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Bradley Flavia de Luce 6 - Tote Vögel singen nicht
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-12322-2
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Perfekt für alle Fans der Netflix-Serie »Wednesday«
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Penhaligon Verlag
ISBN: 978-3-641-12322-2
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist ein Frühlingsmorgen im Jahr 1951. Flavia de Luce hat sich mit ihrer Familie am Bahnhof von Bishop’s Lacey eingefunden, um die Heimkehr ihrer beim Bergsteigen in Tibet verschollenen Mutter Harriet zu erwarten. Als der Zug einfährt, nähert sich ein großer Fremder der elfjährigen Hobbydetektivin und flüstert ihr eine kryptische Botschaft zu. Einen Augenblick später ist der Mann tot – jemand aus der Menschenmenge hat ihn offenbar vor den Zug gestoßen. Ein neuer Fall für Flavia de Luce, die sich dieses Mal sogar in die Lüfte schwingt, um einen Killer zur Strecke zu bringen, und die endlich die Wahrheit erfährt über die Vergangenheit ihrer Mutter …
Diese außergewöhnliche All-Age-Krimireihe hat die Herzen von Lesern, Buchhändlern und Kritikern aus aller Welt im Sturm erobert!
Die »Flavia de Luce«-Reihe:
Band 1: Mord im Gurkenbeet
Band 2: Mord ist kein Kinderspiel
Band 3: Halunken, Tod und Teufel
Band 4: Vorhang auf für eine Leiche
Band 5: Schlussakkord für einen Mord
Band 6: Tote Vögel singen nicht
Band 7: Eine Leiche wirbelt Staub auf
Band 8: Mord ist nicht das letzte Wort
Band 9: Der Tod sitzt mit im Boot
Band 10: Todeskuss mit Zuckerguss
Außerdem als E-Book erhältlich:
Das Geheimnis des kupferroten Toten (»Flavia de Luce«-Short-Story)
Alle Bände sind auch einzeln lesbar.
Alan Bradley wurde 1938 geboren und wuchs in Cobourg in der kanadischen Provinz Ontario auf. Er war Direktor für Fernsehtechnik am Zentrum für Neue Medien der Universität von Saskatchewan in Saskatoon, bevor er sich 1994 aus dem aktiven Berufsleben zurückzog, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen. »Mord im Gurkenbeet«, sein erster Roman und viel umjubelter Auftakt zur Serie um die außergewöhnliche Detektivin Flavia de Luce, wurde mit mehreren Awards ausgezeichnet. Alan Bradley lebt zusammen mit seiner Frau auf der Isle of Man.
Weitere Infos & Material
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Was dachte ich? Was fühlte ich?
Das wüsste ich auch gern.
Trauer vielleicht, dass unsere Hoffnungen ein für alle Mal zunichte waren? Erleichterung, dass Harriet endlich heimgekehrt war?
Ihr Sarg hätte mattschwarz sein sollen. Mit kalt funkelnden Silberbeschlägen, auf denen verhüllte Urnen und todtraurige Engelchen dargestellt waren.
Stattdessen war er aus sattbraunem Eichenholz getischlert, dessen Lack so obszön glänzte, dass mir die Augen wehtaten. Ich konnte den Anblick kaum ertragen.
Seltsamerweise musste ich an den Schluss von Mrs. Nesbits Roman Die Eisenbahnkinder denken, wo sich Bobbie auf dem Bahnsteig in die Arme ihres zu Unrecht ins Gefängnis gesperrten Papas wirft.
Doch für mich war kein solch versöhnliches Ende vorgesehen und für Vater, Feely und Daffy genauso wenig. Nein, ein Happy End blieb uns versagt.
Ich schielte hilfesuchend zu Vater hinüber, doch auch er stand wie erstarrt da, als sei er in seinen ganz persönlichen Gletscher eingeschlossen, jenseits aller Trauer und aller Gefühlsausbrüche, als nun der Union Jack, die britische Flagge, über den Sarg gebreitet wurde.
Alf Mullets Hand schnellte salutierend an die Schläfe und verharrte dort.
Daffy verpasste mir einen Rippenstoß und deutete verstohlen mit dem Kinn auf das andere Ende des Bahnsteigs.
Dort stand ein wenig abseits von den anderen ein korpulenter älterer Herr im schwarzen Anzug. Ich erkannte ihn auf Anhieb.
