E-Book, Deutsch, 376 Seiten
Brand Yelena, Wege des Lebens
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-3650-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 376 Seiten
ISBN: 978-3-7583-3650-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tanja Brand begann bereits in der Oberstufe damit, die Schulaufsätze zu Hause zu erweitern. Mit 16 Jahren schrieb sie ihren ersten kurzen Jugendkrimi. Das Schreiben und die Welt der Bücher hat sie seit der Kindheit immer begleitet. Die Grundidee zu ihrem Buch «Yelena, Wege des Lebens» hatte sie bereits mit 20 Jahren. Seitdem wurde die Geschichte immer wieder erweitert und angepasst, bis zu ihrer jetzigen, finalen Version. Tanja lebt mit ihrem Mann und einer (sehr verwöhnten) Katze in einem gemütlichen, kleinen Dorf in der Schweiz.
Autoren/Hrsg.
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1. Ein schicksalhafter Pfeil
„Tochter! Du wirst dir den Tod holen.“
Ich lachte nur, tanzte im Regen. Wahrscheinlich war ich die einzige Seele im ganzen Dorf die sich an dem Unwetter erfreute.
„Regen bringt Leben Vater! Nach der Trockenheit der letzten Wochen müssten wir doch alle dankbar sein und feiern. Stell dir vor, es wäre weitere vier Wochen trocken geblieben, es wäre zur ernsthaften Bedrohung geworden.“
Blitze durchzuckten den Himmel, wie um meinen Worten Ausdruck zu verleihen. Ich lachte die dunklen Wolken an. Seit einer Woche regnete es fast ununterbrochen. Meine Aussage entsprach der Wahrheit. Als ich ein kleines Kind war, hatten wir ein solches Dürrejahr erlebt. Das wertvolle Getreide und das Gemüse waren noch vor der Ernte vertrocknet. Die damalige Hungersnot hatte viele Leben gefordert.
„Dennoch! Einige Kinder und ältere Einwohner sind bereits mit Fieber im Bett. Komm bitte zurück in die Hütte.“
Das Unwetter hatte mich nicht davon abgehalten, wertvolle Kräuter sammeln zu gehen. Solange das Gewitter nicht zu nah war, bestand absolut keine Gefahr. Zudem liebte ich das Spektakel, welches sich am Himmel abzeichnete. Wie mächtig doch die Natur war.
Die gesammelten Kräuter noch immer unter dem Arm tragend wandte ich mich seufzend der ärmlichen Holzhütte zu.
Unser Dorf war klein, knapp 600 Menschen lebten hier in Hütten, weit weg der Zivilisation. Wir ernährten uns von dem, was die Felder und der naheliegende Wald uns gaben, führten ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur. Nur die fahrenden Händler ergänzten unseren Nahrungsalltag mit exotischen Seltenheiten. Ich liebte jeden ihrer Besuche.
Für alle im Dorf war meine Mutter die Heilerin gewesen, eine Kräuterfrau. Leider war sie gestorben, bevor sie mir all ihr Wissen hatte weitergeben können. So kümmerte ich mich mit meinen begrenzten Fähigkeiten um die Bedürftigen. Ich lernte fleissig, las fast täglich in Mutters umfassenden Büchern, welche zum Teil noch von meiner Urgrossmutter stammten.
Meine Kleider waren durchnässt vom Regen, die Tropfen vielen über meine Dunkeln Augenbrauen die schmalen Wangen und das dünne Kinn hinunter.
Wie fast alle Leute hier wirkte ich mager, wir hatten sehr wenig zum Leben. Doch im Gegensatz zu anderen jungen Mädchen war ich nicht knochig. Meine Mutter hatte mich gelehrt sich richtig zu ernähren und im Wald die richtigen Pflanzen und Pilze zu finden. Mein Vater wiederum zeigte mir wie man Fische fängt und Fallen für Vögel und andere kleine Tiere stellt. Da ich ihr einziges Kind geblieben bin, kam ich in das Privileg von beiden Elternteilen zu lernen. So ging es uns oft besser als dem durchschnittlichen Dorfbewohner. Wir versuchten so viel wie möglich mit dem Dorf zu teilen, trotzdem verstarben fast jedes Jahr ältere Menschen und kleine Kinder an Unterernährung. Wenn mich die jungen Mütter doch nur schneller aufsuchen würden, bestimmt hätte ich schon einige Kleinkinder retten können.
Durch mein zusätzliches Wissen konnte ich mich selten über Hunger beklagen und meine im Winter so helle Haut war im Sommer von der Sonne gebräunt, meine Wangen rosig von der frischen Luft. Die dichten, langen Haare waren von einem sehr dunklen braun und meine Augen schienen im Licht so dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten.
Noch bevor ich die Hütte erreiche, drang das unverkennbare Donnern von Hufen an meine Ohren. Reiter näherten sich im Wilden Galopp. Mein Herz machte einen Satz. Hoffentlich handelte es sich nicht um die Steuereintreiber des Königs. Durch die spärliche Ernte wäre niemand von uns im Stande, den nötigen Sold zu zahlen. Sie wurden doch erst in ein paar Wochen erwartet?
In den dunkeln Augen meines Vaters zeigte sich die gleiche Besorgnis wie in den Meinen. Wir beide sahen uns sehr ähnlich. Ich hatte mehr von ihm als von meiner zierlichen Mutter. Erschrocken nahm ich die Hand meines Vaters.
Das Getrappel wurde lauter, drohender. Schemenhaft erkannte ich eine Gruppe Reiter auf das Dorf zu galoppieren. Soldaten.
