Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 22, 702 Seiten
Reihe: Darkover-Zyklus
Bradley Der Sohn des Verräters
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-605-2
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Darkover Roman
E-Book, Deutsch, Band 22, 702 Seiten
Reihe: Darkover-Zyklus
ISBN: 978-3-95530-605-2
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marion Zimmer Bradley, geb. 1930, gilt als eine Ikone der SF- und Fantasyszene. Besonders bekannt wurde ihre Avalon-Serie, deren erster Roman 1979 erschien, und die Romane um Darkover, die seit 1958 veröffentlicht wurden. Besonders in feministischen Kreisen erntete sie damit große Anerkennung. 1984 wurde sie mit dem Locus-Award in der Kategorie bester Fantasy-Roman für 'Die Nebel von Avalon' ausgezeichnet.
Weitere Infos & Material
Prolog
Herm Aldaran schreckte jäh aus dem Schlaf, sein Herz schlug heftig, und sein Oberkörper war schweißgebadet. Er rang keuchend nach Luft und strampelte mühsam die Bettdecke zur Seite; seine Schläfen pochten. Dann setzte er sich auf, blinzelte in das schwache Licht, das aus dem Gemeinschaftsraum der kleinen Wohnung kam, und schluckte schwer. Sein Mund war völlig ausgetrocknet, und er verspürte einen Geschmack wie nach Eisenspänen, und seine Füße fühlten sich fremd an, als gehörten sie nicht zu ihm. Sein Nachtgewand war um die breite Brust herum zwar völlig durchnässt, aber der Ärmel war teilweise noch trocken, sodass er sich das Gesicht damit abwischen konnte. Als Herm aufstand, begann sich das Zimmer um ihn zu drehen, und er hätte sich beinahe wieder hingesetzt.
Schließlich hörte er auf zu zittern, und sein Herzschlag verlangsamte sich zu einem normaleren Rhythmus. Er blickte auf Katherine, die seit mehr als zehn Jahren seine Frau war; seine Unruhe hatte sie noch nicht geweckt. Im Dämmerlicht sah Herm, wie sich ihr dunkles Haar über das Kissen ausbreitete, er konnte auch die Wölbung ihrer Stirn und die Linie ihres Mundes unter der kräftigen Nase erkennen. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie eine so schöne Frau einen unscheinbaren Kerl wie ihn hatte heiraten können. Es war ihm ein Rätsel, aber gewiss lag es nicht an seinem Reichtum – er war nicht reich – oder an der zweifelhaften Ehre, dass er der Senator von Cottman IV war, wie die Terranische Föderation seinen Heimatplaneten Darkover bezeichnete. Er musterte seine Gattin, ließ die Gedanken ein wenig schweifen und spürte, wie eine relative Ruhe über ihn kam.
Herm wusste, er würde so bald nicht wieder einschlafen können, deshalb stand er auf und schlich so leise und vorsichtig wie möglich aus dem Schlafzimmer, um Katherine nicht zu stören. Er spähte hinter die dünne Trennwand zwischen ihrem Schlafbereich und dem ihrer beiden Kinder und stellte fest, dass sie ebenfalls noch schliefen. Dann tappte er über die schäbigen Fliesen in die kleine Nahrungszubereitungszone und öffnete den Kühlschrank. Die Saftkaraffe war kalt, als er sie berührte, und er hatte das Verlangen, sie sich direkt an den Mund zu setzen. Erst als er sie in der Hand hielt, bemerkte er, dass er noch immer leicht zitterte. Er zwang sich, ein Glas zu suchen, und goss etwas von der gelben Flüssigkeit hinein. Dann trank er das Glas auf einen Zug halb leer und spülte mit dem säuerlichen Aroma des Saftes den hässlichen Geschmack von seiner Zunge. Die kalte Flüssigkeit traf seinen Magen wie ein Faustschlag, und für einen Augenblick hatte er das Gefühl, Säure geschluckt zu haben. Dann war diese fürchterliche Empfindung vorbei, auch wenn sein Magen noch eine kleine Weile protestierte. Er wusste, es war nur Einbildung, aber er vermeinte zu spüren, wie der Zucker im Saft in seinen Blutkreislauf eindrang. Während er tief ein- und ausatmete, zitterte er am ganzen Leib, ab gekühlt nun, nachdem er kurz zuvor noch vor Hitze geglüht hatte.
