E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Brandis Koalaträume
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-401-80947-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-401-80947-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katja Brandis, geb. 1970, studierte Amerikanistik, Anglistik und Germanistik und arbeitete als Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und hat inzwischen zahlreiche Romane für junge Leser*innen veröffentlicht. Sie lebt mit Mann, Sohn und zwei Katzen in der Nähe von München. www.katja-brandis.de
Autoren/Hrsg.
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ROADKILL
Ich kann nicht behaupten, dass ich schon immer nach Australien wollte. Einfach deshalb, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass so etwas überhaupt klappen könnte. Schließlich war klar, dass ich so viel Kohle im Leben nicht zusammenbringen würde. Da konnte man ja gleich davon träumen, nach Hollywood zu ziehen und sich um den Privatzoo eines Stars zu kümmern.
Und doch saß ich jetzt in einem Flugzeug, eingepfercht zwischen ein paar Hundert anderen Leuten, und starrte auf den Bildschirm mit unserer Route. Schon über Indonesien. Bald da. Australien! Endlose goldene Strände, rote Wüsten, tropische Regenwälder! Seltsame Beuteltiere, Eier legende Säugetiere, Schwärme von wilden Wellensittichen, gigantische Krokodile!
Konnte das sein, war ich wirklich fast dort? Meine Kollegen aus dem Tierpark Hellabrunn in München stapften im Schneematsch herum und ich war auf dem Weg nach Queensland. Allein der Name war wunderbar. Queensland, Land der Königin.
Aber die letzten Stunden im Flugzeug würden hart werden. Ich wusste längst nicht mehr, wie ich sitzen sollte, hatte sämtliche Bücher in meinem Rucksack ausgelesen und keine Lust mehr, irgendwelche Filme im Bordkino zu schauen. Und noch viel schlimmer, auf der anderen Seite des Ganges saß Lars.
»Na? Denkst du darüber nach, ob du all das überhaupt verdient hast?« fragte er, als er sah, dass ich mal wieder einen Blick in den Reiseführer warf.
Fassungslos blickte ich ihn an. Hatte er überhaupt kein Schuldbewusstsein? Wenn ich daran dachte, was mein Azubi-Kollege getan hatte, um in diesem Flugzeug zu sitzen, stieg in mir wieder einmal die Wut hoch. Vier Wochen lang musste ich mit ihm auskommen, denn dieser Wildpark in Queensland war vermutlich zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen! Meine Freude versickerte.
»Weißt du, was, Lars?«, sagte ich zu ihm. »Du kannst mich mal.«
Er zuckte die Schultern.
Um mich abzulenken, zog ich mein Handy heraus, schaltete es heimlich einen Moment lang ein und las die Nachrichten, die ich zum Abschied bekommen hatte – eine von Lia und eine von Sarah. Keine von Gideon. Natürlich nicht.
Einen Moment lang überkam mich wieder die Sehnsucht, eine fiese, schmerzende Sehnsucht, über die ich doch eigentlich längst hinweg sein sollte. Was Gideon wohl gerade machte? Dachte er manchmal an mich? Nein, unter Garantie nicht, das mit uns war ein halbes Jahr her.
Eigentlich willst du den arroganten Mistkerl doch gar nicht zurück, versuchte ich, mir einzureden. Denk doch mal an seine letzte E-Mail!
Ja, diese Mail. Gideon hatte ganz genau begründet, warum er sich nicht mehr mit mir treffen wollte, mich in geschliffenem Deutsch seziert wie einen Frosch im Biounterricht. An ein paar Sätze erinnerte ich mich noch wortwörtlich. »Du versuchst, mit frechen Sprüchen zu kompensieren, dass du zutiefst unsicher bist, und das finde ich auf Dauer unangenehm.«
Nein, so was brauchte ich nicht mehr. Mein Herz – jedenfalls das, was davon übrig war – gehörte wieder mir! Bald war ich weit, weit weg von Gideon. Ein paar Tausend Kilometer weit, auf der anderen Seite der Erde.