Mein Vater wollte mich in die Hütte ziehen. Ich jedoch hatte gehört, dass Männer, die böses wollten, sich nicht von geschlossenen Türen aufhalten liessen. Im Gegenteil. Besser man trat ihnen entgegen, und zeigte, dass es nichts zu verbergen gab, damit sie sich nicht provoziert fühlten. Falls die Soldaten den Befehl hatten uns alle zu töten, gab es sowieso kein Entkommen mehr. Das war zumindest meine Theorie.
Ich schien die Einzige zu sein, die so dachte. Alle anderen Häuser löschten urplötzlich ihre Lichter, taten, als ob niemand da war.
Nun gut, ich war es mich ja gewohnt, aus der Reihe zu tanzen.
Das Herz schlug mir dennoch bis zum Hals. Unser Haus befand sich am äusseren Rande des in einem Kreis aufgebauten und von Hügeln abgetrennten Dorfes, die Reiter ritten somit geradewegs auf uns zu und konnten mich bestimmt schon erkennen. Mein Vater packte mich entsetzt bei den Schultern.
„Bist du wahnsinnig geworden. Komm sofort zurück ins Haus!“
Ich gehorchte nicht. Meine Mama hatte immer alle Neuankömmlinge begrüsst. Meine einfachen Leinenkleider hingen schlaff vom Regen herab, meine Haare fiel in dicken Strähnen schwer auf meinen Rücken.
Vater begriff meine Absichten und blieb fluchend neben mir stehen. Er wusste, dass ich ebenso stur wie meine Mutter sein konnte.
„Weiber…“
Während sich die Reiter näherten, erkannte ich, dass einer der Männer beinahe am Hals des Pferdes hing. Er schien sich nur mit Mühe im Sattel halten zu können.
Ein Soldat löste sich von der Gruppe, ritt voraus und schwang sich vor uns aus dem Sattel, das Pferd hatte noch nicht einmal vollständig gestoppt.
„Bitte, wir brauchen dringend einen Arzt!“
Er vergeudete kein Wort der Höflichkeit. Seine Kleidung war vom Regen aufgeweicht. Die Haarfransen fielen ihm wirr ins Gesicht.
Er hatte meinen Vater angesprochen, doch ich war es, welche ihm antwortete.
„Ich kenne mich mit Heilkräutern aus. Ist eure Begleiter verletzt?“
Die nächste, kleinere Stadt war fünf Tagesritte zu Pferd entfernt, das nächste Dorf einige Stunden, doch selbst wenn sie es erreichten, würden sie dort keinen Arzt auffinden, nur Hebammen und möchte gerne Heiler. Bei uns gab es niemand anderen als mich.
Stirnrunzelnd betrachtete mich der Mann im schwachen Licht der Blitzschläge. Der Regen nahm uns fast die ganze Sicht.
„Es ist eine Pfeilverletzung in der rechten Schulter. Die Spitze ist abgebrochen und noch in seinem Körper. Könnt Ihr uns helfen? Bitte…“
„Bringt eure Kameraden in unser Haus, ich werde tun, was ich kann. Schnell, die Zeit drängt.“
Ich war keineswegs so zuversichtlich wie meine Stimme klang. Pfeilwunden waren oft übel und tödlich. Meine Mutter hatte in Ihrem Heilbuch von zwei Vorfällen berichtet, bei welchen leider jegliche Hilfe zu spät gekommen war. Zumindest wusste ich von den Büchern, was in der Theorie zu machen war, in der Praxis kannte ich mich mehr mit Schnittwunden von Messern und üblen Axtverletzungen aus. Ich schüttelte den Kopf. Zweifel halfen in dieser Situation niemandem.
Dem Verletzten war in der Zwischenzeit vom Pferd geholfen worden. Selbst im Halbdunkeln konnte ich die zerfetze Kleidung und das Blut erkennen, welches aus seiner Schulter floss. Der Fremde, der uns angesprochen hatte, packte den Kameraden und stützte ihn auf seiner unverletzten Seite.
Ich verlor keine Zeit mit weiteren Erklärungen, sondern steuerte direkt auf unser Häuschen zu. Dabei sah ich die neugierigen Blicke meiner Nachbarn aus den Fenstern. Man hatte mich schon immer für seltsam gehalten. Meine Mutter war lange Zeit eine Aussenseiterin gewesen. Mein Vater hatte sie in einem anderen Dorf kennengelernt und von dort mitgenommen, was hier äusserst ungewöhnlich war. Schnell war man jedoch mehr als froh um sie gewesen, die damalige, alte Kräuterfrau war nämlich ganz plötzlich kinderlos verstorben.
Manchmal kam ich mir so klein und verletzlich vor, doch in Momenten wie diesen, wo das Leben eines Menschen von mir abhing, wuchs ich über mich hinaus, empfand keine Furcht mehr, tat nur noch, was getan werden musste.
So war es auch dieses Mal.
Ich bettete den verletzten auf Vaters Bett mitten im Wohnzimmer.
Es gab nur einen abgetrennten Raum in unserem Haus, mein Schlafzimmer. Dann hiess ich meinen Vater an, frisches Wasser aufzukochen und die Verbände zu holen.
Der Fremde war mir in die Hütte gefolgt, die anderen Reiter, es mussten um die zwanzig sein, warteten im Regen.
„Mein Vater wird sich gleich um die anderen Männer kümmern. Könnt Ihr mir assistieren? Könnt ihr Blut ertragen?“
Fast musste ich selbst ab dieser Frage lachen. Er war Soldat, er fügte blutende Wunden zu.
Der Fremde stellte sich auf die andere Bettseite.
„Was soll ich tun?“
„Für den Moment, haltet mir das Licht so, dass ich die Wunde besser sehen kann. Papa! Bitte hol meine Freundin Mai zu mir. Sie kann diese Aufgabe danach übernehmen, ich brauche einen Mann, der den Verletzten...




