E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten
Reihe: Magdeburger Mörder Club
Braesi / Benedict Magdeburger Mords- und X-Akten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-5835-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magdeburger Mörder Club
E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten
Reihe: Magdeburger Mörder Club
ISBN: 978-3-7583-5835-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren 1960 und aufgewachsen in Magdeburg. Sie hat eine Ausbildung als Heimerzieherin und war u.a. als Dozentin und Vermittlungscoach in der Erwachsenenbildung sowie als Kabarettistin tätig. Mit dem Schreiben begann sie 2015 als Selfpublisherin. Sie schreibt historische und aktuelle Krimis, Gedichte, aber auch Kurzgeschichten für Erwachsene und Kinder. Bisher wurden zehn Bücher von ihr veröffentlicht. Ihre Bücher sind als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Autoren/Hrsg.
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Auf der Suche nach seinen Ohren
Sylvie Braesi
Hauptkommissar Winkler betrat gut gelaunt die Dienststelle. Das kam selten genug vor, deshalb fiel es auch jedem auf.
„Sie sind ja gut drauf heute“, begrüßte ihn ein Kollege auf dem Flur. „Sie gucken, als ob Sie heute Geburtstag haben.“
„Irrtum“, konterte Winkler. „Ich gucke, als ob ich gestern Geburtstag hatte und keiner dran gedacht hat.“
Das erschrockene Gesicht des Kollegen veranlasste Winkler dazu, schnell zu ergänzen: „Keine Panik. Mein Geburtstag ist erst in drei Monaten und die Wahrscheinlichkeit, dass mein Team den vergisst, geht gegen Null. Leider.“ Ohne weitere Erklärung ließ Winkler den verdutzten Kollegen stehen. Er hätte ihm noch sagen können, dass der Grund für seine gute Laune einfach der Tatsache geschuldet war, dass auf seinem Schreibtisch heute kein Fall auf ihn wartete.
Nach wochenlanger Ermittlung hatten sie gestern endlich den Fall der Wasserleiche aus der Ehle abgeschlossen. Mit diesem Wissen hatte Winkler das erste Mal seit langem wieder ruhig und lange schlafen können. Also war er ausgeruht und guter Dinge. Natürlich würde der leere Fleck auf seinem Schreibtisch nicht lange leer bleiben, aber heute konnte er dieses Gefühl auskosten. Leider hielt dieses Glücksgefühl nur bis zum Frühstück an.
Sie hatten sich gerade mit Kaffee und Croissants zusammengesetzt, als ein Kollege den Kopf zur Tür hereinsteckt. Es war der, dem Winkler am Morgen in die Parade gefahren war. Der zehrte offensichtlich immer noch von der ersten Begegnung, denn er hielt sich nicht lange mit der Vorrede auf. „Da sitzt einer in der für Sie. Will einen Diebstahl anzeigen.“
„Seit wann machen wir Diebstahl? Ist das nicht eher was für …“
Der Kollege unterbrach ihn hastig. „Ich bin nur der Bote.“ Dann reichte er ihm das Formular mit den Angaben zur Person und verschwand. Winkler sah enttäuscht auf sein Frühstück. Das wäre auch zu schön gewesen.
„Soll ich übernehmen“, fragte Kommissarin Jenny Marks.
„Nein, lass mal. Ich mach das schon.“ Dann eben Diebstahl, dachte er. Immer noch besser als schon wieder eine Wasserleiche.
In der , damit war einer von drei Befragungsräumen gemeint, saß eine gebrochene Gestalt mit dem klangvollen Namen Müller.
Winkler begrüßte den Mann und gewann gleichzeitig einen ersten Eindruck von ihm. In den Fünfzigern, leicht übergewichtig, schütteres Haar und spießig gekleidet. So spießig, dass man auf den ersten Blick vermuten würde, ihm wäre das wertvollste Erbstück seiner Großmutter, eine Kuckucksuhr, gestohlen worden. Doch so aufgelöst, wie er vor ihm saß, war es wahrscheinlich doch etwas Bedeutenderes. Winkler war gespannt, worum es sich handelte. Auf dem Formular war nichts davon vermerkt.
Da Winkler keine Lust aufs Protokollschreiben hatte, startete er das Aufnahmegerät. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, es sollte ein denkwürdiges Gespräch werden. Und nur wegen seiner Schreibfaulheit wurde es für alle Zeiten aufgezeichnet.
„Herr Müller, was ist Ihnen denn gestohlen worden?“
„Ein paar Ohren.“
Winkler ließ sich nicht anmerken, was er dachte und spielte erst mal mit. „Weiter nichts?“
„Das ist ja wohl schlimm genug. Sie sind mein ganzer Stolz gewesen. Sie müssen sie wiederfinden, Herr Kommissar.“
„Na, zum Glück sind es ja nicht Ihre gewesen.“
Verständnislosigkeit auf dem Gesicht seines Gegenübers und dann: „Natürlich sind es meine gewesen. Ganz offiziell und völlig legal. Was denken Sie denn von mir?“ Darauf antwortete Winkler lieber nicht.