Irgendwie schaffte ich es einzuschlafen und als ich schließlich die Augen öffnete, waren wir tatsächlich da.
Während des ganzen Landeanflugs klebte ich mit der Nase an der Scheibe des Flugzeugfensters. Über uns ein blauer Himmel, unter uns ein schimmerndes Meer. Grüngraue Büsche und Bäume, dazwischen überall flache Häuser … eine weiße Brücke führte über einen Meeresarm … in der Ferne konnte ich ein paar Hochhäuser erkennen … O mein Gott, wir waren in Australien!
In Brisbane war es neun Uhr morgens. Lars und ich waren seit vierundzwanzig Stunden unterwegs und nur noch zwei Zombies, die ganz entfernt wie Menschen wirkten. Eine freundliche Einwanderungsbeamtin nebelte uns und alle anderen Passagiere mit einem Spray ein, das der Ankündigung nach alles tötete, was mehr als vier Beine hatte und zufällig aus Europa mitgereist war. Dann ging’s ab durch den Zoll, wo ein vierbeiniger Einwanderungsbeamter vorwurfsvoll an Lars’ Gepäck schnüffelte und Lars freundlich aufgefordert wurde, das, was dadrin war, sofort herauszurücken. Eingeschüchtert brachte Lars eine ungarische Salami zum Vorschein, die sofort in den Mülleimer wanderte. Ich beobachtete ihn schadenfroh, war allerdings als Nächste dran, weil aus meinem Rucksack ein Apfel zum Vorschein kam, den ich völlig vergessen hatte.
»Und wie erkennen wir diesen Kerl, der uns abholen soll?«, fragte Lars mit Panik in den Augen, als wir mit unseren Koffern Richtung Ausgang wankten. Am liebsten wäre er vier Stunden vor Abflug am Flughafen gewesen und seither hatte er es geschafft, sich wegen alles und jedem Sorgen zu machen.
»Schaun wir mal«, sagte ich und zuckte die Schultern.
Es war nicht zu übersehen, wer von den wartenden Leuten uns abholen sollte: Draußen stand ein etwa dreißigjähriger Mann mit einer kleinen Wampe, widerspenstigem blonden Haar und blauem Rucksack. Er trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Wildlife Park The Ark – Cooroy« und zur Sicherheit hielt er ein Schild hoch, auf dem »Lars« und »Juliane« stand. Ich musste denen möglichst schnell beibringen, mich Juli zu nennen, sonst kamen sie auf Ju, und das wäre eine Katastrophe. Das war Gideons Name für mich gewesen.
»Welcome to Oz, Juliane and Lars«, sagte der Typ, als er uns erspäht hatte, und grinste breit. Ich mochte ihn sofort. Er hatte freundliche Augen und eine Lücke zwischen den Vorderzähnen, die ihn ein bisschen wie einen Erstklässler aussehen ließ.
Ich nutzte die erste Gelegenheit, die sich mir bot, und sagte: »Just call me Juli.«
Er betrachtete mich kurz und nickte. »Juli, alright. And my name is Rusty Alison. Crikey, you guys look like something the cat dragged in!«
Soweit ich das übersetzen konnte, sahen wir aus wie etwas, das die Katze reingeschleppt hatte. Zum Beispiel eine halb tote Maus. Ja, so fühlte ich mich tatsächlich.
In einem spiegelnden Schaufenster erhaschte ich einen Blick auf uns drei: Rusty, kräftig und munter, Lars, blond und schlaksig, und das Mädchen neben ihnen … kurze kastanienbraune Haare, abgewetzte Jeans, ein Gesicht, das eigentlich ganz hübsch war, gerade, aber eckig aussah wie das einer schlecht gezeichneten Mangafigur. Tiefe Schatten unter den blauen Augen. Augen, die trotz der Müdigkeit herausfordernd blickten.