Als sich die Träger nun gemessenen Schrittes und unter ihrer Last gebeugt in Bewegung setzten, nahm er seinen schwarzen Hut ab und behielt ihn in der Hand.
Es war Winston Churchill.
Was in aller Welt führte den ehemaligen Premierminister nach Bishop’s Lacey?
Ganz allein stand er dort und schaute zu, wie meine Mutter in der allgemeinen Grabesstille zu einem motorisierten Leichenwagen getragen wurde, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war.
Churchill schaute zu, wie der Sarg, dem ein Offizier mit gezücktem Degen voranschritt, an Vater vorbeigetragen wurde, an Feely, an Daffy und zu guter Letzt an mir. Dann erst trat er neben Vater.
»Sie war England, verflucht noch mal«, knurrte er.
Wie jemand, der aus einem Traum erwacht, hob Vater langsam den Blick und richtete ihn auf Churchills Gesicht.
Erst nach einer ganzen Weile erwiderte er: »Sie war mehr als das, Herr Premierminister.«
Churchill nickte und fasste Vater am Ellbogen. »Wir können es uns nicht leisten, einen de Luce zu verlieren, Haviland«, sagte er.
Wie meinte er das?
So standen sie Seite an Seite wie zwei Besiegte, so schien es mir, Brüder in einem Geiste, den ich nicht begriff, ja, der meine Vorstellungskraft weit überstieg.
Als Mr. Churchill erst Vater, dann Feely, dann Daffy und sogar Tante Felicity die Hand geschüttelt hatte, kam er schließlich auch zu mir.
»Nun, junge Dame? Hast du mittlerweile auch eine Vorliebe für Fasanensandwiches entwickelt?«
Diese Frage! Wortwörtlich!
Ich hatte sie schon einmal gehört! Nein, nicht gehört – gesehen!
Mit einem Mal standen meine Haarwurzeln auf Zehenspitzen.
Churchills blauer Blick durchbohrte mich, als könnte er geradewegs in meine Seele schauen.
Was meinte er damit? Und was für eine Antwort erwartete er von mir?
Peinlicherweise wurde ich rot. Mehr brachte ich nicht zustande.
Mr. Churchill schaute mich noch einmal eindringlich an, dann ergriff er meine Hand und drückte sie sanft. Er hatte auffallend lange Finger.
»Ja«, sagte er, als führte er Selbstgespräche. »Ja, ganz bestimmt.«
Mit diesen Worten ließ er mich stehen und ging davon, den Bahnsteig entlang, bahnte sich einen Weg durch die Dorfbewohner und nickte ihnen feierlich nach rechts und links zu, bis er schließlich in seinen wartenden Wagen stieg.
Auch wenn er schon lange nicht mehr in Amt und Würden war, so besaß der untersetzte kleine Mann mit dem Bulldoggengesicht und den durchdringenden, großen blauen Augen doch immer noch eine überwältigende Ausstrahlung.
Schon stand Daffy neben mir und raunte mir ins Ohr: »Was hat er gesagt?«
»Er hat mir sein Beileid ausgesprochen«, log ich. Warum, wusste ich selbst nicht, aber es kam mir richtig vor. »Herzliches Beileid – das war alles.«
Daffy bedachte mich mit ihrem typischen Giftblick.
Wie war es nur möglich, sinnierte ich, dass wir beiden Schwestern einander sogar in Gegenwart unserer toten Mutter wegen einer harmlosen Schwindelei schier an die Gurgel gingen? Es war absurd, aber anscheinend nicht zu ändern. Wahrscheinlich ist das Leben nun mal so.
Und der Tod.
In einem Punkt war ich mir jedoch ganz sicher: Ich wollte nach Hause. Mich in meinem Zimmer einschließen und allein sein.
Vater war damit beschäftigt, allen Leuten die Hand zu schütteln, die ihm ihr Beileid bekunden wollten. Ein klagendes »ei… ei… ei…« erfüllte die Luft.
»Mein Beileid, Colonel de Luce … mein Beileid … mein Beileid«, hieß es immer und immer wieder in den verschiedensten Tonlagen. Ein Wunder, dass Vater nicht den Verstand verlor.
Fiel denn niemandem etwas Originelleres ein?
Von Daffy wusste ich, dass die englische Sprache schätzungsweise eine halbe Million Wörter umfasst. Bei dieser Auswahl hätte doch wenigstens einer der Anwesenden eine andere Formulierung als das abgedroschene »Mein Beileid« zustande bringen können.