Herm sank auf einen der Hocker an der langen Theke, die als Essplatz diente, stellte das Glas ab, bevor er es fallen ließ, und zwang sich, den Kopf frei zu bekommen. Ein Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte, zerrte an seinen Nerven wie die dissonanten Töne einer klassischen Industriesymphonie. Dieser Musikstil hatte während seiner ersten Jahre in der gesetzgebenden Abgeordnetenkammer der Föderation eine Wiederbelebung erfahren, und man hatte ihn in einige Konzerte geschleift. Sehr zu seinem Verdruss war ihm die Musik im Gedächtnis geblieben, denn er hielt sie eigentlich gar nicht für Musik, sondern eher für Lärm, und einen ausgesprochen unangenehmen dazu. Er hasste sie, so wie er den Hocker hasste, den kleinen Raum, in dem er saß, und die Beengtheit des Quartiers, das man ihm als dem Senator Darkovers bei der Föderation zugewiesen hatte.
Als Lew Alton noch Senator gewesen war, hatte er über ein etwas größeres Quartier verfügt und außerdem über ein Haus auf Thetis. Aber diese Zeiten waren vorbei, und so gut wie kein Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft besaß einen Wohnsitz auf anderen Planeten, es sei denn, es hatte ihn geerbt. Das Finanzministerium hatte vor einigen Jahren strikte Reisebeschränkungen erlassen, welche die Bewegungsfreiheit der Gesandten einengten. Sie durften alle fünf terranischen Jahre zu Wahlen auf ihre Heimatwelten reisen, Herm war jedoch nie nach Darkover zurückgekehrt. Er war nicht gewählt, sondern vor dreiundzwanzig Jahren von Regis Hastur ernannt worden, einem Mann, dem er nie persönlich begegnet war. Acht Jahre lang hatte er in der Abgeordnetenkammer gewirkt, und als Lew Alton den Senatorensitz räumte, hatte er dessen Platz eingenommen.
Die vom Finanzministerium veranlassten politischen Kursänderungen und zahlreiche andere diktatorische Bestimmungen hatten die Legislative im Lauf der Jahre endgültig zu Gefangenen der Launen von Premier Sandra Nagy und ihren Busenfreunden von den Expansionisten gemacht. Trotz ihres Namens waren die Expansionisten ein Haufen knauseriger Autokraten, und Jahr für Jahr war es zu weiteren Einschränkungen gekommen, von denen nur die privilegiertesten Mitglieder der Partei ausgenommen waren. Wie Herm einmal zu seiner Frau sagte, als er einigermaßen sicher annahm, dass keine Abhörgeräte in der Nähe waren: »Die Expansionisten behaupten, die Mittel der Föderation seien begrenzt – und samt und sonders das rechtmäßige Eigentum ihrer Partei!« Sie hatte nicht einmal gelacht.
Die Drei-Zimmer-Wohnung war ein besseres Zuhause, als es die meisten gewöhnlichen Terraner besaßen, aber Herm war auf Burg Aldaran aufgewachsen, wo ihn steinerne Mauern umgaben und große, prasselnde Feuerstellen ihre duftgeschwängerte, rußige und heiße Luft verströmten. Seltsam, dass er sie nach mehr als zwei Jahrzehnten noch immer vermisste. Aber in der geruchlosen, stickigen Atmosphäre der Wohnung, die wegen der zentralen Regulierung des Gebäudes das ganze Jahr über warm war, kam er sich noch immer wie ein gefangenes Tier vor. Acht Milliarden Menschen lebten auf dem Planten, und jedes Jahr wurden es mehr. Er sehnte sich sehr nach Weite, nach langen Reihen von Koniferen und dem Geruch des Bergbalsams, nach dem Schrei der Falken in den Hellers und dem leuchtenden, rostbraunen Gefieder der Vögel am Himmel, der von einer roten Sonne beschienen wurde.
