E-Book, Deutsch, Band 15, 412 Seiten
Reihe: Darkover-Zyklus
Bradley Herrin der Falken
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-597-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Darkover Roman
E-Book, Deutsch, Band 15, 412 Seiten
Reihe: Darkover-Zyklus
ISBN: 978-3-95530-597-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marion Zimmer Bradley, geb. 1930, gilt als eine Ikone der SF- und Fantasyszene. Besonders bekannt wurde ihre Avalon-Serie, deren erster Roman 1979 erschien, und die Romane um Darkover, die seit 1958 veröffentlicht wurden. Besonders in feministischen Kreisen erntete sie damit große Anerkennung. 1984 wurde sie mit dem Locus-Award in der Kategorie bester Fantasy-Roman für 'Die Nebel von Avalon' ausgezeichnet.
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ERSTES BUCH
Falkenhof
in den Kilgardbergen
1.
Romilly war so müde, daß sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
Es war dunkel im Falkenhaus; eine sorgfältig abgeschirmte Laterne, die von einem Dachbalken hing, war die einzige Lichtquelle. Aber die Augen des Falkenweibchens waren so wach, so wild und so erfüllt von Wut wie eh und je. Nein, nicht nur von Wut, sagte sich Romilly von neuem, auch von schrecklicher Angst.
Sie hat Angst. Sie haßt mich nicht, sie hat nur Angst.
Sie spürte es in ihrem Inneren, das Entsetzen hinter der Wut, bis sie kaum noch wußte, was sie war – müde, die Augen brennend, kurz davor, erschöpft in dem schmutzigen Stroh zusammenzubrechen – und was aus dem Gehirn des Falken in ihren Geist floß: Haß, Furcht, rasender Hunger nach Blut und nach Freiheit.
Romilly zog das kleine Messer aus dem Gürtel und schnitt ein Stück von dem in Reichweite liegenden Kadaver ab. Dabei zitterte sie unter der Anstrengung, nicht um sich zu schlagen, sich nicht von der Fessel loszureißen, die sie hielt – nein, nein, nicht sie, die den Falken auf dem Block festhielt – erbarmungslose Lederriemen, die in seine Ständer einschnitten.
Die Flügel des Falkenweibchens peitschten heftig die Luft. Instinktiv zuckte Romilly zurück, und der Streifen rohen Fleisches fiel ins Stroh. Das Mädchen fühlte den Kampf, die Wut und die wahnsinnige Furcht, als bänden die Lederriemen, die den großen Vogel an den Block fesselten, auch sie, als schnitten sie qualvoll auch in ihr Leben... Sie versuchte, sich zu bücken, ruhig nach dem Fleisch zu suchen. Aber die Emotionen des Falken, die in ihren Geist einströmten, waren zuviel für sie. Sie bedeckte die Augen mit den Händen, stöhnte laut auf und ließ es alles Teil von ihr werden, die flatternden Flügel, die schlugen und schlugen... Als ihr das vor einem Jahr zum ersten Mal passierte, war sie in Panik aus dem Stall geflohen und gerannt und gerannt, bis sie eine Handbreit vom Klippenrand entfernt stolperte und fiel. Dort ging es von Falkenhof steil hinunter bis auf die steinigen Ufer des Kadarin.
Sie durfte es nicht so tief in ihren Geist eindringen lassen, sie mußte daran denken, daß sie menschlich, daß sie Romilly MacAran war... Sie zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Die Worte der jungen Leronis fielen ihr ein, die – kurz und heimlich – mit ihr gesprochen hatte, bevor sie in den Turm von Tramontana zurückkehrte.
Du hast eine seltene Gabe, Kind – eine der seltensten von denen, die man Laran nennt. Ich weiß nicht, warum dein Vater so verbittert ist, warum er nicht erlauben will, daß du und deine Schwester und deine Brüder getestet und im Gebrauch dieser Gaben ausgebildet werdet. Er weiß doch bestimmt, daß ein unausgebildeter Telepath eine Bedrohung für sich und alle Menschen seiner Umgebung ist. Dein Vater besitzt die Gabe selbst in vollem Ausmaß!