Ich dachte noch darüber nach, als sich ein großer Mann in einem für dieses schöne Wetter viel zu langen und dicken Mantel aus der Menge löste und schnurstracks auf mich zukam.
»Miss de Luce?«, fragte er mit verblüffend sanfter Stimme.
Ich war es nicht gewohnt, als »Miss de Luce« angesprochen zu werden. Diese Anrede war üblicherweise für Daffy und Feely reserviert – und für Tante Felicity.
»Ja, ich bin Flavia de Luce«, entgegnete ich. »Und wer sind Sie?«
Dogger hatte mir eingeschärft, diese Frage sofort zu stellen, wenn mich ein Fremder ansprach. Ich linste unauffällig zu ihm hinüber. Er war Vater nicht von der Seite gewichen.
»Ich bin ein Freund«, sagte der Mann. »Ein Freund der Familie. Ich muss mit Ihnen reden.«
Ich trat einen Schritt zurück. »Tut mir leid, aber …«
»Bitte. Es ist lebenswichtig.«
Lebenswichtig? Wer in einer Alltagskonversation so ein Wort benutzte, konnte kein Dorfbewohner sein.
»Ich weiß nicht …«, sagte ich zögerlich.
»Richten Sie Ihrem Vater bitte aus, dass der Wildhüter in Gefahr ist. Er wird wissen, was gemeint ist. Ich muss ihn unbedingt sprechen. Richten Sie ihm aus, das Nest des Colchicus wird angegriff…«
Plötzlich weiteten sich seine Augen – staunend vielleicht oder eher erschrocken? Was oder wen hatte er hinter mir erblickt?
»Komm endlich, Flavia. Du hältst uns alle auf.«
Es war meine Schwester Feely. Sie nickte dem Fremden höflich zu, dann packte sie mich am Arm und zerrte übertrieben unsanft daran.
»Ich komme gleich«, erwiderte ich, duckte mich seitlich weg und entwand mich ihrem Griff.
Dogger hielt bereits den Wagenschlag von Harriets altem Rolls-Royce Phantom II auf. Er hatte das Automobil so dicht am Bahnsteig geparkt, wie es ging. Vater war auf halbem Weg zum Wagen. Er schlurfte mitleiderregend und hielt den Kopf gesenkt.
Erst in diesem Augenblick wurde mir richtig klar, was für ein vernichtender Schlag das Ganze für ihn sein musste.
Er hatte Harriet ein zweites Mal verloren.
»Flavia!«
Das war wieder Feely. Ihre blauen Augen blitzten ungeduldig. Sie fauchte mich an: »Warum musst du immer so …«
Das Pfeifen der Dampflokomotive übertönte sie, aber ich las das unverschämte Ende des Satzes von ihren Lippen ab.
Der Zug setzte sich träge in Bewegung. Bei der Vorbesprechung hatte uns der Bestattungsunternehmer erklärt, dass der Zug, sobald wir den Bahnhof verließen, zu einem nicht mehr genutzten Betriebsbahnhof nördlich von East Finching weiterfahren, dort wenden und dann nach London zurückkehren würde. Mit einem Leichenzug rückwärts zu fahren verstieß laut Mr. Sowerby von Sowerby & Söhne erstens gegen den Ehrenkodex der Bestatterzunft und brachte zweitens »außerordentliches Pech«, wie er sich ausgedrückt hatte.
Unterdessen schleifte mich Feely – im wahrsten Sinne des Wortes – in Richtung Rolls-Royce.
Ich versuchte vergeblich, mich loszureißen. Sie hatte die Finger in meinen Oberarm gekrallt, und ich stolperte keuchend hinter ihr her.
Da ertönte vom Bahnhof plötzlich ein lauter Ruf. Erst dachte ich, die Dorfbewohner würden dagegen protestieren, dass Feely mich so grausam misshandelte, dann sah ich die Leute an der Bahnsteigkante zusammenströmen.
Der Schaffner trillerte wie verrückt auf seiner Pfeife, jemand schrie, und der Zug bremste scharf. Dampfwolken quollen unter den Rädern hervor. Ich nutzte die Gelegenheit, mich zu befreien, und drängte mich unter Einsatz meiner Ellbogen durch die Menge, vorbei an der Offizierin, die wie angewurzelt dastand.
Auch die Dörfler standen wie erstarrt, viele hatten die Hände vor den Mund geschlagen.
»Jemand hat ihn geschubst«, rief eine Frauenstimme hinten in der Menge.
Vor meinen...