Es war nicht einfach nur eine Sehnsucht nach glitzernden, jungfräulichen Schneeflächen, die ihn umtrieb. Vielmehr blieb ihm auch nach zwei Jahrzehnten noch ein Unbehagen mit seiner Lage – er fühlte sich fremd. Herm hatte sich nach einer Schalldusche nie völlig sauber gefühlt, auch wenn sie alle abgestorbenen Hautpartikel und Öle von seinem Körper entfernte. Wie alles andere auch, war das Wasser rationiert und mit Steuern belegt, und er verspürte ein tiefes Verlangen danach, sich in einer Wanne voll dampfendem, nach Lavendelöl duftendem Wasser zu aalen. Ein festes Baumwollhandtuch aus den Trockenstädten zum Abreiben und ein Gewand aus gefilzter Wolle zum Überziehen vervollständigten seine Träumereien. Nicht diese klamme Synthetik auf der Haut ...
Das Herz tat ihm weh, wenn er an all diese Dinge dachte, und er wunderte sich über sich selbst. Fast sein halbes Leben hatte er nicht auf Darkover verbracht, und er fand, er sollte sich inzwischen daran gewöhnt haben. Aber sein Heimweh war eher immer schlimmer geworden. Er dachte einen Augenblick daran, wie er als junger Mann – ein Bauerntrampel nach den Maßstäben der Föderation – hier angekommen war, um seine Welt in der niedrigeren der beiden Kammern zu vertreten. Die riesigen Gebäude hatten ihn eingeschüchtert, die Bienenstöcke und Wolkenkratzer, die Allgegenwart einer Technologie, die man sich auf seiner fernen Welt nicht einmal vorstellen konnte. Obwohl er mit verschiedenen Terranern aufgewachsen war, die auf Burg Aldaran ein und aus gingen, und obwohl seine Mutter Terra als ihren Geburtsplaneten bezeichnete, hatte er schnell gemerkt, wie unglaublich wenig er wusste. An seine Mutter erinnerte er sich kaum, denn sie war gestorben, als er drei war. Aber mit Sicherheit hatte sie ihm nie etwas erzählt, das ihn auf die Realität vorbereitet hätte, die ihn in seinem ersten Jahr in der Abgeordnetenkammer einholte. Sie hatte ihm einen merkwürdigen, für Darkover untypischen Namen vermacht – einen altertümlichen und selbst nach terranischen Maßstäben ungewöhnlichen, wie er inzwischen wusste –, eine Neigung zur Kahlheit und darüber hinaus nur undeutliche, bruchstückhafte Erinnerungen. Alle drei Ehefrauen von Dom Damon Aldaran waren verstorben – sein Vater hatte tragisches Pech gehabt.
Zu Herms Glück war Lew Alton da gewesen, um ihm durch jene ersten Jahre zu helfen. Er hatte fast auf Anhieb gelernt, mit der Technologie umzugehen, per Computer an Informationen zu gelangen und mit Leuten zu kommunizieren. Noch wichtiger war, dass Lew ihn dazu angehalten hatte, die Literatur und Philosophie von hundert Planeten sowie die komplizierte Geschichte der Föderation zu studieren. Zunächst war ihm der Zweck dieser Anstrengungen nicht recht klar gewesen, und er hatte die Texte nur gelesen, um dem Älteren eine Freude zu machen. Doch allmählich hatte er begriffen, wie wenig gebildet er für die Aufgabe war, für die man ihn ausgewählt hatte. Nach großen Anlaufschwierigkeiten hatte er schließlich die Denkweise der Föderation verstanden, ihr Wurzeln in uralten Ideen, die auf Darkover nie Fuß gefasst hatten – darunter einige sehr gute Ideen.
Aber er wusste, dass man nun im Begriff stand, diese Ideale aufzugeben, und dass die Föderation auf eine Ära der militärischen Dominanz und Unterdrückung zusteuerte. Das war in der menschlichen Geschichte auch schon früher passiert,...