Zum Glück war ich angehende Tierpflegerin und kein Model. Sonst hätte der Fotograf erst mal eine Tonne Make-up gebraucht, um mich für die Session herzurichten.
»Was ist Oz? Ich dachte, das ist ein Zauberland?«, fragte ich Rusty, während wir uns auf dem Weg zum Parkplatz machten. Ich erinnerte mich dunkel an ein Kinderbuch, das Der Zauberer von Oz hieß.
Rusty Allison lachte. »So nennen wir Australia. Kannst aber auch Down Under sagen. Unten im Nirgendwo.« Er sprach sein Land Austraaaaia aus und ließ dabei das »l« ganz aus. Es war nicht ganz leicht, seinen breiten Akzent zu verstehen.
Ich eroberte den Beifahrersitz seines mintgrünen Ford Mustang, den ein Aufkleber mit der Aufschrift »DILLIGAF« zierte. Keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Ganz für mich hatte ich den Beifahrersitz nicht, denn im Fußraum brachte Rusty vorsichtig seinen Rucksack unter. Dennoch reichte der Platz für meine Beine vollkommen aus.
Ich hatte erwartet, dass es im Auto nach Tieren riechen würde, doch stattdessen duftete es nach Apfelkuchen. Das lag,wie sich herausstellte, an dem frischen Apple Pie, den Rusty zu unseren Ehren gebacken hatte, er thronte auf der hinteren Ablage. Ich war gerührt. Bis ich die Schoko-Aufschrift sah: »WELCOME KRAUTS !«
»Was sind Krauts?«
»Ach, das ist ein liebevoller Spitzname für Deutsche«, sagte Rusty. »Manche Leute hier denken immer noch, dass ihr den ganzen Tag über Sauerkraut esst.«
»Ich hasse Sauerkraut!«,brummte Lars.
»Hab mir gleich gedacht, dass ihr Apfelkuchen lieber mögt. Schlau von mir,was?«
»Sehr schlau«, sagte ich und musste lächeln.
In der ersten Viertelstunde glotzten Lars und ich aufgeregt die Gegend an. Dann wurden meine Augenlider so schwer, dass ich einen Spezialkran gebraucht hätte, um sie wieder hochzuziehen.
Ich versuchte, meinen Kopf auf der Lehne abzulegen, fand einen halbwegs bequemen Platz dafür und wachte erst wieder auf, als ich nach vorne geschleudert wurde. Rusty hatte gebremst, und zwar ziemlich hart. »Uff, zum Glück habe ich den Apfelkuchen aufgefangen«, stöhnte Lars. Verwirrt blinzelte ich ins grelle Sonnenlicht und hörte die Fahrertür knallen.
»Was macht er? Sind wir da?« Es sah eigentlich nicht so aus, anscheinend hatten wir lediglich am Straßenrand gehalten.
»Keine Ahnung«, sagte Lars. »Vielleicht muss er pinkeln.«
Doch unser neuer Kollege beugte sich über etwas, das auf dem Boden lag. Dann schleifte er dieses Etwas ins Gebüsch. Gerade wollte ich meinen Sicherheitsgurt lösen und ebenfalls aussteigen, als Rusty sich wieder auf den Fahrersitz schob. »Leider keine Überlebenden diesmal.«
»Überlebenden?« Auf einen Schlag war ich hellwach.
»Auf den Landstraßen werden ziemlich viele Kängurus und andere Tiere platt gefahren«, erklärte er. »Besonders nachts, weil sich Kängurus durch Licht – also auch durch Autoscheinwerfer – angezogen fühlen. Und wenn’s dunkel ist, kommen Koalas manchmal auf die Idee, sie müssten unbedingt auf einen Baum an der anderen Straßenseite klettern.«
»Äh, ja, aber warum Überlebende? Es ist doch ziemlich eindeutig, dass ein Tier tot ist, wenn es platt ist, oder?«, fragte Lars in seinem bayerischen...