Betretenes Schweigen zu beiden Seiten. Schließlich fragte Winkler weiter. „Können Sie die Ohren beschreiben?“
„Na, Ohren halt. Wie soll ich die denn beschreiben? Ein rechtes und ein linkes Ohr.“
„Was macht denn die Ohren so besonders?“
„Es waren Originale, keine Fakes. Die hat er wirklich getragen.“
Winkler räusperte sich. „Ich dachte, sie gehören Ihnen? Wessen Ohren sind es denn nun?“
„Nimoys.“
Merkwürdiger Name fand Winkler. Aber es war ja auch eine merkwürdige Geschichte. „Und warum kommt Nimoy nicht selber?“
„Der braucht sie doch nicht mehr.“
Winkler holt tief Luft. „Wieso denn nicht?“
„Na, weil er tot ist.“
Winkler holte erst mal Luft. Jetzt hatten sie es also mit einer Leiche zutun, der die Ohren abgeschnitten worden waren. Da wäre ihm eine Wasserleiche lieber gewesen. Er wollte schon abbrechen, doch dann beschloss er, noch ein paar Fragen zu stellen, um sicher zu sein. Eins war ihm aber schon jetzt klar, bei dem Mann musste er sehr behutsam vorgehen.
„Haben Sie Nimoy die Ohren abgeschnitten?“
„Was? Nein. Ich habe sie ersteigert, bei Ebay.“
Das wurde ja immer schlimmer. Ein Psychopath stellte abgeschnittene Ohren bei Ebay ein und ein anderer ersteigerte sie für…wie viel eigentlich.
„Was haben Sie für die Ohren denn hingeblättert?“
„2.500 Euro. Aber das war’s mir wert.“ Das kam ja wohl darauf an, von welcher Seite man es sah. Nimoy wäre sicher anderer Meinung gewesen, aber er war ja tot. Vielleicht sein Glück. Winkler begann sich nach etwas Handfestem zu sehnen. Etwas, mit dem er wirklich arbeiten konnte. Die Leiche wäre ein Anfang.
„Wissen Sie wo Nimoy ist?“
„Sie sind echt komisch. Also, wenn man ihn nicht ins All geschossen hat, dann liegt er in seinem Grab, wo sonst?“
„Wo befindet sich dieses Grab?“
„Das weiß ich nicht auf Anhieb. Müsste ich Googeln. Soll ich?“
„Nein!“
„Würde eh nicht helfen, die Ohren zu finden. Bei dem liegen sie garantiert nicht. Also, suchen Sie denn jetzt meine Ohren?“
Winkler hatte genug gehört. Er stand auf und schickte sich an, den Raum zu verlassen.
„Wo gehen Sie hin? Haben Sie schon einen Verdacht?“
Und ob er den hatte, aber er würde ihn nicht aussprechen. Jedenfalls nicht gegenüber diesem Ohren-Fetischisten. Hier war er erst mal fertig. Da mussten andere ran. „Ich werde einen Experten hinzuziehen“, murmelte er beim Rausgehen.
Müller machte ein sehr zufriedenes Gesicht und sagte erleichtert: „Für einen Moment hatte ich schon befürchtet, Sie würden mich nicht ernst nehmen.“
Winkler machte große Augen und gab sich die größte Mühe nicht zu übertrieben zu klingen. „Wie kommen Sie denn da drauf?“
Kopfschüttelnd lief Winkler zurück ins Büro und wurde von Marks sofort angesprochen. „Schon fertig? Willst du den Fall abgeben?“
„Keine Chance. Das ist leider wirklich ein Fall für uns. Allerdings werde ich Hilfe brauchen.“ Er griff zum Telefon.
„Wen rufst du an?“
„Einen Psychologen.“ Das ließ nun auch Pasold und Frieder hellhörig werden. Winkler war normalerweise nicht gut auf Psychologen zu sprechen. Wenn er freiwillig einen hinzuzog, dann hatte das was zu bedeuten.
„Warum so geheimnisvoll? Weihst du uns noch ein oder sollen wir deine Gedanken lesen?“
„Ich bin mir einfach noch nicht sicher. Entweder haben wir es mit einem sadistischen Sammler zu tun, der Leichenteile kauft oder es wird ein Patient in der Psychiatrie vermisst. Das soll der Psychologe klären.“
Es dauerte zum Glück nicht lange und Dr. Torben Dähnicke betrat den Raum. Er sah genauso aus, wie man sich einen Psychologen vorstellen würde, der in einem Psychothriller mitspielt und am Ende selber der Psycho ist.
Groß, hager, raubvogelartige Kopfhaltung, wirres Haar, mit einem John Malkovich-Blick, den er den Kommissaren über seine randlose, blaugetönte Brille zuwarf. Seine Stimme hatte diesen einschmeichelnden Klang, der einen auch ohne Uhrenpendel bis kurz vor die Tiefschlafphase einlullen konnte.
„Also Herrschaften“, begann Dähnicke. „Die gute Nachricht ist, niemand wird in der Psychiatrie vermisst. Womit haben wir es also zu tun?“
„Möglicherweise mit einer wirklich schlimmen Geschichte.“
„Dann fangen Sie mal an und lassen Sie kein scheußliches Detail aus.“ Seine Augen richteten sich ebenso fasziniert auf Winkler wie auf seine Teamkollegen. Winkler legte los.
„Der Mann kam, um den Diebstahl von zwei Ohren anzuzeigen.“
„Hoffentlich nicht den seiner eigenen.“ Mit gespieltem Entsetzen riss Dähnicke die Augen auf.
„Nein. Sie sind von einem Toten und der Mann hat sie im Internet für 2.500 Euro ersteigert.“
„Ich verstehe, wieso Sie mich gerufen haben, aber ich weiß nicht genau, was Sie...




