihren schnieken Krawatten und hohen Absätzen … Untertan, Untergang … Aber das ist sie wirklich, schon wieder, möchte man beinahe sagen … Mit Netzhandschuhen und Federn am Hut steht sie da, verfroren am Eingang neben dem dicken Vorhang, der die Kälte raushalten soll.
Klara winkte, prostete ihr zu, bedeutete ihr herzukommen, zeigte auf den freien Stuhl ihr gegenüber. Und sie kam tatsächlich, diese komische Erscheinung aus einem anderen Jahrzehnt. Sieht aus wie auf einem Foto, wo man draufguckt und denkt, Gott wie haben wir uns damals dämlich angezogen. Aber die Beine übereinanderschlagen, das kann sie, und die Netzhandschuhe abstreifen wie eine, die das geübt hat, um ein bisschen Eindruck zu schinden. Nicht gerade würdevoll, aber immerhin mit einem Rest von Haltung. Und da blitzte es Klara erst durch den Kopf, dass sie es hier mit einem Mädchen aus einfachsten Verhältnissen zu tun hatte, mit einer, für die das Sich-Durchschlagen bitterer Alltag ist und die sich gelegentlich aus Notwendigkeit gezwungen sieht, mehr abzustreifen als nur diese dummen, nutzlosen und ehrlich gesagt kein bisschen eleganten Handschuhe. Klara winkte dem Kellner und ließ ihn ein zweites Glas bringen. Die Frau schaute sie abweisend an, wollte das Glas nicht anrühren, signalisierte: Es herrscht Feindschaft zwischen uns.
Sie spricht sehr ungelenkes Deutsch, mit einem eigenartig dunklen Akzent. Gut möglich, dass sie jünger ist als ich, obwohl es den Anschein hat, als hätte sie mehr Jahre ertragen müssen, als wären diese Schicht Puder und das ganze Geschminke um die Augen und den Mund nötig, um ihr junges Leben einzuhauchen, dabei hat es den gegenteiligen Effekt, und nur hier in dieser schummrigen Katakombe könnte man sich täuschen lassen … wäre man ein Mann mit dicker Brieftasche auf der Suche nach was Lebendigem. Da könnte sie sicherlich was zeigen, wenn sie wollte, sieh mal an, wie sie die Stola von den Schultern gleiten lässt und ihr Dekolleté entblößt. Aber das tut sie nicht bewusst, nicht jetzt, einer Feindin gegenüber.
Durch den Lärm der Musik, der Unterhaltungen, der Kellner-Rufe, der klingenden Gläser hindurch versuchte Klara ein Gespräch anzuknüpfen, aber es wollte einfach nicht gelingen. Also musste man alle Floskeln beiseite lassen, sie verstand sie sowieso nicht, und direkt fragen:
»Wie heißt du?«
»Das sage ich nicht.«
»Wo kommst du her?«
»Das sage ich nicht.«
»Warum verfolgst du mich?«
»Ich nicht – du!«
Als wäre es eine Inszenierung, als hätte dieses Kabarett ein Sonderprogramm nur für mich laufen, seit Tagen schon, aber wo ist die Pointe?
»Was hast du in dem kleinen Laden gewollt?«
»Wie bitte?«
»Der Laden mit den astrologischen Büchern.«
»Ich weiß nicht, was das ist.«
»In der Straße, wo ich wohne, was hast du da gemacht?« »Ich weiß nicht, wo du wohnst.«
Karussell, wir fahren Karussell, ich sitze auf einem weißen Pferd, sie auf einem schwarzen genau gegenüber – wer ist hinter wem her? Wir werden uns niemals kriegen, es sei denn, wir steigen ab. Aber dazu müsste das Karussell erst einmal anhalten. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Wie sich also verhalten, wenn sich alles im Kreis dreht und man immer weitergaloppiert, ohne vom Fleck zu kommen? Ein Ziel gibt es sowieso nicht, der Mann an der Kasse hat nichts versprochen außer einem Drehwurm und schriller Musik.
»Was willst du von mir?«
»Nichts. Du sollst nichts tun.«
Klara griff nach ihren Zigaretten. Noch einen Schluck Sekt. Die Andere schaute sehnsüchtig den aufsteigenden Rauchschwaden zu. Klara schob ihr die Manoli-Schachtel hin. Sie griff dankbar danach. Klara gab ihr Feuer. Die Andere blies ihr den Rauch ins Gesicht, genau so, wie sie es sonst immer machte.
»Du denkst also, ich verfolge dich«, fragte Klara.
Die Frau nickte.
»Aber das tue ich nicht.«
»Doch. Du musst aufhören.«
»Warum?«
»Es ist nicht gut.«
Klara fühlte sich hilflos. Sie trank ihr Glas leer. Die Andere griff jetzt nach ihrem Sekt, nippte nur daran, merkte, dass sie es eigentlich nicht tun wollte und stellte das Glas hastig wieder hin.
»Wieso ist es nicht gut?«
»Es schadet ihm nur. Du musst ihn lassen. Alle müssen ihn lassen. Allein kann er besser …«
Um Himmels Willen, ich bin das Objekt einer Eifersüchtelei in einer Geschichte, die mir unbekannt ist … ein Irrtum, ganz sicher, völlig idiotisch.
»Das muss eine Verwechslung sein.«
Die Andere dachte nach, dann nickte sie zustimmend: »Ja, eine Verwechslung, das ist am besten so.«
»Gut«, sagte Klara und drückte ihre Zigarette aus. »Dann ist das ja erledigt. Du kannst zurück zu ihm gehen. Ich weiß nicht, wer er ist. Ich weiß nicht mal seinen Namen.«
Die Andere beugte sich vor, hastig flüsternd: »Nicht den Namen sagen … zu viele wollen wissen …« Sie schaute sich verschwörerisch um.
Klaras Blick blieb an ihrem Dekolleté hängen, und sie verlor sich für den Bruchteil einer Sekunde in völlig unangebrachte Assoziationen. Wahrscheinlich ist sie eine Verrückte, riss sie sich wieder zusammen, und wer...