Romilly wußte es, und sie vermutete, daß auch die Leronis es wußte. Aber aus Loyalität zu ihrem Vater wollte sie außerhalb der Familie nicht darüber sprechen, und die Leronis war immerhin eine Fremde. Der MacAran hatte ihr Gastfreundschaft gewährt, wie er es bei jedem Besucher getan hätte. Doch er hatte sich kalt geweigert, die Falkenhof-Kinder auf Laran testen zu lassen, zu welchem Zweck die Frau eigentlich gekommen war.
»Ihr seid mein Gast, Domna Marelie, aber ich habe einen Sohn an die verfluchten Türme verloren, die unser Land verpesten und die Söhne – aye, und auch die Töchter – anständiger Männer an sich locken, weg von den Pflichten, die sie Heim und Familie gegenüber haben! Ihr mögt Schutz unter diesem Dach suchen, solange der Sturm andauert, und werdet alles erhalten, was einem geehrten Gast zukommt. Nur unterlaßt es, in den Seelen meiner Kinder herumzuschnüffeln!«
Einen Sohn an die verfluchten Türme verloren – Romilly dachte an ihren Bruder Ruyven, der vor vier Jahren über den Kadarin in den Turm von Neskaya geflohen war. Und wahrscheinlich wird Vater noch einen Sohn verlieren. Denn sogar ich sehe, daß Darren eher für den Turm oder das Kloster von Nevarsin geeignet ist als zum Erben von Falkenhof. Darren und Ruyven waren zur Ausbildung nach Nevarsin geschickt worden, wie es der Brauch von den Söhnen eines Bergland-Adligen verlangte, und Darren wäre gern dort geblieben. Aber gehorsam dem Willen seines Vaters kehrte er nun heim, um seine Pflichten als Erbe zu übernehmen.
Wie konnte Ruyven seinen Bruder so im Stich lassen? Darren schafft das nicht ohne einen Bruder an seiner Seite. Ruyven war nicht einmal ein Jahr älter als Darren, und die Brüder hatten immer wie Zwillinge aneinander gehangen. Zusammen waren sie nach Nevarsin gereist, doch Darren war allein zurückgekommen. Ruyven, so berichtete er seinem Vater, war in den Turm gegangen. Der MacAran las Ruyvens Brief und warf ihn in die Mistgrube. Von dem Augenblick an hatte er Ruyvens Namen nie mehr ausgesprochen und es auch allen anderen verboten.
»Ich habe nur zwei Söhne«, pflegte er steinernen Gesichts festzustellen. »Der eine ist im Kloster, der andere auf dem Schoß seiner Mutter.«
Auch gegenüber der Leronis Marelie hatte er sich so geäußert. Bei ihrem kurzen Gespräch mit Romilly sagte sie: »Ich habe mein Bestes getan, Kind, aber er wollte nichts davon hören. Deshalb mußt du nun dein Bestes tun, damit du deine Gabe beherrschen lernst. Denn sonst wird sie dich beherrschen. Und in der Zeit, die mir bleibt, vermag ich dir nur wenig zu helfen. Erführe er, daß ich mit dir gesprochen habe, würde er mich bestimmt nicht über Nacht beherbergen. Aber ich mußte es tun, um dir wenigstens ein bißchen Schutz für die Zeit zu geben, wenn dein Laran erwacht. Du wirst allein damit sein, und es ist nicht leicht, allein damit fertig zu werden. Doch unmöglich ist es nicht, denn ich weiß von einigen, denen es gelungen ist. Dein Bruder gehört auch dazu.«
»Ihr kennt meinen Bruder!« flüsterte Romilly.
»Ich kenne ihn, Kind – was glaubst du denn, wer mich hergeschickt hat?« Romilly preßte die Lippen zusammen, und Marelie setzte sanft hinzu: »Du darfst nicht denken, er habe euch ohne Grund verlassen. Er liebt dich, er liebt auch euren Vater. Aber ein Käfigvogel ist kein Falke und ein Falke kein Kyorebni. Hierher zurückzukehren, ein Leben zu führen, in dem er keinen vollen Gebrauch von seinem Laran machen kann – das wäre der Tod für ihn. Verstehst du das, Romilly? Er käme sich taub und blind und von seinesgleichen getrennt vor.«
»Aber was ist dies Laran, daß er uns alle dafür aufgibt?« fragte Romilly. Marelie blickte traurig drein.
»Das wirst du erfahren, wenn dein eigenes Laran erwacht, mein Kind.«
Romilly rief aus: »Ich hasse Laran. Und ich hasse die Türme! Sie haben uns Ruyven gestohlen!« Sie wandte sich ab und wollte nicht mehr mit Marelie reden. Die Leronis seufzte: »Ich kann dir deine Loyalität zu deinem Vater nicht zum Vorwurf machen, mein Kind.« Sie ging in das ihr zugewiesene Zimmer und reiste am nächsten Morgen ab, ohne ein weiteres Wort mit Romilly gewechselt zu haben.
Das war zwei Jahre her, und Romilly hatte versucht, es zu vergessen. Erst in diesem Jahr war ihr klargeworden, daß sie die Gabe der MacArans in vollem Ausmaß besaß. Sie war irgendwie imstande, in die Gedanken von Falke, Hund und Pferd oder eines anderen Tieres einzudringen. Jetzt wünschte sie fast, sie hätte mit der Leronis darüber sprechen können... Natürlich war daran überhaupt nicht zu denken. Ich mag Laran haben, sagte sie immer wieder zu sich selbst, aber nie würde ich für so etwas Heim und Familie aufgeben!
So hatte sie darum gekämpft, der Gabe selbst Herr zu werden. Jetzt zwang sie sich, ruhig zu sein, gleichmäßig zu atmen. Sie spürte, wie es sie und ein bißchen sogar die tobende Wut des Falken beschwichtigte. Der Vogel saß bewegungslos da, und das wartende Mädchen wußte wieder, daß es Romilly war, nicht ein gefesseltes Tier, das sich von den einschneidenden Riemen freizumachen versuchte...
Langsam schälte sich dies eine Stückchen Information aus dem Wust von Angst und Aufregung heraus. Die Riemen sind zu eng. Sie tun ihr weh. Romilly beugte sich nieder und versuchte, nur beruhigende Wellen in das Gehirn des Falkenweibchens abzustrahlen – aber sie ist zu verrückt vor Hunger und Panik, um zu verstehen, sonst wäre sie ruhig und wüßte, daß ich ihr kein Leid antun will. Sie zog an den geschlitzten Riemen, die um die Ständer des Falken gewunden waren. Ganz tief unten in ihrem Bewußtsein, sorgfältig abgeschirmt durch die besänftigenden Gedanken, die sie dem Falken zusandte, wehrte sich Romillys eigene Angst gegen das, was sie tat. Einmal hatte sie gesehen, wie ein junger Falkner ein Auge verlor, als er zu nahe an den Schnabel eines verängstigten Vogels kam. Aber sie befahl der Furcht, still zu sein und sich bei dem, was sie zu tun hatte, nicht einzumischen. Wenn der Falke Schmerzen litt, machte das seine Angst und seine Raserei um so schlimmer.
Romilly fummelte mit einer Hand im Halbdunkeln herum und segnete die ständigen Übungen, bei denen sie alle Falkenknoten mit verbundenen Augen und einer Hand zu schlingen gelernt hatte. Der alte Davin hatte immer wieder und wieder betont: Die meiste Zeit wirst du dich in einem dunklen Raum befinden und eine Hand für deinen Falken brauchen. Und so hatte sie Stunde um Stunde diese Knoten um Zweige geknüpft und gelöst, bevor sie in die Nähe der dünnen Ständer eines Vogels gelassen worden war. Das Leder war feucht vom Schweiß ihrer Finger, aber es gelang ihr, es ein bißchen zu lockern – nicht zu sehr, denn sonst würde der Vogel die Fesseln...




